Er

Der Gang flog an mir vorbei. Verzweifelt drehte ich meinen Kopf nach hinten, Tränen verschleierten meinen Blick, ich sah nichts, doch ein unbeschreibliches Grauen erfasste von neuem mein Herz. Ich rannte noch schneller, mein Herz drohte zu zerspringen, meine Brust schmerzte, jeder Atemzug brannte in meinen gepeinigten Lungen, doch meine Beine blieben nicht stehen, mein ganzer Körper lechzte nach Friede, doch meine Beine blieben nicht stehen! Der Gedanke an Erholung, an eine Ruhepause erfüllte meinen Kopf, nichts hatte mehr Platz in meinem Gehirn, ich dachte nur noch an den Tod als letzte Ruhe und daran, dass ich nicht anhalten durfte, dass es sonst kein Entrinnen gab. Wieder drehte ich meinen Kopf, diesmal waren keine Tränen in meinen Augen, ich sah Ihn hinter mir, Er würde nicht halten. Da gab ich alle Hoffnung auf, ich blieb stehen, mein Herz hämmerte in meiner Brust, ich drehte mich nicht um, erwartete Ihn, erwartete seine Umarmung. Als Er mich erreichte, spürte ich seinen Atem in meinem Nacken, seine Berührung war hauchzart, sein Umhang hüllte mich ein, und so fiel ich erschöpft und dankbar in tiefen Schlaf…

Reise in das Land

Er flog, flog über Felder und Wiesen, über Häuser, Dörfer, Städte, über Länder, und vielleicht auch über Welten. Er überflog Wüsten und Wälder, Meere und Berge. Schliesslich landete er. Er fiel in weiches Gras, erst jetzt entdeckte er, dass die Sonne schon lange untergegangen war. Die Sterne standen hell am Himmel, es waren jedoch nicht seine Sterne. Doch sie spendeten ihm einen Trost, den er noch nie zuvor gefühlt hatte. Unbeweglich lag er da, kein Geräusch störte die Stille, selbst seine Gedanken schwiegen. Nach einiger Zeit schlief er ein, sanfte Träume begleiteten seinen Schlaf. Früh am Morgen wachte er auf, erst blieb er noch etwas liegen, doch dann erhob er sich und blickte neugierig auf das Land, welches vor ihm lag. Das Land sah frisch und jung aus, in den Bäumen zwitscherten einige Vögel, von weit her kamen ihre Gesänge, leise und dennoch unglaublich klar. Langsam erhob sich die Sonne über den Horizont, ihre Strahlen liessen die Tautropfen golden schimmern, wie ein Juwel erschien ihm das Land. In der Nähe plätscherte ein Bach und plötzlich spürte er Durst. Er machte sich auf den Weg, folgte dem Murmeln und betrachtete dabei vergnügt die herrlichen Blumen, an denen er vorbeiging. Sie leuchteten gelb und rot und in allen Farben des Regenbogens. Da standen Blumen, von deren Schönheit er nie zu träumen gewagt hätte. Dunkelviolette Akelaien standen in schönster Blüte, und der Boden um sie war mit ihren eigenen Blütenblättern bedeckt. Lächelnd und glücklich erreichte er den Bach, der sich glitzernd durch das Land wand. Vorsichtig liess er sich am Ufer nieder und beugte sich vor, um zu trinken. Eiskalt rann das Wasser durch seine Kehle, wie frisches Quellwasser erquickte es seinen Körper und seine Seele. Schliesslich fasste er sich ein Herz und sprang in den Bach, prustend spürte er die Kälte des Wassers. Vergnügt beobachtete er die Wassertropen, die an seiner Haut hinab rannen, wie mit tausend Diamanten besetzt sah sie aus. Langsam stieg er aus dem Wasser, die Strahlen der Sonne trockneten ihn, sie selbst war noch weiter gestiegen und vertrieb die letzten Schatten unter den Bäumen. Noch immer zwitscherten munter die Vögel, weit weg und doch so klar, als ob sie vor ihm sässen. Er setzte sich unter eine alte, kräftige Eiche und ruhte sich etwas aus. Wieder schwiegen seine Gedanken, seine Seele fühlte sich beschützt und geborgen.

Nach einiger Zeit stand er auf, breitete seine Arme aus und flog der Sonne entgegen. Er musste schliesslich zum Frühstück wieder zu Hause sein…

13. Juni 1996

Horror

Er näherte sein Gesicht dem ihren und spitzte die Lippen wie zum Kusse. Nur einige Millimeter vor den ihren verharrte er und begann die Luft einzusaugen. Der Sog wurde immer stärker und sie spürte, wie sich ihre Eingeweide vom Körper zu lösen begannen. Ihr Innerstes begann sich nach Aussen zu wenden und schoss in seinen Mund. Er sog weiter, saugte den blutigen Körper auf, wurde unförmig, sog mit weit aufgerissenen Augen weiter und war endlich voll von ihr.

Einen Moment blieb er still stehen, unglaublich dick, mit geschlossenen Augen, kein Mensch mehr, nur noch ein Monster, ein menschenfressendes Monster. Dann bog er sich weit nach hinten, sein Bauch in einer unmöglichen Stellung dem Himmel entgegenstreckend, und lachte. Sein Lachen hallte von den hohen Wänden, verfing sich in den dunkelsten Ecken und dröhnte in den Gängen. Kein menschlicher Laut, ein Lachen von jenseits des Himmels und jenseits der Hölle.

Doch plötzlich begann sich sein Leib zu bewegen. Beulen wuchsen aus seinen Gliedern und im Gesicht, als wolle sich jemand aus ihm herauskämpfen erschien der Abdruck einer Hand, an einer anderen Stelle hoben Finger die Haut, Augen versuchten durch seine Haut zu sehen.

Und er schrie.

26. November 1997

Ende

Der Himmel war weiss, graue Wolken bedeckten ihn, ein scharfer Wind strich über das öde Land. Um ihn herum wuchs grünes Gras, ein dunkles Grün, trist, deprimierend, passend. In der Ferne standen die Berge, schwarz, düster, drohend, weit entfernt. Öde Bäume, gestorben vor viel zu langer Zeit, standen hie und da in der Ebene und streckten ihre kahlen Äste dem trostlosen Himmel entgegen. In der Luft lag der Geruch des Endes, tausend singende Engel hätten die Stille nicht verdrängen können. Bleich stiegen zwei Monde im Osten auf, bald würde die Nacht hereinbrechen und mit ihrer gnadenvollen Dunkelheit die Ödnis zudecken. Falls die Nacht noch kommen würde. Eine starke Windböe zerzauste sein Haar, störend hing es ihm ins Gesicht, doch er hob nicht einmal die Hand. Die nächste Böe würde sie wieder zurückwerfen. Stumm stand er da, niemand kam, da war niemand der hätte kommen können. Weit hinter ihm lag die Stadt voller grauer, trostloser Häuser, himmelhohe Wolkenkratzer, leer, ausgestorben, öde, grau. Er blickte den Bergen entgegen, erwartete irgend etwas, doch als nichts kam, setzte er sich, blickte auf den Boden vor sich, auf das Gras, das dunkelgrüne, triste, deprimierend unpassende Gras. Er erwartete ein Hungergefühl, er fühlte nichts, er fühlte sich nicht, war einfach da, starrte wieder in die Ferne, lauschte der Stille, grau, trostlos, öde, leer, am Ende…

13. November 1997

No Exit

Ich rannte, jeder Schritt, nein, jeder Sprung erschütterte meine Sicht, doch ich sah sowieso nicht mehr viel. Tränen verschleierten den Stollen vor mir, das düstere Licht wechselte mit der hellen Dunkelheit, blind folgte ich dem Gang, immer weiter, immer weiter… In meiner Brust schlug mein Herz zum zerspringen, jeder Atemzug brannte in meinen gepeinigten Lungen, jeder Sprung stach in meine Beine. Ich war zu Tode erschöpft, doch ich durfte nicht stehenbleiben, durfte meinen gequälten Körper nicht ausruhen lassen. Mein ganzes Denken war erfüllt vom Schmerz und der Angst, doch ich musste weiter rennen, immer weiter, nicht stehenbleiben! Verzweifelt wandte ich meinen Kopf nach Ihm um, hoffend, der Abstand zwischen uns sei grösser geworden, doch da war Er, lachend, mir war als flöge er auf mich zu, in den Augen jenes schrecklich siegessichere Lachen. In jenem Moment begriff ich die Sinnlosigkeit meiner Flucht, begriff mein Schicksal und wünschte mir den Tod statt diesem unendlichem Grauen. Erschöpft blieb ich stehen, mein Herz schlug weiter, dankbar sog meine Lunge die Luft ein, schon fiel ich auf die Knie, da erreichte Er mich. Er hüllte mich ein, mit seiner Aura, mit seinem Umhang, heiss brannte sein Atem in meinem Nacken. Schon wollte mich das Grauen übermahnen, da begriff ich meine unsinnige Angst, erkannte meinen Irrtum. Erschöpft und dankbar fiel ich in seine Arme und in einen tiefen Schlaf…

11. Juni 1997

Seine Augen

Seine Augen waren etwas sehr Besonderes. Anfangs dachten wir, das Licht spiele uns Streiche, oder er trage Kontaktlinsen. Doch dann bemerkten wir, dass seine Augen wirklich ihre Farbe wechselten. Manchmal waren sie grün, dann ging es ihm gut, er war freundlich und aufmerksam. Bei Braun war er glücklich, erzählte Witze und lachte mit uns. Mit dieser Augenfarbe lernte er am meisten Leute kennen, sie passte so gut zu seinen blonden Haaren. Obwohl sich nie jemand für sein Aussehen interessierte, alle blickten nur in jene seltsamen Augen. Wer im unsympathisch war, wurde mit einem eiskalten, blauen Blick bedacht, wen er gar hasste, sah in feuerrote Augen. Manche spekulierten, ob er vielleicht ein Ausserirdischer sei, denn in seinen Augen war nichts. Es heisst, die Augen seien die Fenster zur Seele. Vielleicht hatte er gar keine. Denn eigentlich hatte er nichts. Er kam zur Schule, jeden Tag, solange sich die Lehrer erinnern konnten, und war dennoch nie gealtert. Vielleicht war er ein Geist, gebunden an diesen Ort, verdammt, auf ewig hier zu bleiben. Manchmal waren seine Augen gelb. Das machte uns Angst, dann keiner von uns hatte so etwas schon einmal gesehen, und keiner wusste, was es zu bedeuten hatte. Aber wir hatten uns an ihn gewöhnt, fast war er einer von uns. Bis zu jenem Tag, als seine Augen weiss wurden…

29. November 1996

Herr B. ist Lehrer. Mathelehrer. Ich weiss , was Sie jetzt denken: „Oh Gott, eine Geschichte über einen gefühllosen, totlangweiligen Mathelehrer!“ Also Herr B. ist zwar etwas unauffällig, doch keineswegs gefühllos oder gar langweilig! Das würde man wohl gar nicht glauben, wenn man ihn das erste Mal sieht. Meist ist er ganz in grau gekleidet, mit Hemd, Jackett, Bundfaltenhose und Krawatte. Die Krawatte ist nicht grau. Die ist blau, himmelblau, um genau zu sein. Herr B. ist schon etwas älter, so um die Fünfzig, das kann man nicht so genau sagen. Er hat nämlich ziemlich jugendliche Züge, nur sein Haar, das ist grau. Als ob es sich der Kleidung von Herrn B. anpassen würde. Auch seine Brille ist grau, eigentlich wäre sie silbrig, doch wir wollen es nicht so genau nehmen.

Nun platzen Sie sicher schon vor Neugier, wieso dieser ältere, graue Herr eben nicht langweilig sein soll. Schliesslich steht er jeden Tag punkt 6.13 Uhr auf, rasiert sich, frühstückt ausgiebig, steigt in sein Auto ( ein grauer Volvo) und kommt um 7.15 Uhr bei der Schule an. Zum Glockenschlag der Kirche um 7.30 Uhr beginnt er den Unterricht und um 12.00 Uhr isst er eine Kleinigkeit zu Mittag, immer im nahen Italiener. Bis 18.00 Uhr bleibt er dann noch in der Schule, entweder um seine Stunden zu geben, oder um Prüfungen zu korrigieren. Dann geht er wieder nach Hause, nimmt sein Abendessen ein und sieht sich die Abendnachrichten im Fernsehen an. Um exakt 20.00 Uhr geht Herr B. ins Bett, liest noch eine Stunde in einem Buch über Mathematik und löscht dann das Licht. Ziemlich langweilig, da stimme ich Ihnen zu. Dennoch mögen seine Schüler Herrn B.. Der gibt nämlich nicht einfach nur Mathe, nein, er kann die Rechnungen auf seltsame Art und Weise zum Leben erwecken. Nehmen wir zum Beispiel die Brüche. Das sind Herrn B. Lieblingszahlen. Darum nennt man ihn auch Herr B., eigentlich heisst er Herr Bastian. Er kann sich stundenlang mit echten und unechten Brüchen beschäftigen, sie durch Wurzeln und mal Potenzen rechnen. Doch Herr B. rechnet nicht nur mit Zahlen. Nein, Herr B. liebt die Natur und die Menschen, also rechnet er durch Tiere und mal Schüler. Und am Ende kommt immer ein einleuchtendes Resultat heraus. Manche Leute glauben, Herr B. könne zaubern.

Einmal hatte er eine Schülerin, deren Eltern sich scheiden liessen. Die Schülerin, Katja hiess sie, war ganz verwirrt. Mitten in der Mathestunde begann sie zu weinen und liess sich nicht mehr trösten. Als Katja Herrn B. unter Tränen von der Scheidung ihrer Eltern erzählte hatte, fragte sie ihn, warum ausgerechnet ihrer Familie so etwas passiere. Herr B. nahm also Katja, ihre Mutter, ihren Vater, den kleinen Bruder und die grosse Schwester und führte eine ganz komplizierte Rechnung aus. Jeden Schritt erklärte er Katja und am Ende kam die Scheidung heraus. Aber die Scheidung stand über dem Bruchstrich, und darunter die Liebe. Da wusste Katja, dass ihre Eltern sie und ihre Geschwister immer noch liebten, und sie konnte zumindest wieder lächeln. Ein anders Mal rechnete Herr B. für den kleinen Hubert aus, wie viele Schmetterlinge es im Stadtpark gibt. Hubert will nämlich unbedingt Schmetterlingsforscher werden. Herrn B. rechnete einfach die Raupe mal den Baum rechts neben dem Eingangstor zum Park durch den Ameisenbären, der letzte Woche gesichtet worden war, plus den Parkwächter und multiplizierte das Ganze noch mit der Sonne. Das Resultat war Schmetterling durch Hubert. Und die ganze Zeit flatterte der Schmetterling aufgeregt zwischen den Zahlen an der Wandtafel herum. Aber Herr B. rechnete nicht nur Dinge für seine Schüler aus. Manchmal half er auch den Eltern seiner Schüler und berechnete da ein Auto und dort ein Rendez -vous. Da verbreitete sich sein Ruf natürlich über die Stadtgrenze hinaus. Und eines Tages wurde Herr B. eingeladen, in Amerika vor hohen Politikern eine Ausrechnung zu machen. Er sollte nämlich berechnen, wie der Weltfrieden zu bewerkstelligen sei. Das Ganze würde gefilmt und ‚live‘ im Fernsehen in alle Welt übertragen.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl betrat Herr B. in Amerika die Bühne, welche extra für ihn aufgestellt worden war. Hinter ihm war eine riesige Wandtafel, wie er gebeten hatte. Mit zitternden Fingern nahm er eine Kreide und begann mit der Ausrechnung. Zuerst schrieb er das Universum auf, dann kam er über Umwege zu der Erde, dann zu den Kontinenten, den Ländern, den Gebieten, den Städten, den Dörfern, den Häusern, und ganz zum Schluss, ganz zuletzt kam er zu den Menschen. Es war eine lange Rechnung, mit vielen Multiplikationen, Additionen und auch einigen Divisionen. Herr B. wusste selber nicht, was das Resultat seiner langen, langen Rechnung sein würde, und manchmal glaubte er entsetzt, sich verrechnet zu haben. Doch er machte keine Fehler. Während er rechnete und alles aufschrieb, sahen viele Millionen Menschen ihm dabei zu, sahen den grauen, langweilig wirkenden Mann Wörter addieren und subtrahieren, und sie alle waren wie gebannt. Und als Herr B. die Gleichheitsstriche hinter seine lange, lange Rechnung setzte, hielten diese viele Millionen Menschen den Atem an. Herr B. blieb kurz mit hängenden Armen stehen, dann hob er langsam die Hand. Vorsichtig schrieb er in riesigen Lettern:

Mensch + Toleranz = Weltfrieden ./.Welt

Einen Moment herrschte eine Stille, als würde Mutter Erde selbst den Atem anhalten. Plötzlich begannen alle zu jubeln, sie riefen: „BRAVO“ und klatschten, und der amerikanische Präsident persönlich schüttelte Herrn B. Hand und bedankte sich ganz herzlich. Herr B. war in allen Zeitungen und wurde mit vielen Preisen geehrt. Eine Zeit lang hatte er wirklich ein sehr aufregendes Leben.

Geändert hat sich nichts. Die Menschen wollten den Weltfrieden nicht verwirklichen, wer weiss weshalb. Herr B. gibt wieder Schule und erfreut mit seinen Bruchrechnungen seine Schüler. Nur manchmal wünscht er sich, die Menschen hätten seine Schlussresultat etwas besser verstanden. So wie seine Schüler. Auf sie setzt er all seine Hoffnung. Und er ist sich sicher, dass das nicht vergebens ist. Das hatte er sich nämlich mal ausgerechnet.

29. Mai 1998

Liberio wurde stumm geboren. Ein seltsames Kind, nie schrie er oder bewegte sich unnötig. Nie schlief er, und schien dennoch nie richtig wach zu sein. Seine Eltern suchten viele gelehrte Ärzte auf, doch niemand konnte dem Kinde helfen. So wurde ihm Nahrung eingeflösst und die Augen zugedrückt, wenn die Nacht anbrach, und Liberio lag lange Zeit in seinem Bette. Doch eines Tages betrat seine Schwester das Zimmer. In ihrer Hand trug sie eine Maske. Das feine weisse Porzellan war kunstvoll mit leuchtenden Farben bemalt, ein breites Lachen untermalend. Die Schwester nun, jung und ohne Scheu, legte die Maske auf das Gesicht des Liberio. Da geschah etwas Seltsames: die Farben der Maske verblassten, sie wurden hell und dann braun, braun wie die Haut des Liberio. Als die Maske nicht mehr zu sehen war, das schlug Liberio seine geschlossenen Augen auf. Er schwang die Beine vom Bett und lachte seine Schwester an. Seine Eltern kamen, angelockt durch das fremde Lachen, und als sie den nun wachen Liberio sahen, überkam sie grosse Freude und sie fielen in sein Lachen ein.

Von jenem Tage an lachte Liberio, manchmal laut und manchmal leise, doch immer brachte er andere dazu, es ihm gleichzutun. So machte er die Menschen glücklich. Zuerst nur die Leute in seinem Dorf, doch bald verliess er seine Eltern und ging in die Welt, um das Lachen überall hinzubringen. Lange Zeit zog er von Ort zu Ort, bis er eines Tages am Wegesrand ein Glitzern bemerkte. Es war eine Maske aus geschnitztem Obsidian. In seiner glattgeschliffenen schwarzen Oberfläche spiegelte sich die Sonne. Ein grosser Künstler hatte mit Sorgfalt und viel Geduld die Mimik eines rasenden Menschen in den Stein geschnitzt. Jede Ader war sichtbar, jede Zornesfalte. Liberio hielt das Kunstwerk ehrfürchtig in den Händen, doch er konnte nicht widerstehen, sich die Maske aufzusetzen. Das geschah etwas Seltsames: das Schwarz der Maske verblasste und wurde braun, braun wie die Haut des Liberio. Als die Maske nicht mehr zu sehen war, da war Liberio wütend. Seine Wut richtete sich gegen alles und jeden, und er zog durch die Welt, jeden totschlagend, den er traf. Seine Wut kannte keine Grenzen, was immer schön und rein war, wurde von ihm zerstört. So wütete er lange Zeit, bis er eines Tages vor den Überresten eines Hauses stand, welches er vor Stunden angezündet hatte. Plötzlich fiel ihm ein Stück Holz auf, das offenbar nicht verbrannt war. Voller Wut stürzte er sich auf das Ding, und stellte fest, dass es eine hölzerne Maske war. Der Ausdruck des Gesichtes war gar kläglich. Von einem inneren Zwang getrieben hielt sich Liberio die Maske vor sein Gesicht. Da geschah etwas Seltsames: die Muster des Holzes verschwammen, und das Braun wurde Heller, wurde braun wie die Haut des Liberio. Als die Maske nicht mehr zu sehen war, fühlte sich Liberio plötzlich elend. Und er weinte und wälzte sich im Staub, und flehte die Götter an, seiner elenden Existenz ein Ende zu bereiten.

Manchmal erhören die Götter unsere Gebete, und sie schickten den Tod zu Liberio.

Stolz stand dieser vor dem Verzweifelten, seinen knochigen Körper unter einem schwarzen Umhang versteckend. Er schaute auf Liberio mit dem Blick, der die Sterblichen verstummen lässt. Regungslos lag Liberio auf der Erde. Da bückte sich der Tod zu ihm hinab und ergriff die erste Maske. Liberio schrie stumm auf, und die Erde erzitterte, als sein Schrei ihr durch das brausende Herz schoss. Achtlos liess der Tod die hölzerne Maske fallen und griff wieder nach Liberio, entriss ihm die zweite Maske. Und die Erde erbebte ein weiteres Mal. Der Obsidian glänzte böse in den letzen Strahlen der Sonne. Unter den weiten Gewändern des Todes verbarg sich ein boshaftes Lächeln, als er sich zum dritten Mal über den armen Liberio beugte, um diesem auch die letzte Maske von Gesicht und Seele zu reissen. Diesmal entwich kein Schrei dessen Munde, doch wieder erzitterte die Erde, unter dem Gewicht der Porzellanmaske, als der Tod sie fallen liess. Liberio lag da wie er geboren wurde, stumm und ohne sich zu rühren. Zum letzten Mal bückte sich der Tod und hob Liberio auf, um ihn mitzunehmen, dorthin, wohin er alle nimmt, irgendwann.

Der Masken nahm sich der Wind an. Als wären sie Federn, trug er sie mit sich und verstreute sie auf der Erde, auf dass sie eines Tages ein anderer finden möge, der nicht lebt und nicht tot ist.

Und dies sei das Ende dieser Geschichte.

29. November 1998

Er fiel mir auf, weil er sehr nervös zu sein schien. Er ist jung, vielleicht 25 Jahre alt. Vor im stehen noch vier Personen und zwischen uns zwei weitere. Er trägt ein Paket in der Hand, das er offensichtlich am Postschalter abgeben will. Er sieht andauernd auf seine Uhr. Früher konnte ich mir unter der Redewendung ‚von einem Fuss auf den anderen treten‘ nicht viel vorstellen. Er tut es. Mal erscheint sein schwarzer, kurzgeschnittener Haarschopf auf der linken Seite der beiden Leute vor mir, mal auf der rechten. Immer wieder dreht er den Kopf zur Uhr an der Wand, dann starrt er auf seine Armbanduhr, trippelt zwei Schritte nach links, zwei Schritte nach rechts, reckt den Hals, m die Leute vor sich zu zählen. Diese werden weniger, zwei, einer, endlich ist er am Schalter. Rasch hält er der Postbeamtin sein Paket und eine Zehnernote hin, nimmt das Wechselgeld entgegen und stürmt nach draussen. Im Halbdunkel des Postraumes kann ich sein Gesicht nicht genau erkennen, nur das Tageslicht, welches durch die Eingangstür fällt, spiegelt sich einen Moment in seinen Augen. Dann ist er Weg.

4. Dezember 1997

Es traf sich, dass Salz und Zucker, wie es Brauch ist, im Gewürzschrank nebeneinander standen. Doch eines Tages liess der Zufall, oder das Schicksal, wer vermag das schon genau zu sagen, das Salz von seinem Platz herunter auf die Erde fallen. Der Zucker nun, erbost über den Egoismus des Salzes, ihn einfach alleine zu lassen, warf sich diesem hinterher. Salz und Zucker werden, wie jeder weiss, in Behältern aufbewahrt. Und eben dieser Behälter Deckel wurden beim Aufprall davon geschleudert, einer unter das Spülbecken, der andere lag bereits zwischen den Füssen der Hausfrau. Salz und Zucker umarmten sich innig, Kristall für Kristall. Und sie umarmten sich immer noch, als sie nach beschwerlicher Reise in der Müllverbrennungsanlage anlangten, dort, wo alles irgendwann hinkommt, jede Dose und jede Bananenschale und jeder gebrauchte Briefumschlag.

Und als der Zucker braun wurde, ob des vielen Lichtes, da verschmolzen Salz und Zucker, um sich am Ende von den Flammen ihrer innigen Liebe verzehrt zu sehen…

8. Januar 1999