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	<title>Kopfchaos &#187; Schulgeschichten</title>
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	<description>Gedichte und Geschichten von Nicole</description>
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		<title>Klassentreffen</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Jul 2009 13:58:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nicole</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schulgeschichten]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich stand in den heiligen Hallen von einst. Ein Jahr war ich nun schon vom Gymnasium weg. Ein Jahr lang hatte ich keine der Treppen hier bestiegen, keinen Gang durchschritten, in keinem Zimmer gesessen. Unser Klassentreffen fand im dritten Stock statt. Im Zimmer 305, dem Klassenraum unseres ehemaligen Klassenlehrers. Wg A fand sich wieder im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich stand in den heiligen Hallen von einst. Ein Jahr war ich nun schon vom Gymnasium weg. Ein Jahr lang hatte ich keine der Treppen hier bestiegen, keinen Gang durchschritten, in keinem Zimmer gesessen. Unser Klassentreffen fand im dritten Stock statt. Im Zimmer 305, dem Klassenraum unseres ehemaligen Klassenlehrers. Wg A fand sich wieder im Kantonsschulgeb&#228;ude ein.</p>
<p>Ich war fr&#252;h gekommen, hatte niemanden getroffen auf meinem Weg nach oben. Kurz war ich stehen geblieben. Nun horchte ich in die G&#228;nge. Die Luft roch nicht mehr vertraut. Unsere Stimmen waren verblasst und hallten nicht mehr von den W&#228;nden wieder. Im Geiste sah ich Sch&#252;ler an mir vorbeilaufen. Ich war selber eine von ihnen. Auf dem Weg in ein anderes Zimmer. Kaugummikauend. Eine tonnenschwere Schultasche &#252;ber der Schulter. Meine Handtasche kam mir wie ein schlechter Witz vor. Hie und da traf ich eine Bekannte aus einer anderen Klasse. Man wechselte ein paar Worte. W&#252;nschte sich einen sch&#246;nen Tag. Begr&#252;sste im Vorbeigehen mit einem Nicken den Jungen aus dem Freikurs „Schreibwerkstatt“. Erinnerte sich an eine Stunde oder ein Gespr&#228;ch. W&#252;nschte sich das Wochenende herbei, obschon doch erst Dienstag war.</p>
<p>Am schwarzen Brett hingen die Listen wie immer. Informationen, die nicht f&#252;r mich waren. Die mir nichts sagten. Mein Herz schlug schwer gegen den Brustkorb. Nein, ich vermisste die Schule nicht. Ich war gl&#252;cklich, als ich meine 4,5 Jahre &#252;berstanden hatte, und ich war noch gl&#252;cklicher mit meinem Job. Informatikerin, wer h&#228;tte gedacht, dass ich es durchzog? Noch war ich mitten in der Ausbildung. Genau wie die anderen, die mich ein Stockwerk h&#246;her erwarteten. Hatten sich endlich alle entschieden, was sie machen wollten? Hatten sie sich fest ver&#228;ndert? Wie ging es Fred, der ein Jahr in Amerika war und erst gestern zur&#252;ckgekommen war? Wie Silvia, die sich nicht zwischen den Studienrichtungen Psychologie und Geologie entscheiden konnte?</p>
<p>Ich stieg die letzte Treppe hinauf. Ein paar Stimmen hallten mir nach. Von irgendwo wehte mir der Geruch von feuchter Regenkleidung entgegen. Das Treppengel&#228;nder f&#252;hlte sich vertraut an.</p>
<p>Die Halbdunkelheit irritierte mich. Die G&#228;nge kamen mir seltsam lang und hoch vor. Die T&#252;ren waren neu gestrichen worden, irgend ein K&#252;nstler hatte der Schule eine Skulptur geschenkt und der Plattenboden war v&#246;llig neu verlegt worden. Wieder stand ich halb auf der Treppe. Wieder auf dem Weg ins Zimmer 305. Ich hatte es nur noch verschwommen in Erinnerung. In der Jackentasche umklammerte ich nochmals das Papier mit den Namen meiner ehemaligen Mitsch&#252;ler. Ich hatte die Liste zwei Tage lang immer wieder durchgelesen. Ob ich die passenden Gesichter erkennen w&#252;rde? Wieder war ich fr&#252;h dran. Wieder kein Ger&#228;usch. Das Geb&#228;ude war eigenartig leer. Fremd, nach 20 Jahren. Ich konnte mich kaum noch an das Leben hier erinnern. Versuchte mir, ein paar Sch&#252;ler vorzustellen, die an mir lachend und plappernd vorbei schlenderten. Doch irgendwie waren sie alle zu gross, zu alt. Ich ging in das Klo im zweiten Stock. Das war immer noch gleich. Roter Kachelboden. Nur die T&#252;rfallen sahen etwas zerkratzter aus. Eine Jugendliche hatte ihre Initialen in das Holz der Kabinenwand geschnitzt.</p>
<p>Ich wusch mir die H&#228;nde. Blickte in den Spiegel. Sah mein mir vertrautes Gesicht. Ich war nun Vierzig. Das Haar war hie und da von grauen Haaren durchzogen. Die ersten Falten legten sich verr&#228;terisch um die Augen, bald w&#252;rde ich sie nicht mehr mit einem freundlichen L&#228;cheln verstecken k&#246;nnen. Ich entdeckte das junge Gesicht in meinem wieder. Dennoch war es mir fremd. Die Erinnerungen waren alt, der Geruch nicht mehr vertraut. Das Geb&#228;ude nicht mehr vertraut. Ich konnte mich nicht mehr an das Gef&#252;hl erinnern, hier zur Schule zu gehen. Durch die G&#228;nge zu laufen. In langweiligen Schulstunden zu sitzen. Es war erschreckend. Zwanzig mickrige Jahre. Und sie waren wie im Flug vergangen! Doch schon schien mir alles so unwirklich, als h&#228;tte ich noch gar nicht richtig in der Realit&#228;t gelebt, als ich t&#228;glich hier her kam. Ich dachte an die Zeit zur&#252;ck, die vergangen war. Und was alles geschehen ist seither. Kriege auf der ganzen Welt. Skandale. Computer waren selbstverst&#228;ndlich geworden. Ich hatte viel gelernt und war immer noch mit Begeisterung am arbeiten. Ich hatte viele Menschen kennengelernt. Einige Beziehungen, l&#228;ngere, k&#252;rzere. Ferien in Frankreich, ein halbes Jahr. Krebsverdacht und die Erleichterung, als der negative Befund kam. Der Unfalltod eines Freundes, der Freitod einer Bekannten. Eltern sind gestorben und Kinder geboren worden. Ich war in anderen Schulen in andern Klassenzimmern gesessen. Nun w&#252;rde ich meinen alten Klassenlehrer aus der Zeit im Gymnasium wieder sehen. Meine alten Mitsch&#252;ler. Was aus ihnen geworden sein mochte? Wohin es sie verschlagen haben mag? Ob sie alle kommen w&#252;rden? Diesmal war es schwerer. Doch ich war auch gespannt, die Leute zu sehen. Ich versuchte mich vorzubereiten. Es waren schliesslich alles Fremde. Seltsames Gef&#252;hl. Schliesslich waren wir mal 4,5 Jahre tagt&#228;glich zusammen. Das Treppengel&#228;nder war neu lackiert worden.</p>
<p>Die Kantonsschule war wieder vergr&#246;ssert worden. Drei neue Turnhallen, zwei waren abgerissen worden. Ein neues Schulgeb&#228;ude stand neben dem alten. Ich war vorhin daran vorbeigekommen. Es gefiel mir. Die Erbauer hatten es gelb streichen lassen. Eine freundliche Farbe. Hier hatte sich kaum etwas ver&#228;ndert. &#196;usserlich nicht, hatte mir mein ehemaliger Klassenlehrer erkl&#228;rt, der mich ein St&#252;ck begleitete. Doch man hatte W&#228;nde durchbrochen und immer zwei Schulzimmer zu einem vereint. Auch 305 bestehe jetzt aus 305 und 306. Das war dringend n&#246;tig gewesen. Die Klassen seien in den letzten Jahren immer gr&#246;sser geworden. Ein Bl&#246;dsinn, schliesslich k&#246;nne ein Lehrer doch nicht 35 Sch&#252;ler unter Kontrolle halten. Aber die Nachfrage best&#252;nde, und sie seien nun mal ein Dienstleistungsbetrieb, der sie zu befriedigen habe. Ich musste lachen. Hatte nicht vor 40 Jahren ein anderer Lehrer etwas &#228;hnliches gesagt? Er war mittlerweilen gestorben. Ich war an seiner Beerdigung, hatte sogar ein paar andere Mitsch&#252;ler getroffen. Einer hatte mir erz&#228;hlt, dass Fred an einem Herzinfarkt gestorben sei. Zu viel gearbeitet, nat&#252;rlich. Wir sahen auf den Sarg und hofften wohl beide, dass wir das Pensionsalter noch heil erreichen w&#252;rden. Und noch ein paar Jahre zur Verf&#252;gung h&#228;tten.</p>
<p>Im Geb&#228;ude war es still. Ich kannte den Weg. Aus R&#252;cksicht auf mein Alter hatte an mir ein Zimmer im ersten Stock gegeben. Das war sowieso praktischer, dauernd kamen neue Computer, und die immer wieder in den dritten Stock zu schleppen schien mir sinnlos. Das Treppengel&#228;nder war durch so ein modernes Ding aus Stahl ersetzt worden. Ziemlich kalt, wenn man es anfasste. Wie er seine Rente verbringe, hatte ich meinen Klassenlehrer gefragt. Er reise viel, war seine Antwort, nat&#252;rlich, aber er k&#246;nnte nicht mehr &#252;berall hin, es best&#252;nden halt auch gesundheitliche Risiken f&#252;r so einen alten Mann wie ihn. Eine Sch&#252;lerin lief an mir vorbei. Ein junges Ding von 19 Jahren. Sehr begabt im Umgang mit dem Computer. Sie nickte mir gr&#252;ssend zu. Ich freute mich auf das Gesicht meines ehemaligen Klassenlehrers. Er w&#252;rde sicher sehr &#252;berrascht sein zu h&#246;ren, dass ich hier Schule gab. L&#228;chelnd liess ich das kalte Treppengel&#228;nder los und &#246;ffnete die T&#252;r zum Zimmer 305.</p>
<p>4. M&#228;rz 2001</p>
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		<title>The Doors</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Jul 2009 13:57:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nicole</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich schreibe dies auf in der Hoffnung, dass es jemand irgendwann einmal lesen wird. Denn ich glaube, dass ausser mir auch andere &#252;berlebt haben. (Was auch immer zu &#252;berleben war.) Falls dies tats&#228;chlich der Fall sein sollte, werde ich das aber nie erfahren, die Einsamkeit ist so schwer und mir fehlt mittlerweilen jeder Lebensmut. Trotzdem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich schreibe dies auf in der Hoffnung, dass es jemand irgendwann einmal lesen wird. Denn ich glaube, dass ausser mir auch andere &#252;berlebt haben. (Was auch immer zu &#252;berleben war.) Falls dies tats&#228;chlich der Fall sein sollte, werde ich das aber nie erfahren, die Einsamkeit ist so schwer und mir fehlt mittlerweilen jeder Lebensmut. Trotzdem sollte diese Geschichte erhalten bleiben, als Zeugnis f&#252;r meinen aussichtslosen Kampf mit der Wirklichkeit &#8230; oder der Phantasie.</p>
<p>Es begann vor drei Wochen. Oder vor vier. Das ist im Grunde auch egal, ich habe aufgeh&#246;rt, die Tage zu z&#228;hlen. Es war ein ganz normaler Schultag. Ich stand um 6.00 Uhr auf, stellte mich unter die Dusche und verschwendete eine Viertelstunde Wasser. Dann zog ich mich an und erhitze in der Mikrowelle Milch, trank einen Kaffee, packte mein Schulzeug und mein Mittagessen zusammen und machte mich auf den Weg zum Bahnhof. Dort angekommen, bemerkte ich etwas irritiert, dass Angela, eine Schulfreundin, heute nicht da war. &#8221; Was soll&#8217;s&#8221;, dachte ich mir, es war Herbst und eine Grippewelle trieb ihr Unwesen. Als der Zug kam, betrat ich zum ersten (und letzten) Mal in meinem Leben ein vollkommen leeres Abteil auf dieser Linie. Ansonsten waren die Wagen immer gut besetzt, heute war keine Menschenseele zu sehen. Schwer schnaufend stieg ich in Romanshorn aus und stellte erstaunt fest, dass sonst niemand mehr den Zug verliess. Ja, der ganze Bahnhof war leer! Langsam lief ich an den Waggons vorbei und schaute in jedes Abteil. Nichts, kein Mensch war da! Als ich am Anfang der Eisenbahn ankam, war auch die Kabine des Lokf&#252;hrers leer. Wer aber hatte den Zug bis nach Romanshorn gesteuert? Pl&#246;tzlich rannte ich in blinder Panik los, &#252;ber die Geleise auf die SBW zu, die mir in jenem Moment als einzig sicherer Ort erschien. Als ich den Brunnen vor der SBW erreichte, vermaledeite ich den Architekten 1000 mal, welcher den Eingang so geplant hatte, dass man erst das ganze Schulgeb&#228;ude umrunden musste, um ihn zu erreichen. Bei der T&#252;r angekommen, wurde ich hysterisch, ich schrie und schlug gegen die verschlossene T&#252;r, bis mir irgendwo in meinen verstaubten Gehirnzellen der Gedanke kam, dass ich nur meine Karte hervorholen m&#252;sste, um die T&#252;r zu &#246;ffnen. Schwer atmend suchte ich in meiner Jacke nach meinem Portemonnaie und zog schliesslich die T&#252;rkarte hervor. Ich steckte sie mit zitternden Fingern in den &#214;ffnungsapparat, und stiess die T&#252;r auf. Schnell schloss ich sie wieder und st&#252;rmte die Stufen zum 2. Stock hinauf. Die obere T&#252;r stand wie &#252;blich offen, und ich wandte mich sofort nach links, um durch die Verbindungst&#252;r zu den Schulzimmern zu gelangen. &#196;chzend zog ich die schwere T&#252;r auf und stand&#8230; pl&#246;tzlich in meinem Schlafzimmer! Es war deutlich mein Schlafzimmer! Zwar standen die beiden Vogelk&#228;fige leer, doch alles andere war da: Die beiden &#252;berladenen B&#252;chergestelle, das Bett, der Schreibtisch, die gleiche vertraute Unordnung beherrschte den Raum. Es war eindeutig mein Schlafzimmer! Langsam tastete ich nach dem T&#252;rgriff hinter mir, verliess den Raum r&#252;ckw&#228;rts. Langsam drehte ich mich um und stand&#8230; in meinem alten Mathezimmer! Die Inneneinrichtung hatte sich ver&#228;ndert, doch ansonsten war der Raum noch immer so, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Fassungslos stand ich da und starrte das Zimmer an. Doch dann drehte ich mich j&#228;h um und verliess den Raum. Wieder betrat ich einen anderen Ort als ich eigentlich sollte, doch ich rannte einfach weiter und immer weiter, &#246;ffnete weitere T&#252;ren, durchquerte andere Zimmer. Ich muss Stunden gerannt sein, irgendwann jedoch hatte ich keine Kraft mehr und fiel in die Knie. Ich hatte eben die K&#252;che meiner Grossmutter verlassen und durch die T&#252;r des blauen Zimmers den Gang im obersten Stock der SBW betreten. Zitternd und nach Luft ringend kniete ich da, als ich pl&#246;tzlich eine eiskalte Hand am Ansatz meiner Wirbels&#228;ule sp&#252;rte. Sie kroch langsam hinauf, und meine Nackenhaare begannen sich aufzurichten. Die eiskalte Hand des Wahnsinns! Diese Bezeichnung mag kitschig erscheinen, doch bis jetzt ist mir kein zutreffender Begriff eingefallen. Die Hand legte sich sanft um mein Genick, liebkoste die Haut meines Halses &#8230; und legte sich mit st&#228;hlernem Griff um meine Kehle!<br />
Ich rang nach Luft, doch der Wahnsinn dr&#252;ckte unbarmherzig zu, presste jeden Resten Atemluft aus meinen Lungen. Tausend Gedanken rasten mir gleichzeitig durch den Kopf: War ich verr&#252;ckt? Hatte ich den Verstand verloren? War das alles nur ein Traum? War dies die H&#246;lle? Mir war, als m&#252;sse mein Kopf explodieren. Und die Hand dr&#252;ckte weiter, und weiter&#8230; bis mich endlich die gnadenvolle Schw&#228;rze der Bewusstlosigkeit umgab. Als ich wieder aufwachte, sah ich den Mond. Theoretisch w&#228;re das gar nicht m&#246;glich gewesen, wer kann schon durch die Decke sehen? Vielleicht war die Logik ebenfalls verschwunden. Ich f&#252;hlte mich geborgen. Umgeben von einem Meer voller flimmernder Sterne sah ich den Mond. Es war als ob ich schwebte. Dieses Gef&#252;hl tiefster Geborgenheit, gr&#246;sster Sicherheit umfing meinen K&#246;rper, meinen Geist und meine Seele. Es liess mich alles vergessen, lange lag ich einfach nur da.<br />
Doch pl&#246;tzlich wurde es dunkel! Es war, als ob grosse M&#228;chte ihren Spass mit mir trieben, denn schlagartig kehrte die Angst zur&#252;ck. Hatte ich Kind schon angst vor der Dunkelheit, vergr&#246;sserte sich diese mit zunehmendem Alter. Ich schloss meine Augen und r&#252;hrte mich nicht. Und selbst wenn ich es gewollt h&#228;tte, meine Muskeln h&#228;tten mir nicht gehorcht. In meiner Phantasie sah ich schreckliche Monster und blutr&#252;nstige Psychopathen, und gleichzeitig wurde mir wieder meine Einsamkeit bewusst. Ich hatte immer Angst vor der Einsamkeit gehabt, mehr noch als vor der Dunkelheit. Ich erinnerte mich an den Kennenlernabend in der ersten Woche an der SBW. Am Abend hatte ein Sch&#252;ler auf der Gitarre verschiedene Lieder gespielt, und wir hatten fr&#246;hlich mitgesungen. Vereint in einem Kreis, &#252;ber uns das Gef&#252;hl der Zusammengeh&#246;rigkeit. Doch pl&#246;tzlich f&#252;hlte ich mich allein. Ich schaute durch die Leute hindurch und blickte auf einen leeren Parkplatz. Ich werde dieses Gef&#252;hl der Einsamkeit nie mehr vergessen. In jener Nacht war dieses Gef&#252;hl wieder da, doch da waren keine Schulkameraden, die sangen, da waren nur eingebildete Monster und die Angst. Die Angst, der Wahnsinn.<br />
Schliesslich schlief ich ein.</p>
<p>Nun sitze ich hier auf dem Boden des Lernstudios und schreibe diese Zeilen nieder. Ich habe mich eingehend mit dem Gedanken des Selbstmords besch&#228;ftigt. Dummerweise f&#228;llt mir jetzt eine Geschichte ein, die mir einmal ein Schulkamerad erz&#228;hlt hat:&#8221; Ein Mann springt vom Dach eines Hochhauses. Als er am 3.Stock vorbeifliegt, l&#228;utet da das Telephon. Der Mann stirbt sofort an Herzversagen. Was ist passiert? -Die Antwort ist einfach: Der Weltuntergang fand statt und der Mann dachte, er sei der einzige &#220;berlebende. Er will sich also umbringen. Das klingelnde Telephon aber beweist, das es noch mindestens einen anderen &#220;berlebenden gibt.&#8221; Ha, ha! Wirklich lustig. Das war bestimmt ein Scherz Gottes! Ausserdem bin ich zu feige f&#252;r Selbstmord.<br />
Ich habe mir viele Gedanken &#252;ber die T&#252;ren gemacht. Was ist, wenn eine davon direkt in das Jenseits f&#252;hrt? Es wird wurde ja oft von einem Tor zum Jenseits gesprochen. Oder ich w&#252;rde die H&#246;lle betreten? Und was ist mit dieser T&#252;r zum gelben Zimmer? Sie scheint sprechen zu k&#246;nnen. Immer wenn ich meine Hand nach der Klinke ausstrecke fl&#252;stert etwas in meinem Kopf:&#8221; Tu das nicht! Tu das nicht!&#8221; Wenn sich dahinter die ewige Verdammnis bef&#228;nde, w&#228;re ich das Problem mit dem Selbstmord los. Oder ist diese Stimme nur ein Hirngespinst, meiner Phantasie entsprungen? Diese Fragen machen mich noch wahnsinnig!!! Falls ich es noch nicht bin.</p>
<p>Ich schreibe nun diese letzten Zeilen, denn ich werde heute die T&#252;r zum gelben Zimmer, oder was immer dahinterliegen mag, &#246;ffnen. Es hat lange gedauert, bis ich wieder den Gang betreten konnte. Es ist, als wolle eine mir unbekannte Macht meinen Plan vereiteln. Doch ich bin entschlossen! Die Stimme ist nun sehr laut, mit jedem Schritt wird sie durchdringlicher, sie gleicht nun schon einem einzigen Kreischen, ich werde es also so schnell wie m&#246;glich hinter mich bringen.<br />
Wahnsinn, ich bin bereit!</p>
<p><em>Erfundene Geschichte mit wahren Elementen</em></p>
<p>14. September 1995</p>
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		<title>The Doors II</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Jul 2009 13:57:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nicole</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich schreibe dies auf in der Hoffnung, dass es jemand irgendwann einmal lesen wird. Denn ich glaube, dass ausser mir auch andere &#252;berlebt haben. (Was auch immer zu &#252;berleben war.) Falls dies tats&#228;chlich der Fall sein sollte, werde ich das aber nie erfahren, die Einsamkeit ist so schwer und mir fehlt mittlerweilen jeder Lebensmut. Trotzdem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich schreibe dies auf in der Hoffnung, dass es jemand irgendwann einmal lesen wird. Denn ich glaube, dass ausser mir auch andere &#252;berlebt haben. (Was auch immer zu &#252;berleben war.) Falls dies tats&#228;chlich der Fall sein sollte, werde ich das aber nie erfahren, die Einsamkeit ist so schwer und mir fehlt mittlerweilen jeder Lebensmut. Trotzdem sollte diese Geschichte erhalten bleiben, als Zeugnis f&#252;r meinen aussichtslosen Kampf mit der Wirklichkeit &#8230; oder der Phantasie.</p>
<p>Es begann vor einigen Tagen. Oder waren es Wochen, gar Jahre? Das ist im Grunde auch egal, Zeit hat keine Bedeutung mehr. Vielleicht ist sie sogar auch verschwunden. Doch ich will nicht vorgreifen. Es war ein ganz normaler Schultag. Ich stand um 6.00 Uhr auf, stellte mich unter die Dusche und verschwendete eine Viertelstunde Wasser. Dann zog ich mich an und erhitze in der Mikrowelle Milch, trank einen Kaffee, packte mein Schulzeug und mein Mittagessen zusammen und machte mich auf den Weg zum Bahnhof. Dort angekommen, bemerkte ich etwas irritiert, dass Angela, eine Schulfreundin, heute nicht da war. &#8221; Was soll&#8217;s&#8221;, dachte ich mir, es war Herbst und eine Grippewelle trieb ihr Unwesen. Als der Zug kam, betrat ich zum ersten (und letzten)Mal in meinem Leben ein vollkommen leeres Abteil auf dieser Linie. Ansonsten waren die Wagen immer gut besetzt, heute war keine Menschenseele zu sehen. Die schwere Mappe &#252;ber der Schulter und dementsprechend schnaufend stieg ich in Romanshorn aus und stellte erstaunt fest, dass sonst niemand mehr den Zug verliess. Ja, der ganze Bahnhof war leer! Langsam lief ich an den Waggons vorbei und schaute in jedes Abteil. Nichts, kein Mensch war da! Als ich am Anfang der Eisenbahn ankam, war auch die Kabine des Lokf&#252;hrers leer. Wer aber hatte den Zug bis nach Romanshorn gesteuert? Pl&#246;tzlich rannte ich in blinder Panik los, &#252;ber die Geleise auf die SBW zu, die mir in jenem Moment als einzig sicherer Ort erschien. Unterwegs stolperte ich &#252;ber meine eigenen F&#252;sse, ich verletzte mich nicht, verlor aber meine Mappe und liess sie einfach liegen. Als ich den Brunnen vor der SBW erreichte, vermaledeite ich den Architekten 1000 mal, welcher den Eingang so geplant hatte, dass man erst das ganze Schulgeb&#228;ude umrunden musste, um ihn zu erreichen. Bei der T&#252;r angekommen, wurde ich hysterisch, ich schrie und schlug gegen die verschlossene T&#252;r, bis mir irgendwann der Gedanke kam, dass ich nur meine Karte hervorholen m&#252;sse, um sie zu &#246;ffnen. Schwer atmend suchte ich in meiner Jacke nach meinem Portemonnaie und zog schliesslich die T&#252;rkarte hervor. Ich steckte sie mit zitternden Fingern in den &#214;ffnungsapparat, und stiess die T&#252;r auf. Schnell schloss ich sie wieder und st&#252;rmte die Stufen zum 2. Stock hinauf. Die obere T&#252;r stand wie &#252;blich offen, und ich wandte mich sofort nach links, um durch die Verbindungst&#252;r zu den Schulzimmern zu gelangen. &#196;chzend zog ich die schwere T&#252;r auf und stand&#8230; pl&#246;tzlich in meinem Schlafzimmer! Es war deutlich mein Schlafzimmer! Zwar standen die beiden Vogelk&#228;fige leer, doch alles andere war da: Die beiden &#252;berladenen B&#252;chergestelle, das Bett, der Schreibtisch, die gleiche vertraute Unordnung beherrschte den Raum. Es war eindeutig mein Schlafzimmer! Langsam tastete ich nach dem T&#252;rgriff hinter mir, verliess den Raum r&#252;ckw&#228;rts. Langsam drehte ich mich um und stand&#8230; in meinem alten Mathezimmer! Die Inneneinrichtung hatte sich ver&#228;ndert, doch ansonsten war der Raum noch immer so, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Fassungslos stand ich da und starrte das Zimmer an. Doch dann drehte ich mich j&#228;h um und verliess den Raum. Wieder betrat ich einen anderen Ort, als ich eigentlich sollte, doch ich rannte einfach weiter und immer weiter, &#246;ffnete weitere T&#252;ren, durchquerte andere Zimmer. Ich muss Stunden gerannt sein, irgendwann jedoch hatte ich keine Kraft mehr und fiel in die Knie. Ich hatte eben die K&#252;che meiner Grossmutter verlassen und durch die T&#252;r des blauen Zimmers den Gang im obersten Stock der SBW betreten. Zitternd und nach Luft ringend kniete ich da, als ich pl&#246;tzlich eine eiskalte Hand am Ansatz meiner Wirbels&#228;ule sp&#252;rte. Sie kroch langsam hinauf, und meine Nackenhaare begannen sich aufzurichten. Die eiskalte Hand des Wahnsinns! Diese Bezeichnung mag kitschig erscheinen, doch bis jetzt ist mir kein zutreffender Begriff eingefallen. Die Hand legte sich sanft um mein Genick, liebkoste die Haut meines Halses &#8230; und legte sich mit st&#228;hlernem Griff um meine Kehle! Ich rang nach Luft, doch der Wahnsinn dr&#252;ckte unbarmherzig zu, presste jeden Resten Atemluft aus meinen Lungen. Tausend Gedanken rasten mir gleichzeitig durch den Kopf: War ich verr&#252;ckt? Hatte ich den Verstand verloren? War das alles nur ein Traum? War dies die H&#246;lle? Mir war, als m&#252;sse mein Kopf explodieren. Und die Hand dr&#252;ckte weiter, und weiter&#8230; bis mich endlich die gnadenvolle Schw&#228;rze der Bewusstlosigkeit umgab. Als ich wieder aufwachte, sah ich den Mond. Theoretisch w&#228;re das gar nicht m&#246;glich gewesen, wer kann schon durch die Decke sehen? Vielleicht war die Logik ebenfalls verschwunden. Ich f&#252;hlte mich geborgen. Umgeben von einem Meer voller flimmernder Sterne sah ich den Mond. Es war als ob ich schwebte. Dieses Gef&#252;hl tiefster Geborgenheit, gr&#246;sster Sicherheit umfing meinen K&#246;rper, meinen Geist und meine Seele. Es liess mich alles vergessen, lange lag ich einfach nur da.<br />
Doch pl&#246;tzlich wurde es dunkel! Es war, als ob grosse M&#228;chte ihren Spass mit mir trieben, denn schlagartig kehrte die Angst zur&#252;ck. Hatte ich Kind schon angst vor der Dunkelheit, vergr&#246;sserte sich diese mit zunehmendem Alter. Ich schloss meine Augen und r&#252;hrte mich nicht. Und selbst wenn ich es gewollt h&#228;tte, meine Muskeln h&#228;tten mir nicht gehorcht. In meiner Phantasie sah ich schreckliche Monster und blutr&#252;nstige Psychopathen, und gleichzeitig wurde mir wieder meine Einsamkeit bewusst. Langsam wuchs sie an, drohte mich wieder zu ersticken. Die Angst, der Wahnsinn.<br />
Schliesslich schlief ich ein.</p>
<p>Nun sitze ich hier auf dem Boden des Lernstudios und schreibe diese Zeilen nieder. Ich habe mich eingehend mit dem Gedanken des Selbstmords besch&#228;ftigt. Dummerweise f&#228;llt mir jetzt eine Geschichte ein, die mir einmal ein Schulkamerad erz&#228;hlt hat:&#8221; Ein Mann springt vom Dach eines Hochhauses. Als er am 3.Stock vorbeifliegt, l&#228;utet da das Telephon. Der Mann stirbt sofort an Herzversagen. Was ist passiert? -Die Antwort ist einfach: Der Weltuntergang fand statt und der Mann dachte, er sei der einzige &#220;berlebende. Er will sich also umbringen. Das klingelnde Telephon aber beweist, das es noch mindestens einen anderen &#220;berlebenden gibt.&#8221; Ha, ha! Wirklich lustig. Das war bestimmt ein Scherz Gottes! Ausserdem bin ich zu feige f&#252;r Selbstmord.<br />
Ich habe mir viele Gedanken &#252;ber die T&#252;ren gemacht. Was ist, wenn eine davon direkt in das Jenseits f&#252;hrt? Es wird wurde ja oft von einem Tor zum Jenseits gesprochen. Oder ich w&#252;rde die H&#246;lle betreten? Und was ist mit dieser T&#252;r zum gelben Zimmer? Sie scheint sprechen zu k&#246;nnen. Immer wenn ich meine Hand nach der Klinke ausstrecke fl&#252;stert etwas in meinem Kopf:&#8221; Tu das nicht! Tu das nicht!&#8221; Wenn sich dahinter die ewige Verdammnis bef&#228;nde, w&#228;re ich das Problem mit dem Selbstmord los. Oder ist diese Stimme nur ein Hirngespinst, meiner Phantasie entsprungen? Diese Fragen machen mich noch wahnsinnig!!! Falls ich es noch nicht bin.</p>
<p>Ich schreibe nun diese letzten Zeilen, denn ich werde heute die T&#252;r zum gelben Zimmer, oder was immer dahinterliegen mag, &#246;ffnen. Es hat lange gedauert, bis ich wieder den Gang betreten konnte. Es ist, als wolle eine mir unbekannte Macht meinen Plan vereiteln. Doch ich bin entschlossen! Die Stimme ist nun sehr laut, mit jedem Schritt wird sie durchdringlicher, sie gleicht nun schon einem einzigen Kreischen, ich werde es also so schnell wie m&#246;glich hinter mich bringen.<br />
Wahnsinn, ich bin bereit!</p>
<p>6. September 1996<br />
Zweite Bearbeitung</p>
<p>Original 14. September 1995</p>
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		<title>Das zweite Stockwerk</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Jul 2009 13:56:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nicole</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schulgeschichten]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Man nennt ihn den 2. Stock. Alle Zimmer haben eine Zwei vor ihrer Nummer, um das deutlich zu machen. Wenn wir morgens in den dritten Stock hinaufsteigen und W&#228;hrend des Tages wieder hinunter, sehen wir ihn immer. F&#252;r uns ist das zweite Stockwerk ein Mysterium. Obwohl wir nun schon seit vier Jahre hier an der Kantonsschule sind, hatten wir noch nie in einem Schulzimmer des zweiten Stockes Unterricht. An einem verregneten Nachmittag sag ich mir aus Spass die Stundenpl&#228;ne aller Klassen an und verglich sie miteinander. Niemand hat in der zweite Etage Unterricht! Aber das scheint auch niemanden zu st&#246;ren, und aufzufallen sowieso nicht. Einmal habe ich mich getraut, einen Lehrer nach dem zweiten Stockwerk zu fragen. Doch er konnte mir nichts dazu sagen, er kenne nur Lehrer aus dem ersten und dem dritten Stock, erkl&#228;rte er mir. Manchmal stehen die T&#252;ren zu den Schulzimmern der zweiten Etage offen und wartende Sch&#252;ler sitzen im Gang. Aber die gehen beim L&#228;uten der Schulglocke immer in den ersten oder dritten Stock. Das habe ich einige Male beobachtet, als ich zu sp&#228;t kam. An den W&#228;nden neben den T&#252;ren kleben zwar Zimmerbelegungspl&#228;ne, doch wie gesagt, niemand hat dort Schule.</p>
<p>Eines Tages sollte ich eine Pr&#252;fung nachschreiben, da ich eine Woche krank gewesen war. Ich f&#252;hlte mich zwar noch etwas geschw&#228;cht, doch die Zeugnisse standen vor der T&#252;r und der Lehrer brauchte meine Note. Verzweifelt versuchte er, mir ein freies Zimmer zu besorgen, damit ich ungest&#246;rt w&#228;re, doch er konnte keines finden. Ich sah dies als Zeichen des Schicksals und fragte ihn beil&#228;ufig: &#8220;Wie w&#228;re es mit einem Zimmer im 2. Stock? Dort ist bestimmt noch eines frei.&#8221; Einen Moment sah er mich an, als wisse er nicht, wovon ich spreche. Doch dann sagte er: &#8220;Wenn du meinst. 40 Minuten!&#8221; Schon war ich auf dem Weg nach oben.</p>
<p>Wie ich schon vermutet hatte, waren alle Zimmer leer. Ich w&#228;hlte Nummer 207 und trat durch die T&#252;r. Die Tische waren alle in pr&#228;zisen Reihen nach vorne ausgerichtet und erinnerten mich an eine Schulzimmerbestuhlung aus dem letzten Jahrhundert. Vorne beherrschte ein wuchtiger, alter Holzpult den Raum, ein M&#246;belst&#252;ck, das so gar nicht zu der &#252;brigen modernen Einrichtung passen wollte. Leise schloss ich die T&#252;r hinter mir und setzte mich an einen Tisch nahe dem Lehrerpult. An Pr&#252;fungschreiben war nat&#252;rlich nicht zu denken. Ich begann mich genauer im Zimmer umzusehen, registrierte aber eher aus den Augenwinkeln eine Kommode vor dem Fenster neben dem Holzschreibtisch, darauf eine bl&#228;hende Pflanze, einige Bilder an den W&#228;nden und nat&#252;rlich die unvermeidliche Wandtafel. Neugierig stand ich auf und betrachtete die Bilder. Sie zeigten ausnahmslos melancholische Landschaften. Nebelverhangene Wiesen und morgenfrische W&#228;lder in sanften Pastellfarben, das kunstvolle Aquarell eines von wogendem Schilf ges&#228;umten Sees und die hyperrealistische Darstellung eines kleinen Baches liessen mich die Zeit vergessen. Als ich mich wieder den Genstern zuwandte, fielen gelle Sonnenstrahlen durch die Scheiben. Entz&#252;ckt &#246;ffnete ich die Fensterfl&#252;gel und liess mir genussvoll die Sonne ins Gesicht scheinen. Oh, welch herrliche W&#228;rme!</p>
<p>Pl&#246;tzlich fiel mein Blick auf die Pflanze auf der Kommode. Erstaunt sog ich die Luft ein. Solch ein seltsames Gew&#228;chs hatte ich noch nie zuvor gesehen. Es hatte grosse, herzf&#246;rmige Bl&#228;tter, die regelm&#228;ssig um den kurzen, gedrungenen Stengel angeordnet waren. Sie erinnerte mich entfernt an einen Hibiskus, nur dass die Bl&#252;ten nicht gross, sondern klein und von der Form her eher die einer Azalee waren. Ihr leuchtendes Orange h&#228;tte jede gleichnamige Frucht vor Neid erblassen lassen. An den feinen Bl&#252;tenstengeln hing bl&#228;ulicher Bl&#252;tenstaub. Verwundert sah ich die Pflanze an und widerstand nur mit Muhe dem Versuch, sie einfach mitzunehmen. Unwillig wandte ich meinen Blick von dieser Kuriosit&#228;t, als ich mich wieder an den Schreibtisch erinnerte. M&#246;glichst unauff&#228;llig umrundete ich ihn, immer in der Erwartung, jemand betrete das Zimmer. Als ich die vielen Schubladen sah, erwachte meine Neugier von Neuem. Sonst immer darauf bedacht, sie niemanden merken zu lassen, warf ich nun all meine Hemmungen &#252;ber Bord. Vorsichtig zog ich die oberste Schublade heraus, um sie auch ja nicht fallen zu lassen. Sauber geordnete Bleistifte und Kugelschreiber lagen darin, und Radiergummis und Tintenpatronen. Die n&#228;chste enthielt Reiszwecken und B&#252;roklammern, Gummib&#228;nder und Zirkel. Dieser Pult war best&#252;ckt mit jeder nur denkbaren Art von B&#252;romaterial, alles fein s&#228;uberlich sortiert und aufbewahrt.</p>
<p>Pl&#246;tzlich begannen meine F&#252;sse zu schmerzen. Verwirrt setzte ich mich auf den Lehrerstuhl und  ruhte einen Moment aus. Mir war mit einem Mal nicht mehr wohl, ich f&#252;hlte eine grosse Schw&#228;che in Armen und Beinen, es wurde mir heiss und kalt. Schweiss trat mir auf die Stirn und mein Magen begann sich zusammenzukrampfen. Hilfesuchend sah ich mich um, k&#228;mpfte verzweifelt gegen einen bohrenden W&#252;rgereiz an und starrte schliesslich an die Wandtafel. Ihr Schwarz schien mir pl&#246;tzlich zu schimmern, doch langsam f&#252;hlte ich mich besser. Als ich meinen Kopf umwandte, war das N&#228;chste, was ich sah&#8230;</p>
<p>&#8230; das Gesicht meines Lehrers, der mit sorgenvoller Miene auf mich hinunterblickte. Ich muss ihn wohl so entgeistert angesehen haben, als w&#228;re er ein Gespenst. Beruhigend sagte er: &#8220;Bleibe du am besten noch einen Augenblick liegen. Wer weiss, wie lange du schon bewusstlos bist, und hier im Korridor herumliegst.&#8221;</p>
<p>Man nennt ihn den 2. Stock. Alle Zimmer haben eine Zwei vor ihrer Nummer, um das deutlich zu machen. F&#252;r uns ist das zweite Stockwerk ein Mysterium.</p>
<p>3. November 1997</p>
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		<title>Die Traumf&#228;ngerin</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Jul 2009 13:55:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nicole</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es fing alles damit an, dass ich eines Morgens wie jeden Tag aus dem Zug stieg, hinter mir mein Klassenkamerad und vor mir ein weiterer Schultag voller Stress und Langeweile. Wir befanden uns auf halbem Weg zwischen Zug und Bahnhofgeb&#228;ude, als pl&#246;tzlich jemand laut ‚Traumf&#228;ngerin‘ rief. Ich sah mich suchend um, nicht weil mich der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es fing alles damit an, dass ich eines Morgens wie jeden Tag aus dem Zug stieg, hinter mir mein Klassenkamerad und vor mir ein weiterer Schultag voller Stress und Langeweile. Wir befanden uns auf halbem Weg zwischen Zug und Bahnhofgeb&#228;ude, als pl&#246;tzlich jemand laut ‚Traumf&#228;ngerin‘ rief. Ich sah mich suchend um, nicht weil mich der Stimme erschreckt hatte, nein dieser Mensch rief einen Spitznamen, den mir ein philosophischer Freund vor langer Zeit einmal gab. Ein junger Mann k&#228;mpfte sich durch die Leute und stand pl&#246;tzlich vor mir: „Traumf&#228;ngerin, wie geht es dir?“, fragte er mich und streckte mir seine Hand in einer Art und Weise entgegen, als w&#252;rden wir uns schon lange kennen. Ich sah ihn wohl ziemlich entgeistert an und ergriff seine Hand mit laschem Druck. Schon entzog er sie mir wieder und rannte Richtung Zug, nicht ohne sich zuvor zu verabschieden: „Leider muss ich jetzt auf den Zug. Leb wohl, Traumf&#228;ngerin!“</p>
<p>Ich stand den ganzen Tag unter Strom. Woher wusste dieser fremde Mann meinen Spitznamen? Wer war er? Hatte mein philosophischer Freund etwas damit zu tun? Ich beschloss, diese seltsame Begegnung einfach zu vergessen.</p>
<p>Das Vergessen dauerte bis zur Mittagspause.</p>
<p>Unvollendet, 7. Januar 1997</p>
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		<title>Das ist Gl&#252;ck!</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Jul 2009 13:55:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nicole</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Mond h&#228;ngt hell zwischen Dunkelheit, der Himmel wolkenlos. Meine Freundin und ich, in Nachthemden bis an den Boden, wie Gespenster, wandeln durch das taunasse Gras. Es ist hell, unsere Schatten begleiten unseren Gang, und wir reden. Wir gehen, weiter als ich jetzt laufen wollte, und es ist friedlich, friedlich, dann niemand ist da, aus [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Mond h&#228;ngt hell zwischen Dunkelheit, der Himmel wolkenlos. Meine Freundin und ich, in Nachthemden bis an den Boden, wie Gespenster, wandeln durch das taunasse Gras. Es ist hell, unsere Schatten begleiten unseren Gang, und wir reden. Wir gehen, weiter als ich jetzt laufen wollte, und es ist friedlich, friedlich, dann niemand ist da, aus der Ferne leuchten uns die Lampen eines Dorfes entgegen, doch niemand ist wach, alles schl&#228;ft, selbst der Fuchs und die M&#228;use im Feld.</p>
<p>Ich liege im Gras, am See. Es ist warm, heiss vielleicht, die B&#228;ume spenden Schatten. Ich liege auf dem R&#252;cken, meine Freunde um mich, der eine seinen Kopf auf meinem Bauch, die andere den ihren in meinem Schoss, der dritte auf meinen Oberschenkeln, und auf ihren andere K&#246;pfe. Wir sind ein paar, vielleicht acht, und es ist friedlich, es ist heiss, irgendwie muss alles so sein.</p>
<p>Ich sitze am Steuer des Autos, fahre &#252;ber eine endlose Autobahn, die Musik ist laut und l&#228;sst mich wachsen, als w&#228;re ich ein Teil dieser grossen Welt, als k&#246;nnte ich gr&#246;sser sein und mehr sehen, als nur dieses kleine Loch vor mir, und die Musik ist laut, so wunderbar laut, und ich k&#246;nnte f&#252;r immer weiterfahren.</p>
<p>Der Zug rattert, die Berge als schwarze Schablone am Horizont, und dahinter wartet die Sonne darauf, auf zu gehen. Noch ist sie nicht da, die eiskalte Luft ist klar, &#252;ber mir noch Nacht, und dort, im sch&#246;nsten Gelb, das langsam Rosa wird, da steht er am Himmel, als w&#228;re dies sein Platz: der Morgenstern! Der wunderbare Morgenstern, einsamer Letzter, der leuchtende Morgenstern!</p>
<p>Ach, dies sind alles Gl&#252;cksmomente, wie eine Umarmung in einsamer Nacht, und ich m&#246;chte leben, leben m&#246;chte ich, und zu Licht werden und im Universum sehen, was uns versprochen wird, den Doppelstern hinter seinem Zwilling aufgehen sehen, und all meine Gl&#252;cksmomente noch einmal erleben, den zuckenden H&#246;hepunkt, den Moment voller Frieden, das masslose Gl&#252;ck, das kleinbemessene. Und ich bin einfach nur voller Gl&#252;ck, und alles ist vergessen, es braucht keinen Grund mehr f&#252;r dieses Leben, nun k&#246;nnte ich sterben, nun braucht es nichts mehr, und alles ist ohne Bedeutung, und ich will nur noch leben, nur noch leben, nur noch leben&#8230;</p>
<p>21. Dezember 1999</p>
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