Willkommen im Kopfchaos

Auf dieser Website sind Gedichte und Kurzgeschichten zu finden, die ich von 1997 bis heute geschrieben habe.

Die Texte sind in der Regel nicht überarbeitet, da ich zum eigenen Vergnügen schreibe.

Viel Spass beim schmökern.

Nicole

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Flucht

06.05.2007

„Glaubst du, dass wir es schaffen?“ Einen Moment war ich verwirrt. Als hätte ich geträumt, und plötzlich wäre ich wach und müsste auf eine Frage antworten. Ich blinzelte und versuchte mich auf die Frage zu konzentrieren. Ob wir es schaffen würden? Ich starrte auf das Lenkrad, das ich mit meinen Händen umklammert hielt, so fest, dass meine Knöchel weiss hervor traten. Entsetzt erkannte ich erst jetzt den vertrauten Anblick einer Autobahn, durch die ich in atemberaubendem Tempo hindurch donnerte. Wie war ich hierher gekommen? „Anna?“ Schnell warf ich der Person einen Blick zu, die mich angesprochen hatte. Es war meine Schwester, doch sie war Annabelle. Ich musste träumen.

„Wir dürfen einfach unter gar keinen Umständen anhalten“, stiess ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Die Strasse schien wegen der Geschwindigkeit immer schmaler zu werden, und wir jagten mit einem irrsinnigen Tempo an den anderen Autos vorbei. Ich spürte einen unangenehmen Druck auf meiner Blase und begann zu hoffen, dass ich mir nicht vor Angst in die Hose machen würde. Ich wollte nicht morgens aufwachen und gleich meine Bettwäsche wechseln müssen. Wie entfernt man Urin aus einer fast zwanzig Zentimeter dicken Matratze?

Hellas Stimme drang durch meine leicht hysterischen Gedanken: „Warum dürfen wir nicht anhalten?“, fragte sie mich mit ängstlicher Stimme. „Weil wir dann nicht mehr schnell fahren können. Kennst du das nicht? Man flüchtet mit einem Auto und wenn man anhält kann man danach nur noch im ersten Gang damit rumfahren. Egal wie sehr man auf das Gaspedal tritt. Eigentlich könnte man dann auch aussteigen und rennen, dann wäre man schneller, aber aus irgendeinem Grund will man das Auto nicht verlassen. So ist das immer in Träumen.“ Für einen Moment war es still im Wagen. Nur das Rauschen der Räder auf dem Asphalt und das Pfeiffen des Windes waren zu hören. „Anna? Was meinst du mit ‚So ist das immer in Träumen’?“

Vor uns begannen die Autofahrer mit ihren Pannenlichtern das Ende eines Staus an zu zeigen.

15.01.2007

Heimlich war ich überzeugt, dass die ganze Sache meinem Nachbarn ganz recht geschah. Eine göttliche Strafe, so zu sagen.

Wie viele andere berufstätige Menschen putze ich jeden Samstagmorgen meine Wohnung. Ich reinigte das Menschen- und das Katzenklo, leerte die vorhandenen Abfalleimer, wischte an allen strategisch wichtigen Orten –sprich, wo man es auf den ersten Blick sah- Staub, um als krönenden Abschluss mit „Walter“, meinem Super-Staubsauger die Böden zu saugen. Anschliessend wurde alles feucht aufgenommen, und während der Parkett in der Morgensonne trocknete, brachte ich Altpapier und Müll nach unten. Ein einfacher Ablauf, der jedoch bei meinem Nachbarn einen Stock weiter unten nicht sonderlich Anklang zu finden schien. Bis zum Einsatz von Walter war es jeweils 10.15 Uhr, eine mehr als angemessene Zeit, um Lärm in der Wohnung zu machen. Mein Nachbar war da anderer Meinung, und tat dies jeweils mit kräftigen Schlägen an seine Decke kund. So ging das Samstag für Samstag.

Eines Freitags kam ich spät nach Hause. Der Tag war lange gewesen, und er fühlte sich beim Anblick meines Bettes noch länger an. Ich stopfte mir ein Stück Toast in den Mund, kaute ein paar Mal müde während ich mich auszog, um schliesslich erschöpft in tiefen Schlaf zu fallen…

…aus dem ich fünf Stunden später wieder erwachte, als die Welt zusammen zu stürzen schien. Unsanft wurde ich zurück in mein Bett geschleudert und hörte einige der Latten des Rostes brechen. Was war passiert? Wo war ich? Was war los?

Als sich der Staub langsam verzog und mein schlaftrunkenes Gehirn in Bewegung setzte, konnte ich erst gar nicht fassen, was ich sah. Ich starrte an die Decke. An die Decke meines Nachbarn. Nur dass keine vollständige Decke mehr da war, weil genau über mir ein monströses Loch den Blick auf die Decke meiner Wohnung freigab. Ich war mitsamt Bett durch den Boden gebrochen!

Die Feuerwehr konnte meinen Nachbarn nur noch für tot erklären, nachdem eine beachtliche Blutlache unter der riesigen Betonplatte hervorgequollen war. Ich wurde wegen Schockgefahr zur Sicherheit ins Krankenhaus gebracht, was mir den Anblick ersparte, wie die armen Kerle die Betonplatte mit schwerem Gerät vom Boden hochwuchteten und die Überreste meines Nachbarn vom Boden kratzten.

Die Versicherung bestätigte mir, dass ich meinen Fussboden mit meinem Bett nicht übermässig belastet hatte. Die Fachleute schienen sich nicht einigen zu können, weshalb es zu dem Unglück kommen konnte, was mich allerdings auch nicht sonderlich interessierte. Die Wohnung wurde komplett umgebaut, im Schlafzimmer ist nun die Küche, um die Belastung auf den neu gegossenen Beton gering zu halten.

Mein neuer Nachbar ist Wochenaufenthalter.

09.01.2007

Das Meer lag ruhig da. Sanfte Wellen kräuselten ab und zu die weiss schimmernde Oberfläche, und das Sonnenlicht brach sich in ihnen. „Wie ein riesiger, glitzernder Diamant“, ging es mir durch den Kopf. Immer wieder musste ich die Augen schliessen, weil diese Helligkeit so stechend war. Bis zum Horizont erstreckte sich diese weisse Wüste, in alle Himmelsrichtungen dehnte sie sich aus.

Es war bereits der fünfte Tag auf der „Flying Goat“. Am vierten Tag hatte mein Magen den Kampf gegen die See endlich aufgegeben, und ich konnte wieder feste Nahrung zu mir nehmen. Ich war sehr erleichtert darüber, denn bereits nach dem ersten Bissen fühlte ich mich schon deutlich besser. Die Mannschaft ging von meiner Kotzerei unbeeindruckt ihren Aufgaben nach, die beschränkt waren, solange wir uns mitten in der Passage befangen. Die Navigatorin überprüfte von Zeit zu Zeit anhand des Sonnen-, Mond- oder Sternenstandes den Kurs und nahm kleinere Korrekturen daran vor.

Als ich den Frieden an Bord endlich geniessen konnte, erwachte auch wieder meine Neugier und Aufmerksamkeit. Nina, die Navigatorin, erzählte mir, dass in diesen Gewässern normale Kompasse nicht funktionierten. Trotz moderner Technik war es bisher niemandem gelungen, eine Erklärung dafür zu finden. Es gab Gerüchte von einem gewaltigen Magnetberg unter der Wasseroberfläche, bisher hatte aber noch niemand diese Theorie bestätigen können. So waren die Seeleute, welche die „leere Passage“ durchqueren mussten, gezwungen, sich auf die alte Kunst des Navigierens mittels der Himmelsgestirne zu verlassen. „Falls da unten wirklich ein grosser Berg ist, besteht er ganz sicher nur aus gekenterten Schiffen. Die Küste ist gefährlich, und nicht jeder Navigator ist heute noch mit den Gestirnen vertraut“, fügte Nina am Ende hinzu, um dann noch mal den Sonnenstand zu überprüfen.

„Ausserdem kann hier das Wetter schnell umschlagen“, fuhr sie dann fort, „aber keine Angst. Hier ziehen zwar oft heftige Stürme auf, doch in den nächsten Tagen wird es ruhig bleiben.“ Ich blickte auf das Meer, auf die gemächlichen Wellen und den blauen Himmel darüber.

Ich verbrachte meine Tage damit, der Mannschaft etwas zur Hand zu gehen, auch wenn es für mich in dem eingespielten Team wenig zu tun gab. Dreimal pro Tag zauberte Sandro der Koch eine Mahlzeit, die jeden 5-Sternekoch zur Ehre gereichte. Den Rest der Zeit wurde gefischt, kleinere Reparaturarbeiten vorgenommen oder Karten gespielt. Abends sprachen wir dem Rum zu und sagen alte Piratenlieder. Und der Klabautermann tanzte für uns in den Masten der „Flying Goat“.

Nach drei weiteren Tagen entdeckte ich die Möwen am Horizont. Wir hatten also die Landzunge erreicht. „Der Bart des alten Mannes ist in Sicht!“, brüllte Kilian aus dem Ausguck. „Noch zwei Tage, wenn das Wetter hält“, murmelte Nina, die bei Kilians Ankündigung neben mir an die Reling getreten war. Noch zwei Tage also.

Der Sturm fand uns in der Nacht vor der berechneten Ankunft in Port Hachven. „Bald ziehen Wolken auf. Du solltest nichts mehr essen heute. Bei einem Sturm ist es für eine Landratte nicht ratsam, über der Reling zu hängen“, informierte mich Kapitän Rudolf. Ich stand auf dem Vorderdeck und versuchte die Wolken zu entdecken, von denen er gesprochen hat. Eine sanfte Brise fuhr mir durchs Haar und brachte den Geruch des Festlandes mit sich. Wir würden noch einen halben Tag unterwegs sein, bis uns die ersten Möwen erreichen konnten, um uns zu unserem Ziel zu eskortieren. Ein Tag noch, dann waren wir da. Ein Tag, und dazwischen ein Sturm.

Schnee

16.12.2006

Es war fürchterlich Kalt in meinem Traum. Stü fragte mich die ganze Zeit, wann denn endlich wieder die Sonne scheinen würde. Ich wunderte mich, seit wann er diese buschigen Augenbrauen hatte. Umpf trug ein Paar blaue Schwingen mit sich herum. „Umpf, woher hast du diese Flügel?“, fragte ich ihn. „Ich bin ein Engel“, antwortete er mir und flog davon.

Ich schlug die Augen auf und schnappte nach Luft. Draussen tobte ein Schneesturm. Ich stand auf und schloss das gekippte Fenster. Dann schrieb ich eine kurze Nachricht an mich selbst. „Umpf und Stü mal wieder treffen!“ Trotz der Kälte schlief ich gleich wieder ein.

02.12.2006

„… das Kovariationsprinzip ist also…“ „Ich brauch eine neue Brille!“, rief ich unvermittelt aus. Die vergangenen fünf Minuten hatte ich abwechslungsweise das rechte, dann das linke, dann wieder das rechte Auge zusammengekniffen. Mein linkes Auge war deutlich schlechter als mein rechtes. Ausserdem hätte ich beinahe Emanuel nicht erkannt, als er an unserem Tisch vorbei lief. Beat sah mich böse an. „Kann es sein, dass du mir gerade nicht zugehört hast?“, fragte er eisig. Ups. „Ich würde dir ein schwarzes Hornbrillengestell empfehlen. Die sind ja im Moment total in, und die würde dir sicher gut stehen“, meinte er in einem etwas versöhnlicheren Ton und fuhr dann weiter, mir das Skript vorzulesen. Ich kniff das linke Auge zusammen.

18.01.2007

Es war Montag und Ernst war tot. Ich stand vor meinem Badezimmerspiegel und schnitt mir die Haare, will ich befürchtete, mir sonst etwas anderes ab- oder aufzuschneiden. Eine Strähne rauszupfen. Einige Millimeter abschneiden. Eine andere Strähne raus suchen. Einige Millimeter abschneiden. Eine weitere Strähne. Ein weiterer Millimeter. Eine weitere Minute. Eine weitere Stunde.

Das Licht im Raum veränderte sich. Im Zwielicht des Abends wurde es schwierig, mein Haar zu erkennen. Doch ich hatte nun schon so lange, so unendlich lange Millimeter um Millimeter abgeschnitten, dass ich einfach weitermachen konnte.

Erst als es schon so lange dunkel war, dass auch die Strassenlaternen gelöscht wurden, als selbst der Mond und die Sterne am Himmel erloschen, erst da schnitt ich mich in den Finger. Ein brennender Schmerz. Warme, zähe Flüssigkeit tropfte auf mein Gesicht. Und mischte sich endlich mit meinen Tränen.

09.01.2007

„Was machen wir jetzt?“, brach ich schliesslich die Stille. Mir unheimlich zumute in dem stillen, leeren Haus. Von draussen fiel indirektes, rotes Licht hinein, und zauberte Monster zwischen die Möbel von Beats Eltern. Ich spürte das Adrenalin durch meine Venen toben und wunderte mich einen Moment, dass es möglich war, mich noch mehr zu fürchten. Seit dem Stromausfall, mit dem alles begann, hatte mich eine seltsame Ruhe befallen. Doch nun war ich nervös. Alles trieb mich aus dem Haus, dass doch eigentlich Sicherheit versprach. Obwohl ich sie zu ignorieren versucht hatte, waren Hannas letzte Worte mir ins Bewusstsein gekrochen:

„Und in jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und nicht finden, und werden wünschen zu sterben, und der Tod wird vor ihnen fliehen.“

Was war, wenn Beats Eltern zerstückelt im Pool lagen, regungslos unter der undurchsichtigen Oberfläche in ihrem eigenen Blut schwammen, und plötzlich zu Zombies wurden? Ich hatte genug Endzeitfilme gesehen, um auf solche Dinge gefasst zu sein. Ich wollte jedoch die anderen nicht unnötige beunruhigen, nur weil meine Fantasie mit mir durchging. „Wohin sollen wir?“, fragte ich also noch mal.

Beat blickte ans Sofa gelehnt nachdenklich aus dem Fenster, Annabelle trank andächtig ihre Coke und Hanna hatte angefangen, mit dem Oberkörper vor und zurück zu wippen. Jemand musste eine Entscheidung treffen. Doch wohin? Was sollten wir tun? Wir waren hierher gekommen, weil uns ein Gefühl hergebracht hatte. Und nun zog es mich weiter. Plötzlich mussten wir uns beeilen. „Wir fahren weiter!“, erklärte ich mit bestimmter Stimme. Die anderen stellen ohne ein Wort ihre Getränke hin und wir verliessen das Haus. Gerade rechtzeitig, um ihn zu sehen: Aus dem roten Schlund am Himmel kam er, der grosse feuerrote Drache, welcher sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Diademe hatte.

Ich wunderte mich wie er mit sieben Köpfen nur zehn Hörner haben konnte. Hatte er die restlichen vier Hörner bei Kämpfen verloren? Oder war das ein Verweis auf die zehn Gebote? Und wo war die schwangere Frau, die ihn begleiten sollte? Als ob jemand meine unausgesprochenen Fragen beantworten wollte, hob eine helle Stimme zu singen an. In einer Sprache, die nicht gemacht ist, um von Menschen gehört zu werden, sang sie von dunklen Träumen, von Krieg, alten Wunden und blutigem Regen. Ich fiel auf die Knie und weinte, das tränennasse Gesicht dem wunderschönen Drachen zugewandt, der sich in eleganten Schlenkern am Himmel bewegte. Dann erzählte das Lied vom Leben, vom Wachsen des Grases, einem Sonnenstrahl und dem Lachen eines Baumes. Ich war glücklich. Für eine kurze Zeit war meine Existenz gut und richtig. Dann schlug mir Beat seine Faust in den Nacken, und ich fiel.

17.12.2006

Es hatte schon seit Wochen nicht mehr aufgehört zu regnen. Es war mir ein Rätsel, wie es so unglaublich heiss sein konnte, während sich der Himmel schon seit einer gefühlten Ewigkeit ausweinte. Musste ja was wirklich Schlimmes passiert sein.

Ich war an diesem Morgen mehr schlecht als recht aufgestanden. Die halbe Nacht hatte ich mich wegen der feuchten Hitze hin und her geworfen. Der Regen schlug gegen den geschlossenen Fensterladen, jeder Tropfen ein weiterer Schlafräuber. Meine Gedanken flossen langsam und unkontrolliert dahin. Im einen Moment wunderte ich mich, ob wohl bald tropische Büsche in den Gärten zu wachsen begännen, im nächsten schwamm ich durch einen weiten See.

Nun stand ich mit einer Tasse lauwarmen Kaffees am Fenster und sah nach draussen. Interessanterweise hatte der Fluss vor dem Haus sich bei einem bestimmten Niveau eingependelt. Ich hatte Anfangs noch befürchtet, dass er aus seinem Bett ausbrechen und die Strasse überfluten könnte.

Über der Stadt hing dichter Nebel, und darüber musste wohl die Sonne scheinen. Ich überlegte, ob ich meinen Vetter anrufen sollte. Als Pilot konnte er mir sicher bestätigen, ob die Sonne tatsächlich noch da war, oder ob sie zwischenzeitlich von einer geheimen Regierungsorganisation durch einen unglaublich grossen Scheinwerfer ersetzt worden war. Heute war ja alles möglich. Ich lächelte in meinen Kaffee.

Nach dem letzten Schluck putzte ich mir die Zähne, schnappte mir Handtasche und Regenschirm und wagte mich in die Wassermassen mit Ziel Arbeitsstelle. Der Tag verlief ruhig. Das laute Surren unserer Ventilatoren schien alle im üro ein wenig schläfrig zu machen, es wurde kaum ein Wort gesprochen. Eine kurze Besprechung mit meinem Kollegen Hubert verschob ich auf den nächsten Tag, was ich schon die letzten drei Tage gemacht hatte. Plötzlich erklang ein Warnton aus meinen Kopfhörern. Es war 17 Uhr, Zeit, nach Hause zu gehen.

Angewidert zog ich meine Hose aus. Es war mir ein Rätsel, wie ich sie immer bis unter die Pobacken durchnässen konnte. Ich konnte mich nicht erinnern, irgendwie ungewöhnlich gelaufen zu sein. Annarose hatte mir während ich auf dem Heimweg war ein SMS geschrieben, ob wir uns mal wieder auf einen Tee treffen wollten. Ich vermutete schon lange, dass sie irgendwo eine Erinnerungsfunktion hatte, hatte jedoch den Rhythmus noch nicht entziffern können. Also ging ich zu meinem Jahreskalender und trug ein: 22. Juli, SMS von Annarose. Dann rief ich sie pflichtbewusst an.

Wie zu erwarten, hatte Annarose eigentlich auch keine grosse Lust, ihre Wohnung zu verlassen. Wir klönten eine halbe Stunde über das eintönige, nasse Wetter, Männer, nervige Kunden und die neuesten Weltgeschehnisse. Um genau zu sein, informierte mich Annarose über letztere, da ich mich strikt weigerte, Zeitung zu lesen oder Nachrichten zu gucken. Die schlechten Nachrichten über Krieg und Mord in aller Welt lösten in mir jedesmal eine Daseins-Krise aus. Die Welt war schlecht, das wollte ich nicht auch noch täglich sehen müssen.

Nach dem Telefongespräch legte ich mich nur mit einer leichten Hose und einem T-Shirt bekleidet aufs Bett. Bloss nicht bewegen. Sogar das atmen schien mir zu anstrengend. Ich dachte kurz an die Rechnungen, die sich auf meinen Schreibtisch stapelten, und beschloss dann, sie ebenfalls noch ein paar Tage zu ignorieren. Wenn der Gerichtsvollzieher mein Bett holt, würde ich mir weitere Gedanken machen.

Durch die einzelnen Lamellen des Rollladens fiel Licht ins Zimmer. Ich hörte meinen Atemzügen zu, und dem Schnurren meiner Katze, die es sich auf dem zweiten Kopfkissen gemütlich gemacht hatte. Im Schatten meines Kleiderschrankes stand der schwarze Mann.

15.12.2006

„Hei Anna, wie geht’s?“ flüsterte mir Stü ins Ohr und schlug mir mit seiner behandschuhten Hand auf die Schulter, dass ich beinahe meinen Kaffee in Annabelles Gesicht spuckte. „Stü, du Rüpel!“, rügte ich ihn. Er grinste breit und setzte sich neben Annabelle. Umpf fläzte sich in den Stuhl neben mir. Fast augenblicklich begann er, mit dem Stuhl zu wippen. Das war eine dumme Angewohnheit von ihm, doch wunderbarerweise war er noch nie umgekippt.

Stü und Umpf waren mit Abstand die seltsamsten Studenten, die unsere Uni zu bieten hatte. Angeblich belegten sie Informatik, doch ich hielt das für ein Gerücht. Stü war einfach zu paranoid und phobisch, um mit anderen Leuten einen Computer zu teilen. Er hatte seinen Arbeitgeber gebeten, ihm sein Gehalt bar auszuzahlen. So was war heute natürlich aufgrund der Buchhaltung kaum noch möglich. Also besass Stü ein Bankkonto, von dem er seinen gesamten Lohn jeweils am gleichen Tag der Auszahlung abhob. Wohlgemerkt, immer an einem anderen Bankomat. Angeblich war er mal zwei Stunden Zug gefahren dafür.

Stü verzichtete seiner Anonymität zuliebe auf die Annehmlichkeiten des modernen Lebens und die Vergünstigungen durch Rabattkarten. Wenn er mit dem Zug unterwegs war, zahlte er das Ticket immer bar. Seine Rechnungen liefen ebenfalls über Poststellen im ganzen Land. Stü trug permanent Handschuhe, aus Angst sich mit Bakterien zu infizieren oder Fingerabdrücke zu hinterlassen. Er benutzte ausschliesslich Plastikgeschirr in der Mensa, dass er anschliessend nach Hause nahm, um es in seinem Hinterhof zu verbrennen.

Trotzdem konnte er nicht vom Internet lassen. Im Keller des Hauses, dass er von seinen Eltern abbezahlt geerbt hatte, standen mehrere Server, die ihm ein anonymes, spurenloses surfen ermöglichten. Stü hielt sich fern von Drogen aller Art, veränderte regelmässig sein Aussehen und sprach stehts, als würde er befürchten, belauscht zu werden. Beat vermutete, dass Stü früher für einen Geheimdienst gearbeitet hatte.

Umpf war das komplette Gegenteil: Laut, ehrlich, unbekümmert. Mir war es völlig unerklärlich, wie die zwei sich so gut verstehen konnten. Beats Theorie dazu war, dass Stü neben Umpf nicht mehr so auffiel. Tatsächlich vergassen wir manchmal, dass Stü noch da war, wenn Umpf eine lustige Geschichte erzählte und dazu wiehernd am lautesten lachte. Zu der Agententheorie passte auch, dass Stü offenbar ziemlich stark war. Er fasste selten andere Menschen an, was gut war: Mit seinem Händedruck konnte er Steine knacken.

„Stü, Umpf, schön euch zu sehen. Wie läuft es bei euch Informatikern? Noch niemandem ein Wasserkopf gewachsen?“, fragte ich unschuldig, nachdem ich Annabelle meine Serviette gereicht hatte. Umpf lachte schallend los und fiel dann mit dem Stuhl nach hinten um.

01.12.2006

Wir fuhren schweigend. Das Licht vom Höllenschlund am Himmel tauchte die Umgebung in ein gespenstisches Rot. „Als wäre alles in Blut getränkt“, dachte ich still bei mir. Wir kamen erstaunlich schnell voran. Auf der Autobahn musste Annabelle immer wieder verlassenen Wagen ausweichen. Bei manchen waren noch die Scheinwerfer eingestellt, und erleuchteten die verlassene Strasse. Vielleicht waren die Fahrer alle vom Militär oder dem Zivilschutz eingesammelt worden. Oder etwas hatte sie so erschreckt, dass sie fluchtartig ihre Autos stehen gelassen hatten und kopflos davon gestürmt waren.

Einmal musste Annabelle einen Wagen mit ihrem weiterschieben, um an zwei nebeneinander vlerassenen Autos vorbei zu kommen. Der Fahrer hatte zum Glück die Handbremse nicht angezogen, die Fahrertür stand sogar noch offen.

Je weiter wir kamen, desto seltener mussten wir langsam fahren. Nach ungefähr einer Stunde begann es dann: Die Sterne fielen zur Erde.

Sie fielen langsam, so als hätten sie es nicht eilig, und als würde sie die Erdanziehungskraft nicht sonderlich beeindrucken. Sie fielen lautlos und als sie auf dem Boden auftrafen, hüpften sie noch ein paarmal auf und ab, als könnten sie noch gar nicht glauben, wirklich aus dem Himmel verbannt worden zu sein. Wie weisse Perlen lagen sie am Boden und glänzten intensiv. Ich war froh, im Auto zu sitzen, denn ich verspürte keine Lust, diese seltsamen Dinger zu berühren. „Schon komisch“, meinte Beat plötzlich, und vor Schreck hätte ich mich selbst beinahe durch das Dach katapultiert, „die Geister gehen rauf zu diesem roten Licht, und die Sterne kommen herunter. Beide weiss. Als müssten sie ein Gleichgewicht wieder herstellen.“ Ich sah aus dem Fenster und beobachtete, wie Millionen von Sternen auf die Erde fielen wie radioaktiv verseuchter Schnee.