Ich lief durch das Gras und konnte es doch nur erahnen. Es lag ein Nebel über der Erde. Wenig. Er wirbelte durcheinander, wenn ich lief. Es erinnerte mich an einen schlechten Hollywoodfilm. Als hätte jemand eine Nebelmaschine laufen lassen. Doch der Nebel war nicht künstlich. Die Schwaden lagen träge über dem Land.
Ich hatte vergessen, wie ich hierher gekommen war. Vergessen, welcher Tage, welche Tageszeit. Die Sonne stand irgendwo über mir, zumindest war es hell, sogar der Himmel war voller Nebel.
Meine Füsse trugen mich durch den Bodennebel. Es war kalt. Ich vergrub meine Hände tief in den Taschen meines Mantels. Die Kälte kroch mir langsam in den Leib. Ich versuchte mich zu erinnern, wieso ich hier war.
Manchmal sah ich etwas Gras. Es war von Tau benetzt. Fast erwartete ich, Geister auftauchen zu sehen. Der Nebel würde wachsen und ihre Gestalt annehmen. Sie würden mich vorwurfsvoll ansehen. Und ich würde sie nicht verstehen.
Die Stille war bedrückend. Hätte ich aufgesehen, vielleicht wären irgendwo Bäume gestanden. Doch es gab nichts zu sehen. Nichts zu fühlen. Nur die Kälte, die in meinen Körper kroch. Der Nebel lag träge und wollte keine Gesichter zeigen. Der Himmel schaute grau auf mich hinab.
Ob dies eine Zone war, zwischen Tod und Leben? War ich von hier gekommen? Ging ich nun wieder, weg von meiner Existenz, die weit hinter mir lag? Die Schritte waren gleichmässig, meine Gedanken flossen dahin, wie Wasser erschienen sie und schwebten wieder weg, weg, in die Vergessenheit.
Ich war nicht müde. Ich wollte nicht rasten. Ich fühlte mich wie der Nebel. Lief ich überhaupt noch über die Erde? Schwebte ich nicht vielmehr? Kein Stolpern, obschon das Gras feucht war. Ich hatte ausrutschen können. Hinfallen. Liegenbleiben, bis der Himmel über dieser Erde zusammenbrach.
Vielleicht sah ich Sterne. Ich wusste es nicht.
Dann blieb ich stehen. Sah auf. Blickte auf den Nebel in der Ferne. Es gab kein Ziel, das es zu erreichen galt. Die Entscheidung lag bei mir, wohin ich gehen wollte. Da war kein Sinn. Ich musste nicht laufen. Ich brauchte nirgends hinzugehen. Ich konnte mich hinsetzen. Ich konnte liegen, unter dem Nebel. Ich konnte den Nebel einatmen, tief in meine Lungen. Und der Nebel würde Teil meines Blutes werden, Teil von mir. Dann wäre ich nicht mehr allein. Dann wäre ich Teil des Nebels. Ich wäre der Nebel. Es würde nichts eine Rolle spielen, nicht wer ich war, nicht was ich dachte. Weil ich nicht mehr denken würde, nur träge über der Erde hängen. Das Gras mit Tautropfen benetzen. Keine Entscheidung wäre mehr zu treffen! Kein Schritt mehr zu tun! Mein Herz klopfte mir schwer in der Brust und ich spürte die Kälte nicht mehr.
Dann machte ich einen Schritt. Irgendwohin. Es war egal, wohin. Und ich machte einen zweiten. Und einen dritten. Und dann vergass ich sie zu zählen.
13. Oktober 2001