Engelsfall

2.11.2006

Eines Tages ging ich über den grossen, freien Platz des Hörsaals, in dem die meisten Vorlesungen der Psychologiestudenten im ersten Semester stattfanden. Ein moderner Künstler hatte sein Bestes gegeben, um ihn ein wenig ansprechender zu gestalten, doch es fehlten eindeutig Pflanzen. Ich hätte grosse Blumenkübel aufgestellt und je nach Jahreszeit Stiefmütterchen, Begonien oder dieses rosa winterfeste Zeug gepflanzt. Nur mich fragte ja niemand.

Eines Tages ging ich über den Platz, nahe an den Fensterscheiben vorbei. Ein Mann kam mir entgegen, und wir vollführten diesen berüchtigten „Ich will vorbei – Ich auch“ – Tanz, in den den man unwillkürlich verfällt, wenn man man dem Entgegenkommenden dummerweise in die Augen sieht. Der Mann liess mir keine Wahl, ich musste auf die Fensterplatte treten. Augenblicklich überwältigte mich ein Gefühl der Angst. Ich hörte ein dumpfes Knacken, als würde Eis brechen. Für einen Moment schien die Welt still zu stehen. Dann brach ich ein. In einer Ecke meines Gehirnes wisperte eine Stimme: „Jetzt bist du tot.“ Doch der Flug dauerte ewig. Ich kippte nach hinten. Meine unbedeckten Arme wurden an den scharfen Kanten des Glases aufgeschnitten, und ich spürte das Leben aus meinem Körper fliessen. Eine Scherbe riss meine Jeans auf, die ich am Morgen noch frisch angezogen hatte, meine Lieblingsjeans. Das Glas brach und brach und zerklirrte bereits auf dem Boden. Ich wurde unsanft in meinem Fall gestoppt, doch weicher, als ich erwartet hatte. Jemand hielt mich. Jemand hatte mich aufgefangen. Ich blickte in das Gesicht des Mannes. Er roch nach Vanille.