Die moderne Medizin

6.11.2006

„Können Sie mich hören? Hallo, so sagen Sie doch was!“ Ein stetiges Rütteln und ein unsäglich nervender, sich wiederholender Lärm hatten mich geweckt. Ich blinzelte in eine grelle Helligkeit. Dann schob sich ein Schatten vor die Lichtquelle und ich erkannte den Kopf eines Sanitäters oder Arztes. Er sah besorgt auf mich herunter und bewegte dabei die Lippen. Erst nach einigen Sekunden wurde mir klar, dass er wohl mit mir reden musste. Meine Armbeuge fühlte sich an, als hätte jemand versucht, mir ein Stachelschwein in die Vene zu drücken. Von meinem Handgelenk breitete sich eine willkommene Dumpfheit aus, und ich wusste, sie hatten die Infusion schliesslich knapp über dem Daumen einführen müssen. Von meinen zarten Rollvenen konnten die Damen bei der Blutspende ein Lied singen.

Der Kerl richtete den Lichtstrahl einer Taschenlampe in meine Augen, so dass ich plötzlich nichts mehr sehen konnte. Dafür kamen seine Worte endlich in meinem Gehirn an. „Sind Sie wach? Wie heissen Sie? Sagen Sie mir Ihren Namen!“ Sein Brüllen ging mir auf die Nerven und ich fragte mich, wie seine Stimme in normaler Lautstärke klingen würde. „Anna“, würgte ich hervor. Beim sprechen fühlte sich mein Hals plötzlich völlig ausgetrocknet an, als hätte ich die letzen Tage in einer Wüste verbracht. „Welchen Tag haben wir heute?“ Menno, war ich hier in Emergency Room oder was? Welcher Witzbold denkt sich eigentlich so eine Frage aus? Als ob jeder Mensch immer genau wüsste, was für ein Tag ist. Wäre Weihnachten gewesen, oder mein Geburtstag, hätte ich das Datum vielleicht gewusst, aber sicher nicht einfach so. „Geben Sie mir meine Uhr, dann kann ich es ihnen sagen“, krächzte ich, und versuchte, meinen Arm in Augenhöhe zu heben. Leider war er festgebunden.

„Na gut, dann eine andere Frage: Wie heisse ich?“ „Kann ich hellsehen? Sagen Sie mir lieber, was mit mir los ist?“, schnappte ich wütend zurück. Der Kerl ging mir mächtig auf die Nerven mit seiner Fragerei. Irgendwelche Drüsen in meinem Rachen begannen aufgrund der Trockenheit in meinem Mund sensationell schnell anzuschwellen. Ich holte keuchend Luft und versuchte eine aufstiegende Panik niederzukämpfen. Als ich den Atem wieder ausstiess, verliss er meine Lungen in Form eines grünen Nebels. „Woh, was haben wir denn hier? Da braucht wohl jemand eine anständige Infusion Morphium.“ Morphium? War der Kerl völlig verrückt geworden? Ich hatte irgendwelchen grünen Rauch in der Lunge, ich brauchte sicher keine Schmerzmitteldroge dagegen! Ich begann mich gegen die Gurte der Krankentrage zu wehren und meinen Kopf hektisch hin und her zu werfen. Doch es war zu spät. Ich spürte, wie eine kalte, moosgrüne Flüssigkeit durch mein Blut raste. Mein Herz zog es gierig in meinen Körper, und als die Droge mein Gehirn erreichte, wurde mein Atem braun.