12.11.2006
Jemand anderes stiess einen Schrei aus, und von weiter hinten im Seminarraum konnte ich ein „Ich bin blind!“ hören. Stühle wurden umgestossen und Tische nach vorne verrutscht, wo nun eingeklemmte Studentinnen zu kreischen begannen. Weil ich vorne stand, konnte ich Herr Licht hören, der die Leute zu beruhigen versuchte: „Bitte, meine Damen und Herrn, beruhigt euch! Es bringt gar nicht, wenn jetzt alle in Panik verfallen!“ Der schrille Unterton in seiner Stimme strafte seine ruhigen Worte Lüge. Jemand stiess einen Schmerzensschrei aus.
Ich war mir unangenehm bewusst, weit weg von meiner Tasche und Beat und Annabelle zu sein. Ansonsten hätte ich versucht, mein Handy als Taschenlampenersatz zu benutzen. Schon rempelten mich die ersten Fliehenden an, so dass ich an die Wand zurückwich, um nicht umgerannt zu werden. Langsam näherte ich mich darauf meinem Sitzplatz. Irgendjemand schluchzte, und ich fragte: „Hei, wer bist du?“ „Hanna“, kam es erstickt zurück. „Ganz ruhig Hanna. Es wird sicher bald jemand mit einer Taschenlampe kommen, und dann wird sich alles aufklären. Am besten bleibst du hier sitzen. Ich komme gleich wieder, ich muss meine Tasche holen.“ „Bist du das Anna?“ kam Beats Stimme aus der Dunkelheit. Ich musste also schon nahe an meinem Platz sein. „Ja, ich bins, wo ist Annabelle?“ fragte ich zurück. „Hier, gleich neben mir. Die anderen sind links und rechts aus der Reihe gestürmt, darum ist uns nichts passiert. Ich glaub, jemand hat sich den Knöchel verletzt beim raus rennen. Warum bist du nicht auch rausgelaufen?“ „Ich bin auf dem Weg zu meinem Handy.“ „Dein Handy?“, erklang nun auch Annabelles Stimme, „Wen willst du denn jetzt anrufen?“ Offenbar hatten die beiden meine Unterhaltung mit Hanna nicht gehört. Ah, Moment, es war ja blöd, sie dort sitzen zu lassen. „Hanna, ich hab mich umentschieden, komm mit und bleib dich hinter mir. Wir setzen uns zu meinen Freunden und warten dann ab.“ Hanna schluchzte noch mal und dann spürte ich sie aufstehen und mit ihrer Hand nach meinem Pulli tasten. Einen Moment musste ich grinsen. Wenn ich mir mit einer Begleitung dein Weg durch eine grosse Menschenmenge kämpfen musste, hielt ich mich auch immer am Pulloversaum fest. „Ich will niemanden anrufen, aber das Handy kann als schwache Taschenlampe dienen“, beantwortete ich nun auch endlich Annabelles Frage, „Ich bin hier noch über Hanna gestolpert, wir kommen jetzt zu euch rüber.“ Plötzlich kam mir der ganze Seminarraum, der nicht mehr als zehn mal zehn Meter sein konnte, wie eine grosse dunkle Höhle vor. „Gut, aber passt auf, es liegen wahrscheinlich eine Menge Stühle auf dem Boden rum“, rief Beat. „Du musst nicht so brüllen,“ grinste ich ihn in die Dunkelheit an, „wir sind schon da.“ „Na zum Glück. Apropos Handy, ich hab doch eines mit einer Taschenlampe, damit man Fotos in der Nacht machen kann. Moment…“, sprach er und plötzlich war ich von einem Lichtstrahl geblendet. Hanna hinter mir stiess einen überraschten Kikser aus. Ich war unendlich froh, hatte schon befürchtet, eine elektromagnetische Bombe hätte alle Handys, Taschenlampen und ähnliches lahm gelegt.
„Uha, Beat, nimm das Licht aus meinen Augen, ich sehe sonst nichts mehr!“ Beat schaltete die Lampe wieder aus. „Gut, wir haben jetzt Licht, was machen wir nun?“ Annabelles Frage war durchaus berechtigt. Plötzlich erschall eine Stimme durch den Raum: „An alle Menschen, die sich noch hier im Gebäude befinden, hier spricht der Hausmeister. Bitte bewahren sie Ruhe und begeben Sie sich in die grosse Eingangshalle. Benutzen Sie auf keinen Fall die Aufzüge, auch wenn diese noch funktionieren sollten. Offenbar sind nicht alle elektrischen Geräte ausgefallen. Ich habe gerade einen Anruf von der Polizei erhalten, wir sollen uns besammeln und abwarten. Es besteht kein Grund zur Panik. Wir werden in der grossen Halle ein Radio aufbauen, dass uns mit den aktuellen Informationen von Armee und Zivilschutz versorgt. In ungefähr einer halben Stunde werden Helfer der beiden Organisationen kommen und uns weitere Instruktionen geben. Bitte begeben Sie sich also in die grosse Eingangshalle, benützen Sie nicht die Lifte und bewahren Sie Ruhe.“ Der Kerl vom Hausdienst wiederholte seine Ansage noch einige Male. Wir schulterten unsere Taschen, und machten uns mit den Händen am Pullover vom Vordermann im Gänsemarsch auf den Weg in die grosse Halle, Beat mit seiner improvisierten Taschenlampe voraus. Als wir im Gang eine Blutspur entdeckten, konnte ich ein Schaudern nicht unterdrücken. War hier ein irrer Massenmörder unterwegs?
Schon von weitem hörten wir das Stimmengewirr aus der Eingangshalle. Ich hatte mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wie viele Menschen in das Gebäude passten, und heute war ja eigentlich Samstag, als hätte es nicht voll besetzt sein dürfen. Doch offensichtlich verbrachten auch andere Leute ihre freie Zeit mit Weiterbildung. Als wir die Menschenmasse erreichten, blendeten uns einige Taschenlampen und Handys. Offenbar waren auch andere auf die gleiche Idee gekommen. Die meisten hatten sich auf dem Boden auf Decken niedergelassen, die wohl die Angestellten aus den Zivilschutzkellern unter dem Gebäude organisiert hatten. Obwohl es Sommer war, konnte der Steinboden empfindlich kalt werden. Eine Ecke schien besonders gut beleuchtet zu sein. Offenbar war dort ein provisorisches Krankenlazarett eingerichtet worden. Als ich nachfragte, erklärte mir ein etwas älterer Mann, dass sich etliche Studenten bei der kopflosen Flucht verletzt hatten. Das erklärte wohl auch die Blutspur auf dem Gang.
Wie angekündigt wurde schon bald ein Radio gebracht. Der Hausmeister gab noch mal ein paar Verhaltensregeln und die neuesten Infos von der Polizei durch. Offenbar konnte noch nicht geklärt werden, wieso der elektrische Strom zwar noch funktionierte, aber keine Glühbirnen und Neonröhren. Weshalb es draussen mitten am Tag auf einen Schlag stockdunkel geworden war, war ebenfalls immer noch Gegenstand der Ermittlung. Jemand rief während er sprach dazwischen, dass man doch versuchen solle, ob die Fernseher noch funktionieren. Offenbar waren diese aber auch von dem ominösen Ausfall betroffen. Nachdem der Hausmeister noch mal sein Bedauern ausgedrückt hatte, stellte er endlich das Radio an. Das reguläre Programm war unterbrochen worden, und es gab Berichte, wo was zusammengebrochen war. Aus Sicherheitsgründen wurde der Verkehr unterbrochen, Handys funktionierten nicht, dafür konnten sich Helfer im ganzen Land per Festnetzanschluss miteinander verständigen. Natürlich hatte es viele Verletzte und einige Tote gegeben, vor allem auf den Autobahnen. Ich erschauderte. Das hätte mir wirklich nicht passieren müssen, plötzlich im Stockdunkeln mit 120 km/h unterwegs zu sein.
Es brach Unruhe im Saal aus, als bei der Erwähnung des Festnetzanschlusses etliche Leute den Hausmeister zu bestürmen begannen, ob sie nicht ihre Familien und Freunde anrufen dürften. Jene, die weiter weg sassen verlangten mehr Ruhe, da sie die weiteren Ansagen im Radio hören wollten. Mitarbeiter vom Hausmeister hasteten an den Wänden der Halle entlang, um weitere Radios aufzustellen. Hanna neben mir war leise in Tränen ausgebrochen.