06.05.2007
„Glaubst du, dass wir es schaffen?“ Einen Moment war ich verwirrt. Als hätte ich geträumt, und plötzlich wäre ich wach und müsste auf eine Frage antworten. Ich blinzelte und versuchte mich auf die Frage zu konzentrieren. Ob wir es schaffen würden? Ich starrte auf das Lenkrad, das ich mit meinen Händen umklammert hielt, so fest, dass meine Knöchel weiss hervor traten. Entsetzt erkannte ich erst jetzt den vertrauten Anblick einer Autobahn, durch die ich in atemberaubendem Tempo hindurch donnerte. Wie war ich hierher gekommen? „Anna?“ Schnell warf ich der Person einen Blick zu, die mich angesprochen hatte. Es war meine Schwester, doch sie war Annabelle. Ich musste träumen.
„Wir dürfen einfach unter gar keinen Umständen anhalten“, stiess ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Die Strasse schien wegen der Geschwindigkeit immer schmaler zu werden, und wir jagten mit einem irrsinnigen Tempo an den anderen Autos vorbei. Ich spürte einen unangenehmen Druck auf meiner Blase und begann zu hoffen, dass ich mir nicht vor Angst in die Hose machen würde. Ich wollte nicht morgens aufwachen und gleich meine Bettwäsche wechseln müssen. Wie entfernt man Urin aus einer fast zwanzig Zentimeter dicken Matratze?
Hellas Stimme drang durch meine leicht hysterischen Gedanken: „Warum dürfen wir nicht anhalten?“, fragte sie mich mit ängstlicher Stimme. „Weil wir dann nicht mehr schnell fahren können. Kennst du das nicht? Man flüchtet mit einem Auto und wenn man anhält kann man danach nur noch im ersten Gang damit rumfahren. Egal wie sehr man auf das Gaspedal tritt. Eigentlich könnte man dann auch aussteigen und rennen, dann wäre man schneller, aber aus irgendeinem Grund will man das Auto nicht verlassen. So ist das immer in Träumen.“ Für einen Moment war es still im Wagen. Nur das Rauschen der Räder auf dem Asphalt und das Pfeiffen des Windes waren zu hören. „Anna? Was meinst du mit ‚So ist das immer in Träumen’?“
Vor uns begannen die Autofahrer mit ihren Pannenlichtern das Ende eines Staus an zu zeigen.