Er

Der Gang flog an mir vorbei. Verzweifelt drehte ich meinen Kopf nach hinten, Tränen verschleierten meinen Blick, ich sah nichts, doch ein unbeschreibliches Grauen erfasste von neuem mein Herz. Ich rannte noch schneller, mein Herz drohte zu zerspringen, meine Brust schmerzte, jeder Atemzug brannte in meinen gepeinigten Lungen, doch meine Beine blieben nicht stehen, mein ganzer Körper lechzte nach Friede, doch meine Beine blieben nicht stehen! Der Gedanke an Erholung, an eine Ruhepause erfüllte meinen Kopf, nichts hatte mehr Platz in meinem Gehirn, ich dachte nur noch an den Tod als letzte Ruhe und daran, dass ich nicht anhalten durfte, dass es sonst kein Entrinnen gab. Wieder drehte ich meinen Kopf, diesmal waren keine Tränen in meinen Augen, ich sah Ihn hinter mir, Er würde nicht halten. Da gab ich alle Hoffnung auf, ich blieb stehen, mein Herz hämmerte in meiner Brust, ich drehte mich nicht um, erwartete Ihn, erwartete seine Umarmung. Als Er mich erreichte, spürte ich seinen Atem in meinem Nacken, seine Berührung war hauchzart, sein Umhang hüllte mich ein, und so fiel ich erschöpft und dankbar in tiefen Schlaf…

Reise in das Land

Er flog, flog über Felder und Wiesen, über Häuser, Dörfer, Städte, über Länder, und vielleicht auch über Welten. Er überflog Wüsten und Wälder, Meere und Berge. Schliesslich landete er. Er fiel in weiches Gras, erst jetzt entdeckte er, dass die Sonne schon lange untergegangen war. Die Sterne standen hell am Himmel, es waren jedoch nicht seine Sterne. Doch sie spendeten ihm einen Trost, den er noch nie zuvor gefühlt hatte. Unbeweglich lag er da, kein Geräusch störte die Stille, selbst seine Gedanken schwiegen. Nach einiger Zeit schlief er ein, sanfte Träume begleiteten seinen Schlaf. Früh am Morgen wachte er auf, erst blieb er noch etwas liegen, doch dann erhob er sich und blickte neugierig auf das Land, welches vor ihm lag. Das Land sah frisch und jung aus, in den Bäumen zwitscherten einige Vögel, von weit her kamen ihre Gesänge, leise und dennoch unglaublich klar. Langsam erhob sich die Sonne über den Horizont, ihre Strahlen liessen die Tautropfen golden schimmern, wie ein Juwel erschien ihm das Land. In der Nähe plätscherte ein Bach und plötzlich spürte er Durst. Er machte sich auf den Weg, folgte dem Murmeln und betrachtete dabei vergnügt die herrlichen Blumen, an denen er vorbeiging. Sie leuchteten gelb und rot und in allen Farben des Regenbogens. Da standen Blumen, von deren Schönheit er nie zu träumen gewagt hätte. Dunkelviolette Akelaien standen in schönster Blüte, und der Boden um sie war mit ihren eigenen Blütenblättern bedeckt. Lächelnd und glücklich erreichte er den Bach, der sich glitzernd durch das Land wand. Vorsichtig liess er sich am Ufer nieder und beugte sich vor, um zu trinken. Eiskalt rann das Wasser durch seine Kehle, wie frisches Quellwasser erquickte es seinen Körper und seine Seele. Schliesslich fasste er sich ein Herz und sprang in den Bach, prustend spürte er die Kälte des Wassers. Vergnügt beobachtete er die Wassertropen, die an seiner Haut hinab rannen, wie mit tausend Diamanten besetzt sah sie aus. Langsam stieg er aus dem Wasser, die Strahlen der Sonne trockneten ihn, sie selbst war noch weiter gestiegen und vertrieb die letzten Schatten unter den Bäumen. Noch immer zwitscherten munter die Vögel, weit weg und doch so klar, als ob sie vor ihm sässen. Er setzte sich unter eine alte, kräftige Eiche und ruhte sich etwas aus. Wieder schwiegen seine Gedanken, seine Seele fühlte sich beschützt und geborgen.

Nach einiger Zeit stand er auf, breitete seine Arme aus und flog der Sonne entgegen. Er musste schliesslich zum Frühstück wieder zu Hause sein…

13. Juni 1996

Horror

Er näherte sein Gesicht dem ihren und spitzte die Lippen wie zum Kusse. Nur einige Millimeter vor den ihren verharrte er und begann die Luft einzusaugen. Der Sog wurde immer stärker und sie spürte, wie sich ihre Eingeweide vom Körper zu lösen begannen. Ihr Innerstes begann sich nach Aussen zu wenden und schoss in seinen Mund. Er sog weiter, saugte den blutigen Körper auf, wurde unförmig, sog mit weit aufgerissenen Augen weiter und war endlich voll von ihr.

Einen Moment blieb er still stehen, unglaublich dick, mit geschlossenen Augen, kein Mensch mehr, nur noch ein Monster, ein menschenfressendes Monster. Dann bog er sich weit nach hinten, sein Bauch in einer unmöglichen Stellung dem Himmel entgegenstreckend, und lachte. Sein Lachen hallte von den hohen Wänden, verfing sich in den dunkelsten Ecken und dröhnte in den Gängen. Kein menschlicher Laut, ein Lachen von jenseits des Himmels und jenseits der Hölle.

Doch plötzlich begann sich sein Leib zu bewegen. Beulen wuchsen aus seinen Gliedern und im Gesicht, als wolle sich jemand aus ihm herauskämpfen erschien der Abdruck einer Hand, an einer anderen Stelle hoben Finger die Haut, Augen versuchten durch seine Haut zu sehen.

Und er schrie.

26. November 1997

Ende

Der Himmel war weiss, graue Wolken bedeckten ihn, ein scharfer Wind strich über das öde Land. Um ihn herum wuchs grünes Gras, ein dunkles Grün, trist, deprimierend, passend. In der Ferne standen die Berge, schwarz, düster, drohend, weit entfernt. Öde Bäume, gestorben vor viel zu langer Zeit, standen hie und da in der Ebene und streckten ihre kahlen Äste dem trostlosen Himmel entgegen. In der Luft lag der Geruch des Endes, tausend singende Engel hätten die Stille nicht verdrängen können. Bleich stiegen zwei Monde im Osten auf, bald würde die Nacht hereinbrechen und mit ihrer gnadenvollen Dunkelheit die Ödnis zudecken. Falls die Nacht noch kommen würde. Eine starke Windböe zerzauste sein Haar, störend hing es ihm ins Gesicht, doch er hob nicht einmal die Hand. Die nächste Böe würde sie wieder zurückwerfen. Stumm stand er da, niemand kam, da war niemand der hätte kommen können. Weit hinter ihm lag die Stadt voller grauer, trostloser Häuser, himmelhohe Wolkenkratzer, leer, ausgestorben, öde, grau. Er blickte den Bergen entgegen, erwartete irgend etwas, doch als nichts kam, setzte er sich, blickte auf den Boden vor sich, auf das Gras, das dunkelgrüne, triste, deprimierend unpassende Gras. Er erwartete ein Hungergefühl, er fühlte nichts, er fühlte sich nicht, war einfach da, starrte wieder in die Ferne, lauschte der Stille, grau, trostlos, öde, leer, am Ende…

13. November 1997

No Exit

Ich rannte, jeder Schritt, nein, jeder Sprung erschütterte meine Sicht, doch ich sah sowieso nicht mehr viel. Tränen verschleierten den Stollen vor mir, das düstere Licht wechselte mit der hellen Dunkelheit, blind folgte ich dem Gang, immer weiter, immer weiter… In meiner Brust schlug mein Herz zum zerspringen, jeder Atemzug brannte in meinen gepeinigten Lungen, jeder Sprung stach in meine Beine. Ich war zu Tode erschöpft, doch ich durfte nicht stehenbleiben, durfte meinen gequälten Körper nicht ausruhen lassen. Mein ganzes Denken war erfüllt vom Schmerz und der Angst, doch ich musste weiter rennen, immer weiter, nicht stehenbleiben! Verzweifelt wandte ich meinen Kopf nach Ihm um, hoffend, der Abstand zwischen uns sei grösser geworden, doch da war Er, lachend, mir war als flöge er auf mich zu, in den Augen jenes schrecklich siegessichere Lachen. In jenem Moment begriff ich die Sinnlosigkeit meiner Flucht, begriff mein Schicksal und wünschte mir den Tod statt diesem unendlichem Grauen. Erschöpft blieb ich stehen, mein Herz schlug weiter, dankbar sog meine Lunge die Luft ein, schon fiel ich auf die Knie, da erreichte Er mich. Er hüllte mich ein, mit seiner Aura, mit seinem Umhang, heiss brannte sein Atem in meinem Nacken. Schon wollte mich das Grauen übermahnen, da begriff ich meine unsinnige Angst, erkannte meinen Irrtum. Erschöpft und dankbar fiel ich in seine Arme und in einen tiefen Schlaf…

11. Juni 1997

Seine Augen

Seine Augen waren etwas sehr Besonderes. Anfangs dachten wir, das Licht spiele uns Streiche, oder er trage Kontaktlinsen. Doch dann bemerkten wir, dass seine Augen wirklich ihre Farbe wechselten. Manchmal waren sie grün, dann ging es ihm gut, er war freundlich und aufmerksam. Bei Braun war er glücklich, erzählte Witze und lachte mit uns. Mit dieser Augenfarbe lernte er am meisten Leute kennen, sie passte so gut zu seinen blonden Haaren. Obwohl sich nie jemand für sein Aussehen interessierte, alle blickten nur in jene seltsamen Augen. Wer im unsympathisch war, wurde mit einem eiskalten, blauen Blick bedacht, wen er gar hasste, sah in feuerrote Augen. Manche spekulierten, ob er vielleicht ein Ausserirdischer sei, denn in seinen Augen war nichts. Es heisst, die Augen seien die Fenster zur Seele. Vielleicht hatte er gar keine. Denn eigentlich hatte er nichts. Er kam zur Schule, jeden Tag, solange sich die Lehrer erinnern konnten, und war dennoch nie gealtert. Vielleicht war er ein Geist, gebunden an diesen Ort, verdammt, auf ewig hier zu bleiben. Manchmal waren seine Augen gelb. Das machte uns Angst, dann keiner von uns hatte so etwas schon einmal gesehen, und keiner wusste, was es zu bedeuten hatte. Aber wir hatten uns an ihn gewöhnt, fast war er einer von uns. Bis zu jenem Tag, als seine Augen weiss wurden…

29. November 1996