Salz und Zucker standen nach altem Brauch nebeneinander im Gewürzschrank. Beide in Gläsern, die fein säuberlich mit dem Inhalt angeschrieben waren. Eines Tages nun fiel das Salz von seinem Platz. War es Zufall? Oder vielleicht Schicksal? Wer vermag das zu sagen. Denn auch der Zucker fiel zu Boden. Der Deckel seines Glases rollte der Hausfrau vor die Füsse, die, durch ein klirrendes Geräusch aufgeschreckt, herbeigeeilt war.

Salz und Zucker umarmten sich innig, Kristall für Kristall. Und sie umarmten sich immer noch, als sie nach beschwerlicher Reise in der Müllverbrennungsanlage anlangten, dort, wo alles irgendwann hinkommt, jede Dose und jede Bananenschale und jeder gebrauchte Briefumschlag.

Und als der Zucker braun wurde, ob des vielen Lichtes, da verschmolzen Salz und Zucker, um am Ende von den Flammen ihrer innigen Liebe verzehrt zu werden…

Der Mann, der den Schwenkarm weit über dem Feuer bediente, träumte von einem Jahrmarkt, von Kebab und gerösteten Mandeln.

8. Januar 1998

W. war krank. Schwer? Nein, ich denke nicht. Er hat sich auf alle Fälle nie deswegen beschwert. Weshalb hätte er das auch tun sollen? Kurz nach Ausbruch seiner Krankheit (und vor seinem Tod) sagte er mir einmal, er bedaure es nicht, krank zu sein. Er habe vorher nicht gelebt, meinte er. Anfangs war seine Krankheit auch nicht schlimm, im Gegenteil, er fühlte sich hervorragend, und mit jedem Tag, der verging, fühlte er sich noch besser. Er war glücklich.

Er lebte gerne, genoss jeden Augenblick, liebte jeden Menschen, bewunderte jede Pflanze. Doch eines Tages verkehrte sich alles ins Gegenteil. W. begann zu Leiden. Und er litt, wie er zuvor geliebt und genossen und bewundert hatte.

Sein Leiden war ebenso kurz wie sein Lieben. Bald darauf beging er Selbstmord. Es war, als ob er sein Leben gelebt hätte, als ob kein Platz mehr wäre für ihn als wäre alle Liebe und alles Leid verbraucht, in dieser kurzen, intensiven Zeit.

Ich bewunderte ihn.

Wie viele Menschen leben ihr Leben in grauer Eintönigkeit, lieben ein bisschen, leiden ein bisschen, und sterben am Ende –nein nicht ein bisschen, aber unspektakulär.

Was würde aus der Menschheit werden, wenn alle wie W. leben würden? Es gäbe keine Kinder, keine Grenzen.

Es ist wohl wenigen vergönnt, ein Leben wie W. zu führen. Ich gehöre nicht zu jenen. Doch manchmal denke ich so bei mir, dass ich sehr viel Glück hatte, W. zu kennen. Denn ein bisschen hat er sein Leben auch für mich gelebt…

14. Januar 1998
Nach der Lektüre ‚Die Leiden des jungen Werther‘

JIL SANDERS, eine aus der SERENGETI- Wüste nach Amerika emigrierte alte Frau, und A MEN namens HUGO, machten sich an einem schönen Tag mit ihrem Hund CHIPIE auf, die berühmte ORCHIDEE der AZTEKen zu suchen. Auf der ROUTE 66 fuhren sie mit ihrem DIESEL- betriebenen Auto von der TOSCAna zum CAP NATURE. Auf ihrer Reise kamen sie an einem IndianerLAGER und einigen FELDern vorbei. In der CASCAYA machten sie einen Zwischenstopp, um die JARDINS DU MONDE zu besichtigen. Nach einigen Tagen und Nächten voller SUN, MOON AND STARS erreichten sie endlich das CAP NATURE. Die letzten 100 m hatte HUGO dauernd „J’ARRIVE, J’ARRIVE“ gesungen, und so war JIL SANDERS sehr froh, endlich aussteigen zu können. Auch wollte sie ihrem durstigen Hund, der während den letzten 200 m andauernd „NAF NAF“ machte, etwas KÖLNISCH WASSER zu trinken geben.

Schliesslich wanderten alle drei in den DEEP FOREST, bis ihnen vor einer Quelle mit COOL WATER die Göttinnen HERRERA und LYRA erschienen. Obwohl die beiden einige ALLUREn hatten, erzählten sie JIL SANDERS und HUGO ALL ABOUT EVE. Bis HUGO fragte: „And WHAT ABOUT ADAM?“ Das warf die beiden Göttinnen völlig aus dem Konzept. Um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, tanzten sie einen SAMBA und tranken etwas COCOSmilch. Dann fragten die beiden JIL SANDERS und HUGO: „Warum seid ihr überhaupt hier?“ „Wir wollen ein DOLCE VITA führen“, antwortete ihnen HUGO. „Dazu müsst ihr nach EDEN. Aber das ist ein L’INTERDIT. Nur die ANGELs dürfen das.“ Alle drei waren für einen MOMENTS zutiefst deprimiert. Als sie wieder zu Hause waren, frönte HUGO weiter seiner OBSESSION: dem POLO SPORT. JIL SANDERS veranstaltete bei SUNSHINE ein EXTASEisches CHAOS im ROSEnbeet, worauf sie sich zwar wieder FRESH’N’COOL fühlte, aber auch von der Polizei verhaftet wurde.

Ihr Hund CHIPIE schliesslich beging Selbstmord. Er wollte unbedingt nach EDEN und singt dort nun mit den ANGELs MELODY DREAMS…

18. Februar 1998

Weihnachten ist nun schon wieder vorbei, und mit ihr der ganze Stress… und wohl auch wieder ein paar Ehen.

Statistiken belegen, dass während der Weihnachtszeit, wenn eigentlich Liebe, Friede und Eintracht herrschen sollten, die meisten Scheidungen eingereicht werden. Doch auch ganz allgemein ist die Scheidungsrate in den letzten Jahren beständig gestiegen. Die rufe nach Alternativen, sogar nach einer Umgestaltung der Ehe, werden immer lauter. Viele Menschen bezeichnen bereits heute ihren festen Freund oder ihre feste Freundin als „Lebensabschnittspartner“, um klar zu machen, dass sie nicht an ein Zusammenbleiben „bis dass der Tod uns scheidet“ glauben. Doch bevor wir über die Alternativen zu diskutieren beginnen, sollten wir uns zuerst mit dem Grundproblem, der Ehe beschäftigen. Was ist die Ehe überhaupt? Wir alle kennen sie: zwei Menschen, eine Frau und ein Mann, stehen vor dem Traualtar und schwören sich vor dem Priester und den Anwesenden (unter anderem) ewige Liebe und Treue. Früher hatte dieser Schwur einen einleuchtenden Sinn: ab diesem Zeitpunkt konnte der Ehemann ziemlich sicher sein, dass es sich bei den Kindern, welche die Frau gebären würde, um seine Nachkommen handelt und nicht die eines anderen. Ich habe absichtlich das Wort „ziemlich“ eingeschoben, denn eine absolute Sicherheit gibt es ja nie. Der Mensch ist ein triebhaftes Wesen, das lehrt uns schon die Bibel, und insbesondere das Fleisch ist schwach. Der Seitensprung ist heute, wie die Scheidung, zum Alltag geworden, wobei ihn beide Partner gleichermassen begehen können. Den Glauben an die ewige Liebe haben viele Menschen sowieso schon abgelegt, und meiner Meinung nach ist das auch gut so. Mich hat zwar kürzlich ein Freund mit seinem Bekenntnis zum Glauben an die ewige Liebe ziemlich schockiert. Ich bin nun seit einem Jahr mit meinem Freund zusammen. Diese Tatsache lässt mich glauben, dass ich auch ein paar Aussagen zur Ehe machen kann. Zum Beispiel, dass sie nicht immer leicht ist. Man muss sich nun einmal, nachdem man den feierlichen Schwur geleistet, bzw. das Dokument auf dem Standesamt unterzeichnet hat, täglich mit einem anderen Menschen auseinandersetzten, der seinen eigenen Kopf, seine eigenen Ideen und Gefühle hat. Man muss Kompromisse eingehen und auch mal zurückstecken. Viele Leute sind heute nicht mehr bereit, Kompromisse einzugehen. Sie wollen ihr Leben leben, wie sie es sich vorstellen. Wenn der andere die gleichen Vorstellungen hat: gut. Wenn nicht: und tschüss! Das wird ein Streit nicht mehr mit einer Lösung beendet, sondern mit einem Anruf beim Scheidungsanwalt. Und warum auch nicht, das ist ja auch viel einfacher und bequemer. Schliesslich wird heute von allen erwartet, dass man sich durchsetzen kann. Warum nur im Beruf, und nicht auch in der Ehe? Ein letzter Punkt, auf den ich noch kurz eingehen möchte, ist die Liebe. Vielleicht bin ich in dieser Beziehung etwas zynisch, aber ich glaube nicht, dass man sich ein Leben lang lieben kann. Darauf bin ich durch meine Eltern gekommen. Die haben sich aneinander gewöhnt. Liebe? Nein, die herrscht wohl nicht mehr. Dadurch kann ich aber einen Seitensprung gut verstehen: das Gefühl des Verliebtseins ist unheimlich schön. Und stark. Kein Wunder, dass manche Menschen zu regelrechten „Beziehungsjunkies“ mutieren! Ist dieses starke Gefühl des Verliebtseins weg fackelt man nicht lange, sondern sucht sich einen neuen Menschen, in den man sich velieben kann.

Eigentlich ist es schade, dass so viele Menschen ihren Glauben an die Ehe verloren haben. Für mich ist sie nach wie vor ein Symbol der Sicherheit und Geborgenheit. Auch ich will irgendwann heiraten. Aber ich mache mir keine Illusionen: ich rechne mit mindestens einer Scheidung in meinem Leben. Ich finde das nicht so schlimm, hoffe aber, dass die Sache nicht zu schmutzig ablaufen wird. (Man kann sich ja friedlich scheiden lassen oder einander das Leben schwer machen.)

Nur mit einem Lebensabschnittspartner zusammen leben möchte ich nicht. Ich sehe die Ehe als ein Zeichen: „He, seht her, wir gehören zusammen! Vielleicht nicht für immer, aber für eine lange Zeit!“ Ausserdem, wer will schon auf den Hochzeitsstress verzichten? Ich bin jedoch auch der Meinung, dass die Ehe reformiert werden muss, vor allem von den Kirchen. Es müssen neue, eheähnliche Formen gefunden werden! Insbesondere für homosexuelle Paare, und Paare, die bewusst ohne Trauschein leben. Beide werden ja, obschon sie in einer eheähnlichen Gemeinschaft leben, vom Gesetz nicht als solche anerkannt. Was ich ungerecht finde, mich aber zu einem schönen Schluss bringt. Ein Mann, er hat Krebs und wird bald sterben, und seine Freundin, sie hat auch Krebs, wird aber voraussichtlich noch ein paar Jahr leben, haben vor kurzem geheiratet. Mit 80 Jahren! Damit sie im Falle seines Todes abgesichert ist und ihn beerben kann. Die beiden sind schon seit 40 Jahren ein glückliches Paar. Ich sage nur: Und es geht also doch ohne Trauschein!

12.Januar 2000

17.1.00: Über dieses Thema könnte ich wohl noch hundert Seiten füllen. Leider hatte ich aber nur 2 Stunden Zeit dafür. 🙂

Ausgerissen, endlich weg von zu Hause! Viele setzen das Ausreissen mit der Romantik der Cowboys aus der Malboro-Werbung glich, andere verdammen es wie die Hölle selbst. Das es aber auch ganz anders sein kann, habe ich erlebt.

Ich bin abgehauen, über die Gründe muss ich wohl kaum sprechen, sie gleichen sich bei allen Ausreissern, Krach mit den Eltern, Stress mit den Lehrern, Notendruck. Ich packte meine Sachen, ging zum Bahnhof und verlangte eine Fahrkarte für alles Gelt, das ich hatte. Der Schalterbeamte lächelte mich an, bückte sich unter die Theke und zog eine rote Fahrkarte hervor. Langsam schob er sie unter der Trennscheibe hindurch. Was es koste, fragte ich etwas erstaunt. Nichts, sagte er immer noch lächelnd. Für welche Route die Fahrkarte gültig sei? Für jede Route, antwortete er. Ich verliess den Schalterraum und stieg in einen wartenden Zug ein. Nachdem er angefahren war, kam der Schaffner. Er fragte nach meinem Fahrschein. Etwas schüchtern gab ich ihm den meinen. Er sah ihn an, holte dann langsam einen ‚Knipser‘‘ aus seiner Tasche und lochte meine Karte. Lächelnd gab er sie mir zurück. Mir schien, als hätte das Loch die Form eines Totenschädels. Als ich wieder aufblickte, lachte mich der Schaffner aus leeren Augen an und sagte: „Willkommen im…“. Das letzte Wort konnte ich nicht hören, wohl sprach er es aus, doch kein Ton kam über seine Lippen.

Seit jener Zeit sitze ich hier, aussteigen ist nicht möglich, denn er hält nicht mehr, der Totenzug…

29. März 96

Zugfahrt I

Seit eineinhalb Jahren fahre ich täglich mit dem Zug zur Schule. Noch nie war mir etwas Seltsames dabei passiert.

Auch jener Tag hätte ganz normal werden sollen, denn er begann ganz normal. Ich stand um fünf Uhr auf, duschte, trank zwei Tassen Kaffee und verliess eine Stunde später mit dem Mofa das Haus. Draussen empfing mich ein schöner Frühlingsmorgen, noch war es etwas kühl, aber auch wunderbar klar. Am Horizont erschien das erste Morgenrot und in den Bäumen zwitscherten die Vögel in einem hundertstimmigen Chor. Die ersten Sonnenstrahlen fielen auf die Häuserdächer, als ich mein Mofa abstellte. Um halb sieben traf der Regionalzug am Bahnhof ein und ich setzte mich wie gewöhnlich im zweiten Abteil des zweitletzten Waggons auf den Fensterplatz gegen die Fahrtrichtung. So konnte ich nämlich den Sonnenaufgang betrachten, einer der wichtigsten Gründe, weshalb ich nie den späteren Schnellzug nehme. An jenem Morgen nickte ich ganz gegen meine Gewohnheit ein. Als ich wieder erwachte, hatte ich den Sonnenaufgang verpasst und befand mich nur noch eine Station von meinem Ziel entfernt. Im Waggon war es sonderbar still, auf der ganzen bisherigen Strecke schienen keine neuen Reisenden eingestiegen zu sein. Nur mir gegenüber sass ein lächelnder Mann. Ich bin nicht sonderlich gut im Schätzen des Alters, doch er musste so um die Dreissig gewesen sein. Er hatte ein schmales Gesicht mit messerscharfen Zügen. Seine dezenten Augenbrauen und die lange gerade Nase gaben ihm irgendwie ein… antikes Aussehen. Seine pechschwarzen Haare waren kurzgeschnitten, und er war vollkommen schwarz gekleidet. Seine Augen bildeten zu alledem einen seltsamen Kontrast. Sie waren von einem intensiven Hellblau und schienen unter den Stirnsträhnen hervorzuleuchten. Seine Lippen waren zu einem dauernden Lächeln verzogen. Unwillkürlich musste ich zurücklächeln. So sassen wir da, ich starrte ihn an, er lächelte mir zu, und schliesslich hätte ich beinahe meine Station verpasst. Als der Zug stehen blieb, schreckte ich auf und griff eilig nach meiner Tasche. Schüchtern quäkte ich ein „Auf Wiedersehen“ hervor und verliess den Waggon. Bevor ich jedoch ganz aus der Tür trat, blickte ich noch einmal zurück. Er hatte sich erhoben und stand im Durchgang. Lässig lagen seine Hände rechts und links auf den Kopflehnen. Lächelnd rief er mir nach: „Auf Wiedersehen!“ Ein eisiger Schauer lief über meinen Rücken und ich verliess schnell den Waggon. Als ich mich nochmals umdrehte, war der Zug weg.

In der Schule erfuhr ich dann, dass mein Zug schwer verunglückt war. Es hatte trotz der frühen Morgenstunde zahlreiche Verletzte und sogar Tote gegeben. Die Bahnstrecke musste für einige Tage gesperrt werden, und so holte mich meine Mutter mit dem Auto ab. Als wir an der Unglücksstelle vorbeifuhren, lief mir wieder ein eiskalter Schauer über den Rücken. Schliesslich passiert es nicht jeden Tag, dass der Tod einen Menschen persönlich zur Schule bringt. Und ich werde ihn wieder sehen…

3. März 1997

Ich sass im Zug. Wieder. Es wieder. Jeden Tag. Morgens. Abends. Hin und zurück.

An jenem Tag war ich auf dem Heimweg. Müde von der Arbeit schaute ich abwesend aus dem Fenster. Draussen war es grün geworden, der Winter hatte das Land lange in seiner Hand gehabt. Ich genoss die frischen Wiesen, bewunderte die Schönheit der neuen Blätter. Es war wunderbar, ohne Zweifel. Der Zug war voll mit Leuten, dich wie ich nach Hause wollten. Viele unterhielten sich. Manche schliefen, andere hörten Musik. Sie störten mich nicht.

Plötzlich wandte ich meinen Blick ab vom Fenster. Jemand war neben meinen Platz getreten. Ich sah auf und erkannte die Augen wieder, die mich erkannten. Es war der Tod.

Ich fühlte, wie sich meine Brust zusammenzog. Alle Haare begannen sich aufzustellen. Kalter Schweiss brach mir aus. „Hallo“, hauchte ich atemlos. Der Tod sah mich lächelnd an. Ich kannte ihn von einer anderen Begegnung. Noch immer war er schön. Mit schwarzen Haaren, blauen Augen, schwarz gekleidet. Die Lippen zu einem ewigen Lächeln verzogen. Ich staunte über ihn, fasste mich wieder und fragte dann etwas schüchtern: „Was tust du hier?“ Sein Lächeln wurde etwas breiter, doch er blieb stumm. „Bist du wegen mir hier?“, hackte ich nach. Er blickte mich weiter ohne ein Wort zu sagen, an. Die Frauen, die mir gegenüber sassen, unterbrachen ihr Gespräch und sahen den gutaussehenden Fremden neugierig an, der da so stumm lächelnd neben mir stand. Ich war mir ihres Lauschens unangenehm bewusst, als ich weiterfragte: „Wird etwas mit diesem Zug passieren?“ Der Tod beugte sich lächelnd zu mir hinab und küsste mich. Einen Moment war mir, als sähe ich Gesichter von Menschen, alten, jungen, schmerzverzerrt und selig lächelnd, schreiend und lachend, Soldaten, Hausfrauen, Abwarte, Schulkinder, Computerleute, Wissenschaftler, Höhlenmenschen, Künstler, sie alle, alle sah ich, in einem Moment, einer Sekunde, einem Augenblick.

Dann war es vorbei. Der Tod schenkte mir ein letztes Lächeln. Sagte: „Auf Wiedersehen“ und drehte sich um. Ging den Gang entlang und verschwand.

6. Mai 2001

Ich sass im Zug. Draussen war es noch dunkel, meine Uhr bestand darauf, dass es sechs Uhr dreissig sei. Ich war müde. Das eintönige Rattern der Räder wirkte beruhigend und so lehnte ich meinen Kopf ans Fenster und starrte hinaus. Alles was ich erkennen konnte, war der Boden neben den Gleisen und natürlich die Spiegelung der Bänke im Fenster. Ein anderer Fahrgast betrat das Abteil und setzte sich auf die Bank zu meiner Linken. Im Spiegel sah es so aus, als sei sein Geist etwas zu gross für den Körper, als schwebe er einige Zentimeter um ihn herum. Ein weiterer Fahrgast setzte sich dem anderen gegenüber und begann sich lächelnd mit ihm zu unterhalten. An der nächsten Station standen die beiden auf und verliessen den Waggon. Ich beobachtete sie im Spiegelfenster. Der zweite Reisende liess dem ersten den Vortritt. Ich wendete meinen Kopf um ihn etwas genauer zu betrachten, doch da war niemand! Ich blickte wieder in den Spiegel. Dort stand er und lächelte mich traurig an. Dann verschwand er. Ich war verblüfft, schob das Ereignis aber auf meine Müdigkeit. Ich starrte weiter in den Spiegel. Dann kam der Schaffner. Auch er war nur ein Geist, aus den Augenwinkeln sag ich die Leere neben mir. Ich suchte nach meinem Portemonnaie und zog meine Fahrkarte heraus. Dann streckte ich meine Hand zum Gang aus und korrigierte die Richtung mit Hilfe des Spiegelbildes. Eine seltsame Pantomime. Der Schaffner nahm die Fahrkarte lächelnd entgegen, knipste sie ab und gab sie mir zurück. Ich riss meinen Blick vom Bild im Spiegel und betrachtete das Stück Papier in meiner Hand. Ein kleines Loch grinste mir entgegen. Als ich den Kopf wieder hob, sass ich im Spiegel. Im Fenster zu meiner Rechten konnte ich auf der leeren Bank meine Mappe erkennen. Der Schaffner stand neben mir und lächelte. Ich lächelte zurück und stand dann auf. Der Zug auf der anderen Seite füllte sich langsam mit Menschen. Sie sprachen aufgeregt miteinander, doch hier, wo ihre Geister sichtbar waren, schwiegen sie. Ich lief die Reihen entlang, setzte mich manchmal hin und unterhielt mich mit den Fahrgästen. Manchmal sah ich hier auch zwei, die sich wirklich unterhielten, doch im Fenster schwiegen sie sich nur an. Ich beneidete diese Menschen um ihre stumme Zwiesprache. Ich lächelte. Ich lächelte nun immer. Ich war glücklich.

Zum ersten Mal in meinem Leben wirklich glücklich…

7. Dezember 1996

Ich sass im Zug. Draussen war es noch dunkel, meine Uhr bestand darauf, dass es sechs Uhr dreissig sei. Ich war müde. Das eintönige Rattern der Räder wirkte beruhigend und so lehnte ich meinen Kopf ans Fenster und starrte hinaus. Alles was ich erkennen konnte, war der Boden neben den Gleisen und natürlich die Spiegelung der Bänke im Fenster. Ein anderer Fahrgast betrat das Abteil und setzte sich auf die Bank zu meiner Linken. Im Spiegel sah es so aus, als sei sein Geist etwas zu gross für den Körper, als schwebe er einige Zentimeter um ihn herum. Ein weiterer Fahrgast setzte sich dem anderen gegenüber und begann sich lächelnd mit ihm zu unterhalten. An der nächsten Station standen die beiden auf und verliessen den Waggon. Ich beobachtete sie im Spiegelfenster. Der zweite Reisende liess dem ersten den Vortritt. Ich wendete meinen Kopf um ihn etwas genauer zu betrachten, dich da war niemand! Ich blickte wieder in den Spiegel. Dort stand er und lächelte mich traurig an. Dann verschwand er. Ich war verblüfft, schob das Ereignis aber auf meine Müdigkeit. Ich starrte weiter in den Spiegel. Dann kam der Schaffner. Auch er war nur ein Geist, aus den Augenwinkeln sag ich die Leere neben mir. Ich suchte nach meinem Portemonnaie und zog meine Fahrkarte heraus. Dann streckte ich meine Hand zum Gang aus und korrigierte die Richtung mit Hilfe des Spiegelbildes. Eine seltsame Pantomime. Der Schaffner nahm die Fahrkarte lächelnd entgegen, knipste sie ab und gab sie mir zurück. Ich riss meinen Blick vom Bild im Spiegel und betrachtete das Stück Papier in meiner Hand. Ein kleines Loch grinste mir entgegen. Als ich den Kopf wieder hob, sass ich im Spiegel. Im Fenster zu meiner Rechten konnte ich auf der leeren Bank meine Mappe erkennen. Der Schaffner stand neben mir und lächelte. Ich lächelte zurück und stand dann auf. Der Zug auf der anderen Seite füllte sich langsam mit Menschen. Sie sprachen aufgeregt miteinander, doch hier, wo ihre Geister sichtbar waren, schwiegen sie. Ich lief die Reihen entlang, setzte mich manchmal hin und unterhielt mich mit den Fahrgästen. Manchmal sah ich hier auch zwei, die sich wirklich unterhielten, doch im Fenster schwiegen sie sich nur an. Ich beneidete diese Menschen um ihre stumme Zwiesprache. Ich lächelte. Ich lächelte nun immer. Ich war glücklich. Zum ersten Mal in meinem Leben wirklich glücklich.

Blick- In den letzten Monaten verschwanden auf unerklärliche Weise immer wieder Leute aus den Zügen der SBB. Von den Vermissten ist meist nur noch ein Koffer, eine Schulmappe oder ein Mantel zu finden, der im Abteil zurückgelassen wurde. Die Polizei vermutet…

Ich war wirklich glücklich

7. Dezember 1996

Ich stand in den heiligen Hallen von einst. Ein Jahr war ich nun schon vom Gymnasium weg. Ein Jahr lang hatte ich keine der Treppen hier bestiegen, keinen Gang durchschritten, in keinem Zimmer gesessen. Unser Klassentreffen fand im dritten Stock statt. Im Zimmer 305, dem Klassenraum unseres ehemaligen Klassenlehrers. Wg A fand sich wieder im Kantonsschulgebäude ein.

Ich war früh gekommen, hatte niemanden getroffen auf meinem Weg nach oben. Kurz war ich stehen geblieben. Nun horchte ich in die Gänge. Die Luft roch nicht mehr vertraut. Unsere Stimmen waren verblasst und hallten nicht mehr von den Wänden wieder. Im Geiste sah ich Schüler an mir vorbeilaufen. Ich war selber eine von ihnen. Auf dem Weg in ein anderes Zimmer. Kaugummikauend. Eine tonnenschwere Schultasche über der Schulter. Meine Handtasche kam mir wie ein schlechter Witz vor. Hie und da traf ich eine Bekannte aus einer anderen Klasse. Man wechselte ein paar Worte. Wünschte sich einen schönen Tag. Begrüsste im Vorbeigehen mit einem Nicken den Jungen aus dem Freikurs „Schreibwerkstatt“. Erinnerte sich an eine Stunde oder ein Gespräch. Wünschte sich das Wochenende herbei, obschon doch erst Dienstag war.

Am schwarzen Brett hingen die Listen wie immer. Informationen, die nicht für mich waren. Die mir nichts sagten. Mein Herz schlug schwer gegen den Brustkorb. Nein, ich vermisste die Schule nicht. Ich war glücklich, als ich meine 4,5 Jahre überstanden hatte, und ich war noch glücklicher mit meinem Job. Informatikerin, wer hätte gedacht, dass ich es durchzog? Noch war ich mitten in der Ausbildung. Genau wie die anderen, die mich ein Stockwerk höher erwarteten. Hatten sich endlich alle entschieden, was sie machen wollten? Hatten sie sich fest verändert? Wie ging es Fred, der ein Jahr in Amerika war und erst gestern zurückgekommen war? Wie Silvia, die sich nicht zwischen den Studienrichtungen Psychologie und Geologie entscheiden konnte?

Ich stieg die letzte Treppe hinauf. Ein paar Stimmen hallten mir nach. Von irgendwo wehte mir der Geruch von feuchter Regenkleidung entgegen. Das Treppengeländer fühlte sich vertraut an.

Die Halbdunkelheit irritierte mich. Die Gänge kamen mir seltsam lang und hoch vor. Die Türen waren neu gestrichen worden, irgend ein Künstler hatte der Schule eine Skulptur geschenkt und der Plattenboden war völlig neu verlegt worden. Wieder stand ich halb auf der Treppe. Wieder auf dem Weg ins Zimmer 305. Ich hatte es nur noch verschwommen in Erinnerung. In der Jackentasche umklammerte ich nochmals das Papier mit den Namen meiner ehemaligen Mitschüler. Ich hatte die Liste zwei Tage lang immer wieder durchgelesen. Ob ich die passenden Gesichter erkennen würde? Wieder war ich früh dran. Wieder kein Geräusch. Das Gebäude war eigenartig leer. Fremd, nach 20 Jahren. Ich konnte mich kaum noch an das Leben hier erinnern. Versuchte mir, ein paar Schüler vorzustellen, die an mir lachend und plappernd vorbei schlenderten. Doch irgendwie waren sie alle zu gross, zu alt. Ich ging in das Klo im zweiten Stock. Das war immer noch gleich. Roter Kachelboden. Nur die Türfallen sahen etwas zerkratzter aus. Eine Jugendliche hatte ihre Initialen in das Holz der Kabinenwand geschnitzt.

Ich wusch mir die Hände. Blickte in den Spiegel. Sah mein mir vertrautes Gesicht. Ich war nun Vierzig. Das Haar war hie und da von grauen Haaren durchzogen. Die ersten Falten legten sich verräterisch um die Augen, bald würde ich sie nicht mehr mit einem freundlichen Lächeln verstecken können. Ich entdeckte das junge Gesicht in meinem wieder. Dennoch war es mir fremd. Die Erinnerungen waren alt, der Geruch nicht mehr vertraut. Das Gebäude nicht mehr vertraut. Ich konnte mich nicht mehr an das Gefühl erinnern, hier zur Schule zu gehen. Durch die Gänge zu laufen. In langweiligen Schulstunden zu sitzen. Es war erschreckend. Zwanzig mickrige Jahre. Und sie waren wie im Flug vergangen! Doch schon schien mir alles so unwirklich, als hätte ich noch gar nicht richtig in der Realität gelebt, als ich täglich hier her kam. Ich dachte an die Zeit zurück, die vergangen war. Und was alles geschehen ist seither. Kriege auf der ganzen Welt. Skandale. Computer waren selbstverständlich geworden. Ich hatte viel gelernt und war immer noch mit Begeisterung am arbeiten. Ich hatte viele Menschen kennengelernt. Einige Beziehungen, längere, kürzere. Ferien in Frankreich, ein halbes Jahr. Krebsverdacht und die Erleichterung, als der negative Befund kam. Der Unfalltod eines Freundes, der Freitod einer Bekannten. Eltern sind gestorben und Kinder geboren worden. Ich war in anderen Schulen in andern Klassenzimmern gesessen. Nun würde ich meinen alten Klassenlehrer aus der Zeit im Gymnasium wieder sehen. Meine alten Mitschüler. Was aus ihnen geworden sein mochte? Wohin es sie verschlagen haben mag? Ob sie alle kommen würden? Diesmal war es schwerer. Doch ich war auch gespannt, die Leute zu sehen. Ich versuchte mich vorzubereiten. Es waren schliesslich alles Fremde. Seltsames Gefühl. Schliesslich waren wir mal 4,5 Jahre tagtäglich zusammen. Das Treppengeländer war neu lackiert worden.

Die Kantonsschule war wieder vergrössert worden. Drei neue Turnhallen, zwei waren abgerissen worden. Ein neues Schulgebäude stand neben dem alten. Ich war vorhin daran vorbeigekommen. Es gefiel mir. Die Erbauer hatten es gelb streichen lassen. Eine freundliche Farbe. Hier hatte sich kaum etwas verändert. Äusserlich nicht, hatte mir mein ehemaliger Klassenlehrer erklärt, der mich ein Stück begleitete. Doch man hatte Wände durchbrochen und immer zwei Schulzimmer zu einem vereint. Auch 305 bestehe jetzt aus 305 und 306. Das war dringend nötig gewesen. Die Klassen seien in den letzten Jahren immer grösser geworden. Ein Blödsinn, schliesslich könne ein Lehrer doch nicht 35 Schüler unter Kontrolle halten. Aber die Nachfrage bestünde, und sie seien nun mal ein Dienstleistungsbetrieb, der sie zu befriedigen habe. Ich musste lachen. Hatte nicht vor 40 Jahren ein anderer Lehrer etwas ähnliches gesagt? Er war mittlerweilen gestorben. Ich war an seiner Beerdigung, hatte sogar ein paar andere Mitschüler getroffen. Einer hatte mir erzählt, dass Fred an einem Herzinfarkt gestorben sei. Zu viel gearbeitet, natürlich. Wir sahen auf den Sarg und hofften wohl beide, dass wir das Pensionsalter noch heil erreichen würden. Und noch ein paar Jahre zur Verfügung hätten.

Im Gebäude war es still. Ich kannte den Weg. Aus Rücksicht auf mein Alter hatte an mir ein Zimmer im ersten Stock gegeben. Das war sowieso praktischer, dauernd kamen neue Computer, und die immer wieder in den dritten Stock zu schleppen schien mir sinnlos. Das Treppengeländer war durch so ein modernes Ding aus Stahl ersetzt worden. Ziemlich kalt, wenn man es anfasste. Wie er seine Rente verbringe, hatte ich meinen Klassenlehrer gefragt. Er reise viel, war seine Antwort, natürlich, aber er könnte nicht mehr überall hin, es bestünden halt auch gesundheitliche Risiken für so einen alten Mann wie ihn. Eine Schülerin lief an mir vorbei. Ein junges Ding von 19 Jahren. Sehr begabt im Umgang mit dem Computer. Sie nickte mir grüssend zu. Ich freute mich auf das Gesicht meines ehemaligen Klassenlehrers. Er würde sicher sehr überrascht sein zu hören, dass ich hier Schule gab. Lächelnd liess ich das kalte Treppengeländer los und öffnete die Tür zum Zimmer 305.

4. März 2001