Ich schreibe dies auf in der Hoffnung, dass es jemand irgendwann einmal lesen wird. Denn ich glaube, dass ausser mir auch andere überlebt haben. (Was auch immer zu überleben war.) Falls dies tatsächlich der Fall sein sollte, werde ich das aber nie erfahren, die Einsamkeit ist so schwer und mir fehlt mittlerweilen jeder Lebensmut. Trotzdem sollte diese Geschichte erhalten bleiben, als Zeugnis für meinen aussichtslosen Kampf mit der Wirklichkeit … oder der Phantasie.

Es begann vor drei Wochen. Oder vor vier. Das ist im Grunde auch egal, ich habe aufgehört, die Tage zu zählen. Es war ein ganz normaler Schultag. Ich stand um 6.00 Uhr auf, stellte mich unter die Dusche und verschwendete eine Viertelstunde Wasser. Dann zog ich mich an und erhitze in der Mikrowelle Milch, trank einen Kaffee, packte mein Schulzeug und mein Mittagessen zusammen und machte mich auf den Weg zum Bahnhof. Dort angekommen, bemerkte ich etwas irritiert, dass Angela, eine Schulfreundin, heute nicht da war. “ Was soll’s“, dachte ich mir, es war Herbst und eine Grippewelle trieb ihr Unwesen. Als der Zug kam, betrat ich zum ersten (und letzten) Mal in meinem Leben ein vollkommen leeres Abteil auf dieser Linie. Ansonsten waren die Wagen immer gut besetzt, heute war keine Menschenseele zu sehen. Schwer schnaufend stieg ich in Romanshorn aus und stellte erstaunt fest, dass sonst niemand mehr den Zug verliess. Ja, der ganze Bahnhof war leer! Langsam lief ich an den Waggons vorbei und schaute in jedes Abteil. Nichts, kein Mensch war da! Als ich am Anfang der Eisenbahn ankam, war auch die Kabine des Lokführers leer. Wer aber hatte den Zug bis nach Romanshorn gesteuert? Plötzlich rannte ich in blinder Panik los, über die Geleise auf die SBW zu, die mir in jenem Moment als einzig sicherer Ort erschien. Als ich den Brunnen vor der SBW erreichte, vermaledeite ich den Architekten 1000 mal, welcher den Eingang so geplant hatte, dass man erst das ganze Schulgebäude umrunden musste, um ihn zu erreichen. Bei der Tür angekommen, wurde ich hysterisch, ich schrie und schlug gegen die verschlossene Tür, bis mir irgendwo in meinen verstaubten Gehirnzellen der Gedanke kam, dass ich nur meine Karte hervorholen müsste, um die Tür zu öffnen. Schwer atmend suchte ich in meiner Jacke nach meinem Portemonnaie und zog schliesslich die Türkarte hervor. Ich steckte sie mit zitternden Fingern in den Öffnungsapparat, und stiess die Tür auf. Schnell schloss ich sie wieder und stürmte die Stufen zum 2. Stock hinauf. Die obere Tür stand wie üblich offen, und ich wandte mich sofort nach links, um durch die Verbindungstür zu den Schulzimmern zu gelangen. Ächzend zog ich die schwere Tür auf und stand… plötzlich in meinem Schlafzimmer! Es war deutlich mein Schlafzimmer! Zwar standen die beiden Vogelkäfige leer, doch alles andere war da: Die beiden überladenen Büchergestelle, das Bett, der Schreibtisch, die gleiche vertraute Unordnung beherrschte den Raum. Es war eindeutig mein Schlafzimmer! Langsam tastete ich nach dem Türgriff hinter mir, verliess den Raum rückwärts. Langsam drehte ich mich um und stand… in meinem alten Mathezimmer! Die Inneneinrichtung hatte sich verändert, doch ansonsten war der Raum noch immer so, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Fassungslos stand ich da und starrte das Zimmer an. Doch dann drehte ich mich jäh um und verliess den Raum. Wieder betrat ich einen anderen Ort als ich eigentlich sollte, doch ich rannte einfach weiter und immer weiter, öffnete weitere Türen, durchquerte andere Zimmer. Ich muss Stunden gerannt sein, irgendwann jedoch hatte ich keine Kraft mehr und fiel in die Knie. Ich hatte eben die Küche meiner Grossmutter verlassen und durch die Tür des blauen Zimmers den Gang im obersten Stock der SBW betreten. Zitternd und nach Luft ringend kniete ich da, als ich plötzlich eine eiskalte Hand am Ansatz meiner Wirbelsäule spürte. Sie kroch langsam hinauf, und meine Nackenhaare begannen sich aufzurichten. Die eiskalte Hand des Wahnsinns! Diese Bezeichnung mag kitschig erscheinen, doch bis jetzt ist mir kein zutreffender Begriff eingefallen. Die Hand legte sich sanft um mein Genick, liebkoste die Haut meines Halses … und legte sich mit stählernem Griff um meine Kehle!
Ich rang nach Luft, doch der Wahnsinn drückte unbarmherzig zu, presste jeden Resten Atemluft aus meinen Lungen. Tausend Gedanken rasten mir gleichzeitig durch den Kopf: War ich verrückt? Hatte ich den Verstand verloren? War das alles nur ein Traum? War dies die Hölle? Mir war, als müsse mein Kopf explodieren. Und die Hand drückte weiter, und weiter… bis mich endlich die gnadenvolle Schwärze der Bewusstlosigkeit umgab. Als ich wieder aufwachte, sah ich den Mond. Theoretisch wäre das gar nicht möglich gewesen, wer kann schon durch die Decke sehen? Vielleicht war die Logik ebenfalls verschwunden. Ich fühlte mich geborgen. Umgeben von einem Meer voller flimmernder Sterne sah ich den Mond. Es war als ob ich schwebte. Dieses Gefühl tiefster Geborgenheit, grösster Sicherheit umfing meinen Körper, meinen Geist und meine Seele. Es liess mich alles vergessen, lange lag ich einfach nur da.
Doch plötzlich wurde es dunkel! Es war, als ob grosse Mächte ihren Spass mit mir trieben, denn schlagartig kehrte die Angst zurück. Hatte ich Kind schon angst vor der Dunkelheit, vergrösserte sich diese mit zunehmendem Alter. Ich schloss meine Augen und rührte mich nicht. Und selbst wenn ich es gewollt hätte, meine Muskeln hätten mir nicht gehorcht. In meiner Phantasie sah ich schreckliche Monster und blutrünstige Psychopathen, und gleichzeitig wurde mir wieder meine Einsamkeit bewusst. Ich hatte immer Angst vor der Einsamkeit gehabt, mehr noch als vor der Dunkelheit. Ich erinnerte mich an den Kennenlernabend in der ersten Woche an der SBW. Am Abend hatte ein Schüler auf der Gitarre verschiedene Lieder gespielt, und wir hatten fröhlich mitgesungen. Vereint in einem Kreis, über uns das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Doch plötzlich fühlte ich mich allein. Ich schaute durch die Leute hindurch und blickte auf einen leeren Parkplatz. Ich werde dieses Gefühl der Einsamkeit nie mehr vergessen. In jener Nacht war dieses Gefühl wieder da, doch da waren keine Schulkameraden, die sangen, da waren nur eingebildete Monster und die Angst. Die Angst, der Wahnsinn.
Schliesslich schlief ich ein.

Nun sitze ich hier auf dem Boden des Lernstudios und schreibe diese Zeilen nieder. Ich habe mich eingehend mit dem Gedanken des Selbstmords beschäftigt. Dummerweise fällt mir jetzt eine Geschichte ein, die mir einmal ein Schulkamerad erzählt hat:“ Ein Mann springt vom Dach eines Hochhauses. Als er am 3.Stock vorbeifliegt, läutet da das Telephon. Der Mann stirbt sofort an Herzversagen. Was ist passiert? -Die Antwort ist einfach: Der Weltuntergang fand statt und der Mann dachte, er sei der einzige Überlebende. Er will sich also umbringen. Das klingelnde Telephon aber beweist, das es noch mindestens einen anderen Überlebenden gibt.“ Ha, ha! Wirklich lustig. Das war bestimmt ein Scherz Gottes! Ausserdem bin ich zu feige für Selbstmord.
Ich habe mir viele Gedanken über die Türen gemacht. Was ist, wenn eine davon direkt in das Jenseits führt? Es wird wurde ja oft von einem Tor zum Jenseits gesprochen. Oder ich würde die Hölle betreten? Und was ist mit dieser Tür zum gelben Zimmer? Sie scheint sprechen zu können. Immer wenn ich meine Hand nach der Klinke ausstrecke flüstert etwas in meinem Kopf:“ Tu das nicht! Tu das nicht!“ Wenn sich dahinter die ewige Verdammnis befände, wäre ich das Problem mit dem Selbstmord los. Oder ist diese Stimme nur ein Hirngespinst, meiner Phantasie entsprungen? Diese Fragen machen mich noch wahnsinnig!!! Falls ich es noch nicht bin.

Ich schreibe nun diese letzten Zeilen, denn ich werde heute die Tür zum gelben Zimmer, oder was immer dahinterliegen mag, öffnen. Es hat lange gedauert, bis ich wieder den Gang betreten konnte. Es ist, als wolle eine mir unbekannte Macht meinen Plan vereiteln. Doch ich bin entschlossen! Die Stimme ist nun sehr laut, mit jedem Schritt wird sie durchdringlicher, sie gleicht nun schon einem einzigen Kreischen, ich werde es also so schnell wie möglich hinter mich bringen.
Wahnsinn, ich bin bereit!

Erfundene Geschichte mit wahren Elementen

14. September 1995

Ich schreibe dies auf in der Hoffnung, dass es jemand irgendwann einmal lesen wird. Denn ich glaube, dass ausser mir auch andere überlebt haben. (Was auch immer zu überleben war.) Falls dies tatsächlich der Fall sein sollte, werde ich das aber nie erfahren, die Einsamkeit ist so schwer und mir fehlt mittlerweilen jeder Lebensmut. Trotzdem sollte diese Geschichte erhalten bleiben, als Zeugnis für meinen aussichtslosen Kampf mit der Wirklichkeit … oder der Phantasie.

Es begann vor einigen Tagen. Oder waren es Wochen, gar Jahre? Das ist im Grunde auch egal, Zeit hat keine Bedeutung mehr. Vielleicht ist sie sogar auch verschwunden. Doch ich will nicht vorgreifen. Es war ein ganz normaler Schultag. Ich stand um 6.00 Uhr auf, stellte mich unter die Dusche und verschwendete eine Viertelstunde Wasser. Dann zog ich mich an und erhitze in der Mikrowelle Milch, trank einen Kaffee, packte mein Schulzeug und mein Mittagessen zusammen und machte mich auf den Weg zum Bahnhof. Dort angekommen, bemerkte ich etwas irritiert, dass Angela, eine Schulfreundin, heute nicht da war. “ Was soll’s“, dachte ich mir, es war Herbst und eine Grippewelle trieb ihr Unwesen. Als der Zug kam, betrat ich zum ersten (und letzten)Mal in meinem Leben ein vollkommen leeres Abteil auf dieser Linie. Ansonsten waren die Wagen immer gut besetzt, heute war keine Menschenseele zu sehen. Die schwere Mappe über der Schulter und dementsprechend schnaufend stieg ich in Romanshorn aus und stellte erstaunt fest, dass sonst niemand mehr den Zug verliess. Ja, der ganze Bahnhof war leer! Langsam lief ich an den Waggons vorbei und schaute in jedes Abteil. Nichts, kein Mensch war da! Als ich am Anfang der Eisenbahn ankam, war auch die Kabine des Lokführers leer. Wer aber hatte den Zug bis nach Romanshorn gesteuert? Plötzlich rannte ich in blinder Panik los, über die Geleise auf die SBW zu, die mir in jenem Moment als einzig sicherer Ort erschien. Unterwegs stolperte ich über meine eigenen Füsse, ich verletzte mich nicht, verlor aber meine Mappe und liess sie einfach liegen. Als ich den Brunnen vor der SBW erreichte, vermaledeite ich den Architekten 1000 mal, welcher den Eingang so geplant hatte, dass man erst das ganze Schulgebäude umrunden musste, um ihn zu erreichen. Bei der Tür angekommen, wurde ich hysterisch, ich schrie und schlug gegen die verschlossene Tür, bis mir irgendwann der Gedanke kam, dass ich nur meine Karte hervorholen müsse, um sie zu öffnen. Schwer atmend suchte ich in meiner Jacke nach meinem Portemonnaie und zog schliesslich die Türkarte hervor. Ich steckte sie mit zitternden Fingern in den Öffnungsapparat, und stiess die Tür auf. Schnell schloss ich sie wieder und stürmte die Stufen zum 2. Stock hinauf. Die obere Tür stand wie üblich offen, und ich wandte mich sofort nach links, um durch die Verbindungstür zu den Schulzimmern zu gelangen. Ächzend zog ich die schwere Tür auf und stand… plötzlich in meinem Schlafzimmer! Es war deutlich mein Schlafzimmer! Zwar standen die beiden Vogelkäfige leer, doch alles andere war da: Die beiden überladenen Büchergestelle, das Bett, der Schreibtisch, die gleiche vertraute Unordnung beherrschte den Raum. Es war eindeutig mein Schlafzimmer! Langsam tastete ich nach dem Türgriff hinter mir, verliess den Raum rückwärts. Langsam drehte ich mich um und stand… in meinem alten Mathezimmer! Die Inneneinrichtung hatte sich verändert, doch ansonsten war der Raum noch immer so, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Fassungslos stand ich da und starrte das Zimmer an. Doch dann drehte ich mich jäh um und verliess den Raum. Wieder betrat ich einen anderen Ort, als ich eigentlich sollte, doch ich rannte einfach weiter und immer weiter, öffnete weitere Türen, durchquerte andere Zimmer. Ich muss Stunden gerannt sein, irgendwann jedoch hatte ich keine Kraft mehr und fiel in die Knie. Ich hatte eben die Küche meiner Grossmutter verlassen und durch die Tür des blauen Zimmers den Gang im obersten Stock der SBW betreten. Zitternd und nach Luft ringend kniete ich da, als ich plötzlich eine eiskalte Hand am Ansatz meiner Wirbelsäule spürte. Sie kroch langsam hinauf, und meine Nackenhaare begannen sich aufzurichten. Die eiskalte Hand des Wahnsinns! Diese Bezeichnung mag kitschig erscheinen, doch bis jetzt ist mir kein zutreffender Begriff eingefallen. Die Hand legte sich sanft um mein Genick, liebkoste die Haut meines Halses … und legte sich mit stählernem Griff um meine Kehle! Ich rang nach Luft, doch der Wahnsinn drückte unbarmherzig zu, presste jeden Resten Atemluft aus meinen Lungen. Tausend Gedanken rasten mir gleichzeitig durch den Kopf: War ich verrückt? Hatte ich den Verstand verloren? War das alles nur ein Traum? War dies die Hölle? Mir war, als müsse mein Kopf explodieren. Und die Hand drückte weiter, und weiter… bis mich endlich die gnadenvolle Schwärze der Bewusstlosigkeit umgab. Als ich wieder aufwachte, sah ich den Mond. Theoretisch wäre das gar nicht möglich gewesen, wer kann schon durch die Decke sehen? Vielleicht war die Logik ebenfalls verschwunden. Ich fühlte mich geborgen. Umgeben von einem Meer voller flimmernder Sterne sah ich den Mond. Es war als ob ich schwebte. Dieses Gefühl tiefster Geborgenheit, grösster Sicherheit umfing meinen Körper, meinen Geist und meine Seele. Es liess mich alles vergessen, lange lag ich einfach nur da.
Doch plötzlich wurde es dunkel! Es war, als ob grosse Mächte ihren Spass mit mir trieben, denn schlagartig kehrte die Angst zurück. Hatte ich Kind schon angst vor der Dunkelheit, vergrösserte sich diese mit zunehmendem Alter. Ich schloss meine Augen und rührte mich nicht. Und selbst wenn ich es gewollt hätte, meine Muskeln hätten mir nicht gehorcht. In meiner Phantasie sah ich schreckliche Monster und blutrünstige Psychopathen, und gleichzeitig wurde mir wieder meine Einsamkeit bewusst. Langsam wuchs sie an, drohte mich wieder zu ersticken. Die Angst, der Wahnsinn.
Schliesslich schlief ich ein.

Nun sitze ich hier auf dem Boden des Lernstudios und schreibe diese Zeilen nieder. Ich habe mich eingehend mit dem Gedanken des Selbstmords beschäftigt. Dummerweise fällt mir jetzt eine Geschichte ein, die mir einmal ein Schulkamerad erzählt hat:“ Ein Mann springt vom Dach eines Hochhauses. Als er am 3.Stock vorbeifliegt, läutet da das Telephon. Der Mann stirbt sofort an Herzversagen. Was ist passiert? -Die Antwort ist einfach: Der Weltuntergang fand statt und der Mann dachte, er sei der einzige Überlebende. Er will sich also umbringen. Das klingelnde Telephon aber beweist, das es noch mindestens einen anderen Überlebenden gibt.“ Ha, ha! Wirklich lustig. Das war bestimmt ein Scherz Gottes! Ausserdem bin ich zu feige für Selbstmord.
Ich habe mir viele Gedanken über die Türen gemacht. Was ist, wenn eine davon direkt in das Jenseits führt? Es wird wurde ja oft von einem Tor zum Jenseits gesprochen. Oder ich würde die Hölle betreten? Und was ist mit dieser Tür zum gelben Zimmer? Sie scheint sprechen zu können. Immer wenn ich meine Hand nach der Klinke ausstrecke flüstert etwas in meinem Kopf:“ Tu das nicht! Tu das nicht!“ Wenn sich dahinter die ewige Verdammnis befände, wäre ich das Problem mit dem Selbstmord los. Oder ist diese Stimme nur ein Hirngespinst, meiner Phantasie entsprungen? Diese Fragen machen mich noch wahnsinnig!!! Falls ich es noch nicht bin.

Ich schreibe nun diese letzten Zeilen, denn ich werde heute die Tür zum gelben Zimmer, oder was immer dahinterliegen mag, öffnen. Es hat lange gedauert, bis ich wieder den Gang betreten konnte. Es ist, als wolle eine mir unbekannte Macht meinen Plan vereiteln. Doch ich bin entschlossen! Die Stimme ist nun sehr laut, mit jedem Schritt wird sie durchdringlicher, sie gleicht nun schon einem einzigen Kreischen, ich werde es also so schnell wie möglich hinter mich bringen.
Wahnsinn, ich bin bereit!

6. September 1996
Zweite Bearbeitung

Original 14. September 1995

Man nennt ihn den 2. Stock. Alle Zimmer haben eine Zwei vor ihrer Nummer, um das deutlich zu machen. Wenn wir morgens in den dritten Stock hinaufsteigen und Während des Tages wieder hinunter, sehen wir ihn immer. Für uns ist das zweite Stockwerk ein Mysterium. Obwohl wir nun schon seit vier Jahre hier an der Kantonsschule sind, hatten wir noch nie in einem Schulzimmer des zweiten Stockes Unterricht. An einem verregneten Nachmittag sag ich mir aus Spass die Stundenpläne aller Klassen an und verglich sie miteinander. Niemand hat in der zweite Etage Unterricht! Aber das scheint auch niemanden zu stören, und aufzufallen sowieso nicht. Einmal habe ich mich getraut, einen Lehrer nach dem zweiten Stockwerk zu fragen. Doch er konnte mir nichts dazu sagen, er kenne nur Lehrer aus dem ersten und dem dritten Stock, erklärte er mir. Manchmal stehen die Türen zu den Schulzimmern der zweiten Etage offen und wartende Schüler sitzen im Gang. Aber die gehen beim Läuten der Schulglocke immer in den ersten oder dritten Stock. Das habe ich einige Male beobachtet, als ich zu spät kam. An den Wänden neben den Türen kleben zwar Zimmerbelegungspläne, doch wie gesagt, niemand hat dort Schule.

Eines Tages sollte ich eine Prüfung nachschreiben, da ich eine Woche krank gewesen war. Ich fühlte mich zwar noch etwas geschwächt, doch die Zeugnisse standen vor der Tür und der Lehrer brauchte meine Note. Verzweifelt versuchte er, mir ein freies Zimmer zu besorgen, damit ich ungestört wäre, doch er konnte keines finden. Ich sah dies als Zeichen des Schicksals und fragte ihn beiläufig: „Wie wäre es mit einem Zimmer im 2. Stock? Dort ist bestimmt noch eines frei.“ Einen Moment sah er mich an, als wisse er nicht, wovon ich spreche. Doch dann sagte er: „Wenn du meinst. 40 Minuten!“ Schon war ich auf dem Weg nach oben.

Wie ich schon vermutet hatte, waren alle Zimmer leer. Ich wählte Nummer 207 und trat durch die Tür. Die Tische waren alle in präzisen Reihen nach vorne ausgerichtet und erinnerten mich an eine Schulzimmerbestuhlung aus dem letzten Jahrhundert. Vorne beherrschte ein wuchtiger, alter Holzpult den Raum, ein Möbelstück, das so gar nicht zu der übrigen modernen Einrichtung passen wollte. Leise schloss ich die Tür hinter mir und setzte mich an einen Tisch nahe dem Lehrerpult. An Prüfungschreiben war natürlich nicht zu denken. Ich begann mich genauer im Zimmer umzusehen, registrierte aber eher aus den Augenwinkeln eine Kommode vor dem Fenster neben dem Holzschreibtisch, darauf eine blähende Pflanze, einige Bilder an den Wänden und natürlich die unvermeidliche Wandtafel. Neugierig stand ich auf und betrachtete die Bilder. Sie zeigten ausnahmslos melancholische Landschaften. Nebelverhangene Wiesen und morgenfrische Wälder in sanften Pastellfarben, das kunstvolle Aquarell eines von wogendem Schilf gesäumten Sees und die hyperrealistische Darstellung eines kleinen Baches liessen mich die Zeit vergessen. Als ich mich wieder den Genstern zuwandte, fielen gelle Sonnenstrahlen durch die Scheiben. Entzückt öffnete ich die Fensterflügel und liess mir genussvoll die Sonne ins Gesicht scheinen. Oh, welch herrliche Wärme!

Plötzlich fiel mein Blick auf die Pflanze auf der Kommode. Erstaunt sog ich die Luft ein. Solch ein seltsames Gewächs hatte ich noch nie zuvor gesehen. Es hatte grosse, herzförmige Blätter, die regelmässig um den kurzen, gedrungenen Stengel angeordnet waren. Sie erinnerte mich entfernt an einen Hibiskus, nur dass die Blüten nicht gross, sondern klein und von der Form her eher die einer Azalee waren. Ihr leuchtendes Orange hätte jede gleichnamige Frucht vor Neid erblassen lassen. An den feinen Blütenstengeln hing bläulicher Blütenstaub. Verwundert sah ich die Pflanze an und widerstand nur mit Muhe dem Versuch, sie einfach mitzunehmen. Unwillig wandte ich meinen Blick von dieser Kuriosität, als ich mich wieder an den Schreibtisch erinnerte. Möglichst unauffällig umrundete ich ihn, immer in der Erwartung, jemand betrete das Zimmer. Als ich die vielen Schubladen sah, erwachte meine Neugier von Neuem. Sonst immer darauf bedacht, sie niemanden merken zu lassen, warf ich nun all meine Hemmungen über Bord. Vorsichtig zog ich die oberste Schublade heraus, um sie auch ja nicht fallen zu lassen. Sauber geordnete Bleistifte und Kugelschreiber lagen darin, und Radiergummis und Tintenpatronen. Die nächste enthielt Reiszwecken und Büroklammern, Gummibänder und Zirkel. Dieser Pult war bestückt mit jeder nur denkbaren Art von Büromaterial, alles fein säuberlich sortiert und aufbewahrt.

Plötzlich begannen meine Füsse zu schmerzen. Verwirrt setzte ich mich auf den Lehrerstuhl und ruhte einen Moment aus. Mir war mit einem Mal nicht mehr wohl, ich fühlte eine grosse Schwäche in Armen und Beinen, es wurde mir heiss und kalt. Schweiss trat mir auf die Stirn und mein Magen begann sich zusammenzukrampfen. Hilfesuchend sah ich mich um, kämpfte verzweifelt gegen einen bohrenden Würgereiz an und starrte schliesslich an die Wandtafel. Ihr Schwarz schien mir plötzlich zu schimmern, doch langsam fühlte ich mich besser. Als ich meinen Kopf umwandte, war das Nächste, was ich sah…

… das Gesicht meines Lehrers, der mit sorgenvoller Miene auf mich hinunterblickte. Ich muss ihn wohl so entgeistert angesehen haben, als wäre er ein Gespenst. Beruhigend sagte er: „Bleibe du am besten noch einen Augenblick liegen. Wer weiss, wie lange du schon bewusstlos bist, und hier im Korridor herumliegst.“

Man nennt ihn den 2. Stock. Alle Zimmer haben eine Zwei vor ihrer Nummer, um das deutlich zu machen. Für uns ist das zweite Stockwerk ein Mysterium.

3. November 1997

Es fing alles damit an, dass ich eines Morgens wie jeden Tag aus dem Zug stieg, hinter mir mein Klassenkamerad und vor mir ein weiterer Schultag voller Stress und Langeweile. Wir befanden uns auf halbem Weg zwischen Zug und Bahnhofgebäude, als plötzlich jemand laut ‚Traumfängerin‘ rief. Ich sah mich suchend um, nicht weil mich der Stimme erschreckt hatte, nein dieser Mensch rief einen Spitznamen, den mir ein philosophischer Freund vor langer Zeit einmal gab. Ein junger Mann kämpfte sich durch die Leute und stand plötzlich vor mir: „Traumfängerin, wie geht es dir?“, fragte er mich und streckte mir seine Hand in einer Art und Weise entgegen, als würden wir uns schon lange kennen. Ich sah ihn wohl ziemlich entgeistert an und ergriff seine Hand mit laschem Druck. Schon entzog er sie mir wieder und rannte Richtung Zug, nicht ohne sich zuvor zu verabschieden: „Leider muss ich jetzt auf den Zug. Leb wohl, Traumfängerin!“

Ich stand den ganzen Tag unter Strom. Woher wusste dieser fremde Mann meinen Spitznamen? Wer war er? Hatte mein philosophischer Freund etwas damit zu tun? Ich beschloss, diese seltsame Begegnung einfach zu vergessen.

Das Vergessen dauerte bis zur Mittagspause.

Unvollendet, 7. Januar 1997

Der Mond hängt hell zwischen Dunkelheit, der Himmel wolkenlos. Meine Freundin und ich, in Nachthemden bis an den Boden, wie Gespenster, wandeln durch das taunasse Gras. Es ist hell, unsere Schatten begleiten unseren Gang, und wir reden. Wir gehen, weiter als ich jetzt laufen wollte, und es ist friedlich, friedlich, dann niemand ist da, aus der Ferne leuchten uns die Lampen eines Dorfes entgegen, doch niemand ist wach, alles schläft, selbst der Fuchs und die Mäuse im Feld.

Ich liege im Gras, am See. Es ist warm, heiss vielleicht, die Bäume spenden Schatten. Ich liege auf dem Rücken, meine Freunde um mich, der eine seinen Kopf auf meinem Bauch, die andere den ihren in meinem Schoss, der dritte auf meinen Oberschenkeln, und auf ihren andere Köpfe. Wir sind ein paar, vielleicht acht, und es ist friedlich, es ist heiss, irgendwie muss alles so sein.

Ich sitze am Steuer des Autos, fahre über eine endlose Autobahn, die Musik ist laut und lässt mich wachsen, als wäre ich ein Teil dieser grossen Welt, als könnte ich grösser sein und mehr sehen, als nur dieses kleine Loch vor mir, und die Musik ist laut, so wunderbar laut, und ich könnte für immer weiterfahren.

Der Zug rattert, die Berge als schwarze Schablone am Horizont, und dahinter wartet die Sonne darauf, auf zu gehen. Noch ist sie nicht da, die eiskalte Luft ist klar, über mir noch Nacht, und dort, im schönsten Gelb, das langsam Rosa wird, da steht er am Himmel, als wäre dies sein Platz: der Morgenstern! Der wunderbare Morgenstern, einsamer Letzter, der leuchtende Morgenstern!

Ach, dies sind alles Glücksmomente, wie eine Umarmung in einsamer Nacht, und ich möchte leben, leben möchte ich, und zu Licht werden und im Universum sehen, was uns versprochen wird, den Doppelstern hinter seinem Zwilling aufgehen sehen, und all meine Glücksmomente noch einmal erleben, den zuckenden Höhepunkt, den Moment voller Frieden, das masslose Glück, das kleinbemessene. Und ich bin einfach nur voller Glück, und alles ist vergessen, es braucht keinen Grund mehr für dieses Leben, nun könnte ich sterben, nun braucht es nichts mehr, und alles ist ohne Bedeutung, und ich will nur noch leben, nur noch leben, nur noch leben…

21. Dezember 1999

Ich lief durch das Gras und konnte es doch nur erahnen. Es lag ein Nebel über der Erde. Wenig. Er wirbelte durcheinander, wenn ich lief. Es erinnerte mich an einen schlechten Hollywoodfilm. Als hätte jemand eine Nebelmaschine laufen lassen. Doch der Nebel war nicht künstlich. Die Schwaden lagen träge über dem Land.

Ich hatte vergessen, wie ich hierher gekommen war. Vergessen, welcher Tage, welche Tageszeit. Die Sonne stand irgendwo über mir, zumindest war es hell, sogar der Himmel war voller Nebel.

Meine Füsse trugen mich durch den Bodennebel. Es war kalt. Ich vergrub meine Hände tief in den Taschen meines Mantels. Die Kälte kroch mir langsam in den Leib. Ich versuchte mich zu erinnern, wieso ich hier war.

Manchmal sah ich etwas Gras. Es war von Tau benetzt. Fast erwartete ich, Geister auftauchen zu sehen. Der Nebel würde wachsen und ihre Gestalt annehmen. Sie würden mich vorwurfsvoll ansehen. Und ich würde sie nicht verstehen.

Die Stille war bedrückend. Hätte ich aufgesehen, vielleicht wären irgendwo Bäume gestanden. Doch es gab nichts zu sehen. Nichts zu fühlen. Nur die Kälte, die in meinen Körper kroch. Der Nebel lag träge und wollte keine Gesichter zeigen. Der Himmel schaute grau auf mich hinab.

Ob dies eine Zone war, zwischen Tod und Leben? War ich von hier gekommen? Ging ich nun wieder, weg von meiner Existenz, die weit hinter mir lag? Die Schritte waren gleichmässig, meine Gedanken flossen dahin, wie Wasser erschienen sie und schwebten wieder weg, weg, in die Vergessenheit.

Ich war nicht müde. Ich wollte nicht rasten. Ich fühlte mich wie der Nebel. Lief ich überhaupt noch über die Erde? Schwebte ich nicht vielmehr? Kein Stolpern, obschon das Gras feucht war. Ich hatte ausrutschen können. Hinfallen. Liegenbleiben, bis der Himmel über dieser Erde zusammenbrach.

Vielleicht sah ich Sterne. Ich wusste es nicht.

Dann blieb ich stehen. Sah auf. Blickte auf den Nebel in der Ferne. Es gab kein Ziel, das es zu erreichen galt. Die Entscheidung lag bei mir, wohin ich gehen wollte. Da war kein Sinn. Ich musste nicht laufen. Ich brauchte nirgends hinzugehen. Ich konnte mich hinsetzen. Ich konnte liegen, unter dem Nebel. Ich konnte den Nebel einatmen, tief in meine Lungen. Und der Nebel würde Teil meines Blutes werden, Teil von mir. Dann wäre ich nicht mehr allein. Dann wäre ich Teil des Nebels. Ich wäre der Nebel. Es würde nichts eine Rolle spielen, nicht wer ich war, nicht was ich dachte. Weil ich nicht mehr denken würde, nur träge über der Erde hängen. Das Gras mit Tautropfen benetzen. Keine Entscheidung wäre mehr zu treffen! Kein Schritt mehr zu tun! Mein Herz klopfte mir schwer in der Brust und ich spürte die Kälte nicht mehr.

Dann machte ich einen Schritt. Irgendwohin. Es war egal, wohin. Und ich machte einen zweiten. Und einen dritten. Und dann vergass ich sie zu zählen.

13. Oktober 2001

Ein Ehepaar, ein alter Mann und eine alte Frau, stehen in ihren symmetrisch strengen Kleidern vor ihrem streng symmetrisch erbauten Haus. Fast scheint es mir wie eine Kirche, und sie stehen auch da, als wären sie in einer. Der Mann starrt blicklos in die Ferne, als könne er den Tod eines Sohnes nicht begreifen, der da liegt, wo ich stehe. Die Frau sieht den Mann an, ihren Ehemann, als fürchte sie, er würde sich selbst erstechen, mit den langen Zinken, den streng symmetrischen, an der Mistgabel in seiner Hand.

Die zwei werden noch dastehen, er leer und sie besorgt, wenn ich -die Bildbetrachterin- schon lange weggegangen bin.

29. November 2001

American Gothic

Ich konnte nichts tun, es war, als würde ich jeden Moment explodieren, eine unendliche Wut wollte hinaus. Die Musik dröhnte in meinen Ohren, jeder Ton wie ein Kanonenschuss, wie ein Scherz Gottes sanftes Vogelgezwitscher dazwischen. In meinen Adern pulsierte mein Blut, mein Herz schlug schnell und schmerzhaft, blind starrten meine Augen in die Dunkelheit. Dann brach das Lied ab. Alles war still, bis ein neuer Ton die Stille zerriss. Und die Töne trugen mich davon. Schnell und immer schneller flog ich über das Land, unter mir zogen Wälder dahin, weite Felder, golden in der Sonne glänzend, niedergedrückt durch den rasenden Wind, triefend nass vom strömenden Regen. Ich flog über saftige Wiesen und alte, grüne Bäume, von denen ich jedes einzelne Blatt in meiner Erinnerung behielt. Ich flog über Dörfer und Städte, sah die Menschen dahinströmen, gefangen in ihren Häusern, gefangen in ihren Autos, gefangen in ihren Körpern. Ich sah ihre Gesichter, wie ein Fremder durchflog ich ihre Mengen, besah ich ihre Reihen. In den Dschungeln der Erde fand ich den Tod, in den Wüsten begegnete ich dem Leben. Ich drang in die Tiere ein, das Grösste wurde zum Kleinsten, das Kleinste zum Grössten, und am Ende verliess ich diese Welt.

Ich flog in die Dunkelheit, doch noch immer war jene Wut in mir, jenes Gefühl, das zu beschreiben ich nie fähig sein werde. Als ich die Enden des Universums erreichte, stülpte sich mein Geist nach aussen, das Schwarze wurde Weiss, das Dunkle wurde hell. Ich wurde zu allem, und alles wurde zu mir. Ich verband mich mit dem Universum, wurde zu allem und schliesslich zu Gott. In mir breitete sich Dunkelheit aus, denn das Gefühl war verschwunden, und mit ihm alles, was lebte. Bis das Lied wieder erklang. Seine Töne schleuderten mich in die Höhe und liessen mich stürzen, seine Melodie liess mich sterben und leben. Da tauchte das Licht vor mir auf. Es leuchtete hell, kam immer näher, verschlang mich, zersetzte meine Körper in die letzten und ersten Arten des Seins. Schliesslich beruhigte ich mich, doch das Gefühl blieb, irgendwo tief in mir, und eines Tages wird es wieder kommen, ganz bestimmt…

Text zum Lied ‚Salva mea‘ von Faithless

28.Oktober 1996

Der Tisch war rund, ein Kreis um eine leere Fläche, leer bis auf den Stuhl in der Mitte. Die Leute an den Tischen unterhielten sich leise, lachten, murmelten. Dann betrat Er den Raum. Die Leute verstummten und starrten Ihn an. Ein Stück des Tisches wurde herausgezogen, Er betrat den Kreis, setzte sich auf den Stuhl. Viele Augen musterten Ihn stumm, abschätzend, fragend. Er fühlte sich unwohl, rutschte etwas auf dem Stuhl herum, hub zum sprechen an, stiess die Luft wieder unverbraucht aus. Schliesslich ertönte ein dumpfer Gong, die Leute erhoben sich und verliessen den Raum, leise, bald war Er allein. Der Raum war leer, nur Er sass auf dem Stuhl, schweigend, es gab nichts zu sagen. Er entspannte sich etwas, die Last der vielen Augen war von seinen Schultern genommen. Dann öffnete sich langsam wieder die Tür, jemand betrat den Raum, ein Mann, jung, lächelnd. Er trat in den Kreis, reichte Ihm die Hand. Er rührte sich nicht, blickte den anderen nur an. Jener lächelte stumm weiter, hielt seinem Blicke stand. Da erhob Er sich, verliess den Kreis, den Raum, drehte sich jedoch an der Tür noch einmal um, sah den andern immer noch lächelnd neben dem Stuhl stehen. Dann verliess Er endgültig den Raum…

4. April 1997

Der Zug war voll mit müden Menschen. Ihre Gedanken, schwer und sorgenvoll, hingen im Raum, vom Geräusch des dahinbrausenden Zuges übertönt und dennoch greifbar. Ich sass unter ihnen still an meinem Platz, ohne mich zu bewegen, ohne gar zu denken. Die Spannung in der Luft drückte auf meine Lungen, und es fiel mit schwer, zu atmen. Vor den Fenstern zog die Landschaft dahin, schnell, leise, unberührt von den Gedanken. Ich sah den Menschen in die Gesichter, und ich konnte ihnen ihre Gedanken ansehen. Sie leuchteten aus ihren Augen, sie leuchteten in ihren Gesichtern, Müdigkeit war nicht die einzige Erklärung für ihren starren Blick, für ihre glasigen Augen. Sie dachten an die Vergangenheit und hinterfragten sie. Ob sie es richtig gemacht hatten, ob es richtig war? Als der Zug hielt, verschwanden die Gedanken aus ihren Augen und wichen der Freude, zu Hause angekommen zu sein. Doch sie verschwanden nicht für immer. Sie waren noch da. Ob sie jemals zu E

10. Juni 1997