Ich kannte den Maler schon viele Jahre. Er hatte eine schwermütige Seele doch ein freundliches Wesen. Vielleicht war es das, was uns trotz unterschiedlichen Wegen all die Zeit verband.

Er hatte verlauten lassen, er würde mit dem malen aufhören. Zu seiner letzten Ausstellung kamen viele Leute. Kuriose Geister und reiche Mäzene. Die Malerei hatte ihm eine einigermassen gesicherte Existenz ermöglicht. Er konnte nicht gerade wie Gott in Frankreich leben, doch das wollte er auch nicht. Das entsprach nicht seinem Naturell. Ein anderer Maler klopfte meinem Freund während der Ausstellung auf den Rücken und lobte seinen klugen Zug, durch angebliche Beendigung seines Malens die Preise seiner bestehenden Bilder in die Höhe zu treiben. Mein Freund war empört über diese Unterstellung und erklärte dem anderen, dass dies keineswegs seine Absicht sei. Der andere zwinkerte ihm daraufhin verschwörerisch zu und meinte nur, das sei ja keine Schande. Ausserdem glaube er als ebenfalls hauptberuflicher Maler, dass der andere sowieso nicht ganz mit malen aufhören werde. Das sei ihm im Blut, das könne er nicht einfach abschalten.

Diese Unterhaltung hatte ich schon wieder vergessen, als ich nun auf dem Weg zum Maler war. Ich betrat sein Atelier und sah ihn an seiner Staffelei arbeiten. Leise nahm ich mir einen Stuhl und setzte mich hinter ihn, um ihm bei der Arbeit zu zu sehen. Ich hatte ihm auch einmal Modell gelegen. Es war sehr anstrengend, und ich hatte danach jeweils tagelang Muskelkater.

Er hatte mir immer wieder gesagt, ich solle mich entspannen, doch es gelang mir einfach nicht. Später waren meine Gesichtszüge auf dem Bild verzerrt, als würde mich ein unangenehmer Bekannter daran hindern, meinen Bus zu erwischen. Ich hatte dem Maler das Bild abgekauft, darauf hatte ich bestanden. Damals hatte es mich einen halben Monatslohn gekostet. Wo immer ich arbeitete, hing es gegenüber an der Wand. Es erinnerte mich an meinen Vorsatz, dass meine Arbeit mir Freude machen soll. Wann immer sich meine Gesichtszüge so verkrampft wie auf dem Bild anfühlten, war es Zeit zu gehen. Ich sass nun hinter dem Maler und beobachtete ihn, wie ich es oft getan hatte. Im Gegensatz zu anderen Künstlern glaubte er nicht, dass es Unglück bringen würde, andere seine Bilder vor deren Vollendung sehen zu lassen.

Er malte eine düstere Landschaft, der Pinsel strich vorsichtig Schwarz und Grau auf die Leinwand. Dafür war er bekannt geworden, für diese seltsamen Traumlandschaften, die nur ihm verständlich waren. Auch auf meinem Bild lag ich vor solch einem Hintergrund, rot schimmerte er wie eine Aura um mich und dunkle Schatten drängten mir zu.

Der Maler war fertig mit seinem Bild, setzte mit vorsichtigen Strichen seine Signatur darunter und erhob sich dann, um mich herzlich zu begrüssen.

Ich sprach ihn sogleich auf sein neues Bild an. Es entsprach nicht seiner Gewohnheit, er hatte immer grossformatige Leinwände bevorzugt, dieses jedoch war klein, kaum ein halber Meter auf zwanzig Zentimeter. Er nahm die Leinwand mit der noch feuchten Farbe von der Staffelei, hielt sie mit Daumen und Zeigefinger jeweils in der Mitte oben und unten, und begann sie langsam zu drehen. Als mir die Vorderseite wieder zugewandt war, war das Bild verschwunden. Nur noch weisses Leinen. Warum er das gemacht habe, fragte ich ihn. Er antwortete traurig: „Sie allen entdecken eine Seite in mir, die ich nicht mehr finde.“

In meinem Büro empfing mich am nächsten Tag eine weisse Leinwand. Der Maler, so erfuhr ich später, war über Nacht gestorben. Meine Arbeit macht mir immer noch Freude.

Nach einem verstörenden Traum

30. April 2001

Die Wahrheit ist: ich fühle mich alt. Nicht das Alter der Weisheit, das Alter der Kraftlosigkeit erfüllt meinen Körper, der, nach den Erklärungen meines alten Biolehrers, in der grössten Schönheit meines Lebens steht. Manchmal überwältigt mich eine Traurigkeit und mir ist, als müsse ich um alle Menschen weinen, trauern um die Unglücklichen, Gekränkten, um die Toten, und jene, die dennoch leben. Doch am Ende muss ich erkennen, wie leer mein Leben ist und dass alle Tränen nur mir selber gelten. Ich werde nie Grosses bewirken kännen, gefangen in Zufriedenheit und einem Grössenwahnsinn der Gedanken. Es gibt keinen Ausweg, es braucht keinen zu geben. Ich wünschte mir Freiheit, die Freiheit, so zu leben, wie ich es in mir fühle.

Doch mir fehlen die Mittel und die Kraft. Auch jene halbe Ewigkeit lässt sich nicht leben, sie wurden verpasst, ich kann keine Klasse mehr wiederholen. Und so fühle ich mich von Tag zu Tag schwächer und fühle mich traurig und fühle mich allein und bin doch zufrieden und wünsche mir dennoch den Frieden, den mir nur mein Abraxas geben kann, in seinen Armen, mit seinem Atem, seinem Herzschlag, seiner Liebe. Der Gedanke an ihn erhält mich aufrecht, längst reicht die Einsicht der Notwendigkeit einer Ausbildung nicht mehr. Guter Abraxas, wie hilfst Du Deiner gottlosen Geliebten, wie bewahrst Du sie vor der drohenden Dunkelheit. Mir bleibt nur zu schlafen und zu träumen, und mir mein Leben nicht anders zu wünschen, trotz der Kraftlosigkeit, trotz der Eintönigkeit, trotz der Hoffnungslosigkeit. Und der gute Gott verhindert, dass ich mich zu schämen brauche meines Selbstmitleides, denn in ihm darf ich sein, wie es in mir lebt.

21. April 98

Ich möchte diese Zeit festhalten, möchte sie für immer leben. Diese süsse Interesselosigkeit, dieses wunderbare Gefühl, dass mir alles egal sei und mir dennoch etwas bedeutet. Ich würde gerne schreiben, schwebende Geschichten, so wie früher. Doch meine Konzentration ist zerstreut, ich kann den Lehrern aufmerksam zuhören, doch sitze ich vor dem Blatt, verspüre ich Widerwillen. Es wäre ein Erwachen aus dem Schweben, dem Zustand der Leichtigkeit. Meine Gedanken zerfallen, und dennoch schreibe ich Geschichten von grosser Schönheit, nie gekannter, nie erahnter. Doch diese Leichtigkeit ist auch sehr gefährlich, ich bin nun bereit, Berge zu zerstören. Dies ist ein seltsamer Widerspruch zu dieser Gleichgültigkeit, jener leicht schwebende Wunsch nach Rache, nach Zerstörung. Es ist, als sei er in Watte verpackt, undeutlich und dennoch bohrend. Ich bleibe still, wie ich es immer war, doch ich spüre, dass eine unheimliche kraft in mir pulsiert. Doch ich muss diese Kraft verschliessen, denn kommt sie einmal zum Ausbruch, wird sie vieles zerstören. Vielleicht gäbe ich nach dem Schwinden der Leichtigkeit keine Kraft, die Konsequenzen zu traen. Sehr wahrscheinlich sogar. Doch das Unterdrücken kostet Kraft. Und vielleicht kommt sie doch heraus, in der vertrauten Form der Tränen.

Zensierte Version
Original am 24.April 98

Er stand in der Kirche, vor dem Altar, ruhig betrachtete er das farbige Kathedralenfenster. Die Farben begannen zu pulsieren, durchströmten seinen Körper, der nur noch schwach in der fahlen Dämmerung zu sehen war. Jede Farbe hatte eine andere Eigenschaft, blau war kalt, bei rot spürte er Hass, grün liess ihn ruhig werden, bei gelb erschauderte er vor Neid. Viele andere Farben durchfluteten ihn, andere Gefühle, er erlebte, durchlebte andere Leben, flog über und durch andere Welten, schwebte in anderen Dimensionen und fühlte sich unendlich ruhig und frei. Schliesslich kehrte er in seinen Körper zurück. Im Kirchenschiff entfernte sich eine dunkle Gestalt, kaum zu erkennen im schwachen Licht. Sanft legte sich eine Hand auf seine Schulter. Er drehte sich um

4. Juni 1996

Der Wagen rollte ruhig dahin. Sie starrte auf ihre Knie und als sie es bemerkte, blickte sie aus dem Fenster. Draussen schien die Sonne, doch sie sah die Schönheit dieses Tages nicht.

Als der Wagen anhielt, blieb sie noch einen Moment sitzen. Der Chauffeur umrundete das schwarze Auto und hielt ihr die Tür auf. Langsam stieg sie aus und richtete sich auf. Der Friedhof lag in seiner ganzen Pracht vor ihr. Beiläufig fragte sie sich, weshalb Friedhöfe oft schöner als Stadtparks sind, wo doch die Toten nichts mehr davon haben. Die Gräber waren gepflegt, die alten Grabsteine zeigten zwar Spuren der Verwitterung, doch waren sie sauber. Bäume standen in einem nicht erkennbaren Muster zwischen den Gräbern und auf ihnen zwitscherten einige Vögel, als wüssten sie nicht, wo sie sich befänden. Überall blühten Blumen und streckten ihre farbenprächtigen Blüten der Sonne und den eifrig summenden Bienen entgegen. Flüchtig fiel ihr die Zeile eines Gedichtes ein: „Ein bisschen mehr Blumen im Leben, denn auf uns’ren Gräbern sind sie vergeben.“ Sie liess ihren Blick schweifen. Das offenen Grab lag am anderen Ende des Friedhofs. Einige schwarzgekleidete Menschen drängten sich darum und überall in der Nähe standen Trauerkränze. Der Chauffeur bot ihr seinen Arm an, doch sie drückte ihr Kreuz durch und ging sicheren Schrittes auf die wartenden Leute zu. Der Chauffeur folgte ihr, in der Hand vier weisse Rosen, die er ihr am Grab übergab. Der Pfarrer hielt seine Messe auf Latein, sie hatte darauf bestanden, sie wollte die tröstenden Worte nicht hören. Als er geendet hatte, blieb sie stumm am Fussende des Grabes stehen. Niemand sprach ein Wort und sogar die Vögel waren verstummt. Das Schweigen lastete auf ihren Schultern, und so hob sie zum Sprechen an. Sie nahm eine der Weissen Rosen und sprach: „Eine Rose meiner Schwester, die keine Hoffnung auf Erlösung hat, denn sie war wie ich, ohne Gott und ohne Glauben.“ Dann nahm sie die zweite Rose: „Meiner Mutter, die Gott verbunden war, doch über den Glaube ich nur lachen konnte.“ Die dritte Rose: „Meinem Vater, von dem ich überzeugt bin, dass sein Gott tot war, doch über den ich nichts weiss.“ Und schliesslich nahm sie die vierte Rose: „Für mich selbst, die mit euch gestorben ist und die euren Gott verachtet.“ Dann warf sie die Rosen in das Grab. Sie stand noch einen Moment still da und wurde von allen angestarrt, nur einige Augenblicke, dann verblasste sie langsam…

10. März 1997

Am Anfang lebten wir alle im Nichts, und das Nichts war unsere Mutter. Sie gebar uns, doch sie stiess uns nicht aus, sondern wir waren alle Teil von ihr. So existierten wir lange, eine einzige Einheit, die alles umfasste. Doch irgendwann geschah es, das einer von uns in die Dunkelheit entfloh. Niemand wusste, wie er unsere Ganzheit hatte verlassen können. Vielleicht war es auch der Wille unser Mutter. Denn dieser eine irrte eine lange Zeit herum, auf der Suche nach uns und seiner Mutter. Er war einsam, und so schuf er sich Wesen. Er konnte sie nicht gebären, wie es unsere Mutter konnte. Er entrang ihr einige von uns, und presste unsere Geister in Körper. Einst als blosser Gedanke durch die Weiten des Nichts gleitend, wurden aus uns Wesen. Und mit dem Körper breiteten sich Gefühle in uns auf. Viele von uns priesen den einen, der nun zu ihrem Herrn geworden war. Denn unsere Mutter hatte uns verlassen. Deshalb konnten nicht alle von uns glücklich sein. Wir hatten Körper erhalten, doch uns sehnte es nach dem Frieden in unserer Mutter. Wir entfernten uns von dem einen, und niemand bemerkte es. Weit von ihm erschufen wir uns unser eigenes Reich, und ich wurde zum König unter den meinen bestimmt, denn ich war der Stärkste unter uns. Um unsere Sehnsucht zu vergessen, befriedigten wir unsere Lüste und lebten in der Ekstase unserer Gefühle. Nach einer Ewigkeit jedoch erkannte ich unser Schicksal in den Sternen, und so zerbrach ich mein Reich. Ich erschuf einen einzigen Raum von der Grösse eines Universums. Dorthin würde ich zurückkehren, wenn die zweite Ewigkeit verstrichen wäre. Dann wurde ich getötet, grausam, wie es unsere Art ist, und meine Seele ging auf Wanderschaft, um am Ende dem einen gegenüber zu treten. Und noch im Todeskampf prophezeite ich meine Wiedergeburt auf jener Erde, die er sich erschaffen hatte. Schliesslich bildeten meine Anhänger einen Rat der Hohen aus den Ältesten unter uns. Aus diesen wiederum wurden solche auserwählt, die den verlorenen König suchen sollten. Auf dass ich nicht allein sein würde bei meiner Rückkehr. Man zeichnete die Auserwählten und entriss ihnen ihre Herzen, damit sie mich erkennen mögen. Dann gingen sie alle in die Welt der Menschen.

Getrieben durch unsere Sehnsucht lebten wir dort lange Zeit unter ihnen. Ich selbst versuchte mein Verlangen durch die Vergrösserung meiner Lüste zu verdecken. Und durch ihre Befriedigung. Ich wurde Heldherr und Herrscher, Liebhaber und Mörder. Es waren mir keine Grenzen gesetzt, und so befriedigte ich mich an Mensch und Tier. Wir lebten lange unter den Menschen, zum Missfallen des einen, der unsere Anwesenheit nun wohl bemerkte. Doch er konnte nicht mit uns sprechen, denn wir waren weit von ihm. Und so befahl er seinen Wesen, uns zu erscheinen und uns von ihm zu erzählen. Selbst der Lichtbringer, einst zu seiner Rechten und nun ebenfalls weit von ihm, verliess sein Reich und lobte seinen Herrn. Doch wir sehnten uns nach unserem König und nach unserer Mutter. Wir lebten unter den Menschen, ich machte Leben zu Tod und Tod zu Leben, bis die zweite Ewigkeit zu Ende ging. Da machte ich mich auf, meiner Bestimmung zu folgen.

Sie war wohl in jeder Hinsicht durchschnittlich. In ihrem Aussehen sogar so fest, dass man sie nicht genau beschreiben könnte, wie ein Geist, den man in einem diffusen Albtraum kurz zu erkennen glaubt. Vielleicht war sie etwas ernster als die anderen, etwas stiller und manchmal mit den Gedanken weit jenseits dieser Welt. Sie ging noch zur Schule. An jenem Tag kam sie zu spät, niemand wusste den Grund. Sie betrat das altehrwürdige Schulhaus, dessen Zimmer und Gänge nur aus einem Grund so riesig gebaut worden zu sein schienen: um all jenes Wissen aufnehmen zu können, das sich täglich in und um die Menschen darin ansammelte. Langsam stieg sie die Treppe hinauf, als sie plötzlich eine Stimme ihren Namen flüstern hörte. Sie sah sich suchend um und entdeckte einen Mann, der auf dem breiten Treppensims zum Lichtschacht hockte. Seine Haltung erinnerte sie an einen jener Steindämonen, die, auf den Aussensimsen kauernd, alte Häuser vor bösen Geistern beschützten. Der Mann selbst sah aus wie ein Mensch, obwohl sie wusste, dass er keiner war. Er trug schwarze Kleidung und hatte ein seltsames Gesicht, eines von jenen, die man sich noch so ansehen kann und trotzdem sofort wieder vergisst, wenn man nicht mehr hinsieht. Das einzig Auffällige waren seine Augen, denen sowohl Iris als auch Pupille fehlten. „Ich muss mit dir reden“, sprach er sie mit seiner flüsternden Stimme an. Er fügte eine seltsamen Namen an, wie ihn kein menschliches Wesen tragen könnte. Ob sie den Namen erkannt hatte? Ohne darauf einzugehen, fragte sie ihn: „Wer bist Du?“ Der Mann starrte sie einen Moment an, und ein eigenartiges Grollen drang aus seiner Brust. Von den unteren Stockwerken klang des leise Geräusch von Schritten zu ihnen herauf. Nach einiger Zeit erschien ein zweiter Mann auf dem Treppenabsatz. Kein Lehrer, ein Fremder.

Der Mann sah sie an. „Ihr seid unser König“, hauchte er erstaunt. „Was reden sie da, wer sind sie?“, fuhr sie ihn sofort an. er hob nur seinen Arm. Dicht unter seinem Handgelenk war ein Zeichen eingebrannt. Sie schien es zu erkennen, denn sie fragte nun etwas milder: „Ihr seid ein Gezeichneter. Was wollt ihr hier?“ „Ich wurde vom Rat der Hohen ausgeschickt, euch zu suchen. Damit ihr nicht alleine seid, bei eurer Rückkehr“ , antwortete er ihr unterwürfig. „Ihr habt mich gefunden. Und nun?“ Ihre Frage schien ihn zu verwirren. „Ihr müsst mir nun folgen“ , erwiderte er. War das Schicksal nicht klar ersichtlich in den Sternen? Hatten jene von seiner Art nicht lange auf diesen Tag gewartet? Schrecken befiehl ihn, als sie ihn fragte: „Warum muss ich euch folgen?“ „Weil dies eure Pflicht ist, euer Schicksal, eure Bestimmung“, flüsterte da der Lichtbringer, auch Luzifer geheissen. „Weshalb?“, fragte sie ihn, ohne den Blick von dem Gezeichneten zu nehmen. Und der Lichtbringer begann zu erzählen: „Von allen Kreaturen des Einen seid ihr am weitesten von Ihm entfernt. Selbst weiter als ich. Euch erreicht das Wort Gottes niemals. Doch euch verzehrt die Sehnsucht danach auch nicht, denn obschon ihr es wie wir anderen einst vernommen habt, vermisstet ihr es nie. Ihr wolltet euch dem einen nicht anschliessen, sondern sehntet euch nach unser aller Mutter. Als der eine den Menschen ihre Seelen schenkte und so uns demütigte, wart ihr bereits allein mit eurem König. Eure Seelen sind verdammt, denn sie sind kein Geschenk, sondern das Ergebnis eures Willens. Und nun liegt es an dir, vor den einen zu treten, um uns alle wieder mit unserer Mutter zu vereinen.“ Während der Lichtbringer sprach, hatte sie den Gezeichneten angesehen. Nun wandte sie den Blick. Sie starrte in die Augen des Lichtbringers. Plötzlich warf sie den Kopf zurück und begann zu lachen. Ihr Lachen hallte von den hohen Wänden wieder und klang hohl in den Gängen. Sie lachte, vielleicht eine Ewigkeit. Als sie aufhörte, richtete sie ihren Blick wieder auf den Engel. „Offenbare mir meine Existenz!“, verlangte sie mit eiskalter Stimme. Der Lichtbringer schaute sie nur ruhig an. „Das kann ich nicht, dass kann nur der Rat der Hohen.“ Sie wandte sich wieder dem Gezeichneten zu und streckte ihm auffordernd eine Hand hin. „Dann bring mich zu ihnen!“ Einen Moment starrte er ihre Hand an. Dann ergriff er sie und brachte sie zu jenem dunklen Ort. Das letzte, was sie noch hörte, war das befriedigte Grollen des Lichtbringers.

Die Hohen hatten sich bereits versammelt und bildeten einen perfekten Kreis um sie. Sie sah uralte Männer und blutjunge Frauen, kindliche Krieger und Greisinnen. Sie konnte weder die Gesichter noch die Kleidung der Wesen erkennen, sie wusste einfach, wen sie ansah. Unter ihr glühte der Boden und erhellte den Kreis. Hinter den Reihen der Hohen wusste sie den Gezeichneten, und mit ihm alle seiner Art. Sie wurde unruhig. Sie wusste, ihr hätten nun alle Gedanken der anderen zuteil werden, und sie hätte sich auch an ihre Existenz als ihr König erinnern sollen. Weshalb hielten die anderen ihre Gedanken vor ihr geheim? Warum konnte sie sich nicht erinnern? Was würde mit ihr geschehen? Schliesslich traten eine Greisin und ein Greis vor. Sie schlurften mit schleppenden Schritten auf sie zu, und als sie wieder stehen blieben, lösten sich eine junge Frau und ein junger Mann aus dem Kreise und stellten sich neben das alte Paar. Ihnen folgten zwei Kinder. Die Greisin begann in einer Sprache zu sprechen, die nur ihrer Art vorbehalten war, und die selbst der eine nicht verstehen konnte: „Ihr seid wiedergeboren.“ Sie starrte die alte Frau an, deren Gesicht nun erkennbar wurde. Tausend Falten sprachen von Sorgen und unendlichem Leid. Tausend Falten erzählten von Freude und Lust. Jedes Gefühl, das Menschen empfinden können, schien in diesem Gesicht enthalten zu sein. Sie wusste, dies war nur eine Maske. Die Greisin hatte entschieden, dass dieses Gesicht ihrem Alter angemessen war, und es aufgesetzt. Ebenso hätte sie das Gesicht des Kindes oder der jungen Frau wählen können. Das gleiche war mit den Gesichter der anderen. Doch diese Gedanken streiften sie nur am Rande ihrer Wahrnehmung. Plötzlich berührte sie das Wissen der Umstehenden! Dies war ein Ereignis von so grundlegender Wichtigkeit, dies war das Schicksal, die Erfüllung ihrer Prophezeiungen aus einem anderen Leben. Die Engel begannen um sie zu fliegen, aus der Hölle erhoben sich die Dämonen, und die Seelen der Verstorbenen und Noch-nicht-Geborenen stimmten ein Lied an, dessen Kraft Welten verwüsten könnte. Die sechs Obersten der Hohen nahmen sich an den Händen und bildeten einen weiteren Kreis um sie. Dann kam das Wissen …

Sie schrie. Alles um sie war schwarz und voller absoluter Stille, dass sie nur schreien konnte. Sie wurde hochgehoben und hinunter geschleudert. Dann explodierte die Zeit. Farben, Töne, Düfte, Gefühle, Stoffe und Gerüche verdichteten sich in ihrem Kopf. Gleichzeitig starb sie, spürte nichts mehr, war blind, war taub, war stumm. Sie konnte sich nicht bewegen und wurde in tausend Stücke zerrissen. An ihr schossen grausam verstümmelte Menschen vorbei, Monster mit grotesk zerstörten Leibern, mit Nadeln und Messern in den unmöglichsten Gliedern, zerdrückte und zerquetschte Körper, verbrannte Augen, zerschnittene Gesichter. Und alles kam und ging in rasender Schnelligkeit, in rasender Schnelligkeit, in rasender Schnelligkeit. Einen Moment war wieder Stille, dann kamen helle Geister, Feen und Lichtwesen. Kreaturen aus dem Paradies und aus der Hölle begannen um sie zu tanzen und sich zu vereinen, gebaren perverse Verhöhnungen des Lebens und des Todes, und auch diese tanzten lachend ihre Reigen, schneller und schneller. Der Tod erschien und blies seinen kalten Atem in ihr Gesicht. Dämonen begannen nach ihr zu grapschen und Engel schlugen mit ihren flammenden Schwertern in ihre Richtung. Doch jede Berührung gab ihr ein Stück ihrer selbst zurück. Auf ihrer Haut erschienen Zeichen, die uralt und unendlich machtvoll waren, unvorstellbar für einen Sterblichen, todbringend selbst für jedes übernatürliche Wesen. Sie konnte wieder fühlen, Hitze und Kälte breiteten sich in ihr aus. Die Martertänze wurden langsamer, immer langsamer, um wieder mit grausamer Wucht von Neuem zu beginnen, rasend, tobend. Und dann begegnete sie Gott.

Er sass da, in der Gestalt eines jungen Mannes, mit Augen, so alt wie die Zeit selbst, und sah sie an. Ein Sterblicher wäre gestorben, seine Seele wäre unter dem Blick seines Schöpfers zerbrochen. Ein Dämon wäre von solchem Grausen erfüllt gewesen, dass auch er hätte vergehen müssen. Selbst ein Engel hätte die Glückseligkeit dieser Gnade nur kurz ertragen können. Sie jedoch blickte ihn an und empfand nichts. Als hätte der Hexentanz alles in ihr getötet, starrte sie in jene unendlich alten Augen, die jedes Gefühl schon vor langer Zeit verloren hatten, und entriss dem einen seine Geheimnisse. Sie sah sein Innerstes, doch liess sie ihn zugleich nichts von sich sehen. Sie erkannte seine Sehnsucht, und sie erkannte seine Überdrüssigkeit, zu existieren. Eine Ewigkeit mochten sie einander angesehen haben. Dann erst senkte er den Blick, und ein einziges Wort kam über seine Lippen:

„Mutter“

Und die Erde verging…

15. November 1998

Inspiriert durch einen Film zu Mahlers 6. Symphonie

… Der Tod und seine Gefährtinnen trieben die Gestorbenen durch die Strassen der Erinnerung. Kalte Strassen grau, grau wie die Häuser an ihren Rändern, und grau wie die Gesichter der Toten. Manchmal blieb einer von ihnen stehen, hielt inne in seinem schleppenden Schritt, richtete sich auf und blickte ängstlich in eines der hell erleuchteten Fenster. Vielleicht sah er dort sein Leben, vielleicht auch nur eine Erinnerung an einen Mord, einen Besuch, ein Wort. Langsam zog die Schar an dem Erstarrten vorbei, bis er plötzlich erschauerte, sich wieder beugte und zitternd weiter ging. Mühsam schlep0pten sich die Grauen durch die Strassen, dem Gebäude zu, an den Häusern vorbei, auf deren Balkone lachend des Todes Gefährtinnen standen und sie verspotteten. Wie von Zauberhand waren sie dann wieder unter ihnen und trieben sie lachend und kreischen weiter, dem grossen Tore zu. Nur zögernd und voller Angst überschritten die Toten die Schwelle und traten ins Licht. Doch ihre Hoffnung auf Erlösung wurde enttäuscht, denn hinter dem Licht war die Zwischenwelt, und als erstes betraten sie die Warteräume des Todes. Einsam sassen sie in den Zimmern, alleine, ohne Gedanken, vor sich hinstarrend. Als der Tod und seine Gefährtinnen sie holten, um sie an das Meer der Überfahrt zu geleiten, liessen sie sich führen, Erlösung erhoffend, sich nach Ruhe sehnend. Doch über den lautlosen Wellen warteten ihre Erinnerungen.
Der lachende Tod nahm sie in seinen Besitz, verzerrte sie und verspottete die Toten. Er vollführte ein Possenspiel mit ihren längst vergessenen Gedanken, trennte, was zusammengehörte und fügte zusammen, was getrennt war. Dann tauchte in der Ferne die Seelenbarke auf, und der Tod, das lachende Kind, musste seiner Pflicht nachkommen. Mit strengen Ruderschlägen trieb er das Schiff voran, der letzten Insel zu. Dort durchschritten die Verstorbenen das letzte Tor, und ihre Seelen verschwanden im Licht…

25. + 26. April 1997

Einsame Art

Es war eine schwüle Nacht. Der Sommer war einem harten Winter gefolgt. Der Mond hing träge am Himmel. Sandte sein Licht auf die müde Welt. Keine Sterne. Als hätten sie sich zurückgezogen, um ihrem Bruder das All zu überlassen. Ich lag auf meinem Bett. Einen halben Meter vom Fenster entfernt, dessen Flügel weit offen standen. Das Leintuch auf meinem Körper war nassgeschwitzt. Ich starrte auf das Leintuch neben mir. Auf das Mondlicht darauf. Eine harte Linie. Eine Grenze zwischen der Helligkeit und der Dunkelheit. Ich lag einfach auf dem Bett. Kein Lüftchen brachte Erleichterung…

Meine Gedanken flossen dahin. Ich träumte mich aus dem Zimmer. Mir wuchsen Flügel. Ich erhob mich vom Bett. Das Leintuch fiel lautlos zu Boden. Die Mondstrahlen strichen über meine nackte Haut. Ich starrte den hellen Ball am Himmel an. Kletterte auf das Fensterbrett. Verharrte. Liess meinen Blick über den silbernen Rasen gleiten. Über das schwarze Loch mitten im Garten. Ein Biotop. Der Mond spiegelte sich matt im Wasser.

Ich hörte im nahen Wald einen Fuchs im Unterholz streifen. Schnüffelnd nach Nahrung suchen. Die Vögel schliefen in den Bäumen. Der Atem meiner Schwester ging ruhig und regelmässig. Ein altes Haus bewegte sich knarrend zu seinen Träumen. Eine Eule öffnete kurz die leuchtenden Augen, um sogleich wieder in Schlummer zu fallen. Die Fische im See liessen träge ein paar Luftblasen an die Wasseroberfläche steigen. Ein Schwärmer umarmte seine Gattin schützend mit seinen Flügeln.

Ich breitete meine Schwingen aus. Erhob mich in die reglose Luft. Ich spürte Freiheit sich in mir ausbreiten. Ich verliess den sicheren Boden. Liess Erinnerungen und Wünsche zurück. Flog mit kräftigen Flügelschlägen dem Mond entgegen. Sein bleiches Gesicht lächelte mich traurig an. Als wisse er Dinge, die mir verborgen blieben. Dinge, die mir verboten sind. Ich schwebte. Nichts war um mich. Unter mir die Welt. unter mir meine Wünsche und Träume. Meine Erinnerungen. Die guten und die schlechten. Die unnützen und die glücklichen…

Ich fühlte mich stark. Konnte den Blick nicht vom Mond nehmen. Wollte ihn erreichen. Wie einst Icarus die Sonne. Fühlte seine Kälte in meinem Herzen. Es erfror mit jedem Flügelschlaf. Jedes Klopfen schmerzte in meiner Brust. Flog weiter. Dem Mond entgegen.

Irgendwann verlor ich mein Herz. Es fiel aus meinem Körper und stürzte zu Boden. Zersprang in tausend Stücke. Wie ein Herz aus Glas. Und die Splitter schmolzen zu Blut, das von der Erde gierig aufgesaugt wurde. Ich flog weiter auf meinen Bruder zu. Sehnte mich nach seiner kalten Umarmung. Nach seinem erfrierenden Atem…

Doch mein Herz klopfte mir von unten entgegen. Schrie nach meinem Körper. Weinte um die verlorenen Träume. Um die vergessenen Erinnerungen. Um die verschwundenen Wünsche. Ich hörte mein Weinen. Schmeckte salzige Tränen auf meinen Wangen. Sah meine Augen. Zwei tote Löcher. Leer. Ohne Leben…

Ich fiel. Fiel der Erde entgegen. Mein Herz jauchzte auf. Empfing mich mit warmer Liebe. Umarmte mich… Ich versank in ihrer feuchten Wärme. Fühle mich vereint. Geborgen. Zu Hause… Ich war zu Hause…

Plötzlich spürte ich etwas im Zimmer hinter mir. Einen Menschen. Ein Wesen. Einen Moment überkam mich eine furchtbare Angst. Ich stellte mir vor, wie diese Person ein Mörder wäre. Wie sie ein Messer in der Hand hielte. Wie sie mich töten wollte. Wie sie danach dürstete, mich zu verletzen. Wie sie mich anstarrte. Mit gierigen Augen. Fast fühle ich diesen Blick auf mir. Langsam wandte ich den Kopf. Starrte in mein dunkles Zimmer. Zuerst war alles schwarz. Eine undurchdringliche Dunkelheit. Ich stellte mir vor, wie das Mondlicht vom Leintuch reflektiert wurde. Wie es mein Gesicht erleuchtete. Weisse Porzellanhaut, deren Tod bereits vorweggenommen…

Ich schloss die Augen. Fühlte kalte Schweisstropfen über meine Stirn rinnen. Langsam. Unaufhörlich. Ich öffnete meine Augen wieder.

Eine schwarze Gestalt stand da. Schwärze vor der Dunkelheit. Ich erahnte sie mehr, als dass ich sie sah. Schlank. Mit langem Haar, dass regungslos herabhing. Das schwarze Haar fing an, sich zu bewegen. Wallte um den Kopf. Wie die Schlangen der Medusa. Doch sie verbanden sich mit der Dunkelheit. Schienen nach unergründlichen Geheimnissen zu suchen.

Ich starrte das Wesen an. Sah meine Augen sich vor Schreck weiten. Als würde der Mond durch mich hindurchscheinen. Sein Licht durch meine Augen dringen.

Das Haar des Wesens hing wieder herab, und es verschwand. Hinterliess nur stumme Worte: „Ich dachte, du seist von meiner Art“

8. März 1999
Semesterarbeit Deutsch; FS 1999

Der Sturm

Vielleicht war es wirklich so offensichtlich gewesen, wie so viele Leute im nachhinein meinten.
Doch das sagen wir ja oft. Ich selbst hatte zuerst nichts gemerkt. Im Gegenteil, ich hatte es genossen.

Das ganze fing mit dem für die Jahreszeit ungewöhnlichen Wetter an. Der Himmel war wolkenverhangen, über dem ganzen Land. Kein Sonne, tagelang nicht. Man sagte, auch die Flugzeuge waren nicht fähig, über den Wolken zu fliegen, wie hoch sie auch stiegen. Die Temperatur war angenehm, und dennoch hatten viele den Eindruck, es sei kalt. Man sah Menschen in T-Shirts, ebenso wie Leute in dicken Winterjacken. Die ganze Stimmung war kalt. Das Gras duckte sich in einem faden, gedämpften grün, und selbst die Bäume schienen nicht mehr so viele Blätter zu haben, als wäre es Winter, und sie hätten vergessen, das Laub abzuwerfen. Die Tiere waren lustlos, ruhig, doch auch in einer seltsamen Anspannung. Zuerst hatte niemand die Veränderung richtig bemerkt. Der Wind war einfach da. Menschen blieben plötzlich stehen und sagten: „Hei, es windet.“ Andere neben ihnen blieben ebenfalls stehen und meinten: „Tatsächlich! Seit wann das? Ist mir irgendwie gar nicht aufgefallen…“. Und sie gingen weiter, froh darüber, dass wenigstens etwas geändert hat an diesem Wetter, dass nun schon wochenlang immer gleichbleibend war. Und sie genossen den Wind in den Haaren. So wie niemand bemerkt hatte, dass es zu winden begann, so bemerkte auch niemand, dass der Wind stärker wurde. Die Bäume begannen sich zu wiegen, aus dem Flüstern der Blätter wurde ein Schwanken der Bäume. Ich machte in dieser Zeit oft Spaziergänge. Es gibt nichts wunderbareres für mich, als der Wind, der wie ein Geliebter durch mein Haar fährt. Ein flüchtiger Geliebter, von dem man nie weiss, ob er zurückkehrt oder nicht. Es kehrte zurück, immer wieder. Er kräuselte das Wasser im See, fuhr durch die gefüllten Strassen der Städte ebenso wie durch die verlassene Gassen in den Dörfern. Die Tiere zogen sich in ihren Bau zurück. Es war, als würden sie ihren Winterschlaf halten.

Jemand aus der Schule sah von Tag zu Tag bleicher aus. Er konnte nicht schlafen, der Baum vor seinem Fenster wisperte unermüdlich unverständliche Botschaften und störte so seinen Schlaf. Ich musste mich zur Schule kämpfen, nach vorne gebeugt. Immer in Angst, ein Blatt oder ein Stecklein könnte gegen meine Brille schlagen und sie verkratzen. Staub wirbelte durch die Luft, dauernd schien ein Nebel über dem Land zu liegen. Es hatte auch nicht geregnet in der letzten Zeit, und so trug der Wind trockene Erde und Sand mit sich. Blätter und kleine Aeste. Fallengelassenes Papier, vergessene Einkaufstüten aus Plastik. Als er zu einem Sturm anwuchs, verliess ich mein Haus nicht mehr. Ich sass in meinem Wohnzimmer. Der Fernseher lief die ganze Zeit. Die Leitungen sind unterirdisch verlegt, so hatte ich immer Anschluss. Die Nachrichten zeigten umgestürzte Strommaste. Ich ging in den Keller und suchte die Reservekerzen, die man mir zur Milleniumswende geschenkt hatte. Ich zündete ein paar an und lauschte dem Wind, der pfeifend um die Hausecken strich. Die Fahne am Mast im Garten des Nachbarn hing in Fetzen. Der Nachrichtensprecher erzählte was von Orkanstärken. Die Musik, die leise aus der Anlage in der Ecke klang, schien mir die Stimmung zu treffen. Der Himmel war immer noch weiss. Viele hatten gehofft, dass der Wind sie wegblasen würde. Oder zumindest Regen bringen. Ein paar Leute wurden interviewt, klagten über den dauernden Staub. Dass sie sich aus dem Haus wagten, wunderte ich mich. Ich begnügte mich mit dem Essen aus den Dosen, die mir ein Freund geschenkt hatte. Aus einem Grund, der mir nicht recht klar war, hatten mir viele Freunde Milleniumsausrüstungsgegenstände geschenkt. Kerzen. Streichhölzer. Nahrung in Dosen. Jemand hat mir sogar einen kleinen Gaskocher geschenkt. Dabei hatte ich nie davon gesprochen, Angst vor der Jahrtausendwende zu haben, die ja sowieso noch ein Jahr auf sich warten lassen würde. Nun war ich froh über all diese Geschenke. So konnte ich hier bleiben. Einsam. Das Natel funktionierte nicht, der Fernseher zeigte abgebrochene Antennen. Ich verharrte in meinem Haus.

Wartete auf irgend etwas. Der Fernseher zeigte Bilder von zerstörten Gebäuden. Dächer, die durch den Wind abgedeckt worden waren. Eine Bahnhofanzeige, die auf eine Treppe gefallen war. Werbebuchstaben, die von Hochhäusern fielen. Menschen, die gegen den Sturm ankämpften. Autos, die durch den Wind aus der Spur gedrückt worden sind, und deren Insassen, durch einen kriechenden Krankenwagen verborgen, wahrscheinlich auf dem Weg in die Leichenhalle.

Die Welt war mir unendlich fern. Mein Leben war reduziert. Ich sass den ganzen Tag auf meinem alten, bequemen Sessel vor dem Fenster und beobachte, was der Wind mit den Bäumen ums Haus anstellte. Wie er durch das Gras huschte. Durch die Büsche eilte. Um die Ecke schielte. Sich zurückzog. Wieder zustiess. Die Scheiben erzittern liess. Manchmal machte ich mir etwas zu essen. Wenn es dunkel wurde, zündete ich Kerzen an. Und starrte in die Dunkelheit. Lauschte dem Wind. Der schnellen Luft. Dem leisen Pfeifen, dort, an der Ecke. Das klirrende Geräusch vom Draht am Fahnenmast des Nachbars. Und das Geräusch von zerfetztem Stoff, etwas höher. Der Fernseher wirft blaues Licht in den Raum, das an den Glasscheiben abprallt und zurückgeworfen wird. Die Musik läuft die ganze Zeit. Nur manchmal lege ich eine neue CD ein. Tausche eine aus, und lasse sie rotieren. Nach dem Zufallsprinzip wird einen angespielt. In meinem Bette liegend kann ich den Wind immer noch hören. Er zerrt auch an meinen Ziegeln. Doch sie sind fest verankert. Ein solides, untergangsicheres Haus, haben meine Freunde gewitzelt, als ich hier einzog, und spielten damit auf das Ehepaar an, das dieses Haus erbaut hatte. Sie hatten es wirklich abgesichert. Bis heute war ich mir nie sicher, ob sie nicht vielleicht einer dieser Sekten angehörten, die an den Weltuntergang glaubten. Dann waren sie nach Afrika gezogen, lebten nun in einem kleinen Haus mitten in Zaire und schickten mir ab und zu Ansichtskarten um mir zu versichern, wie gut sie lebten. Dabei kannte ich sie doch eigentlich nur kurz. In diesen Tagen bekam ich keine Post. Der Postbeamte hatte kurz angerufen und gefragt, ob ich einige Tage auf meine Post verzichten könne. Es sei einfach zu gefährlich, zu meinem Haus zu fahren. Der Wald, durch den die Zubringerstrasse führt, war voller alter Bäume. Wahrscheinlich hatte der Wind viele von ihnen zu Boden gedrückt. Lächelnd dachte ich an meinen Bambus, der sich im hinteren Teil meines Gartens lustig mit dem Wind bewegte. Der würde nicht brechen. Der war spezialisiert, sich zu biegen. Sich anzupassen. Im Fernsehn zeigten sie die Auswirkungen des Sturms auf alle Teile des Landes. Der See war über die Ufer getreten. Es würde lange dauern, bis er mein Haus erreichte, und wenn, so würde es kaum bis in den Keller gelangen. Dieses Haus hatte sogar die grosse Überschwemmung vor fünf Jahren überstanden, ohne dass auch nur ein Tropfen Wasser durch die Wände geronnen war, hatten mir die früheren Besitzer stolz erzählt. Die Seewache meldete Rekordhöhe für die Wellen. Die Sturmlichter blinkten Tag und Nacht, doch wer nicht unbedingt musste, verliess sein Haus sowieso nicht. Und kam schon gar nicht auf die Idee, im See zu baden. Ein Bergdorf war von der Umwelt abgeschlossen, weil eine Permaschneelawine niedergegangen war. Keine Chance für die Helfer, dorthin zu gelangen. Kein Flugzeug konnte starten, kein Helikopter konnte den Aufstieg wagen. Die Bauern klagten, dass sie ihrem Vieh den Wintervorrat verfüttern müssen, weil sie nicht raus konnten, um frisches Gras zu schneiden. Das wäre sowieso plattgedrückt auf dem Feldern. Experten sprachen von einer Missernte, weil der Sturm viele junge Pflanzen geknickt oder sonstwie beschädigt hatte. Ein Freund rief besorgt an, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, und legte mir ans Herz, ihn anzurufen, wenn ich irgend ein Problem hätte. Ich dankte ihm, legte auf und setzte mich wieder in meinen Sessel.

Wann würde der Sturm enden? Das fragte ich mich manchmal. Und hörte wieder den Geschichten des Windes zu.

11. Januar 2000

Der Baum

Heute haben wir keine Schule. Die Lehrer halten eine ausserordentliche Konferenz ab. Mitten im Neubau ist nämlich über Nacht ein riesiger Baum gewachsen. Einfach so, gestern war er noch nicht da und heute morgen füllt er fast die ganze Halle aus. Uns Schülern gefällt er. Seine Blätter sind herzförmig und von einem satten Grün. Der Stamm ist wohl um die zwei Meter dick und die Krone stösst oben an der Decke an. Ein Wunder, dass sie diese noch nicht durchstossen hat! Die Lehrer haben also ihre Konferenz und beraten, wie sie diesen Baum wieder loswerden. Wie er dahin gekommen ist, scheint niemanden zu interessieren. Wir sitzen währenddessen in der Cafeteria und warten darauf, endlich heimgehen zu dürfen.

Jetzt ist ein Förster gekommen. Er sieht sich den Baum an und beratschlägt sich mit einem Uniprofessor, der extra von Zürich hierher gerufen wurde. Anscheinend weiss der allerdings auch nicht, was für ein Baum das ist und wie er hierher kommt. Der Baum selbst steht noch immer da, gross und breit, mit grünen, herzförmigen Blättern. In der Halle scheinen sich nun unter der Decke Wolken zu bilden. Noch immer will uns niemand nach Hause lassen, obschon klar ist, dass heute kein regulärer Unterricht mehr stattfinden wird.

Soeben sind einige Männer mit Motorsägen gekommen. Die meisten Schüler drängen sich in der Nähe des Baumes zusammen, um auch ja genau mitzubekommen, was da geschieht. Die Wolken an der Decke sind mittlerweilen dichter geworden. Die Männer messen den Stamm aus und diskutieren, wie der Baum am besten zerkleinert werden soll, ohne dass Geländer, Treppen oder Wände beschädigt werden. Irgendwo zwitschert ein Vogel.

Nun ist ein Mann von der Verbindungsbrücke auf einen dicken Ast gestiegen. Er bewegt sich vorsichtig so weit vor wie es geht und zückt dann seine Motorsäge. Plötzlich zerreisst ihr scharfes Aufheulen die Stille, die sich über uns Schülern ausgebreitet hat. Der Bereich direkt unter dem Ast ist bereits vorher abgesperrt worden, und die Granitplatten bedecken sich nun langsam mit Blättern, als der Mann zu sägen beginnt. Der Ast bewegt sich unter der Motorsäge, als würde er vor Angst und Schmerz zittern. Aus den Wolken fällt nun weisser Schnee. Langsam senken sich die Flocken auf die Blätter des Baumes und die Köpfe der Menschen. Der erste Ast ist nun abgesägt und jetzt geht es Schlag auf Schlag. Bald ist der Boden mit Ästen bedeckt. Wir könnten nun endlich nach Hause gehen, doch niemand rührt sich.

Nach zwei Stunden sind sie fertig. Die Granitplatten sind übersät mit Ästen und Laub. Die Wolken haben sich wieder aufgelöst und nur das Schimmern des Schmelzwassers erinnert an ihre Existenz. Die Aufräumarbeiten beginnen und ich mache mich endlich auf den Weg nach Hause.

Am nächsten Tag ist schon wieder Alles beim alten. Wo der Stamm den Fussboden durchstiess sind neue Platten eingesetzt worden. Nichts erinnert an den Baum, und er wird auch von niemandem erwähnt, als wäre er nur ein Traum gewesen, eine kurze Erscheinung aus einer anderen Dimension.

Zwei Monate später:
Heute Morgen durchbrach ein Pflanzenspross mit grünen, herzförmigen Blättern den Fussboden…

14. Dezember 1997