Daniel: hebr. = mein Richter ist Gott

„Made“ fiel anna spontan ein, als sie Daniel da so liegen sah. Sofort korrigierte sie sich. Wie er da lag, in seine Decke eingewickelt, erinnerte er sie an die fette, rauchende Raupe aus Alice im Wunderland. Erst jetzt wurde ihr klar, dass dieses Ding ja friedlich am Opium rauchen ist, die ganze Zeit. Und waren die Ratschläge der Raupe an Alice nicht immer irgendwie verwirrend, unklar? anna grinste vor sich hin. Dann sah sie sich im Zimmer um und fragte sich, wie sie hierher gekommen war.

Daniel schien fest zu schlafen auf seinem Futon. Eine andere Erinnerung drängte sich kurz in annas Kopf, um sich dann zwischen der Tür vom Schlaf- ins Wohnzimmer zu verlieren. anna ging in die Küche. Daniel hatte eine typische Jungesellenwohnung. Schmutziges Geschirr stapelte sich neben dem Herd. Mit einem Lächeln erinnerte sie sich an das erste Gespräch in dieser Küche. Daniel war die Unordnung peinlich gewesen. anna hatte nur gelacht und ihn beruhigt: „Bei mir sieht es Freitags auch so aus. Und ich werde mich hüten, etwas zu sagen. Seit ich mich darüber aufgeregt habe, dass in unserer Gesellschaft der Lebenserfolg eines Menschen daran gemessen wird, wie sauber er seine Wohnung halten kann und nicht, ob er glücklich ist, habe ich wohl auch kein Recht mehr dazu.“ Später war ihr diese Erklärung etwas peinlich gewesen. Sie klang platt und bemüht gesellschaftfeindlich. anna liess sich in Daniels Fernsehsessel fallen. Aus dem Schlafzimmer wehte ein Seufzer herüber. Der Fernsehsessel war richtig super. Der Himmel weiss, wie Daniel ihn gefunden hatte. Der edel schimmernde, dunkelblaue Bezug war mit grossen Sonnenblumen bedruckt…

anna liess ihren Blick träge aber fasziniert über die Unordnung schweifen. Sie dachte an ihre eigene Wohnung. Stellte sich ihre Möbel in diesem Raum vor und lächelte dabei. Dieser Platz war so gut wie jeder andere, und sie war sowieso nirgendmehr zu Hause. anna hörte das Rascheln der Decke. Daniel war aufgewacht und versuchte, sich aus der unfreiwilligen Umarmung zu lösen.

Als er ins Wohnzimmer kam, hatte sie ihn immer noch nicht freigegeben. Daniel hüpfte auf anna zu. Sah sie bittend an: „Kannst du mir aus dieser blöden Decke helfen?“ anna sah ihn an. Dann lachte sie, steigerte sich von einem leisen Kichern in ein donnerndes Lachen. „Was willst du von mir Daniel? Sei doch froh, dass du kein Käfer geworden bis!“

13. April 2002
Anmerkung: Eigentlich macht es sich nicht so gut, Geschichten zu erklären. *lächel*
Es gibt von Franz Kafka eine Kurz-Geschichte mit dem Titel ‚Der Käfer‘. Darin verwandelt sich ein junger Mann langsam vom Menschen in einen riesigen Käfer. Soweit ich das noch im Kopf habe, stirbt er am Schluss, ermordert von seiner eigenen Familie…

Manchmal kommt es vor, dass die Welt einen Tag anhält. Dass sie seltsam ist und Dinge geschehen, die uns nur als dunkle Träume in Erinnerung bleiben. Als Spiegelzeit herrschte, merkten wir zunächst nichts davon. Wie auch, wenn unser Spiegelbild gerade am zu Bett gehen war? Ich traf das meine erst um halb vier. Plötzlich wurde es eng auf meinem Schreibtischstuhl. Verwundert sah ich elociN an. Sie blickte verwundert zurück und kam dann vom kaffeeholen zurück. Später dachte ich noch einmal an sie. Im Bus auf dem Heimweg sah ich sie zur Arbeit kommen. Kaffeetrinken. Duschen. Aufstehen.

Ich erzählte anna von elociN. Wie ich dachte, in einen Spiegel zu schauen. Wie ihre Narben an der falschen Stelle waren, sie mit der linken Hand ihre Tasse hielt. Wie sie nur kurz „ollaH“ sagte, als wäre es normal, dass wir uns begegnen. anna starrte nachdenklich in ihren Milchkaffee. „Ich bin meinem Spiegelbild nicht begegnet“, stiess sie plötzlich leise hervor. Für einen Moment verstand ich nicht, was sie mir da sagte. Ich blickte sie verblüfft an. „Aber das ist doch nicht möglich! Alle, alle sind ihrem Spiegelbild begegnet!“, wisperte ich schliesslich zurück. „Es ist mein Name… anna bliebt immer anna.“ anna hob den Kopf und sah mich voller Angst an: „Aber was hat das zu bedeuten?“

4. Mai 2002

Die Affäre begann ohne Plan und ohne Absicht. Er hiess Peaux zum Nachname. Das französische Wort für Haut, einmal nicht melodiöser als das Deutsch, doch vielleicht gibt es in keiner Sprache ein Wort, dass der Haut gerecht wird.

Die Leute scherzten über seinen Nachnamen und sprachen es aus wie ‚Beau‘. Und schön war er auch, oder zumindest liess sein Charme das die Leute glauben. Später würde ich immer an seine Haut denken, wann immer mich nur der Hauch eines ähnlichen Geruches traf, wann immer ich eine Kerze brennen sah.

25. Juni 2002