annas Liebhaber

annas Liebhaber küsste sie zum Abschied, und sein Kuss war bedeutungsschwanger, denn er küsste sie nicht auf die Lippen. Er setzte seinen Kuss gezielt an jene Stelle am Hals, auf den Uebergang, wie anna ihn nannte. Dort, wo der Körper sich dem Geist öffnete. Dort, wo die Erde den Himmel traf. anna hatte ihm davon erzählt, in einer Nacht, als der Himmel dunkel war und die Welt wie im Winterschlaf schien, mitten im Sommer, mitten am Tag.

Dann ging annas Liebhaber.

anna sah ihm nach, aus noch träumeschweren Augen. Sie sah sein Haar verschwinden hinter der Tür, sein Hemd, seine Hand. Sein Geruch hing noch in der Luft, vielleicht auch zwischen den Laken oder auf annas Haut. Einen Moment verspürte sie eine Traurigkeit, die sie glauben machte, niemals wieder glücklich werden zu können. Dann war es vorbei, wie ein Windhauch, eine vertraute Erinnerung, ein Todesgruss.

5. Juni 2002