Die Masken des Liberio

Liberio wurde stumm geboren. Ein seltsames Kind, nie schrie er oder bewegte sich unnötig. Nie schlief er, und schien dennoch nie richtig wach zu sein. Seine Eltern suchten viele gelehrte Ärzte auf, doch niemand konnte dem Kinde helfen. So wurde ihm Nahrung eingeflösst und die Augen zugedrückt, wenn die Nacht anbrach, und Liberio lag lange Zeit in seinem Bette. Doch eines Tages betrat seine Schwester das Zimmer. In ihrer Hand trug sie eine Maske. Das feine weisse Porzellan war kunstvoll mit leuchtenden Farben bemalt, ein breites Lachen untermalend. Die Schwester nun, jung und ohne Scheu, legte die Maske auf das Gesicht des Liberio. Da geschah etwas Seltsames: die Farben der Maske verblassten, sie wurden hell und dann braun, braun wie die Haut des Liberio. Als die Maske nicht mehr zu sehen war, das schlug Liberio seine geschlossenen Augen auf. Er schwang die Beine vom Bett und lachte seine Schwester an. Seine Eltern kamen, angelockt durch das fremde Lachen, und als sie den nun wachen Liberio sahen, überkam sie grosse Freude und sie fielen in sein Lachen ein.

Von jenem Tage an lachte Liberio, manchmal laut und manchmal leise, doch immer brachte er andere dazu, es ihm gleichzutun. So machte er die Menschen glücklich. Zuerst nur die Leute in seinem Dorf, doch bald verliess er seine Eltern und ging in die Welt, um das Lachen überall hinzubringen. Lange Zeit zog er von Ort zu Ort, bis er eines Tages am Wegesrand ein Glitzern bemerkte. Es war eine Maske aus geschnitztem Obsidian. In seiner glattgeschliffenen schwarzen Oberfläche spiegelte sich die Sonne. Ein grosser Künstler hatte mit Sorgfalt und viel Geduld die Mimik eines rasenden Menschen in den Stein geschnitzt. Jede Ader war sichtbar, jede Zornesfalte. Liberio hielt das Kunstwerk ehrfürchtig in den Händen, doch er konnte nicht widerstehen, sich die Maske aufzusetzen. Das geschah etwas Seltsames: das Schwarz der Maske verblasste und wurde braun, braun wie die Haut des Liberio. Als die Maske nicht mehr zu sehen war, da war Liberio wütend. Seine Wut richtete sich gegen alles und jeden, und er zog durch die Welt, jeden totschlagend, den er traf. Seine Wut kannte keine Grenzen, was immer schön und rein war, wurde von ihm zerstört. So wütete er lange Zeit, bis er eines Tages vor den Überresten eines Hauses stand, welches er vor Stunden angezündet hatte. Plötzlich fiel ihm ein Stück Holz auf, das offenbar nicht verbrannt war. Voller Wut stürzte er sich auf das Ding, und stellte fest, dass es eine hölzerne Maske war. Der Ausdruck des Gesichtes war gar kläglich. Von einem inneren Zwang getrieben hielt sich Liberio die Maske vor sein Gesicht. Da geschah etwas Seltsames: die Muster des Holzes verschwammen, und das Braun wurde Heller, wurde braun wie die Haut des Liberio. Als die Maske nicht mehr zu sehen war, fühlte sich Liberio plötzlich elend. Und er weinte und wälzte sich im Staub, und flehte die Götter an, seiner elenden Existenz ein Ende zu bereiten.

Manchmal erhören die Götter unsere Gebete, und sie schickten den Tod zu Liberio.

Stolz stand dieser vor dem Verzweifelten, seinen knochigen Körper unter einem schwarzen Umhang versteckend. Er schaute auf Liberio mit dem Blick, der die Sterblichen verstummen lässt. Regungslos lag Liberio auf der Erde. Da bückte sich der Tod zu ihm hinab und ergriff die erste Maske. Liberio schrie stumm auf, und die Erde erzitterte, als sein Schrei ihr durch das brausende Herz schoss. Achtlos liess der Tod die hölzerne Maske fallen und griff wieder nach Liberio, entriss ihm die zweite Maske. Und die Erde erbebte ein weiteres Mal. Der Obsidian glänzte böse in den letzen Strahlen der Sonne. Unter den weiten Gewändern des Todes verbarg sich ein boshaftes Lächeln, als er sich zum dritten Mal über den armen Liberio beugte, um diesem auch die letzte Maske von Gesicht und Seele zu reissen. Diesmal entwich kein Schrei dessen Munde, doch wieder erzitterte die Erde, unter dem Gewicht der Porzellanmaske, als der Tod sie fallen liess. Liberio lag da wie er geboren wurde, stumm und ohne sich zu rühren. Zum letzten Mal bückte sich der Tod und hob Liberio auf, um ihn mitzunehmen, dorthin, wohin er alle nimmt, irgendwann.

Der Masken nahm sich der Wind an. Als wären sie Federn, trug er sie mit sich und verstreute sie auf der Erde, auf dass sie eines Tages ein anderer finden möge, der nicht lebt und nicht tot ist.

Und dies sei das Ende dieser Geschichte.

29. November 1998