Herrn B.’s grosser Tag

Herr B. ist Lehrer. Mathelehrer. Ich weiss , was Sie jetzt denken: „Oh Gott, eine Geschichte über einen gefühllosen, totlangweiligen Mathelehrer!“ Also Herr B. ist zwar etwas unauffällig, doch keineswegs gefühllos oder gar langweilig! Das würde man wohl gar nicht glauben, wenn man ihn das erste Mal sieht. Meist ist er ganz in grau gekleidet, mit Hemd, Jackett, Bundfaltenhose und Krawatte. Die Krawatte ist nicht grau. Die ist blau, himmelblau, um genau zu sein. Herr B. ist schon etwas älter, so um die Fünfzig, das kann man nicht so genau sagen. Er hat nämlich ziemlich jugendliche Züge, nur sein Haar, das ist grau. Als ob es sich der Kleidung von Herrn B. anpassen würde. Auch seine Brille ist grau, eigentlich wäre sie silbrig, doch wir wollen es nicht so genau nehmen.

Nun platzen Sie sicher schon vor Neugier, wieso dieser ältere, graue Herr eben nicht langweilig sein soll. Schliesslich steht er jeden Tag punkt 6.13 Uhr auf, rasiert sich, frühstückt ausgiebig, steigt in sein Auto ( ein grauer Volvo) und kommt um 7.15 Uhr bei der Schule an. Zum Glockenschlag der Kirche um 7.30 Uhr beginnt er den Unterricht und um 12.00 Uhr isst er eine Kleinigkeit zu Mittag, immer im nahen Italiener. Bis 18.00 Uhr bleibt er dann noch in der Schule, entweder um seine Stunden zu geben, oder um Prüfungen zu korrigieren. Dann geht er wieder nach Hause, nimmt sein Abendessen ein und sieht sich die Abendnachrichten im Fernsehen an. Um exakt 20.00 Uhr geht Herr B. ins Bett, liest noch eine Stunde in einem Buch über Mathematik und löscht dann das Licht. Ziemlich langweilig, da stimme ich Ihnen zu. Dennoch mögen seine Schüler Herrn B.. Der gibt nämlich nicht einfach nur Mathe, nein, er kann die Rechnungen auf seltsame Art und Weise zum Leben erwecken. Nehmen wir zum Beispiel die Brüche. Das sind Herrn B. Lieblingszahlen. Darum nennt man ihn auch Herr B., eigentlich heisst er Herr Bastian. Er kann sich stundenlang mit echten und unechten Brüchen beschäftigen, sie durch Wurzeln und mal Potenzen rechnen. Doch Herr B. rechnet nicht nur mit Zahlen. Nein, Herr B. liebt die Natur und die Menschen, also rechnet er durch Tiere und mal Schüler. Und am Ende kommt immer ein einleuchtendes Resultat heraus. Manche Leute glauben, Herr B. könne zaubern.

Einmal hatte er eine Schülerin, deren Eltern sich scheiden liessen. Die Schülerin, Katja hiess sie, war ganz verwirrt. Mitten in der Mathestunde begann sie zu weinen und liess sich nicht mehr trösten. Als Katja Herrn B. unter Tränen von der Scheidung ihrer Eltern erzählte hatte, fragte sie ihn, warum ausgerechnet ihrer Familie so etwas passiere. Herr B. nahm also Katja, ihre Mutter, ihren Vater, den kleinen Bruder und die grosse Schwester und führte eine ganz komplizierte Rechnung aus. Jeden Schritt erklärte er Katja und am Ende kam die Scheidung heraus. Aber die Scheidung stand über dem Bruchstrich, und darunter die Liebe. Da wusste Katja, dass ihre Eltern sie und ihre Geschwister immer noch liebten, und sie konnte zumindest wieder lächeln. Ein anders Mal rechnete Herr B. für den kleinen Hubert aus, wie viele Schmetterlinge es im Stadtpark gibt. Hubert will nämlich unbedingt Schmetterlingsforscher werden. Herrn B. rechnete einfach die Raupe mal den Baum rechts neben dem Eingangstor zum Park durch den Ameisenbären, der letzte Woche gesichtet worden war, plus den Parkwächter und multiplizierte das Ganze noch mit der Sonne. Das Resultat war Schmetterling durch Hubert. Und die ganze Zeit flatterte der Schmetterling aufgeregt zwischen den Zahlen an der Wandtafel herum. Aber Herr B. rechnete nicht nur Dinge für seine Schüler aus. Manchmal half er auch den Eltern seiner Schüler und berechnete da ein Auto und dort ein Rendez -vous. Da verbreitete sich sein Ruf natürlich über die Stadtgrenze hinaus. Und eines Tages wurde Herr B. eingeladen, in Amerika vor hohen Politikern eine Ausrechnung zu machen. Er sollte nämlich berechnen, wie der Weltfrieden zu bewerkstelligen sei. Das Ganze würde gefilmt und ‚live‘ im Fernsehen in alle Welt übertragen.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl betrat Herr B. in Amerika die Bühne, welche extra für ihn aufgestellt worden war. Hinter ihm war eine riesige Wandtafel, wie er gebeten hatte. Mit zitternden Fingern nahm er eine Kreide und begann mit der Ausrechnung. Zuerst schrieb er das Universum auf, dann kam er über Umwege zu der Erde, dann zu den Kontinenten, den Ländern, den Gebieten, den Städten, den Dörfern, den Häusern, und ganz zum Schluss, ganz zuletzt kam er zu den Menschen. Es war eine lange Rechnung, mit vielen Multiplikationen, Additionen und auch einigen Divisionen. Herr B. wusste selber nicht, was das Resultat seiner langen, langen Rechnung sein würde, und manchmal glaubte er entsetzt, sich verrechnet zu haben. Doch er machte keine Fehler. Während er rechnete und alles aufschrieb, sahen viele Millionen Menschen ihm dabei zu, sahen den grauen, langweilig wirkenden Mann Wörter addieren und subtrahieren, und sie alle waren wie gebannt. Und als Herr B. die Gleichheitsstriche hinter seine lange, lange Rechnung setzte, hielten diese viele Millionen Menschen den Atem an. Herr B. blieb kurz mit hängenden Armen stehen, dann hob er langsam die Hand. Vorsichtig schrieb er in riesigen Lettern:

Mensch + Toleranz = Weltfrieden ./.Welt

Einen Moment herrschte eine Stille, als würde Mutter Erde selbst den Atem anhalten. Plötzlich begannen alle zu jubeln, sie riefen: „BRAVO“ und klatschten, und der amerikanische Präsident persönlich schüttelte Herrn B. Hand und bedankte sich ganz herzlich. Herr B. war in allen Zeitungen und wurde mit vielen Preisen geehrt. Eine Zeit lang hatte er wirklich ein sehr aufregendes Leben.

Geändert hat sich nichts. Die Menschen wollten den Weltfrieden nicht verwirklichen, wer weiss weshalb. Herr B. gibt wieder Schule und erfreut mit seinen Bruchrechnungen seine Schüler. Nur manchmal wünscht er sich, die Menschen hätten seine Schlussresultat etwas besser verstanden. So wie seine Schüler. Auf sie setzt er all seine Hoffnung. Und er ist sich sicher, dass das nicht vergebens ist. Das hatte er sich nämlich mal ausgerechnet.

29. Mai 1998