In der Warteschlange

Er fiel mir auf, weil er sehr nervös zu sein schien. Er ist jung, vielleicht 25 Jahre alt. Vor im stehen noch vier Personen und zwischen uns zwei weitere. Er trägt ein Paket in der Hand, das er offensichtlich am Postschalter abgeben will. Er sieht andauernd auf seine Uhr. Früher konnte ich mir unter der Redewendung ‚von einem Fuss auf den anderen treten‘ nicht viel vorstellen. Er tut es. Mal erscheint sein schwarzer, kurzgeschnittener Haarschopf auf der linken Seite der beiden Leute vor mir, mal auf der rechten. Immer wieder dreht er den Kopf zur Uhr an der Wand, dann starrt er auf seine Armbanduhr, trippelt zwei Schritte nach links, zwei Schritte nach rechts, reckt den Hals, m die Leute vor sich zu zählen. Diese werden weniger, zwei, einer, endlich ist er am Schalter. Rasch hält er der Postbeamtin sein Paket und eine Zehnernote hin, nimmt das Wechselgeld entgegen und stürmt nach draussen. Im Halbdunkel des Postraumes kann ich sein Gesicht nicht genau erkennen, nur das Tageslicht, welches durch die Eingangstür fällt, spiegelt sich einen Moment in seinen Augen. Dann ist er Weg.

4. Dezember 1997