Reise in das Land

Er flog, flog über Felder und Wiesen, über Häuser, Dörfer, Städte, über Länder, und vielleicht auch über Welten. Er überflog Wüsten und Wälder, Meere und Berge. Schliesslich landete er. Er fiel in weiches Gras, erst jetzt entdeckte er, dass die Sonne schon lange untergegangen war. Die Sterne standen hell am Himmel, es waren jedoch nicht seine Sterne. Doch sie spendeten ihm einen Trost, den er noch nie zuvor gefühlt hatte. Unbeweglich lag er da, kein Geräusch störte die Stille, selbst seine Gedanken schwiegen. Nach einiger Zeit schlief er ein, sanfte Träume begleiteten seinen Schlaf. Früh am Morgen wachte er auf, erst blieb er noch etwas liegen, doch dann erhob er sich und blickte neugierig auf das Land, welches vor ihm lag. Das Land sah frisch und jung aus, in den Bäumen zwitscherten einige Vögel, von weit her kamen ihre Gesänge, leise und dennoch unglaublich klar. Langsam erhob sich die Sonne über den Horizont, ihre Strahlen liessen die Tautropfen golden schimmern, wie ein Juwel erschien ihm das Land. In der Nähe plätscherte ein Bach und plötzlich spürte er Durst. Er machte sich auf den Weg, folgte dem Murmeln und betrachtete dabei vergnügt die herrlichen Blumen, an denen er vorbeiging. Sie leuchteten gelb und rot und in allen Farben des Regenbogens. Da standen Blumen, von deren Schönheit er nie zu träumen gewagt hätte. Dunkelviolette Akelaien standen in schönster Blüte, und der Boden um sie war mit ihren eigenen Blütenblättern bedeckt. Lächelnd und glücklich erreichte er den Bach, der sich glitzernd durch das Land wand. Vorsichtig liess er sich am Ufer nieder und beugte sich vor, um zu trinken. Eiskalt rann das Wasser durch seine Kehle, wie frisches Quellwasser erquickte es seinen Körper und seine Seele. Schliesslich fasste er sich ein Herz und sprang in den Bach, prustend spürte er die Kälte des Wassers. Vergnügt beobachtete er die Wassertropen, die an seiner Haut hinab rannen, wie mit tausend Diamanten besetzt sah sie aus. Langsam stieg er aus dem Wasser, die Strahlen der Sonne trockneten ihn, sie selbst war noch weiter gestiegen und vertrieb die letzten Schatten unter den Bäumen. Noch immer zwitscherten munter die Vögel, weit weg und doch so klar, als ob sie vor ihm sässen. Er setzte sich unter eine alte, kräftige Eiche und ruhte sich etwas aus. Wieder schwiegen seine Gedanken, seine Seele fühlte sich beschützt und geborgen.

Nach einiger Zeit stand er auf, breitete seine Arme aus und flog der Sonne entgegen. Er musste schliesslich zum Frühstück wieder zu Hause sein…

13. Juni 1996