Seine Augen

Seine Augen waren etwas sehr Besonderes. Anfangs dachten wir, das Licht spiele uns Streiche, oder er trage Kontaktlinsen. Doch dann bemerkten wir, dass seine Augen wirklich ihre Farbe wechselten. Manchmal waren sie grün, dann ging es ihm gut, er war freundlich und aufmerksam. Bei Braun war er glücklich, erzählte Witze und lachte mit uns. Mit dieser Augenfarbe lernte er am meisten Leute kennen, sie passte so gut zu seinen blonden Haaren. Obwohl sich nie jemand für sein Aussehen interessierte, alle blickten nur in jene seltsamen Augen. Wer im unsympathisch war, wurde mit einem eiskalten, blauen Blick bedacht, wen er gar hasste, sah in feuerrote Augen. Manche spekulierten, ob er vielleicht ein Ausserirdischer sei, denn in seinen Augen war nichts. Es heisst, die Augen seien die Fenster zur Seele. Vielleicht hatte er gar keine. Denn eigentlich hatte er nichts. Er kam zur Schule, jeden Tag, solange sich die Lehrer erinnern konnten, und war dennoch nie gealtert. Vielleicht war er ein Geist, gebunden an diesen Ort, verdammt, auf ewig hier zu bleiben. Manchmal waren seine Augen gelb. Das machte uns Angst, dann keiner von uns hatte so etwas schon einmal gesehen, und keiner wusste, was es zu bedeuten hatte. Aber wir hatten uns an ihn gewöhnt, fast war er einer von uns. Bis zu jenem Tag, als seine Augen weiss wurden…

29. November 1996