The Doors II

Ich schreibe dies auf in der Hoffnung, dass es jemand irgendwann einmal lesen wird. Denn ich glaube, dass ausser mir auch andere überlebt haben. (Was auch immer zu überleben war.) Falls dies tatsächlich der Fall sein sollte, werde ich das aber nie erfahren, die Einsamkeit ist so schwer und mir fehlt mittlerweilen jeder Lebensmut. Trotzdem sollte diese Geschichte erhalten bleiben, als Zeugnis für meinen aussichtslosen Kampf mit der Wirklichkeit … oder der Phantasie.

Es begann vor einigen Tagen. Oder waren es Wochen, gar Jahre? Das ist im Grunde auch egal, Zeit hat keine Bedeutung mehr. Vielleicht ist sie sogar auch verschwunden. Doch ich will nicht vorgreifen. Es war ein ganz normaler Schultag. Ich stand um 6.00 Uhr auf, stellte mich unter die Dusche und verschwendete eine Viertelstunde Wasser. Dann zog ich mich an und erhitze in der Mikrowelle Milch, trank einen Kaffee, packte mein Schulzeug und mein Mittagessen zusammen und machte mich auf den Weg zum Bahnhof. Dort angekommen, bemerkte ich etwas irritiert, dass Angela, eine Schulfreundin, heute nicht da war. “ Was soll’s“, dachte ich mir, es war Herbst und eine Grippewelle trieb ihr Unwesen. Als der Zug kam, betrat ich zum ersten (und letzten)Mal in meinem Leben ein vollkommen leeres Abteil auf dieser Linie. Ansonsten waren die Wagen immer gut besetzt, heute war keine Menschenseele zu sehen. Die schwere Mappe über der Schulter und dementsprechend schnaufend stieg ich in Romanshorn aus und stellte erstaunt fest, dass sonst niemand mehr den Zug verliess. Ja, der ganze Bahnhof war leer! Langsam lief ich an den Waggons vorbei und schaute in jedes Abteil. Nichts, kein Mensch war da! Als ich am Anfang der Eisenbahn ankam, war auch die Kabine des Lokführers leer. Wer aber hatte den Zug bis nach Romanshorn gesteuert? Plötzlich rannte ich in blinder Panik los, über die Geleise auf die SBW zu, die mir in jenem Moment als einzig sicherer Ort erschien. Unterwegs stolperte ich über meine eigenen Füsse, ich verletzte mich nicht, verlor aber meine Mappe und liess sie einfach liegen. Als ich den Brunnen vor der SBW erreichte, vermaledeite ich den Architekten 1000 mal, welcher den Eingang so geplant hatte, dass man erst das ganze Schulgebäude umrunden musste, um ihn zu erreichen. Bei der Tür angekommen, wurde ich hysterisch, ich schrie und schlug gegen die verschlossene Tür, bis mir irgendwann der Gedanke kam, dass ich nur meine Karte hervorholen müsse, um sie zu öffnen. Schwer atmend suchte ich in meiner Jacke nach meinem Portemonnaie und zog schliesslich die Türkarte hervor. Ich steckte sie mit zitternden Fingern in den Öffnungsapparat, und stiess die Tür auf. Schnell schloss ich sie wieder und stürmte die Stufen zum 2. Stock hinauf. Die obere Tür stand wie üblich offen, und ich wandte mich sofort nach links, um durch die Verbindungstür zu den Schulzimmern zu gelangen. Ächzend zog ich die schwere Tür auf und stand… plötzlich in meinem Schlafzimmer! Es war deutlich mein Schlafzimmer! Zwar standen die beiden Vogelkäfige leer, doch alles andere war da: Die beiden überladenen Büchergestelle, das Bett, der Schreibtisch, die gleiche vertraute Unordnung beherrschte den Raum. Es war eindeutig mein Schlafzimmer! Langsam tastete ich nach dem Türgriff hinter mir, verliess den Raum rückwärts. Langsam drehte ich mich um und stand… in meinem alten Mathezimmer! Die Inneneinrichtung hatte sich verändert, doch ansonsten war der Raum noch immer so, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Fassungslos stand ich da und starrte das Zimmer an. Doch dann drehte ich mich jäh um und verliess den Raum. Wieder betrat ich einen anderen Ort, als ich eigentlich sollte, doch ich rannte einfach weiter und immer weiter, öffnete weitere Türen, durchquerte andere Zimmer. Ich muss Stunden gerannt sein, irgendwann jedoch hatte ich keine Kraft mehr und fiel in die Knie. Ich hatte eben die Küche meiner Grossmutter verlassen und durch die Tür des blauen Zimmers den Gang im obersten Stock der SBW betreten. Zitternd und nach Luft ringend kniete ich da, als ich plötzlich eine eiskalte Hand am Ansatz meiner Wirbelsäule spürte. Sie kroch langsam hinauf, und meine Nackenhaare begannen sich aufzurichten. Die eiskalte Hand des Wahnsinns! Diese Bezeichnung mag kitschig erscheinen, doch bis jetzt ist mir kein zutreffender Begriff eingefallen. Die Hand legte sich sanft um mein Genick, liebkoste die Haut meines Halses … und legte sich mit stählernem Griff um meine Kehle! Ich rang nach Luft, doch der Wahnsinn drückte unbarmherzig zu, presste jeden Resten Atemluft aus meinen Lungen. Tausend Gedanken rasten mir gleichzeitig durch den Kopf: War ich verrückt? Hatte ich den Verstand verloren? War das alles nur ein Traum? War dies die Hölle? Mir war, als müsse mein Kopf explodieren. Und die Hand drückte weiter, und weiter… bis mich endlich die gnadenvolle Schwärze der Bewusstlosigkeit umgab. Als ich wieder aufwachte, sah ich den Mond. Theoretisch wäre das gar nicht möglich gewesen, wer kann schon durch die Decke sehen? Vielleicht war die Logik ebenfalls verschwunden. Ich fühlte mich geborgen. Umgeben von einem Meer voller flimmernder Sterne sah ich den Mond. Es war als ob ich schwebte. Dieses Gefühl tiefster Geborgenheit, grösster Sicherheit umfing meinen Körper, meinen Geist und meine Seele. Es liess mich alles vergessen, lange lag ich einfach nur da.
Doch plötzlich wurde es dunkel! Es war, als ob grosse Mächte ihren Spass mit mir trieben, denn schlagartig kehrte die Angst zurück. Hatte ich Kind schon angst vor der Dunkelheit, vergrösserte sich diese mit zunehmendem Alter. Ich schloss meine Augen und rührte mich nicht. Und selbst wenn ich es gewollt hätte, meine Muskeln hätten mir nicht gehorcht. In meiner Phantasie sah ich schreckliche Monster und blutrünstige Psychopathen, und gleichzeitig wurde mir wieder meine Einsamkeit bewusst. Langsam wuchs sie an, drohte mich wieder zu ersticken. Die Angst, der Wahnsinn.
Schliesslich schlief ich ein.

Nun sitze ich hier auf dem Boden des Lernstudios und schreibe diese Zeilen nieder. Ich habe mich eingehend mit dem Gedanken des Selbstmords beschäftigt. Dummerweise fällt mir jetzt eine Geschichte ein, die mir einmal ein Schulkamerad erzählt hat:“ Ein Mann springt vom Dach eines Hochhauses. Als er am 3.Stock vorbeifliegt, läutet da das Telephon. Der Mann stirbt sofort an Herzversagen. Was ist passiert? -Die Antwort ist einfach: Der Weltuntergang fand statt und der Mann dachte, er sei der einzige Überlebende. Er will sich also umbringen. Das klingelnde Telephon aber beweist, das es noch mindestens einen anderen Überlebenden gibt.“ Ha, ha! Wirklich lustig. Das war bestimmt ein Scherz Gottes! Ausserdem bin ich zu feige für Selbstmord.
Ich habe mir viele Gedanken über die Türen gemacht. Was ist, wenn eine davon direkt in das Jenseits führt? Es wird wurde ja oft von einem Tor zum Jenseits gesprochen. Oder ich würde die Hölle betreten? Und was ist mit dieser Tür zum gelben Zimmer? Sie scheint sprechen zu können. Immer wenn ich meine Hand nach der Klinke ausstrecke flüstert etwas in meinem Kopf:“ Tu das nicht! Tu das nicht!“ Wenn sich dahinter die ewige Verdammnis befände, wäre ich das Problem mit dem Selbstmord los. Oder ist diese Stimme nur ein Hirngespinst, meiner Phantasie entsprungen? Diese Fragen machen mich noch wahnsinnig!!! Falls ich es noch nicht bin.

Ich schreibe nun diese letzten Zeilen, denn ich werde heute die Tür zum gelben Zimmer, oder was immer dahinterliegen mag, öffnen. Es hat lange gedauert, bis ich wieder den Gang betreten konnte. Es ist, als wolle eine mir unbekannte Macht meinen Plan vereiteln. Doch ich bin entschlossen! Die Stimme ist nun sehr laut, mit jedem Schritt wird sie durchdringlicher, sie gleicht nun schon einem einzigen Kreischen, ich werde es also so schnell wie möglich hinter mich bringen.
Wahnsinn, ich bin bereit!

6. September 1996
Zweite Bearbeitung

Original 14. September 1995