Der Donnergott

Auf einem Hügel stehend, erwarte ich mit Schaudern den mächtigen Donnergott. Am Horizont kündet Düsternis von seinem Kommen. Noch bescheint die Sonne das durstige Land, doch ein tiefes Grollen lässt die Bäume erzittern, und die Erde lechzt nach dem Nass seiner Begleiterin.

Der Wind flüstert mir seine Ankunft zu, erst leise und schmeichelnd. Dann plötzlich braust der grosse Donnergott im goldenen Streitwagen heran, peitscht die Wolkenpferde vorwärts und verdunkelt die Sonne mit seinem schwarzen Umhang. Erst höre ich in der Dunkelheit nur seine Herolde, sie blasen die mächtigen Hörner zu seinen Ehren. Dann sehe ich ihn, den mächtigen Donnermacher aus altem Göttergeschlecht, und er hält das Licht in seinen Händen. Zornig wirft er es auf die Schöpfung und verbrennt einen Baum, nimmt sich sein gefordertes Opfer. Seine feuchte Begleiterin weint schwere Tränen auf die Erde und ich blicke ihm nach, höre den Wind schmeichelnde Abschiedsworte flüstern, die Herolde, weit weg bereits, ihre Hörner blasen, das letzte Schnauben der Wolkenpferde, ein unhörbares Grollen, Stille

14. Januar 1998