Der Sturm

Vielleicht war es wirklich so offensichtlich gewesen, wie so viele Leute im nachhinein meinten.
Doch das sagen wir ja oft. Ich selbst hatte zuerst nichts gemerkt. Im Gegenteil, ich hatte es genossen.

Das ganze fing mit dem für die Jahreszeit ungewöhnlichen Wetter an. Der Himmel war wolkenverhangen, über dem ganzen Land. Kein Sonne, tagelang nicht. Man sagte, auch die Flugzeuge waren nicht fähig, über den Wolken zu fliegen, wie hoch sie auch stiegen. Die Temperatur war angenehm, und dennoch hatten viele den Eindruck, es sei kalt. Man sah Menschen in T-Shirts, ebenso wie Leute in dicken Winterjacken. Die ganze Stimmung war kalt. Das Gras duckte sich in einem faden, gedämpften grün, und selbst die Bäume schienen nicht mehr so viele Blätter zu haben, als wäre es Winter, und sie hätten vergessen, das Laub abzuwerfen. Die Tiere waren lustlos, ruhig, doch auch in einer seltsamen Anspannung. Zuerst hatte niemand die Veränderung richtig bemerkt. Der Wind war einfach da. Menschen blieben plötzlich stehen und sagten: „Hei, es windet.“ Andere neben ihnen blieben ebenfalls stehen und meinten: „Tatsächlich! Seit wann das? Ist mir irgendwie gar nicht aufgefallen…“. Und sie gingen weiter, froh darüber, dass wenigstens etwas geändert hat an diesem Wetter, dass nun schon wochenlang immer gleichbleibend war. Und sie genossen den Wind in den Haaren. So wie niemand bemerkt hatte, dass es zu winden begann, so bemerkte auch niemand, dass der Wind stärker wurde. Die Bäume begannen sich zu wiegen, aus dem Flüstern der Blätter wurde ein Schwanken der Bäume. Ich machte in dieser Zeit oft Spaziergänge. Es gibt nichts wunderbareres für mich, als der Wind, der wie ein Geliebter durch mein Haar fährt. Ein flüchtiger Geliebter, von dem man nie weiss, ob er zurückkehrt oder nicht. Es kehrte zurück, immer wieder. Er kräuselte das Wasser im See, fuhr durch die gefüllten Strassen der Städte ebenso wie durch die verlassene Gassen in den Dörfern. Die Tiere zogen sich in ihren Bau zurück. Es war, als würden sie ihren Winterschlaf halten.

Jemand aus der Schule sah von Tag zu Tag bleicher aus. Er konnte nicht schlafen, der Baum vor seinem Fenster wisperte unermüdlich unverständliche Botschaften und störte so seinen Schlaf. Ich musste mich zur Schule kämpfen, nach vorne gebeugt. Immer in Angst, ein Blatt oder ein Stecklein könnte gegen meine Brille schlagen und sie verkratzen. Staub wirbelte durch die Luft, dauernd schien ein Nebel über dem Land zu liegen. Es hatte auch nicht geregnet in der letzten Zeit, und so trug der Wind trockene Erde und Sand mit sich. Blätter und kleine Aeste. Fallengelassenes Papier, vergessene Einkaufstüten aus Plastik. Als er zu einem Sturm anwuchs, verliess ich mein Haus nicht mehr. Ich sass in meinem Wohnzimmer. Der Fernseher lief die ganze Zeit. Die Leitungen sind unterirdisch verlegt, so hatte ich immer Anschluss. Die Nachrichten zeigten umgestürzte Strommaste. Ich ging in den Keller und suchte die Reservekerzen, die man mir zur Milleniumswende geschenkt hatte. Ich zündete ein paar an und lauschte dem Wind, der pfeifend um die Hausecken strich. Die Fahne am Mast im Garten des Nachbarn hing in Fetzen. Der Nachrichtensprecher erzählte was von Orkanstärken. Die Musik, die leise aus der Anlage in der Ecke klang, schien mir die Stimmung zu treffen. Der Himmel war immer noch weiss. Viele hatten gehofft, dass der Wind sie wegblasen würde. Oder zumindest Regen bringen. Ein paar Leute wurden interviewt, klagten über den dauernden Staub. Dass sie sich aus dem Haus wagten, wunderte ich mich. Ich begnügte mich mit dem Essen aus den Dosen, die mir ein Freund geschenkt hatte. Aus einem Grund, der mir nicht recht klar war, hatten mir viele Freunde Milleniumsausrüstungsgegenstände geschenkt. Kerzen. Streichhölzer. Nahrung in Dosen. Jemand hat mir sogar einen kleinen Gaskocher geschenkt. Dabei hatte ich nie davon gesprochen, Angst vor der Jahrtausendwende zu haben, die ja sowieso noch ein Jahr auf sich warten lassen würde. Nun war ich froh über all diese Geschenke. So konnte ich hier bleiben. Einsam. Das Natel funktionierte nicht, der Fernseher zeigte abgebrochene Antennen. Ich verharrte in meinem Haus.

Wartete auf irgend etwas. Der Fernseher zeigte Bilder von zerstörten Gebäuden. Dächer, die durch den Wind abgedeckt worden waren. Eine Bahnhofanzeige, die auf eine Treppe gefallen war. Werbebuchstaben, die von Hochhäusern fielen. Menschen, die gegen den Sturm ankämpften. Autos, die durch den Wind aus der Spur gedrückt worden sind, und deren Insassen, durch einen kriechenden Krankenwagen verborgen, wahrscheinlich auf dem Weg in die Leichenhalle.

Die Welt war mir unendlich fern. Mein Leben war reduziert. Ich sass den ganzen Tag auf meinem alten, bequemen Sessel vor dem Fenster und beobachte, was der Wind mit den Bäumen ums Haus anstellte. Wie er durch das Gras huschte. Durch die Büsche eilte. Um die Ecke schielte. Sich zurückzog. Wieder zustiess. Die Scheiben erzittern liess. Manchmal machte ich mir etwas zu essen. Wenn es dunkel wurde, zündete ich Kerzen an. Und starrte in die Dunkelheit. Lauschte dem Wind. Der schnellen Luft. Dem leisen Pfeifen, dort, an der Ecke. Das klirrende Geräusch vom Draht am Fahnenmast des Nachbars. Und das Geräusch von zerfetztem Stoff, etwas höher. Der Fernseher wirft blaues Licht in den Raum, das an den Glasscheiben abprallt und zurückgeworfen wird. Die Musik läuft die ganze Zeit. Nur manchmal lege ich eine neue CD ein. Tausche eine aus, und lasse sie rotieren. Nach dem Zufallsprinzip wird einen angespielt. In meinem Bette liegend kann ich den Wind immer noch hören. Er zerrt auch an meinen Ziegeln. Doch sie sind fest verankert. Ein solides, untergangsicheres Haus, haben meine Freunde gewitzelt, als ich hier einzog, und spielten damit auf das Ehepaar an, das dieses Haus erbaut hatte. Sie hatten es wirklich abgesichert. Bis heute war ich mir nie sicher, ob sie nicht vielleicht einer dieser Sekten angehörten, die an den Weltuntergang glaubten. Dann waren sie nach Afrika gezogen, lebten nun in einem kleinen Haus mitten in Zaire und schickten mir ab und zu Ansichtskarten um mir zu versichern, wie gut sie lebten. Dabei kannte ich sie doch eigentlich nur kurz. In diesen Tagen bekam ich keine Post. Der Postbeamte hatte kurz angerufen und gefragt, ob ich einige Tage auf meine Post verzichten könne. Es sei einfach zu gefährlich, zu meinem Haus zu fahren. Der Wald, durch den die Zubringerstrasse führt, war voller alter Bäume. Wahrscheinlich hatte der Wind viele von ihnen zu Boden gedrückt. Lächelnd dachte ich an meinen Bambus, der sich im hinteren Teil meines Gartens lustig mit dem Wind bewegte. Der würde nicht brechen. Der war spezialisiert, sich zu biegen. Sich anzupassen. Im Fernsehn zeigten sie die Auswirkungen des Sturms auf alle Teile des Landes. Der See war über die Ufer getreten. Es würde lange dauern, bis er mein Haus erreichte, und wenn, so würde es kaum bis in den Keller gelangen. Dieses Haus hatte sogar die grosse Überschwemmung vor fünf Jahren überstanden, ohne dass auch nur ein Tropfen Wasser durch die Wände geronnen war, hatten mir die früheren Besitzer stolz erzählt. Die Seewache meldete Rekordhöhe für die Wellen. Die Sturmlichter blinkten Tag und Nacht, doch wer nicht unbedingt musste, verliess sein Haus sowieso nicht. Und kam schon gar nicht auf die Idee, im See zu baden. Ein Bergdorf war von der Umwelt abgeschlossen, weil eine Permaschneelawine niedergegangen war. Keine Chance für die Helfer, dorthin zu gelangen. Kein Flugzeug konnte starten, kein Helikopter konnte den Aufstieg wagen. Die Bauern klagten, dass sie ihrem Vieh den Wintervorrat verfüttern müssen, weil sie nicht raus konnten, um frisches Gras zu schneiden. Das wäre sowieso plattgedrückt auf dem Feldern. Experten sprachen von einer Missernte, weil der Sturm viele junge Pflanzen geknickt oder sonstwie beschädigt hatte. Ein Freund rief besorgt an, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, und legte mir ans Herz, ihn anzurufen, wenn ich irgend ein Problem hätte. Ich dankte ihm, legte auf und setzte mich wieder in meinen Sessel.

Wann würde der Sturm enden? Das fragte ich mich manchmal. Und hörte wieder den Geschichten des Windes zu.

11. Januar 2000