Die andere Seite II

Ich sass im Zug. Draussen war es noch dunkel, meine Uhr bestand darauf, dass es sechs Uhr dreissig sei. Ich war müde. Das eintönige Rattern der Räder wirkte beruhigend und so lehnte ich meinen Kopf ans Fenster und starrte hinaus. Alles was ich erkennen konnte, war der Boden neben den Gleisen und natürlich die Spiegelung der Bänke im Fenster. Ein anderer Fahrgast betrat das Abteil und setzte sich auf die Bank zu meiner Linken. Im Spiegel sah es so aus, als sei sein Geist etwas zu gross für den Körper, als schwebe er einige Zentimeter um ihn herum. Ein weiterer Fahrgast setzte sich dem anderen gegenüber und begann sich lächelnd mit ihm zu unterhalten. An der nächsten Station standen die beiden auf und verliessen den Waggon. Ich beobachtete sie im Spiegelfenster. Der zweite Reisende liess dem ersten den Vortritt. Ich wendete meinen Kopf um ihn etwas genauer zu betrachten, dich da war niemand! Ich blickte wieder in den Spiegel. Dort stand er und lächelte mich traurig an. Dann verschwand er. Ich war verblüfft, schob das Ereignis aber auf meine Müdigkeit. Ich starrte weiter in den Spiegel. Dann kam der Schaffner. Auch er war nur ein Geist, aus den Augenwinkeln sag ich die Leere neben mir. Ich suchte nach meinem Portemonnaie und zog meine Fahrkarte heraus. Dann streckte ich meine Hand zum Gang aus und korrigierte die Richtung mit Hilfe des Spiegelbildes. Eine seltsame Pantomime. Der Schaffner nahm die Fahrkarte lächelnd entgegen, knipste sie ab und gab sie mir zurück. Ich riss meinen Blick vom Bild im Spiegel und betrachtete das Stück Papier in meiner Hand. Ein kleines Loch grinste mir entgegen. Als ich den Kopf wieder hob, sass ich im Spiegel. Im Fenster zu meiner Rechten konnte ich auf der leeren Bank meine Mappe erkennen. Der Schaffner stand neben mir und lächelte. Ich lächelte zurück und stand dann auf. Der Zug auf der anderen Seite füllte sich langsam mit Menschen. Sie sprachen aufgeregt miteinander, doch hier, wo ihre Geister sichtbar waren, schwiegen sie. Ich lief die Reihen entlang, setzte mich manchmal hin und unterhielt mich mit den Fahrgästen. Manchmal sah ich hier auch zwei, die sich wirklich unterhielten, doch im Fenster schwiegen sie sich nur an. Ich beneidete diese Menschen um ihre stumme Zwiesprache. Ich lächelte. Ich lächelte nun immer. Ich war glücklich. Zum ersten Mal in meinem Leben wirklich glücklich.

Blick- In den letzten Monaten verschwanden auf unerklärliche Weise immer wieder Leute aus den Zügen der SBB. Von den Vermissten ist meist nur noch ein Koffer, eine Schulmappe oder ein Mantel zu finden, der im Abteil zurückgelassen wurde. Die Polizei vermutet…

Ich war wirklich glücklich

7. Dezember 1996