Am Anfang lebten wir alle im Nichts, und das Nichts war unsere Mutter. Sie gebar uns, doch sie stiess uns nicht aus, sondern wir waren alle Teil von ihr. So existierten wir lange, eine einzige Einheit, die alles umfasste. Doch irgendwann geschah es, das einer von uns in die Dunkelheit entfloh. Niemand wusste, wie er unsere Ganzheit hatte verlassen können. Vielleicht war es auch der Wille unser Mutter. Denn dieser eine irrte eine lange Zeit herum, auf der Suche nach uns und seiner Mutter. Er war einsam, und so schuf er sich Wesen. Er konnte sie nicht gebären, wie es unsere Mutter konnte. Er entrang ihr einige von uns, und presste unsere Geister in Körper. Einst als blosser Gedanke durch die Weiten des Nichts gleitend, wurden aus uns Wesen. Und mit dem Körper breiteten sich Gefühle in uns auf. Viele von uns priesen den einen, der nun zu ihrem Herrn geworden war. Denn unsere Mutter hatte uns verlassen. Deshalb konnten nicht alle von uns glücklich sein. Wir hatten Körper erhalten, doch uns sehnte es nach dem Frieden in unserer Mutter. Wir entfernten uns von dem einen, und niemand bemerkte es. Weit von ihm erschufen wir uns unser eigenes Reich, und ich wurde zum König unter den meinen bestimmt, denn ich war der Stärkste unter uns. Um unsere Sehnsucht zu vergessen, befriedigten wir unsere Lüste und lebten in der Ekstase unserer Gefühle. Nach einer Ewigkeit jedoch erkannte ich unser Schicksal in den Sternen, und so zerbrach ich mein Reich. Ich erschuf einen einzigen Raum von der Grösse eines Universums. Dorthin würde ich zurückkehren, wenn die zweite Ewigkeit verstrichen wäre. Dann wurde ich getötet, grausam, wie es unsere Art ist, und meine Seele ging auf Wanderschaft, um am Ende dem einen gegenüber zu treten. Und noch im Todeskampf prophezeite ich meine Wiedergeburt auf jener Erde, die er sich erschaffen hatte. Schliesslich bildeten meine Anhänger einen Rat der Hohen aus den Ältesten unter uns. Aus diesen wiederum wurden solche auserwählt, die den verlorenen König suchen sollten. Auf dass ich nicht allein sein würde bei meiner Rückkehr. Man zeichnete die Auserwählten und entriss ihnen ihre Herzen, damit sie mich erkennen mögen. Dann gingen sie alle in die Welt der Menschen.
Getrieben durch unsere Sehnsucht lebten wir dort lange Zeit unter ihnen. Ich selbst versuchte mein Verlangen durch die Vergrösserung meiner Lüste zu verdecken. Und durch ihre Befriedigung. Ich wurde Heldherr und Herrscher, Liebhaber und Mörder. Es waren mir keine Grenzen gesetzt, und so befriedigte ich mich an Mensch und Tier. Wir lebten lange unter den Menschen, zum Missfallen des einen, der unsere Anwesenheit nun wohl bemerkte. Doch er konnte nicht mit uns sprechen, denn wir waren weit von ihm. Und so befahl er seinen Wesen, uns zu erscheinen und uns von ihm zu erzählen. Selbst der Lichtbringer, einst zu seiner Rechten und nun ebenfalls weit von ihm, verliess sein Reich und lobte seinen Herrn. Doch wir sehnten uns nach unserem König und nach unserer Mutter. Wir lebten unter den Menschen, ich machte Leben zu Tod und Tod zu Leben, bis die zweite Ewigkeit zu Ende ging. Da machte ich mich auf, meiner Bestimmung zu folgen.
Sie war wohl in jeder Hinsicht durchschnittlich. In ihrem Aussehen sogar so fest, dass man sie nicht genau beschreiben könnte, wie ein Geist, den man in einem diffusen Albtraum kurz zu erkennen glaubt. Vielleicht war sie etwas ernster als die anderen, etwas stiller und manchmal mit den Gedanken weit jenseits dieser Welt. Sie ging noch zur Schule. An jenem Tag kam sie zu spät, niemand wusste den Grund. Sie betrat das altehrwürdige Schulhaus, dessen Zimmer und Gänge nur aus einem Grund so riesig gebaut worden zu sein schienen: um all jenes Wissen aufnehmen zu können, das sich täglich in und um die Menschen darin ansammelte. Langsam stieg sie die Treppe hinauf, als sie plötzlich eine Stimme ihren Namen flüstern hörte. Sie sah sich suchend um und entdeckte einen Mann, der auf dem breiten Treppensims zum Lichtschacht hockte. Seine Haltung erinnerte sie an einen jener Steindämonen, die, auf den Aussensimsen kauernd, alte Häuser vor bösen Geistern beschützten. Der Mann selbst sah aus wie ein Mensch, obwohl sie wusste, dass er keiner war. Er trug schwarze Kleidung und hatte ein seltsames Gesicht, eines von jenen, die man sich noch so ansehen kann und trotzdem sofort wieder vergisst, wenn man nicht mehr hinsieht. Das einzig Auffällige waren seine Augen, denen sowohl Iris als auch Pupille fehlten. „Ich muss mit dir reden“, sprach er sie mit seiner flüsternden Stimme an. Er fügte eine seltsamen Namen an, wie ihn kein menschliches Wesen tragen könnte. Ob sie den Namen erkannt hatte? Ohne darauf einzugehen, fragte sie ihn: „Wer bist Du?“ Der Mann starrte sie einen Moment an, und ein eigenartiges Grollen drang aus seiner Brust. Von den unteren Stockwerken klang des leise Geräusch von Schritten zu ihnen herauf. Nach einiger Zeit erschien ein zweiter Mann auf dem Treppenabsatz. Kein Lehrer, ein Fremder.
Der Mann sah sie an. „Ihr seid unser König“, hauchte er erstaunt. „Was reden sie da, wer sind sie?“, fuhr sie ihn sofort an. er hob nur seinen Arm. Dicht unter seinem Handgelenk war ein Zeichen eingebrannt. Sie schien es zu erkennen, denn sie fragte nun etwas milder: „Ihr seid ein Gezeichneter. Was wollt ihr hier?“ „Ich wurde vom Rat der Hohen ausgeschickt, euch zu suchen. Damit ihr nicht alleine seid, bei eurer Rückkehr“ , antwortete er ihr unterwürfig. „Ihr habt mich gefunden. Und nun?“ Ihre Frage schien ihn zu verwirren. „Ihr müsst mir nun folgen“ , erwiderte er. War das Schicksal nicht klar ersichtlich in den Sternen? Hatten jene von seiner Art nicht lange auf diesen Tag gewartet? Schrecken befiehl ihn, als sie ihn fragte: „Warum muss ich euch folgen?“ „Weil dies eure Pflicht ist, euer Schicksal, eure Bestimmung“, flüsterte da der Lichtbringer, auch Luzifer geheissen. „Weshalb?“, fragte sie ihn, ohne den Blick von dem Gezeichneten zu nehmen. Und der Lichtbringer begann zu erzählen: „Von allen Kreaturen des Einen seid ihr am weitesten von Ihm entfernt. Selbst weiter als ich. Euch erreicht das Wort Gottes niemals. Doch euch verzehrt die Sehnsucht danach auch nicht, denn obschon ihr es wie wir anderen einst vernommen habt, vermisstet ihr es nie. Ihr wolltet euch dem einen nicht anschliessen, sondern sehntet euch nach unser aller Mutter. Als der eine den Menschen ihre Seelen schenkte und so uns demütigte, wart ihr bereits allein mit eurem König. Eure Seelen sind verdammt, denn sie sind kein Geschenk, sondern das Ergebnis eures Willens. Und nun liegt es an dir, vor den einen zu treten, um uns alle wieder mit unserer Mutter zu vereinen.“ Während der Lichtbringer sprach, hatte sie den Gezeichneten angesehen. Nun wandte sie den Blick. Sie starrte in die Augen des Lichtbringers. Plötzlich warf sie den Kopf zurück und begann zu lachen. Ihr Lachen hallte von den hohen Wänden wieder und klang hohl in den Gängen. Sie lachte, vielleicht eine Ewigkeit. Als sie aufhörte, richtete sie ihren Blick wieder auf den Engel. „Offenbare mir meine Existenz!“, verlangte sie mit eiskalter Stimme. Der Lichtbringer schaute sie nur ruhig an. „Das kann ich nicht, dass kann nur der Rat der Hohen.“ Sie wandte sich wieder dem Gezeichneten zu und streckte ihm auffordernd eine Hand hin. „Dann bring mich zu ihnen!“ Einen Moment starrte er ihre Hand an. Dann ergriff er sie und brachte sie zu jenem dunklen Ort. Das letzte, was sie noch hörte, war das befriedigte Grollen des Lichtbringers.
Die Hohen hatten sich bereits versammelt und bildeten einen perfekten Kreis um sie. Sie sah uralte Männer und blutjunge Frauen, kindliche Krieger und Greisinnen. Sie konnte weder die Gesichter noch die Kleidung der Wesen erkennen, sie wusste einfach, wen sie ansah. Unter ihr glühte der Boden und erhellte den Kreis. Hinter den Reihen der Hohen wusste sie den Gezeichneten, und mit ihm alle seiner Art. Sie wurde unruhig. Sie wusste, ihr hätten nun alle Gedanken der anderen zuteil werden, und sie hätte sich auch an ihre Existenz als ihr König erinnern sollen. Weshalb hielten die anderen ihre Gedanken vor ihr geheim? Warum konnte sie sich nicht erinnern? Was würde mit ihr geschehen? Schliesslich traten eine Greisin und ein Greis vor. Sie schlurften mit schleppenden Schritten auf sie zu, und als sie wieder stehen blieben, lösten sich eine junge Frau und ein junger Mann aus dem Kreise und stellten sich neben das alte Paar. Ihnen folgten zwei Kinder. Die Greisin begann in einer Sprache zu sprechen, die nur ihrer Art vorbehalten war, und die selbst der eine nicht verstehen konnte: „Ihr seid wiedergeboren.“ Sie starrte die alte Frau an, deren Gesicht nun erkennbar wurde. Tausend Falten sprachen von Sorgen und unendlichem Leid. Tausend Falten erzählten von Freude und Lust. Jedes Gefühl, das Menschen empfinden können, schien in diesem Gesicht enthalten zu sein. Sie wusste, dies war nur eine Maske. Die Greisin hatte entschieden, dass dieses Gesicht ihrem Alter angemessen war, und es aufgesetzt. Ebenso hätte sie das Gesicht des Kindes oder der jungen Frau wählen können. Das gleiche war mit den Gesichter der anderen. Doch diese Gedanken streiften sie nur am Rande ihrer Wahrnehmung. Plötzlich berührte sie das Wissen der Umstehenden! Dies war ein Ereignis von so grundlegender Wichtigkeit, dies war das Schicksal, die Erfüllung ihrer Prophezeiungen aus einem anderen Leben. Die Engel begannen um sie zu fliegen, aus der Hölle erhoben sich die Dämonen, und die Seelen der Verstorbenen und Noch-nicht-Geborenen stimmten ein Lied an, dessen Kraft Welten verwüsten könnte. Die sechs Obersten der Hohen nahmen sich an den Händen und bildeten einen weiteren Kreis um sie. Dann kam das Wissen …
Sie schrie. Alles um sie war schwarz und voller absoluter Stille, dass sie nur schreien konnte. Sie wurde hochgehoben und hinunter geschleudert. Dann explodierte die Zeit. Farben, Töne, Düfte, Gefühle, Stoffe und Gerüche verdichteten sich in ihrem Kopf. Gleichzeitig starb sie, spürte nichts mehr, war blind, war taub, war stumm. Sie konnte sich nicht bewegen und wurde in tausend Stücke zerrissen. An ihr schossen grausam verstümmelte Menschen vorbei, Monster mit grotesk zerstörten Leibern, mit Nadeln und Messern in den unmöglichsten Gliedern, zerdrückte und zerquetschte Körper, verbrannte Augen, zerschnittene Gesichter. Und alles kam und ging in rasender Schnelligkeit, in rasender Schnelligkeit, in rasender Schnelligkeit. Einen Moment war wieder Stille, dann kamen helle Geister, Feen und Lichtwesen. Kreaturen aus dem Paradies und aus der Hölle begannen um sie zu tanzen und sich zu vereinen, gebaren perverse Verhöhnungen des Lebens und des Todes, und auch diese tanzten lachend ihre Reigen, schneller und schneller. Der Tod erschien und blies seinen kalten Atem in ihr Gesicht. Dämonen begannen nach ihr zu grapschen und Engel schlugen mit ihren flammenden Schwertern in ihre Richtung. Doch jede Berührung gab ihr ein Stück ihrer selbst zurück. Auf ihrer Haut erschienen Zeichen, die uralt und unendlich machtvoll waren, unvorstellbar für einen Sterblichen, todbringend selbst für jedes übernatürliche Wesen. Sie konnte wieder fühlen, Hitze und Kälte breiteten sich in ihr aus. Die Martertänze wurden langsamer, immer langsamer, um wieder mit grausamer Wucht von Neuem zu beginnen, rasend, tobend. Und dann begegnete sie Gott.
Er sass da, in der Gestalt eines jungen Mannes, mit Augen, so alt wie die Zeit selbst, und sah sie an. Ein Sterblicher wäre gestorben, seine Seele wäre unter dem Blick seines Schöpfers zerbrochen. Ein Dämon wäre von solchem Grausen erfüllt gewesen, dass auch er hätte vergehen müssen. Selbst ein Engel hätte die Glückseligkeit dieser Gnade nur kurz ertragen können. Sie jedoch blickte ihn an und empfand nichts. Als hätte der Hexentanz alles in ihr getötet, starrte sie in jene unendlich alten Augen, die jedes Gefühl schon vor langer Zeit verloren hatten, und entriss dem einen seine Geheimnisse. Sie sah sein Innerstes, doch liess sie ihn zugleich nichts von sich sehen. Sie erkannte seine Sehnsucht, und sie erkannte seine Überdrüssigkeit, zu existieren. Eine Ewigkeit mochten sie einander angesehen haben. Dann erst senkte er den Blick, und ein einziges Wort kam über seine Lippen:
„Mutter“
Und die Erde verging…
15. November 1998