{"id":468,"date":"2009-07-10T15:15:21","date_gmt":"2009-07-10T13:15:21","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=468"},"modified":"2009-07-10T15:15:21","modified_gmt":"2009-07-10T13:15:21","slug":"annas-gang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/annas-gang\/","title":{"rendered":"annas Gang"},"content":{"rendered":"<p><em>Gudrun: althochdeutsch gunt-=Kampf, r\u00fana=Geheimnis<\/em><\/p>\n<p>anna lief durch den langen Gang. Die W\u00e4nde waren hoch, von majest\u00e4tischen S\u00e4ulen getragen. Gudrun zog sie immer wieder in einem Raum. &#8222;Wow, sieh dir dieses Gem\u00e4lde an!&#8220;, stiess sie hervor und verlor sich in Beschreibung und historischen Exkursen. anna hatte f\u00fcr die Bilder jeweils nur einen kurzen Blick \u00fcbrig. Schon verfing er sich wieder in der Decke, am Muster des Kachelbodens, an einer Spinnwebe, einem Holzbalken, einem Deckengem\u00e4lde. Wie in Trance lief sie durch die Hallen. Alles kam ihr vertraut vor. Bevor Gudrun einen Raum betrat, wusste anna schon, wie er aussehen w\u00fcrde. Ihre Abs\u00e4tze klapperten bei jedem Schritt, und das Ger\u00e4usch wurde von den W\u00e4nden in jeden Winkel getragen und kam hundertfach zur\u00fcck. anna h\u00f6rte das Fl\u00fcstern sich verlieren und wollte das Kunstmuseum verlassen. Gudrun war versunken in das Gem\u00e4lde eines alten Meisters. &#8222;Gudrun?&#8220; &#8211; &#8222;Ja?&#8220; &#8211; &#8222;Ich warte draussen auf dich&#8220;. anna drehte sich um und trat durch die hohe T\u00fcr\u00f6ffnung, zur\u00fcck auf den Gang. &#8222;Klack, Klack&#8220;, t\u00f6nte es laut. Gudrun hatte sich umgedreht und sah anna fassungslos nach. &#8222;Aber du kannst doch nicht einfach gehen!&#8220; rief sie verbl\u00fcfft. anna war bereits nicht mehr zu sehen. Auch Gudrun trat \u00fcber die Schwelle. &#8222;Klack, klack, klack&#8220; Mit jedem Schritt f\u00fchlte anna sich verfolgt. Sie versuchte Haltung zu bewahren, doch das Klacken dr\u00f6hnte ihr bedrohlich von \u00fcberall entgegen. &#8222;Wir haben doch noch gar nicht alles gesehen, anna, wir k\u00f6nnen doch noch nicht gehen!&#8220; rief Gudrun ihr nach, und Echos antworteten hundert Male: &#8222;nicht gehen, nicht gehen&#8220;<\/p>\n<p>anna blickte nicht zur\u00fcck. Die Strassen schienen zusammen zu r\u00fccken, aus T\u00fcren und Fenster schl\u00fcpften Menschen, wogen ihr entgegen, hielten sie auf, liessen sie nicht durch. &#8222;Wie Ameisen, wie Ameisen!&#8220;, dachte anna immer wieder und k\u00e4mpfte sich voran. Aus den Kanalisationen krochen Kr\u00f6ten und Ratten, der Boden war \u00fcbers\u00e4ht von ihnen, die Strassen schwarz von Ameisen und K\u00e4fern. Die Luft war erf\u00fcllt vom Fl\u00fcgelschlagen tausender V\u00f6gel. Sie kreischten und schrieben, pickten nach den Augen der Leute, st\u00fcrzten sich auf die K\u00e4fer, k\u00e4mpften mit Ratten um tote Hunde. Deren Verwesungsgeruch mischte sich mit dem Gestank von Blut und Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p>Dann verschwand der L\u00e4rm, und nur eine unheimliche Stille blieb zur\u00fcck. Die Menschen gingen langsamer, wie in Zeitlupe wichen sie anna nun aus. Nichts roch mehr, und das Licht war heller geworden. Am Horizont verdunkelte sich der Himmel, doch erst als die Dunkelheit die H\u00e4user der Stadt erreichten, konnte anna erkenne, was da war: Gudrun schritt durch die Stadt. Gross wie ein Riese \u00fcberragte sie die hohen H\u00e4user.<\/p>\n<p>Nur einen Riesenschritt von anna entfernt blieb Gudrun stehen. Sie sah auf anna hinab. &#8222;nicht gehen, nicht gehen&#8220;, wisperte von irgendwo. Gudrun beugte sich hinunter, \u00fcber anna. Sah sie mit ihren grossen Augen an. Dann richtete sie sich wieder auf und begann zu lachen. Und ihr Lachen ersch\u00fctterte die Stadt.<\/p>\n<p>7. April 2002<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gudrun: althochdeutsch gunt-=Kampf, r\u00fana=Geheimnis anna lief durch den langen Gang. Die W\u00e4nde waren hoch, von majest\u00e4tischen S\u00e4ulen getragen. Gudrun zog sie immer wieder in einem Raum. &#8222;Wow, sieh dir dieses Gem\u00e4lde an!&#8220;, stiess sie hervor und verlor sich in Beschreibung und historischen Exkursen. anna hatte f\u00fcr die Bilder jeweils nur einen kurzen Blick \u00fcbrig. 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