{"id":478,"date":"2009-07-10T15:18:07","date_gmt":"2009-07-10T13:18:07","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=478"},"modified":"2009-07-10T15:18:07","modified_gmt":"2009-07-10T13:18:07","slug":"schwarzer-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/schwarzer-tag\/","title":{"rendered":"Schwarzer Tag"},"content":{"rendered":"<p>Eines Tages wachte ich am Morgen auf und wusste, dass ich nicht mehr schreiben konnte. Es war ein Wissen, wie wir es vielleicht haben, wenn einem geliebten Menschen etwas zust\u00f6sst. Oder wenn wir uns weigern, in ein bestimmtes Flugzeug zu steigen. Mir kam es jedoch vor, wie die Gewissheit nach einem Albtraum, die uns das Erwachen so schwer macht, als w\u00fcrden wir die n\u00e4chtlichen Schrecken mit uns in die reale Welt nehmen. Ich wusste einfach, dass ich nicht mehr schreiben konnte. Schweissgebadet lag ich in meinem Bett, unf\u00e4hig, auch nur einen Muskel zu r\u00fchren. Meine Gedanken rasten, doch gleichzeitig war mein Gehirn leer. Ich war in Panik, mein Herz raste wie wild, ich versuchte mich vergeblich zu bewegen. Erst als der Wecker rasselnd verk\u00fcndete, es sei Zeit auf zu stehen, vermochte ich mich auf zu setzen. Wankend lief ich ins Badezimmer, wie eine Betrunkene nach links und rechts torkelnd, knallte gegen einen T\u00fcrrahmen. Endlich stand ich in der Dusche. Ich drehte das Wasser auf, eiskalt ergoss es sich \u00fcber mich, \u00fcber mein Nachthemd, das aus zu ziehen ich nicht imstande gewesen war. Erst als mein K\u00f6rper vor K\u00e4lte und nicht mehr vor Schock zitterte, gew\u00e4hrte ich ihm etwas W\u00e4rme. Wie in Trance zog ich mich an, verliess das Haus, das Morgenessen v\u00f6llig vergessen, setzte mich in den Zug und befand mich schliesslich in der Schule, letzte Bastion der Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>In unserer ersten Stunde hatten wir Mathematik. Ich h\u00f6rte dem Lehrer zu, und als wir die Theorie einschreiben sollten, nahm ich den Deckel von meinem F\u00fcller, um ihn anschliessend auf das Blatt auf zu setzen. Meine Gedanken str\u00f6mten aus meinem Gehirn in meinen Arm, in die Hand, dann in den F\u00fcller und von dort aus in Form von Tinte auf das Blatt. Zahlen f\u00fcllten die weisse Leere.<\/p>\n<p>Die zweite Stunde war besetzt durch die Geschichte. Meine Gedanken str\u00f6mten wieder aus meinem Gehirn in meinen Arm, in die Hand, dann in den F\u00fcller und von dort aus in Form von Tinte auf das Blatt. Vergangenheit f\u00fcllte die weisse Leere.<\/p>\n<p>Dritte Stunde: Deutsch. Bleich betrat ich das Klassenzimmer. Mein Blut rauschte mir in den Ohren, und es war mir, als w\u00fcrde es mir zufl\u00fcstern: &#8222;Du kannst nicht mehr schreiben. Du kannst nicht mehr schreiben.&#8220; H\u00f6lzern setzte ich mich auf meinen Stuhl, mein K\u00f6rper schien der Erde zwar entgehen zu fallen, jedoch nur, weil eine unsichtbare Macht mich zog. An diesem Tag war Schreibwerkstatt. Ich war nicht f\u00e4hig, den Ausf\u00fchrungen meines Lehrers zu folgen. Als die anderen ihre Bleistifte und Kugelschreiber z\u00fcckten, nahm auch ich meinen F\u00fcller in die Hand. Mit schreckgeweiteten Augen und starrem Blick schaute ich auf dieses Ding in meiner Hand hinunter. F\u00fcr Minuten war ich wieder nicht f\u00e4hig, mich zu bewegen. Mir kam einfach nicht in den Sinn, was ich mit diesem Ding tun sollte. Endlich l\u00f6ste ich den Deckel vom Schaft und setzte die Federspitze auf mein Blatt. Meine Augen schienen ausgetrocknet zu sein. Erstaunt beobachtete ich, wie sich auf dem Blatt ein grauer Fleck bildete, der sich rasch ausbreitete. Meine Stirn war schweissnass, und meine Hand schien zu zittern. Der Klang der Pausenglocke erl\u00f6ste mich. Auf der Heimfahrt konnte ich nur an meine Angst denken, die mich vor vielen Jahren einmal \u00fcberfallen hatte. Es war zu einer Zeit, als es noch ungew\u00f6hnlich war, dass jemand schreibt. Viele Menschen hatten mir prophezeit, dass ich eines Tages ein Buch schreiben w\u00fcrde. Auch ich war dieser \u00dcberzeugung. Irgendwann las ich dann ein Buch und stellte mir die ganze Zeit vor, welche Arbeit es bedeutet, sich eine solche Geschichte aus zu denken und sie anschliessend auch noch auf zu schreiben. Und pl\u00f6tzlich \u00fcberw\u00e4ltigte mich die Angst, dass auch ich eines Tages ein Buch schreiben w\u00fcrde. Ein einziges Buch, denn danach w\u00fcrde f\u00fcr mich alles geschrieben sein, mein ganzes Leben ausgekotzt und aufgeschrieben so zu sagen, und ich w\u00fcrde nicht mehr schreiben k\u00f6nnen! Nie mehr! Nun war es also geschehen, ich hatte  nie ein Buch geschrieben, und ich w\u00fcrde es nie tun. Ich konnte nicht mehr schreiben. Der Gedanke liess mich nicht mehr los.<\/p>\n<p>Zu Hause angekommen, vergrub ich mich in meinem Bett unter einem Berg von Decken. Doch auch die Dunkelheit konnte das Wissen nicht verdr\u00e4ngen. Ich konnte nicht mehr schreiben. Es hallte in meinem Kopf, der mir v\u00f6llig leer vorkam, als h\u00e4tte mir jemand unbemerkt das Gehirn ausgesaugt. Verzweifelt w\u00e4lzte ich mich hin und her. Endlich stand ich auf und suchte im Medizinalschrank nach Schlaftabletten.<\/p>\n<p>&#8222;Ich kann nicht mehr schreiben&#8220;, hallte es in meinem Kopf. Ich nahm die erste Schlaftablette. Doch es gab keine Erl\u00f6sung. &#8222;Nie mehr schreiben&#8220;. Die zweite Tablette fand den Weg in meinen Magen. Unwirksam. Verzweifelt nahm ich eine dritte. &#8222;Ich kann nicht mehr schreiben.&#8220; Kein Fluch konnte schlimmer sein. Ich konnte nicht mehr schreiben.<\/p>\n<p>Endlich kam der erl\u00f6sende Schlaf. Erleichtert begr\u00fcsste ich das s\u00fcsse Vergessen. Neben meinem Bett lagen einige leere R\u00f6hrchen&#8230;<\/p>\n<p>1. Oktober 1998<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines Tages wachte ich am Morgen auf und wusste, dass ich nicht mehr schreiben konnte. Es war ein Wissen, wie wir es vielleicht haben, wenn einem geliebten Menschen etwas zust\u00f6sst. Oder wenn wir uns weigern, in ein bestimmtes Flugzeug zu steigen. 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