{"id":484,"date":"2009-07-10T15:19:11","date_gmt":"2009-07-10T13:19:11","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=484"},"modified":"2009-07-10T15:19:11","modified_gmt":"2009-07-10T13:19:11","slug":"laufen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/laufen\/","title":{"rendered":"Laufen"},"content":{"rendered":"<p>Ich hatte beschlossen zu laufen. Der Grund daf\u00fcr war mir entfallen, irgendwo liegengeblieben zwischen den Str\u00e4uchern und Grasleichen im Land hinter mir. Vielleicht hatte ich es wie die australischen Ureinwohner machen wollen. Wenn ein Aborigines das Gef\u00fchl hat, er habe sein eigenes Ich verloren, macht er sich auf den Weg. Er l\u00e4uft und l\u00e4uft immer geradeaus, ohne nach rechts oder links zu sehen und ohne anzuhalten. Der Aborigines hofft, irgendwann auf sein Ich zu treffen. Dann setzt er sich und spricht so lange mit ihm, bis er weiss, was ihm in seinem Leben gefehlt hat. Erst dann kann er wieder nach Hause zur\u00fcckkehren. Vielleicht war dies der Grund, weshalb ich zu laufen begonnen hatte. Einmal habe ich mir \u00fcberlegt, es den Aborigines gleich zu tun, doch wo sollte ich hingehen, in einem Land voller Strassen, Vergewaltigern und kalten N\u00e4chten? Ohne \u00f6de Grasl\u00e4nder? Und voller Menschen?<\/p>\n<p>Als ich zu laufen begonnen hatte, waren erst noch viele Menschen um mich. Ich befand mich in einer Stadt, und sie waren \u00fcberall um mich herum, liefen hierhin und dahin, liefen mir entgegen, liefen aneinander vorbei und voneinander weg. Doch ihr Gehen war seltsam, zerstreut und ohne Ziel. Als sich die Reihen der H\u00e4user lichteten, wurden auch die Menschen weniger, vereinzelt traf ich nun auf sie, meist gingen sie in Gruppen oder zu zweit, nie allein. Sie sprachen miteinander, leere Worte, die ich nur h\u00f6ren, doch nicht verstehen konnte.<\/p>\n<p>Schliesslich liess ich das letzte Haus hinter mir, und mit ihm die Menschen. Anfangs war mir das Gehen schwergefallen, m\u00fchsam musste ich mich zu jedem Schritt zwingen, als w\u00e4ren Steine an meine Fussgelenke gebunden, als w\u00e4re die Strasse ein sumpfiger Morast. Doch als die Stadt hinter mir lag, wurden meine Schritte leichter, ich schien zwei Treppenstufen in  die H\u00f6he zu steigen und auf der Luft meinen Weg fortzusetzen. In der Stadt waren mir noch viele Gedanken im Kopf herum geschwirrt, wie ein Abbild der \u00e4usseren Welt liefen sie eilig und ziellos in meinem Kopf herum. Doch je l\u00e4nger ich lief, je weniger Menschen ich begegnete, desto ruhiger wurden meine Gedanken, schwebten tr\u00e4ge dahin und schliesslich verschwanden sie. Was h\u00e4tte ich auch in diesem trostlosen Land denken k\u00f6nnen? Die Sonne versteckte sich hinter einer weissen Dunstmauer, das Land selbst war leer, eine W\u00fcste aus trockener Erde, nur selten das Gerippe eines Baumes oder die gelben \u00dcberreste von Gras. Dennoch, mir war gut. Das \u00f6de Land lag um mich und erstreckte sich weit, weiter, bis zum Horizont. Doch ich kam diesem nicht n\u00e4her, als w\u00fcrde er vor mir fliehen. Ein leiser Wind wehte mir das seltsame Gef\u00fchl von Leere zu. Mochte dort das Ende sein? W\u00fcrde dort alles verschwinden, im Schlund einer Unendlichkeit? War es die Absicht des Landes, mich nicht bis dorthin kommen zu lassen?<\/p>\n<p>Als ein Vogel sich erhob und fl\u00fcgelschlagend die Erde verliess, als er gen Himmel flog und im Dunst verschwand, da fragte ich mich zum letzten Mal, ob ich das Richtige getan hatte. Es gab keine Umkehr, das war mir klar. Und als ich tief in mich hinein horchte, da gab es auch keine Reue. Mochten mich die G\u00f6tter in dieser Zwischenwelt gefangen halten, mochte ich bis in alle Ewigkeit gehen, mochte der Horizont vor mir fliehen! Dies war mein Schicksal.<\/p>\n<p>Und ich lief weiter, unaufh\u00f6rlich, immer weiter, immer weiter&#8230;<\/p>\n<p>1. Juni 1998<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte beschlossen zu laufen. Der Grund daf\u00fcr war mir entfallen, irgendwo liegengeblieben zwischen den Str\u00e4uchern und Grasleichen im Land hinter mir. Vielleicht hatte ich es wie die australischen Ureinwohner machen wollen. Wenn ein Aborigines das Gef\u00fchl hat, er habe sein eigenes Ich verloren, macht er sich auf den Weg. 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