{"id":491,"date":"2009-07-10T15:42:15","date_gmt":"2009-07-10T13:42:15","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=491"},"modified":"2009-07-10T15:42:15","modified_gmt":"2009-07-10T13:42:15","slug":"die-bombe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/die-bombe\/","title":{"rendered":"Die Bombe"},"content":{"rendered":"<p>Die Bombe hatte bereits einige Zeit dagelegen. Im Grunde grenzte es schon fast an ein Wunder, dass noch niemand darauf getreten war. Dass sich nicht einmal jemand um sie k\u00fcmmerte. Sie hatte sogar mehrere Putztage des Reinigungsdienstes \u00fcberstanden. Dabei war die Bombe nicht gerade unauff\u00e4llig. Es musste sich wohl um einen Tretmine handeln, denn es war keine \u00e4ussere Z\u00fcndvorrichtung zu erkennen. Wer sie dort hin gelegt hatte, war im nachhinein nicht mehr zu rekonstruieren. Ein Grund daf\u00fcr war ebenfalls nicht zu finden. Und dass jemand zuf\u00e4lligerweise eine Bombe in der Schule verlieren w\u00fcrde, war wohl die unwahrscheinlichste Erkl\u00e4rung von allen. Auch ich war einige Tage an diesem Ding vorbeigegangen, ohne es gross zu beachten. Doch am Mittwochmorgen blieb ich pl\u00f6tzlich stehen. Da hatte ich doch was gesehen, so einfach aus den Augenwinkeln! Ich drehte mich um. Sch\u00fcler liefen rechts und links schwatzend vorbei, und Angela blieb genervt stehen. &#8222;Was ist? Wir m\u00fcssen in die n\u00e4chste Stunde! Komm endlich!&#8220;, rief sie mir zu und ging weiter. Ich hatte endlich entdeckt, was mir da so aufgefallen war: ein kleines Ding. Es lag auf dem Boden. Schwarz war es. Rund. Geduckt. Ich ging n\u00e4her. Ein Sch\u00fcler, der gedankenverloren in ein Gespr\u00e4ch mit einer Kollegin vertieft war, wich mir in letzer Sekunde aus. Ich b\u00fcckte mich. Betrachtete dieses Ding. Dann entschl\u00fcpfte meinen Lippen zwei \u00fcberraschte Worte: &#8222;Eine Bombe?!&#8220;, fl\u00fcsterte ich leise. Jemand neben mir blieb stehen. &#8222;Was hast du gesagt?&#8220;, fragte er mich. &#8222;Eine Bombe&#8220;, antwortete ihm der Nebenstehende an meiner Stelle. Ich konnte mich nur aufrichten, den andern wortlos anstarren, wieder auf die Bombe starren, wieder den anderen an. Es war, als h\u00e4tte sich ein Wispern in einem Baum erhoben, als w\u00fcrden sich seine Bl\u00e4tter gegenseitig eine Geschichte erz\u00e4hlen, die bis zu den \u00e4ussersten Bl\u00e4ttern getragen wurde. Im Schulhaus erhob sich ein Fl\u00fcstern, ein aufgeregtes Murmeln, dass sich langsam verlor und dann anwuchs, immer lauter wurde, vom Fl\u00fcstern sich aufbauschte zu einem ohrenbet\u00e4ubenden L\u00e4rm. Und alle, alle schrien sie nur ein Wort: &#8222;Eine Bombe!&#8220;<\/p>\n<p>Dann kam Bewegung in die Sch\u00fcler, und sie kamen aus den Zimmern und dr\u00e4ngten den Treppen zu. Jeder wollte zuerst raus aus dem Geb\u00e4ude, raus, weg von der Bombe. Und sie schoben und stiessen, zerrten und boxten und hieben blind um sich. Und der andere, der meine zwei entschl\u00fcpften Worte geh\u00f6rt hatte, er wich vor mir zur\u00fcck und wurde mir doch entgegengestossen, und ich sah die Bombe, sah sie immer n\u00e4her kommen.<\/p>\n<p>Ihr scharfes Klicken wunderte mich noch. F\u00fcr einen Moment war alles ruhig, niemand sprach ein Wort. Stille. Die Helligkeit \u00fcberstieg alles, was ich je zuvor gesehen hatte. Irgendwo in den Resten meines Gehirns dachte ich noch: &#8222;So muss das Licht zum Himmel aussehen&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>12. Januar 2000<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bombe hatte bereits einige Zeit dagelegen. Im Grunde grenzte es schon fast an ein Wunder, dass noch niemand darauf getreten war. Dass sich nicht einmal jemand um sie k\u00fcmmerte. Sie hatte sogar mehrere Putztage des Reinigungsdienstes \u00fcberstanden. 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