{"id":493,"date":"2009-07-10T15:42:46","date_gmt":"2009-07-10T13:42:46","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=493"},"modified":"2009-07-10T15:42:46","modified_gmt":"2009-07-10T13:42:46","slug":"der-baum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/der-baum\/","title":{"rendered":"Der Baum"},"content":{"rendered":"<p>Heute haben wir keine Schule. Die Lehrer halten eine ausserordentliche Konferenz ab. Mitten im Neubau ist n\u00e4mlich \u00fcber Nacht ein riesiger Baum gewachsen. Einfach so, gestern war er noch nicht da und heute morgen f\u00fcllt er fast die ganze Halle aus. Uns Sch\u00fclern gef\u00e4llt er. Seine Bl\u00e4tter sind herzf\u00f6rmig und von einem satten Gr\u00fcn. Der Stamm ist wohl um die zwei Meter dick und die Krone st\u00f6sst oben an der Decke an. Ein Wunder, dass sie diese noch nicht durchstossen hat! Die Lehrer haben also ihre Konferenz und beraten, wie sie diesen Baum wieder loswerden. Wie er dahin gekommen ist, scheint niemanden zu interessieren. Wir sitzen w\u00e4hrenddessen in der Cafeteria und warten darauf, endlich heimgehen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Jetzt ist ein F\u00f6rster gekommen. Er sieht sich den Baum an und beratschl\u00e4gt sich mit einem Uniprofessor, der extra von Z\u00fcrich hierher gerufen wurde. Anscheinend weiss der allerdings auch nicht, was f\u00fcr ein Baum das ist und wie er hierher kommt. Der Baum selbst steht noch immer da, gross und breit, mit gr\u00fcnen, herzf\u00f6rmigen Bl\u00e4ttern. In der Halle scheinen sich nun unter der Decke Wolken zu bilden. Noch immer will uns niemand nach Hause lassen, obschon klar ist, dass heute kein regul\u00e4rer Unterricht mehr stattfinden wird.<\/p>\n<p>Soeben sind einige M\u00e4nner mit Motors\u00e4gen gekommen. Die meisten Sch\u00fcler dr\u00e4ngen sich in der N\u00e4he des Baumes zusammen, um auch ja genau mitzubekommen, was da geschieht. Die Wolken an der Decke sind mittlerweilen dichter geworden. Die M\u00e4nner messen den Stamm aus und diskutieren, wie der Baum am besten zerkleinert werden soll, ohne dass Gel\u00e4nder, Treppen oder W\u00e4nde besch\u00e4digt werden. Irgendwo zwitschert ein Vogel.<\/p>\n<p>Nun ist ein Mann von der Verbindungsbr\u00fccke auf einen dicken Ast gestiegen. Er bewegt sich vorsichtig so weit vor wie es geht und z\u00fcckt dann seine Motors\u00e4ge. Pl\u00f6tzlich zerreisst ihr scharfes Aufheulen die Stille, die sich \u00fcber uns Sch\u00fclern ausgebreitet hat. Der Bereich direkt unter dem Ast ist bereits vorher abgesperrt worden, und die Granitplatten bedecken sich nun langsam mit Bl\u00e4ttern, als der Mann zu s\u00e4gen beginnt. Der Ast bewegt sich unter der Motors\u00e4ge, als w\u00fcrde er vor Angst und Schmerz zittern. Aus den Wolken f\u00e4llt nun weisser Schnee. Langsam senken sich die Flocken auf die Bl\u00e4tter des Baumes und die K\u00f6pfe der Menschen. Der erste Ast ist nun abges\u00e4gt und jetzt geht es Schlag auf Schlag. Bald ist der Boden mit \u00c4sten bedeckt. Wir k\u00f6nnten nun endlich nach Hause gehen, doch niemand r\u00fchrt sich.<\/p>\n<p>Nach zwei Stunden sind sie fertig. Die Granitplatten sind \u00fcbers\u00e4t mit \u00c4sten und Laub. Die Wolken haben sich wieder aufgel\u00f6st und nur das Schimmern des Schmelzwassers erinnert an ihre Existenz. Die Aufr\u00e4umarbeiten beginnen und ich mache mich endlich auf den Weg nach Hause.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag ist schon wieder Alles beim alten. Wo der Stamm den Fussboden durchstiess sind neue Platten eingesetzt worden. Nichts erinnert an den Baum, und er wird auch von niemandem erw\u00e4hnt, als w\u00e4re er nur ein Traum gewesen, eine kurze Erscheinung aus einer anderen Dimension.<\/p>\n<p>Zwei Monate sp\u00e4ter:<br \/>\nHeute Morgen durchbrach ein Pflanzenspross mit gr\u00fcnen, herzf\u00f6rmigen Bl\u00e4ttern den Fussboden&#8230;<\/p>\n<p>14. Dezember 1997<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute haben wir keine Schule. 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