{"id":497,"date":"2009-07-10T15:43:38","date_gmt":"2009-07-10T13:43:38","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=497"},"modified":"2009-07-10T15:43:38","modified_gmt":"2009-07-10T13:43:38","slug":"einsame-art","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/einsame-art\/","title":{"rendered":"Einsame Art"},"content":{"rendered":"<p>Es war eine schw\u00fcle Nacht. Der Sommer war einem harten Winter gefolgt. Der Mond hing tr\u00e4ge am Himmel. Sandte sein Licht auf die m\u00fcde Welt. Keine Sterne. Als h\u00e4tten sie sich zur\u00fcckgezogen, um ihrem Bruder das All zu \u00fcberlassen. Ich lag auf meinem Bett. Einen halben Meter vom Fenster entfernt, dessen Fl\u00fcgel weit offen standen. Das Leintuch auf meinem K\u00f6rper war nassgeschwitzt. Ich starrte auf das Leintuch neben mir. Auf das Mondlicht darauf. Eine harte Linie. Eine Grenze zwischen der Helligkeit und der Dunkelheit. Ich lag einfach auf dem Bett. Kein L\u00fcftchen brachte Erleichterung&#8230;<\/p>\n<p>Meine Gedanken flossen dahin. Ich tr\u00e4umte mich aus dem Zimmer. Mir wuchsen Fl\u00fcgel. Ich erhob mich vom Bett. Das Leintuch fiel lautlos zu Boden. Die Mondstrahlen strichen \u00fcber meine nackte Haut. Ich starrte den hellen Ball am Himmel an. Kletterte auf das Fensterbrett. Verharrte. Liess meinen Blick \u00fcber den silbernen Rasen gleiten. \u00dcber das schwarze Loch mitten im Garten. Ein Biotop. Der Mond spiegelte sich matt im Wasser.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6rte im nahen Wald einen Fuchs im Unterholz streifen. Schn\u00fcffelnd nach Nahrung suchen. Die V\u00f6gel schliefen in den B\u00e4umen. Der Atem meiner Schwester ging ruhig und regelm\u00e4ssig. Ein altes Haus bewegte sich knarrend zu seinen Tr\u00e4umen. Eine Eule \u00f6ffnete kurz die leuchtenden Augen, um sogleich wieder in Schlummer zu fallen. Die Fische im See liessen tr\u00e4ge ein paar Luftblasen an die Wasseroberfl\u00e4che steigen. Ein Schw\u00e4rmer umarmte seine Gattin sch\u00fctzend mit seinen Fl\u00fcgeln.<\/p>\n<p>Ich breitete meine Schwingen aus. Erhob mich in die reglose Luft. Ich sp\u00fcrte Freiheit sich in mir ausbreiten. Ich verliess den sicheren Boden. Liess Erinnerungen und W\u00fcnsche zur\u00fcck. Flog mit kr\u00e4ftigen Fl\u00fcgelschl\u00e4gen dem Mond entgegen. Sein bleiches Gesicht l\u00e4chelte mich traurig an. Als wisse er Dinge, die mir verborgen blieben. Dinge, die mir verboten sind. Ich schwebte. Nichts war um mich. Unter mir die Welt. unter mir meine W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume. Meine Erinnerungen. Die guten und die schlechten. Die unn\u00fctzen und die gl\u00fccklichen&#8230;<\/p>\n<p>Ich f\u00fchlte mich stark. Konnte den Blick nicht vom Mond nehmen. Wollte ihn erreichen. Wie einst Icarus die Sonne. F\u00fchlte seine K\u00e4lte in meinem Herzen. Es erfror mit jedem Fl\u00fcgelschlaf. Jedes Klopfen schmerzte in meiner Brust. Flog weiter. Dem Mond entgegen.<\/p>\n<p>Irgendwann verlor ich mein Herz. Es fiel aus meinem K\u00f6rper und st\u00fcrzte zu Boden. Zersprang in tausend St\u00fccke. Wie ein Herz aus Glas. Und die Splitter schmolzen zu Blut, das von der Erde gierig aufgesaugt wurde. Ich flog weiter auf meinen Bruder zu. Sehnte mich nach seiner kalten Umarmung. Nach seinem erfrierenden Atem&#8230;<\/p>\n<p>Doch mein Herz klopfte mir von unten entgegen. Schrie nach meinem K\u00f6rper. Weinte um die verlorenen Tr\u00e4ume. Um die vergessenen Erinnerungen. Um die verschwundenen W\u00fcnsche. Ich h\u00f6rte mein Weinen. Schmeckte salzige Tr\u00e4nen auf meinen Wangen. Sah meine Augen. Zwei tote L\u00f6cher. Leer. Ohne Leben&#8230;<\/p>\n<p>Ich fiel. Fiel der Erde entgegen. Mein Herz jauchzte auf. Empfing mich mit warmer Liebe. Umarmte mich&#8230; Ich versank in ihrer feuchten W\u00e4rme. F\u00fchle mich vereint. Geborgen. Zu Hause&#8230; Ich war zu Hause&#8230;<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich sp\u00fcrte ich etwas im Zimmer hinter mir. Einen Menschen. Ein Wesen. Einen Moment \u00fcberkam mich eine furchtbare Angst. Ich stellte mir vor, wie diese Person ein M\u00f6rder w\u00e4re. Wie sie ein Messer in der Hand hielte. Wie sie mich t\u00f6ten wollte. Wie sie danach d\u00fcrstete, mich zu verletzen. Wie sie mich anstarrte. Mit gierigen Augen. Fast f\u00fchle ich diesen Blick auf mir. Langsam wandte ich den Kopf. Starrte in mein dunkles Zimmer. Zuerst war alles schwarz. Eine undurchdringliche Dunkelheit. Ich stellte mir vor, wie das Mondlicht vom Leintuch reflektiert wurde. Wie es mein Gesicht erleuchtete. Weisse Porzellanhaut, deren Tod bereits vorweggenommen&#8230;<\/p>\n<p>Ich schloss die Augen. F\u00fchlte kalte Schweisstropfen \u00fcber meine Stirn rinnen. Langsam. Unaufh\u00f6rlich. Ich \u00f6ffnete meine Augen wieder.<\/p>\n<p>Eine schwarze Gestalt stand da. Schw\u00e4rze vor der Dunkelheit. Ich erahnte sie mehr, als dass ich sie sah. Schlank. Mit langem Haar, dass regungslos herabhing. Das schwarze Haar fing an, sich zu bewegen. Wallte um den Kopf. Wie die Schlangen der Medusa. Doch sie verbanden sich mit der Dunkelheit. Schienen nach unergr\u00fcndlichen Geheimnissen zu suchen.<\/p>\n<p>Ich starrte das Wesen an. Sah meine Augen sich vor Schreck weiten. Als w\u00fcrde der Mond durch mich hindurchscheinen. Sein Licht durch meine Augen dringen.<\/p>\n<p>Das Haar des Wesens hing wieder herab, und es verschwand. Hinterliess nur stumme Worte: &#8222;Ich dachte, du seist von meiner Art&#8220;<\/p>\n<p>8. M\u00e4rz 1999<br \/>\nSemesterarbeit Deutsch; FS 1999<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war eine schw\u00fcle Nacht. Der Sommer war einem harten Winter gefolgt. Der Mond hing tr\u00e4ge am Himmel. Sandte sein Licht auf die m\u00fcde Welt. Keine Sterne. Als h\u00e4tten sie sich zur\u00fcckgezogen, um ihrem Bruder das All zu \u00fcberlassen. 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