{"id":517,"date":"2009-07-10T15:50:09","date_gmt":"2009-07-10T13:50:09","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=517"},"modified":"2009-07-10T15:50:09","modified_gmt":"2009-07-10T13:50:09","slug":"untitled-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/untitled-2\/","title":{"rendered":"Untitled"},"content":{"rendered":"<p>Am Anfang lebten wir alle im Nichts, und das Nichts war unsere Mutter. Sie gebar uns, doch sie stiess uns nicht aus, sondern wir waren alle Teil von ihr. So existierten wir lange, eine einzige Einheit, die alles umfasste. Doch irgendwann geschah es, das einer von uns in die Dunkelheit entfloh. Niemand wusste, wie er unsere Ganzheit hatte verlassen k\u00f6nnen. Vielleicht war es auch der Wille unser Mutter. Denn dieser eine irrte eine lange Zeit herum, auf der Suche nach uns und seiner Mutter. Er war einsam, und so schuf er sich Wesen. Er konnte sie nicht geb\u00e4ren, wie es unsere Mutter konnte. Er entrang ihr einige von uns, und presste unsere Geister in K\u00f6rper. Einst als blosser Gedanke durch die Weiten des Nichts gleitend, wurden aus uns Wesen. Und mit dem K\u00f6rper breiteten sich Gef\u00fchle in uns auf. Viele von uns priesen den einen, der nun zu ihrem Herrn geworden war. Denn unsere Mutter hatte uns verlassen. Deshalb konnten nicht alle von uns gl\u00fccklich sein. Wir hatten K\u00f6rper erhalten, doch uns sehnte es nach dem Frieden in unserer Mutter. Wir entfernten uns von dem einen, und niemand bemerkte es. Weit von ihm erschufen wir uns unser eigenes Reich, und ich wurde zum K\u00f6nig unter den meinen bestimmt, denn ich war der St\u00e4rkste unter uns. Um unsere Sehnsucht zu vergessen, befriedigten wir unsere L\u00fcste und lebten in der Ekstase unserer Gef\u00fchle. Nach einer Ewigkeit jedoch erkannte ich unser Schicksal in den Sternen, und so zerbrach ich mein Reich. Ich erschuf einen einzigen Raum von der Gr\u00f6sse eines Universums. Dorthin w\u00fcrde ich zur\u00fcckkehren, wenn die zweite Ewigkeit verstrichen w\u00e4re. Dann wurde ich get\u00f6tet, grausam, wie es unsere Art ist, und meine Seele ging auf Wanderschaft, um am Ende dem einen gegen\u00fcber zu treten. Und noch im Todeskampf prophezeite ich meine Wiedergeburt auf jener Erde, die er sich erschaffen hatte. Schliesslich bildeten meine Anh\u00e4nger einen Rat der Hohen aus den \u00c4ltesten unter uns. Aus diesen wiederum wurden solche auserw\u00e4hlt, die den verlorenen K\u00f6nig suchen sollten. Auf dass ich nicht allein sein w\u00fcrde bei meiner R\u00fcckkehr. Man zeichnete die Auserw\u00e4hlten und entriss ihnen ihre Herzen, damit sie mich erkennen m\u00f6gen. Dann gingen sie alle in die Welt der Menschen.<\/p>\n<p>Getrieben durch unsere Sehnsucht lebten wir dort lange Zeit unter ihnen. Ich selbst versuchte mein Verlangen durch die Vergr\u00f6sserung meiner L\u00fcste zu verdecken. Und durch ihre Befriedigung. Ich wurde Heldherr und Herrscher, Liebhaber und M\u00f6rder. Es waren mir keine Grenzen gesetzt, und so befriedigte ich mich an Mensch und Tier. Wir lebten lange unter den Menschen, zum Missfallen des einen, der unsere Anwesenheit nun wohl bemerkte. Doch er konnte nicht mit uns sprechen, denn wir waren weit von ihm. Und so befahl er seinen Wesen, uns zu erscheinen und uns von ihm zu erz\u00e4hlen. Selbst der Lichtbringer, einst zu seiner Rechten und nun ebenfalls weit von ihm, verliess sein Reich und lobte seinen Herrn. Doch wir sehnten uns nach unserem K\u00f6nig und nach unserer Mutter. Wir lebten unter den Menschen, ich machte Leben zu Tod und Tod zu Leben, bis die zweite Ewigkeit zu Ende ging. Da machte ich mich auf, meiner Bestimmung zu folgen.<\/p>\n<p>Sie war wohl in jeder Hinsicht durchschnittlich. In ihrem Aussehen sogar so fest, dass man sie nicht genau beschreiben k\u00f6nnte, wie ein Geist, den man in einem diffusen Albtraum kurz zu erkennen glaubt. Vielleicht war sie etwas ernster als die anderen, etwas stiller und manchmal mit den Gedanken weit jenseits dieser Welt. Sie ging noch zur Schule. An jenem Tag kam sie zu sp\u00e4t, niemand wusste den Grund. Sie betrat das altehrw\u00fcrdige Schulhaus, dessen Zimmer und G\u00e4nge nur aus einem Grund so riesig gebaut worden zu sein schienen: um all jenes Wissen aufnehmen zu k\u00f6nnen, das sich t\u00e4glich in und um die Menschen darin ansammelte. Langsam stieg sie die Treppe hinauf, als sie pl\u00f6tzlich eine Stimme ihren Namen fl\u00fcstern h\u00f6rte. Sie sah sich suchend um und entdeckte einen Mann, der auf dem breiten Treppensims zum Lichtschacht hockte. Seine Haltung erinnerte sie an einen jener Steind\u00e4monen, die, auf den Aussensimsen kauernd, alte H\u00e4user vor b\u00f6sen Geistern besch\u00fctzten. Der Mann selbst sah aus wie ein Mensch, obwohl sie wusste, dass er keiner war. Er trug schwarze Kleidung und hatte ein seltsames Gesicht, eines von jenen, die man sich noch so ansehen kann und trotzdem sofort wieder vergisst, wenn man nicht mehr hinsieht. Das einzig Auff\u00e4llige waren seine Augen, denen sowohl Iris als auch Pupille fehlten. &#8222;Ich muss mit dir reden&#8220;, sprach er sie mit seiner fl\u00fcsternden Stimme an. Er f\u00fcgte eine seltsamen Namen an, wie ihn kein menschliches Wesen tragen k\u00f6nnte. Ob sie den Namen erkannt hatte? Ohne darauf einzugehen, fragte sie ihn: &#8222;Wer bist Du?&#8220; Der Mann starrte sie einen Moment an, und ein eigenartiges Grollen drang aus seiner Brust. Von den unteren Stockwerken klang des leise Ger\u00e4usch von Schritten zu ihnen herauf. Nach einiger Zeit erschien ein zweiter Mann auf dem Treppenabsatz. Kein Lehrer, ein Fremder.<\/p>\n<p>Der Mann sah sie an. &#8222;Ihr seid unser K\u00f6nig&#8220;, hauchte er erstaunt. &#8222;Was reden sie da, wer sind sie?&#8220;, fuhr sie ihn sofort an. er hob nur seinen Arm. Dicht unter seinem Handgelenk war ein Zeichen eingebrannt. Sie schien es zu erkennen, denn sie fragte nun etwas milder: &#8222;Ihr seid ein Gezeichneter. Was wollt ihr hier?&#8220; &#8222;Ich wurde vom Rat der Hohen ausgeschickt, euch zu suchen. Damit ihr nicht alleine seid, bei eurer R\u00fcckkehr&#8220; , antwortete er ihr unterw\u00fcrfig. &#8222;Ihr habt mich gefunden. Und nun?&#8220; Ihre Frage schien ihn zu verwirren. &#8222;Ihr m\u00fcsst mir nun folgen&#8220; , erwiderte er. War das Schicksal nicht klar ersichtlich in den Sternen? Hatten jene von seiner Art nicht lange auf diesen Tag gewartet? Schrecken befiehl ihn, als sie ihn fragte: &#8222;Warum muss ich euch folgen?&#8220; &#8222;Weil dies eure Pflicht ist, euer Schicksal, eure Bestimmung&#8220;, fl\u00fcsterte da der Lichtbringer, auch Luzifer geheissen. &#8222;Weshalb?&#8220;, fragte sie ihn, ohne den Blick von dem Gezeichneten zu nehmen. Und der Lichtbringer begann zu erz\u00e4hlen: &#8222;Von allen Kreaturen des Einen seid ihr am weitesten von Ihm entfernt. Selbst weiter als ich. Euch erreicht das Wort Gottes niemals. Doch euch verzehrt die Sehnsucht danach auch nicht, denn obschon ihr es wie wir anderen einst vernommen habt, vermisstet ihr es nie. Ihr wolltet euch dem einen nicht anschliessen, sondern sehntet euch nach unser aller Mutter. Als der eine den Menschen ihre Seelen schenkte und so uns dem\u00fctigte, wart ihr bereits allein mit eurem K\u00f6nig. Eure Seelen sind verdammt, denn sie sind kein Geschenk, sondern das Ergebnis eures Willens. Und nun liegt es an dir, vor den einen zu treten, um uns alle wieder mit unserer Mutter zu vereinen.&#8220; W\u00e4hrend der Lichtbringer sprach, hatte sie den Gezeichneten angesehen. Nun wandte sie den Blick. Sie starrte in die Augen des Lichtbringers. Pl\u00f6tzlich warf sie den Kopf zur\u00fcck und begann zu lachen. Ihr Lachen hallte von den hohen W\u00e4nden wieder und klang hohl in den G\u00e4ngen. Sie lachte, vielleicht eine Ewigkeit. Als sie aufh\u00f6rte, richtete sie ihren Blick wieder auf den Engel. &#8222;Offenbare mir meine Existenz!&#8220;, verlangte sie mit eiskalter Stimme. Der Lichtbringer schaute sie nur ruhig an. &#8222;Das kann ich nicht, dass kann nur der Rat der Hohen.&#8220; Sie wandte sich wieder dem Gezeichneten zu und streckte ihm auffordernd eine Hand hin. &#8222;Dann bring mich zu ihnen!&#8220; Einen Moment starrte er ihre Hand an. Dann ergriff er sie und brachte sie zu jenem dunklen Ort. Das letzte, was sie noch h\u00f6rte, war das befriedigte Grollen des Lichtbringers.<\/p>\n<p>Die Hohen hatten sich bereits versammelt und bildeten einen perfekten Kreis um sie. Sie sah uralte M\u00e4nner und blutjunge Frauen, kindliche Krieger und Greisinnen. Sie konnte weder die Gesichter noch die Kleidung der Wesen erkennen, sie wusste einfach, wen sie ansah. Unter ihr gl\u00fchte der Boden und erhellte den Kreis. Hinter den Reihen der Hohen wusste sie den Gezeichneten, und mit ihm alle seiner Art. Sie wurde unruhig. Sie wusste, ihr h\u00e4tten nun alle Gedanken der anderen zuteil werden, und sie h\u00e4tte sich auch an ihre Existenz als ihr K\u00f6nig erinnern sollen. Weshalb hielten die anderen ihre Gedanken vor ihr geheim? Warum konnte sie sich nicht erinnern? Was w\u00fcrde mit ihr geschehen? Schliesslich traten eine Greisin und ein Greis vor. Sie schlurften mit schleppenden Schritten auf sie zu, und als sie wieder stehen blieben, l\u00f6sten sich eine junge Frau und ein junger Mann aus dem Kreise und stellten sich neben das alte Paar. Ihnen folgten zwei Kinder. Die Greisin begann in einer Sprache zu sprechen, die nur ihrer Art vorbehalten war, und die selbst der eine nicht verstehen konnte: &#8222;Ihr seid wiedergeboren.&#8220; Sie starrte die alte Frau an, deren Gesicht nun erkennbar wurde. Tausend Falten sprachen von Sorgen und unendlichem Leid. Tausend Falten erz\u00e4hlten von Freude und Lust. Jedes Gef\u00fchl, das Menschen empfinden k\u00f6nnen, schien in diesem Gesicht enthalten zu sein. Sie wusste, dies war nur eine Maske. Die Greisin hatte entschieden, dass dieses Gesicht ihrem Alter angemessen war, und es aufgesetzt. Ebenso h\u00e4tte sie das Gesicht des Kindes oder der jungen Frau w\u00e4hlen k\u00f6nnen. Das gleiche war mit den Gesichter der anderen. Doch diese Gedanken streiften sie nur am Rande ihrer Wahrnehmung. Pl\u00f6tzlich ber\u00fchrte sie das Wissen der Umstehenden! Dies war ein Ereignis von so grundlegender Wichtigkeit, dies war das Schicksal, die Erf\u00fcllung ihrer Prophezeiungen aus einem anderen Leben. Die Engel begannen um sie zu fliegen, aus der H\u00f6lle erhoben sich die D\u00e4monen, und die Seelen der Verstorbenen und Noch-nicht-Geborenen stimmten ein Lied an, dessen Kraft Welten verw\u00fcsten k\u00f6nnte. Die sechs Obersten der Hohen nahmen sich an den H\u00e4nden und bildeten einen weiteren Kreis um sie. Dann kam das Wissen &#8230;<\/p>\n<p>Sie schrie. Alles um sie war schwarz und voller absoluter Stille, dass sie nur schreien konnte. Sie wurde hochgehoben und hinunter geschleudert. Dann explodierte die Zeit. Farben, T\u00f6ne, D\u00fcfte, Gef\u00fchle, Stoffe und Ger\u00fcche verdichteten sich in ihrem Kopf. Gleichzeitig starb sie, sp\u00fcrte nichts mehr, war blind, war taub, war stumm. Sie konnte sich nicht bewegen und wurde in tausend St\u00fccke zerrissen. An ihr schossen grausam verst\u00fcmmelte Menschen vorbei, Monster mit grotesk zerst\u00f6rten Leibern, mit Nadeln und Messern in den unm\u00f6glichsten Gliedern, zerdr\u00fcckte und zerquetschte K\u00f6rper, verbrannte Augen, zerschnittene Gesichter. Und alles kam und ging in rasender Schnelligkeit, in rasender Schnelligkeit, in rasender Schnelligkeit. Einen Moment war wieder Stille, dann kamen helle Geister, Feen und Lichtwesen. Kreaturen aus dem Paradies und aus der H\u00f6lle begannen um sie zu tanzen und sich zu vereinen, gebaren perverse Verh\u00f6hnungen des Lebens und des Todes, und auch diese tanzten lachend ihre Reigen, schneller und schneller. Der Tod erschien und blies seinen kalten Atem in ihr Gesicht. D\u00e4monen begannen nach ihr zu grapschen und Engel schlugen mit ihren flammenden Schwertern in ihre Richtung. Doch jede Ber\u00fchrung gab ihr ein St\u00fcck ihrer selbst zur\u00fcck. Auf ihrer Haut erschienen Zeichen, die uralt und unendlich machtvoll waren, unvorstellbar f\u00fcr einen Sterblichen, todbringend selbst f\u00fcr jedes \u00fcbernat\u00fcrliche Wesen. Sie konnte wieder f\u00fchlen, Hitze und K\u00e4lte breiteten sich in ihr aus. Die Martert\u00e4nze wurden langsamer, immer langsamer, um wieder mit grausamer Wucht von Neuem zu beginnen, rasend, tobend. Und dann begegnete sie Gott.<\/p>\n<p>Er sass da, in der Gestalt eines jungen Mannes, mit Augen, so alt wie die Zeit selbst, und sah sie an. Ein Sterblicher w\u00e4re gestorben, seine Seele w\u00e4re unter dem Blick seines Sch\u00f6pfers zerbrochen. Ein D\u00e4mon w\u00e4re von solchem Grausen erf\u00fcllt gewesen, dass auch er h\u00e4tte vergehen m\u00fcssen. Selbst ein Engel h\u00e4tte die Gl\u00fcckseligkeit dieser Gnade nur kurz ertragen k\u00f6nnen. Sie jedoch blickte ihn an und empfand nichts. Als h\u00e4tte der Hexentanz alles in ihr get\u00f6tet, starrte sie in jene unendlich alten Augen, die jedes Gef\u00fchl schon vor langer Zeit verloren hatten, und entriss dem einen seine Geheimnisse. Sie sah sein Innerstes, doch liess sie ihn zugleich nichts von sich sehen. Sie erkannte seine Sehnsucht, und sie erkannte seine \u00dcberdr\u00fcssigkeit, zu existieren. Eine Ewigkeit mochten sie einander angesehen haben. Dann erst senkte er den Blick, und ein einziges Wort kam \u00fcber seine Lippen:<\/p>\n<p>&#8222;Mutter&#8220;<\/p>\n<p>Und die Erde verging&#8230;<\/p>\n<p>15. November 1998<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Anfang lebten wir alle im Nichts, und das Nichts war unsere Mutter. Sie gebar uns, doch sie stiess uns nicht aus, sondern wir waren alle Teil von ihr. So existierten wir lange, eine einzige Einheit, die alles umfasste. Doch irgendwann geschah es, das einer von uns in die Dunkelheit entfloh. 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