{"id":527,"date":"2009-07-10T15:51:57","date_gmt":"2009-07-10T13:51:57","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=527"},"modified":"2009-07-10T15:51:57","modified_gmt":"2009-07-10T13:51:57","slug":"der-maler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/der-maler\/","title":{"rendered":"Der Maler"},"content":{"rendered":"<p>Ich kannte den Maler schon viele Jahre. Er hatte eine schwerm\u00fctige Seele doch ein freundliches Wesen. Vielleicht war es das, was uns trotz unterschiedlichen Wegen all die Zeit verband.<\/p>\n<p>Er hatte verlauten lassen, er w\u00fcrde mit dem malen aufh\u00f6ren. Zu seiner letzten Ausstellung kamen viele Leute. Kuriose Geister und reiche M\u00e4zene. Die Malerei hatte ihm eine einigermassen gesicherte Existenz erm\u00f6glicht. Er konnte nicht gerade wie Gott in Frankreich leben, doch das wollte er auch nicht. Das entsprach nicht seinem Naturell. Ein anderer Maler klopfte meinem Freund w\u00e4hrend der Ausstellung auf den R\u00fccken und lobte seinen klugen Zug, durch angebliche Beendigung seines Malens die Preise seiner bestehenden Bilder in die H\u00f6he zu treiben. Mein Freund war emp\u00f6rt \u00fcber diese Unterstellung und erkl\u00e4rte dem anderen, dass dies keineswegs seine Absicht sei. Der andere zwinkerte ihm daraufhin verschw\u00f6rerisch zu und meinte nur, das sei ja keine Schande. Ausserdem glaube er als ebenfalls hauptberuflicher Maler, dass der andere sowieso nicht ganz mit malen aufh\u00f6ren werde. Das sei ihm im Blut, das k\u00f6nne er nicht einfach abschalten.<\/p>\n<p>Diese Unterhaltung hatte ich schon wieder vergessen, als ich nun auf dem Weg zum Maler war. Ich betrat sein Atelier und sah ihn an seiner Staffelei arbeiten. Leise nahm ich mir einen Stuhl und setzte mich hinter ihn, um ihm bei der Arbeit zu zu sehen. Ich hatte ihm auch einmal Modell gelegen. Es war sehr anstrengend, und ich hatte danach jeweils tagelang Muskelkater.<\/p>\n<p>Er hatte mir immer wieder gesagt, ich solle mich entspannen, doch es gelang mir einfach nicht. Sp\u00e4ter waren meine Gesichtsz\u00fcge auf dem Bild verzerrt, als w\u00fcrde mich ein unangenehmer Bekannter daran hindern, meinen Bus zu erwischen. Ich hatte dem Maler das Bild abgekauft, darauf hatte ich bestanden. Damals hatte es mich einen halben Monatslohn gekostet. Wo immer ich arbeitete, hing es gegen\u00fcber an der Wand. Es erinnerte mich an meinen Vorsatz, dass meine Arbeit mir Freude machen soll. Wann immer sich meine Gesichtsz\u00fcge so verkrampft wie auf dem Bild anf\u00fchlten, war es Zeit zu gehen. Ich sass nun hinter dem Maler und beobachtete ihn, wie ich es oft getan hatte. Im Gegensatz zu anderen K\u00fcnstlern glaubte er nicht, dass es Ungl\u00fcck bringen w\u00fcrde, andere seine Bilder vor deren Vollendung sehen zu lassen.<\/p>\n<p>Er malte eine d\u00fcstere Landschaft, der Pinsel strich vorsichtig Schwarz und Grau auf die Leinwand. Daf\u00fcr war er bekannt geworden, f\u00fcr diese seltsamen Traumlandschaften, die nur ihm verst\u00e4ndlich waren. Auch auf meinem Bild lag ich vor solch einem Hintergrund, rot schimmerte er wie eine Aura um mich und dunkle Schatten dr\u00e4ngten mir zu.<\/p>\n<p>Der Maler war fertig mit seinem Bild, setzte mit vorsichtigen Strichen seine Signatur darunter und erhob sich dann, um mich herzlich zu begr\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ich sprach ihn sogleich auf sein neues Bild an. Es entsprach nicht seiner Gewohnheit, er hatte immer grossformatige Leinw\u00e4nde bevorzugt, dieses jedoch war klein, kaum ein halber Meter auf zwanzig Zentimeter. Er nahm die Leinwand mit der noch feuchten Farbe von der Staffelei, hielt sie mit Daumen und Zeigefinger jeweils in der Mitte oben und unten, und begann sie langsam zu drehen. Als mir die Vorderseite wieder zugewandt war, war das Bild verschwunden. Nur noch weisses Leinen. Warum er das gemacht habe, fragte ich ihn. Er antwortete traurig: &#8222;Sie allen entdecken eine Seite in mir, die ich nicht mehr finde.&#8220;<\/p>\n<p>In meinem B\u00fcro empfing mich am n\u00e4chsten Tag eine weisse Leinwand. Der Maler, so erfuhr ich sp\u00e4ter, war \u00fcber Nacht gestorben. Meine Arbeit macht mir immer noch Freude.<\/p>\n<p>Nach einem verst\u00f6renden Traum<\/p>\n<p>30. April 2001<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kannte den Maler schon viele Jahre. Er hatte eine schwerm\u00fctige Seele doch ein freundliches Wesen. Vielleicht war es das, was uns trotz unterschiedlichen Wegen all die Zeit verband. Er hatte verlauten lassen, er w\u00fcrde mit dem malen aufh\u00f6ren. 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