{"id":538,"date":"2009-07-10T15:54:39","date_gmt":"2009-07-10T13:54:39","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=538"},"modified":"2009-07-10T15:54:39","modified_gmt":"2009-07-10T13:54:39","slug":"nebel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/nebel\/","title":{"rendered":"Nebel"},"content":{"rendered":"<p>Ich lief durch das Gras und konnte es doch nur erahnen. Es lag ein Nebel \u00fcber der Erde. Wenig. Er wirbelte durcheinander, wenn ich lief. Es erinnerte mich an einen schlechten Hollywoodfilm. Als h\u00e4tte jemand eine Nebelmaschine laufen lassen. Doch der Nebel war nicht k\u00fcnstlich. Die Schwaden lagen tr\u00e4ge \u00fcber dem Land.<\/p>\n<p>Ich hatte vergessen, wie ich hierher gekommen war. Vergessen, welcher Tage, welche Tageszeit. Die Sonne stand irgendwo \u00fcber mir, zumindest war es hell, sogar der Himmel war voller Nebel.<\/p>\n<p>Meine F\u00fcsse trugen mich durch den Bodennebel. Es war kalt. Ich vergrub meine H\u00e4nde tief in den Taschen meines Mantels. Die K\u00e4lte kroch mir langsam in den Leib. Ich versuchte mich zu erinnern, wieso ich hier war.<\/p>\n<p>Manchmal sah ich etwas Gras. Es war von Tau benetzt. Fast erwartete ich, Geister auftauchen zu sehen. Der Nebel w\u00fcrde wachsen und ihre Gestalt annehmen. Sie w\u00fcrden mich vorwurfsvoll ansehen. Und ich w\u00fcrde sie nicht verstehen.<\/p>\n<p>Die Stille war bedr\u00fcckend. H\u00e4tte ich aufgesehen, vielleicht w\u00e4ren irgendwo B\u00e4ume gestanden. Doch es gab nichts zu sehen. Nichts zu f\u00fchlen. Nur die K\u00e4lte, die in meinen K\u00f6rper kroch. Der Nebel lag tr\u00e4ge und wollte keine Gesichter zeigen. Der Himmel schaute grau auf mich hinab.<\/p>\n<p>Ob dies eine Zone war, zwischen Tod und Leben? War ich von hier gekommen? Ging ich nun wieder, weg von meiner Existenz, die weit hinter mir lag? Die Schritte waren gleichm\u00e4ssig, meine Gedanken flossen dahin, wie Wasser erschienen sie und schwebten wieder weg, weg, in die Vergessenheit.<\/p>\n<p>Ich war nicht m\u00fcde. Ich wollte nicht rasten. Ich f\u00fchlte mich wie der Nebel. Lief ich \u00fcberhaupt noch \u00fcber die Erde? Schwebte ich nicht vielmehr? Kein Stolpern, obschon das Gras feucht war. Ich hatte ausrutschen k\u00f6nnen. Hinfallen. Liegenbleiben, bis der Himmel \u00fcber dieser Erde zusammenbrach.<\/p>\n<p>Vielleicht sah ich Sterne. Ich wusste es nicht.<\/p>\n<p>Dann blieb ich stehen. Sah auf. Blickte auf den Nebel in der Ferne. Es gab kein Ziel, das es zu erreichen galt. Die Entscheidung lag bei mir, wohin ich gehen wollte. Da war kein Sinn. Ich musste nicht laufen. Ich brauchte nirgends hinzugehen. Ich konnte mich hinsetzen. Ich konnte liegen, unter dem Nebel. Ich konnte den Nebel einatmen, tief in meine Lungen. Und der Nebel w\u00fcrde Teil meines Blutes werden, Teil von mir. Dann w\u00e4re ich nicht mehr allein. Dann w\u00e4re ich Teil des Nebels. Ich w\u00e4re der Nebel. Es w\u00fcrde nichts eine Rolle spielen, nicht wer ich war, nicht was ich dachte. Weil ich nicht mehr denken w\u00fcrde, nur tr\u00e4ge \u00fcber der Erde h\u00e4ngen. Das Gras mit Tautropfen benetzen. Keine Entscheidung w\u00e4re mehr zu treffen! Kein Schritt mehr zu tun! Mein Herz klopfte mir schwer in der Brust und ich sp\u00fcrte die K\u00e4lte nicht mehr.<\/p>\n<p>Dann machte ich einen Schritt. Irgendwohin. Es war egal, wohin. Und ich machte einen zweiten. Und einen dritten. Und dann vergass ich sie zu z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>13. Oktober 2001<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich lief durch das Gras und konnte es doch nur erahnen. Es lag ein Nebel \u00fcber der Erde. Wenig. Er wirbelte durcheinander, wenn ich lief. Es erinnerte mich an einen schlechten Hollywoodfilm. Als h\u00e4tte jemand eine Nebelmaschine laufen lassen. Doch der Nebel war nicht k\u00fcnstlich. 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