{"id":544,"date":"2009-07-10T15:56:26","date_gmt":"2009-07-10T13:56:26","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=544"},"modified":"2009-07-10T15:56:26","modified_gmt":"2009-07-10T13:56:26","slug":"das-zweite-stockwerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/das-zweite-stockwerk\/","title":{"rendered":"Das zweite Stockwerk"},"content":{"rendered":"<p>Man nennt ihn den 2. Stock. Alle Zimmer haben eine Zwei vor ihrer Nummer, um das deutlich zu machen. Wenn wir morgens in den dritten Stock hinaufsteigen und W\u00e4hrend des Tages wieder hinunter, sehen wir ihn immer. F\u00fcr uns ist das zweite Stockwerk ein Mysterium. Obwohl wir nun schon seit vier Jahre hier an der Kantonsschule sind, hatten wir noch nie in einem Schulzimmer des zweiten Stockes Unterricht. An einem verregneten Nachmittag sag ich mir aus Spass die Stundenpl\u00e4ne aller Klassen an und verglich sie miteinander. Niemand hat in der zweite Etage Unterricht! Aber das scheint auch niemanden zu st\u00f6ren, und aufzufallen sowieso nicht. Einmal habe ich mich getraut, einen Lehrer nach dem zweiten Stockwerk zu fragen. Doch er konnte mir nichts dazu sagen, er kenne nur Lehrer aus dem ersten und dem dritten Stock, erkl\u00e4rte er mir. Manchmal stehen die T\u00fcren zu den Schulzimmern der zweiten Etage offen und wartende Sch\u00fcler sitzen im Gang. Aber die gehen beim L\u00e4uten der Schulglocke immer in den ersten oder dritten Stock. Das habe ich einige Male beobachtet, als ich zu sp\u00e4t kam. An den W\u00e4nden neben den T\u00fcren kleben zwar Zimmerbelegungspl\u00e4ne, doch wie gesagt, niemand hat dort Schule.<\/p>\n<p>Eines Tages sollte ich eine Pr\u00fcfung nachschreiben, da ich eine Woche krank gewesen war. Ich f\u00fchlte mich zwar noch etwas geschw\u00e4cht, doch die Zeugnisse standen vor der T\u00fcr und der Lehrer brauchte meine Note. Verzweifelt versuchte er, mir ein freies Zimmer zu besorgen, damit ich ungest\u00f6rt w\u00e4re, doch er konnte keines finden. Ich sah dies als Zeichen des Schicksals und fragte ihn beil\u00e4ufig: &#8222;Wie w\u00e4re es mit einem Zimmer im 2. Stock? Dort ist bestimmt noch eines frei.&#8220; Einen Moment sah er mich an, als wisse er nicht, wovon ich spreche. Doch dann sagte er: &#8222;Wenn du meinst. 40 Minuten!&#8220; Schon war ich auf dem Weg nach oben.<\/p>\n<p>Wie ich schon vermutet hatte, waren alle Zimmer leer. Ich w\u00e4hlte Nummer 207 und trat durch die T\u00fcr. Die Tische waren alle in pr\u00e4zisen Reihen nach vorne ausgerichtet und erinnerten mich an eine Schulzimmerbestuhlung aus dem letzten Jahrhundert. Vorne beherrschte ein wuchtiger, alter Holzpult den Raum, ein M\u00f6belst\u00fcck, das so gar nicht zu der \u00fcbrigen modernen Einrichtung passen wollte. Leise schloss ich die T\u00fcr hinter mir und setzte mich an einen Tisch nahe dem Lehrerpult. An Pr\u00fcfungschreiben war nat\u00fcrlich nicht zu denken. Ich begann mich genauer im Zimmer umzusehen, registrierte aber eher aus den Augenwinkeln eine Kommode vor dem Fenster neben dem Holzschreibtisch, darauf eine bl\u00e4hende Pflanze, einige Bilder an den W\u00e4nden und nat\u00fcrlich die unvermeidliche Wandtafel. Neugierig stand ich auf und betrachtete die Bilder. Sie zeigten ausnahmslos melancholische Landschaften. Nebelverhangene Wiesen und morgenfrische W\u00e4lder in sanften Pastellfarben, das kunstvolle Aquarell eines von wogendem Schilf ges\u00e4umten Sees und die hyperrealistische Darstellung eines kleinen Baches liessen mich die Zeit vergessen. Als ich mich wieder den Genstern zuwandte, fielen gelle Sonnenstrahlen durch die Scheiben. Entz\u00fcckt \u00f6ffnete ich die Fensterfl\u00fcgel und liess mir genussvoll die Sonne ins Gesicht scheinen. Oh, welch herrliche W\u00e4rme!<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich fiel mein Blick auf die Pflanze auf der Kommode. Erstaunt sog ich die Luft ein. Solch ein seltsames Gew\u00e4chs hatte ich noch nie zuvor gesehen. Es hatte grosse, herzf\u00f6rmige Bl\u00e4tter, die regelm\u00e4ssig um den kurzen, gedrungenen Stengel angeordnet waren. Sie erinnerte mich entfernt an einen Hibiskus, nur dass die Bl\u00fcten nicht gross, sondern klein und von der Form her eher die einer Azalee waren. Ihr leuchtendes Orange h\u00e4tte jede gleichnamige Frucht vor Neid erblassen lassen. An den feinen Bl\u00fctenstengeln hing bl\u00e4ulicher Bl\u00fctenstaub. Verwundert sah ich die Pflanze an und widerstand nur mit Muhe dem Versuch, sie einfach mitzunehmen. Unwillig wandte ich meinen Blick von dieser Kuriosit\u00e4t, als ich mich wieder an den Schreibtisch erinnerte. M\u00f6glichst unauff\u00e4llig umrundete ich ihn, immer in der Erwartung, jemand betrete das Zimmer. Als ich die vielen Schubladen sah, erwachte meine Neugier von Neuem. Sonst immer darauf bedacht, sie niemanden merken zu lassen, warf ich nun all meine Hemmungen \u00fcber Bord. Vorsichtig zog ich die oberste Schublade heraus, um sie auch ja nicht fallen zu lassen. Sauber geordnete Bleistifte und Kugelschreiber lagen darin, und Radiergummis und Tintenpatronen. Die n\u00e4chste enthielt Reiszwecken und B\u00fcroklammern, Gummib\u00e4nder und Zirkel. Dieser Pult war best\u00fcckt mit jeder nur denkbaren Art von B\u00fcromaterial, alles fein s\u00e4uberlich sortiert und aufbewahrt.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich begannen meine F\u00fcsse zu schmerzen. Verwirrt setzte ich mich auf den Lehrerstuhl und  ruhte einen Moment aus. Mir war mit einem Mal nicht mehr wohl, ich f\u00fchlte eine grosse Schw\u00e4che in Armen und Beinen, es wurde mir heiss und kalt. Schweiss trat mir auf die Stirn und mein Magen begann sich zusammenzukrampfen. Hilfesuchend sah ich mich um, k\u00e4mpfte verzweifelt gegen einen bohrenden W\u00fcrgereiz an und starrte schliesslich an die Wandtafel. Ihr Schwarz schien mir pl\u00f6tzlich zu schimmern, doch langsam f\u00fchlte ich mich besser. Als ich meinen Kopf umwandte, war das N\u00e4chste, was ich sah&#8230;<\/p>\n<p>&#8230; das Gesicht meines Lehrers, der mit sorgenvoller Miene auf mich hinunterblickte. Ich muss ihn wohl so entgeistert angesehen haben, als w\u00e4re er ein Gespenst. Beruhigend sagte er: &#8222;Bleibe du am besten noch einen Augenblick liegen. Wer weiss, wie lange du schon bewusstlos bist, und hier im Korridor herumliegst.&#8220;<\/p>\n<p>Man nennt ihn den 2. Stock. Alle Zimmer haben eine Zwei vor ihrer Nummer, um das deutlich zu machen. F\u00fcr uns ist das zweite Stockwerk ein Mysterium.<\/p>\n<p>3. November 1997<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man nennt ihn den 2. Stock. Alle Zimmer haben eine Zwei vor ihrer Nummer, um das deutlich zu machen. 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