{"id":546,"date":"2009-07-10T15:57:03","date_gmt":"2009-07-10T13:57:03","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=546"},"modified":"2009-07-10T15:57:03","modified_gmt":"2009-07-10T13:57:03","slug":"the-doors-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/the-doors-ii\/","title":{"rendered":"The Doors II"},"content":{"rendered":"<p>Ich schreibe dies auf in der Hoffnung, dass es jemand irgendwann einmal lesen wird. Denn ich glaube, dass ausser mir auch andere \u00fcberlebt haben. (Was auch immer zu \u00fcberleben war.) Falls dies tats\u00e4chlich der Fall sein sollte, werde ich das aber nie erfahren, die Einsamkeit ist so schwer und mir fehlt mittlerweilen jeder Lebensmut. Trotzdem sollte diese Geschichte erhalten bleiben, als Zeugnis f\u00fcr meinen aussichtslosen Kampf mit der Wirklichkeit &#8230; oder der Phantasie.<\/p>\n<p>Es begann vor einigen Tagen. Oder waren es Wochen, gar Jahre? Das ist im Grunde auch egal, Zeit hat keine Bedeutung mehr. Vielleicht ist sie sogar auch verschwunden. Doch ich will nicht vorgreifen. Es war ein ganz normaler Schultag. Ich stand um 6.00 Uhr auf, stellte mich unter die Dusche und verschwendete eine Viertelstunde Wasser. Dann zog ich mich an und erhitze in der Mikrowelle Milch, trank einen Kaffee, packte mein Schulzeug und mein Mittagessen zusammen und machte mich auf den Weg zum Bahnhof. Dort angekommen, bemerkte ich etwas irritiert, dass Angela, eine Schulfreundin, heute nicht da war. &#8220; Was soll&#8217;s&#8220;, dachte ich mir, es war Herbst und eine Grippewelle trieb ihr Unwesen. Als der Zug kam, betrat ich zum ersten (und letzten)Mal in meinem Leben ein vollkommen leeres Abteil auf dieser Linie. Ansonsten waren die Wagen immer gut besetzt, heute war keine Menschenseele zu sehen. Die schwere Mappe \u00fcber der Schulter und dementsprechend schnaufend stieg ich in Romanshorn aus und stellte erstaunt fest, dass sonst niemand mehr den Zug verliess. Ja, der ganze Bahnhof war leer! Langsam lief ich an den Waggons vorbei und schaute in jedes Abteil. Nichts, kein Mensch war da! Als ich am Anfang der Eisenbahn ankam, war auch die Kabine des Lokf\u00fchrers leer. Wer aber hatte den Zug bis nach Romanshorn gesteuert? Pl\u00f6tzlich rannte ich in blinder Panik los, \u00fcber die Geleise auf die SBW zu, die mir in jenem Moment als einzig sicherer Ort erschien. Unterwegs stolperte ich \u00fcber meine eigenen F\u00fcsse, ich verletzte mich nicht, verlor aber meine Mappe und liess sie einfach liegen. Als ich den Brunnen vor der SBW erreichte, vermaledeite ich den Architekten 1000 mal, welcher den Eingang so geplant hatte, dass man erst das ganze Schulgeb\u00e4ude umrunden musste, um ihn zu erreichen. Bei der T\u00fcr angekommen, wurde ich hysterisch, ich schrie und schlug gegen die verschlossene T\u00fcr, bis mir irgendwann der Gedanke kam, dass ich nur meine Karte hervorholen m\u00fcsse, um sie zu \u00f6ffnen. Schwer atmend suchte ich in meiner Jacke nach meinem Portemonnaie und zog schliesslich die T\u00fcrkarte hervor. Ich steckte sie mit zitternden Fingern in den \u00d6ffnungsapparat, und stiess die T\u00fcr auf. Schnell schloss ich sie wieder und st\u00fcrmte die Stufen zum 2. Stock hinauf. Die obere T\u00fcr stand wie \u00fcblich offen, und ich wandte mich sofort nach links, um durch die Verbindungst\u00fcr zu den Schulzimmern zu gelangen. \u00c4chzend zog ich die schwere T\u00fcr auf und stand&#8230; pl\u00f6tzlich in meinem Schlafzimmer! Es war deutlich mein Schlafzimmer! Zwar standen die beiden Vogelk\u00e4fige leer, doch alles andere war da: Die beiden \u00fcberladenen B\u00fcchergestelle, das Bett, der Schreibtisch, die gleiche vertraute Unordnung beherrschte den Raum. Es war eindeutig mein Schlafzimmer! Langsam tastete ich nach dem T\u00fcrgriff hinter mir, verliess den Raum r\u00fcckw\u00e4rts. Langsam drehte ich mich um und stand&#8230; in meinem alten Mathezimmer! Die Inneneinrichtung hatte sich ver\u00e4ndert, doch ansonsten war der Raum noch immer so, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Fassungslos stand ich da und starrte das Zimmer an. Doch dann drehte ich mich j\u00e4h um und verliess den Raum. Wieder betrat ich einen anderen Ort, als ich eigentlich sollte, doch ich rannte einfach weiter und immer weiter, \u00f6ffnete weitere T\u00fcren, durchquerte andere Zimmer. Ich muss Stunden gerannt sein, irgendwann jedoch hatte ich keine Kraft mehr und fiel in die Knie. Ich hatte eben die K\u00fcche meiner Grossmutter verlassen und durch die T\u00fcr des blauen Zimmers den Gang im obersten Stock der SBW betreten. Zitternd und nach Luft ringend kniete ich da, als ich pl\u00f6tzlich eine eiskalte Hand am Ansatz meiner Wirbels\u00e4ule sp\u00fcrte. Sie kroch langsam hinauf, und meine Nackenhaare begannen sich aufzurichten. Die eiskalte Hand des Wahnsinns! Diese Bezeichnung mag kitschig erscheinen, doch bis jetzt ist mir kein zutreffender Begriff eingefallen. Die Hand legte sich sanft um mein Genick, liebkoste die Haut meines Halses &#8230; und legte sich mit st\u00e4hlernem Griff um meine Kehle! Ich rang nach Luft, doch der Wahnsinn dr\u00fcckte unbarmherzig zu, presste jeden Resten Atemluft aus meinen Lungen. Tausend Gedanken rasten mir gleichzeitig durch den Kopf: War ich verr\u00fcckt? Hatte ich den Verstand verloren? War das alles nur ein Traum? War dies die H\u00f6lle? Mir war, als m\u00fcsse mein Kopf explodieren. Und die Hand dr\u00fcckte weiter, und weiter&#8230; bis mich endlich die gnadenvolle Schw\u00e4rze der Bewusstlosigkeit umgab. Als ich wieder aufwachte, sah ich den Mond. Theoretisch w\u00e4re das gar nicht m\u00f6glich gewesen, wer kann schon durch die Decke sehen? Vielleicht war die Logik ebenfalls verschwunden. Ich f\u00fchlte mich geborgen. Umgeben von einem Meer voller flimmernder Sterne sah ich den Mond. Es war als ob ich schwebte. Dieses Gef\u00fchl tiefster Geborgenheit, gr\u00f6sster Sicherheit umfing meinen K\u00f6rper, meinen Geist und meine Seele. Es liess mich alles vergessen, lange lag ich einfach nur da.<br \/>\nDoch pl\u00f6tzlich wurde es dunkel! Es war, als ob grosse M\u00e4chte ihren Spass mit mir trieben, denn schlagartig kehrte die Angst zur\u00fcck. Hatte ich Kind schon angst vor der Dunkelheit, vergr\u00f6sserte sich diese mit zunehmendem Alter. Ich schloss meine Augen und r\u00fchrte mich nicht. Und selbst wenn ich es gewollt h\u00e4tte, meine Muskeln h\u00e4tten mir nicht gehorcht. In meiner Phantasie sah ich schreckliche Monster und blutr\u00fcnstige Psychopathen, und gleichzeitig wurde mir wieder meine Einsamkeit bewusst. Langsam wuchs sie an, drohte mich wieder zu ersticken. Die Angst, der Wahnsinn.<br \/>\nSchliesslich schlief ich ein.<\/p>\n<p>Nun sitze ich hier auf dem Boden des Lernstudios und schreibe diese Zeilen nieder. Ich habe mich eingehend mit dem Gedanken des Selbstmords besch\u00e4ftigt. Dummerweise f\u00e4llt mir jetzt eine Geschichte ein, die mir einmal ein Schulkamerad erz\u00e4hlt hat:&#8220; Ein Mann springt vom Dach eines Hochhauses. Als er am 3.Stock vorbeifliegt, l\u00e4utet da das Telephon. Der Mann stirbt sofort an Herzversagen. Was ist passiert? -Die Antwort ist einfach: Der Weltuntergang fand statt und der Mann dachte, er sei der einzige \u00dcberlebende. Er will sich also umbringen. Das klingelnde Telephon aber beweist, das es noch mindestens einen anderen \u00dcberlebenden gibt.&#8220; Ha, ha! Wirklich lustig. Das war bestimmt ein Scherz Gottes! Ausserdem bin ich zu feige f\u00fcr Selbstmord.<br \/>\nIch habe mir viele Gedanken \u00fcber die T\u00fcren gemacht. Was ist, wenn eine davon direkt in das Jenseits f\u00fchrt? Es wird wurde ja oft von einem Tor zum Jenseits gesprochen. Oder ich w\u00fcrde die H\u00f6lle betreten? Und was ist mit dieser T\u00fcr zum gelben Zimmer? Sie scheint sprechen zu k\u00f6nnen. Immer wenn ich meine Hand nach der Klinke ausstrecke fl\u00fcstert etwas in meinem Kopf:&#8220; Tu das nicht! Tu das nicht!&#8220; Wenn sich dahinter die ewige Verdammnis bef\u00e4nde, w\u00e4re ich das Problem mit dem Selbstmord los. Oder ist diese Stimme nur ein Hirngespinst, meiner Phantasie entsprungen? Diese Fragen machen mich noch wahnsinnig!!! Falls ich es noch nicht bin.<\/p>\n<p>Ich schreibe nun diese letzten Zeilen, denn ich werde heute die T\u00fcr zum gelben Zimmer, oder was immer dahinterliegen mag, \u00f6ffnen. Es hat lange gedauert, bis ich wieder den Gang betreten konnte. Es ist, als wolle eine mir unbekannte Macht meinen Plan vereiteln. Doch ich bin entschlossen! Die Stimme ist nun sehr laut, mit jedem Schritt wird sie durchdringlicher, sie gleicht nun schon einem einzigen Kreischen, ich werde es also so schnell wie m\u00f6glich hinter mich bringen.<br \/>\nWahnsinn, ich bin bereit!<\/p>\n<p>6. September 1996<br \/>\nZweite Bearbeitung<\/p>\n<p>Original 14. September 1995<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich schreibe dies auf in der Hoffnung, dass es jemand irgendwann einmal lesen wird. Denn ich glaube, dass ausser mir auch andere \u00fcberlebt haben. (Was auch immer zu \u00fcberleben war.) Falls dies tats\u00e4chlich der Fall sein sollte, werde ich das aber nie erfahren, die Einsamkeit ist so schwer und mir fehlt mittlerweilen jeder Lebensmut. 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