{"id":550,"date":"2009-07-10T15:58:05","date_gmt":"2009-07-10T13:58:05","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=550"},"modified":"2009-07-10T15:58:05","modified_gmt":"2009-07-10T13:58:05","slug":"klassentreffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/klassentreffen\/","title":{"rendered":"Klassentreffen"},"content":{"rendered":"<p>Ich stand in den heiligen Hallen von einst. Ein Jahr war ich nun schon vom Gymnasium weg. Ein Jahr lang hatte ich keine der Treppen hier bestiegen, keinen Gang durchschritten, in keinem Zimmer gesessen. Unser Klassentreffen fand im dritten Stock statt. Im Zimmer 305, dem Klassenraum unseres ehemaligen Klassenlehrers. Wg A fand sich wieder im Kantonsschulgeb\u00e4ude ein.<\/p>\n<p>Ich war fr\u00fch gekommen, hatte niemanden getroffen auf meinem Weg nach oben. Kurz war ich stehen geblieben. Nun horchte ich in die G\u00e4nge. Die Luft roch nicht mehr vertraut. Unsere Stimmen waren verblasst und hallten nicht mehr von den W\u00e4nden wieder. Im Geiste sah ich Sch\u00fcler an mir vorbeilaufen. Ich war selber eine von ihnen. Auf dem Weg in ein anderes Zimmer. Kaugummikauend. Eine tonnenschwere Schultasche \u00fcber der Schulter. Meine Handtasche kam mir wie ein schlechter Witz vor. Hie und da traf ich eine Bekannte aus einer anderen Klasse. Man wechselte ein paar Worte. W\u00fcnschte sich einen sch\u00f6nen Tag. Begr\u00fcsste im Vorbeigehen mit einem Nicken den Jungen aus dem Freikurs \u201eSchreibwerkstatt\u201c. Erinnerte sich an eine Stunde oder ein Gespr\u00e4ch. W\u00fcnschte sich das Wochenende herbei, obschon doch erst Dienstag war.<\/p>\n<p>Am schwarzen Brett hingen die Listen wie immer. Informationen, die nicht f\u00fcr mich waren. Die mir nichts sagten. Mein Herz schlug schwer gegen den Brustkorb. Nein, ich vermisste die Schule nicht. Ich war gl\u00fccklich, als ich meine 4,5 Jahre \u00fcberstanden hatte, und ich war noch gl\u00fccklicher mit meinem Job. Informatikerin, wer h\u00e4tte gedacht, dass ich es durchzog? Noch war ich mitten in der Ausbildung. Genau wie die anderen, die mich ein Stockwerk h\u00f6her erwarteten. Hatten sich endlich alle entschieden, was sie machen wollten? Hatten sie sich fest ver\u00e4ndert? Wie ging es Fred, der ein Jahr in Amerika war und erst gestern zur\u00fcckgekommen war? Wie Silvia, die sich nicht zwischen den Studienrichtungen Psychologie und Geologie entscheiden konnte?<\/p>\n<p>Ich stieg die letzte Treppe hinauf. Ein paar Stimmen hallten mir nach. Von irgendwo wehte mir der Geruch von feuchter Regenkleidung entgegen. Das Treppengel\u00e4nder f\u00fchlte sich vertraut an.<\/p>\n<p>Die Halbdunkelheit irritierte mich. Die G\u00e4nge kamen mir seltsam lang und hoch vor. Die T\u00fcren waren neu gestrichen worden, irgend ein K\u00fcnstler hatte der Schule eine Skulptur geschenkt und der Plattenboden war v\u00f6llig neu verlegt worden. Wieder stand ich halb auf der Treppe. Wieder auf dem Weg ins Zimmer 305. Ich hatte es nur noch verschwommen in Erinnerung. In der Jackentasche umklammerte ich nochmals das Papier mit den Namen meiner ehemaligen Mitsch\u00fcler. Ich hatte die Liste zwei Tage lang immer wieder durchgelesen. Ob ich die passenden Gesichter erkennen w\u00fcrde? Wieder war ich fr\u00fch dran. Wieder kein Ger\u00e4usch. Das Geb\u00e4ude war eigenartig leer. Fremd, nach 20 Jahren. Ich konnte mich kaum noch an das Leben hier erinnern. Versuchte mir, ein paar Sch\u00fcler vorzustellen, die an mir lachend und plappernd vorbei schlenderten. Doch irgendwie waren sie alle zu gross, zu alt. Ich ging in das Klo im zweiten Stock. Das war immer noch gleich. Roter Kachelboden. Nur die T\u00fcrfallen sahen etwas zerkratzter aus. Eine Jugendliche hatte ihre Initialen in das Holz der Kabinenwand geschnitzt.<\/p>\n<p>Ich wusch mir die H\u00e4nde. Blickte in den Spiegel. Sah mein mir vertrautes Gesicht. Ich war nun Vierzig. Das Haar war hie und da von grauen Haaren durchzogen. Die ersten Falten legten sich verr\u00e4terisch um die Augen, bald w\u00fcrde ich sie nicht mehr mit einem freundlichen L\u00e4cheln verstecken k\u00f6nnen. Ich entdeckte das junge Gesicht in meinem wieder. Dennoch war es mir fremd. Die Erinnerungen waren alt, der Geruch nicht mehr vertraut. Das Geb\u00e4ude nicht mehr vertraut. Ich konnte mich nicht mehr an das Gef\u00fchl erinnern, hier zur Schule zu gehen. Durch die G\u00e4nge zu laufen. In langweiligen Schulstunden zu sitzen. Es war erschreckend. Zwanzig mickrige Jahre. Und sie waren wie im Flug vergangen! Doch schon schien mir alles so unwirklich, als h\u00e4tte ich noch gar nicht richtig in der Realit\u00e4t gelebt, als ich t\u00e4glich hier her kam. Ich dachte an die Zeit zur\u00fcck, die vergangen war. Und was alles geschehen ist seither. Kriege auf der ganzen Welt. Skandale. Computer waren selbstverst\u00e4ndlich geworden. Ich hatte viel gelernt und war immer noch mit Begeisterung am arbeiten. Ich hatte viele Menschen kennengelernt. Einige Beziehungen, l\u00e4ngere, k\u00fcrzere. Ferien in Frankreich, ein halbes Jahr. Krebsverdacht und die Erleichterung, als der negative Befund kam. Der Unfalltod eines Freundes, der Freitod einer Bekannten. Eltern sind gestorben und Kinder geboren worden. Ich war in anderen Schulen in andern Klassenzimmern gesessen. Nun w\u00fcrde ich meinen alten Klassenlehrer aus der Zeit im Gymnasium wieder sehen. Meine alten Mitsch\u00fcler. Was aus ihnen geworden sein mochte? Wohin es sie verschlagen haben mag? Ob sie alle kommen w\u00fcrden? Diesmal war es schwerer. Doch ich war auch gespannt, die Leute zu sehen. Ich versuchte mich vorzubereiten. Es waren schliesslich alles Fremde. Seltsames Gef\u00fchl. Schliesslich waren wir mal 4,5 Jahre tagt\u00e4glich zusammen. Das Treppengel\u00e4nder war neu lackiert worden.<\/p>\n<p>Die Kantonsschule war wieder vergr\u00f6ssert worden. Drei neue Turnhallen, zwei waren abgerissen worden. Ein neues Schulgeb\u00e4ude stand neben dem alten. Ich war vorhin daran vorbeigekommen. Es gefiel mir. Die Erbauer hatten es gelb streichen lassen. Eine freundliche Farbe. Hier hatte sich kaum etwas ver\u00e4ndert. \u00c4usserlich nicht, hatte mir mein ehemaliger Klassenlehrer erkl\u00e4rt, der mich ein St\u00fcck begleitete. Doch man hatte W\u00e4nde durchbrochen und immer zwei Schulzimmer zu einem vereint. Auch 305 bestehe jetzt aus 305 und 306. Das war dringend n\u00f6tig gewesen. Die Klassen seien in den letzten Jahren immer gr\u00f6sser geworden. Ein Bl\u00f6dsinn, schliesslich k\u00f6nne ein Lehrer doch nicht 35 Sch\u00fcler unter Kontrolle halten. Aber die Nachfrage best\u00fcnde, und sie seien nun mal ein Dienstleistungsbetrieb, der sie zu befriedigen habe. Ich musste lachen. Hatte nicht vor 40 Jahren ein anderer Lehrer etwas \u00e4hnliches gesagt? Er war mittlerweilen gestorben. Ich war an seiner Beerdigung, hatte sogar ein paar andere Mitsch\u00fcler getroffen. Einer hatte mir erz\u00e4hlt, dass Fred an einem Herzinfarkt gestorben sei. Zu viel gearbeitet, nat\u00fcrlich. Wir sahen auf den Sarg und hofften wohl beide, dass wir das Pensionsalter noch heil erreichen w\u00fcrden. Und noch ein paar Jahre zur Verf\u00fcgung h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Im Geb\u00e4ude war es still. Ich kannte den Weg. Aus R\u00fccksicht auf mein Alter hatte an mir ein Zimmer im ersten Stock gegeben. Das war sowieso praktischer, dauernd kamen neue Computer, und die immer wieder in den dritten Stock zu schleppen schien mir sinnlos. Das Treppengel\u00e4nder war durch so ein modernes Ding aus Stahl ersetzt worden. Ziemlich kalt, wenn man es anfasste. Wie er seine Rente verbringe, hatte ich meinen Klassenlehrer gefragt. Er reise viel, war seine Antwort, nat\u00fcrlich, aber er k\u00f6nnte nicht mehr \u00fcberall hin, es best\u00fcnden halt auch gesundheitliche Risiken f\u00fcr so einen alten Mann wie ihn. Eine Sch\u00fclerin lief an mir vorbei. Ein junges Ding von 19 Jahren. Sehr begabt im Umgang mit dem Computer. Sie nickte mir gr\u00fcssend zu. Ich freute mich auf das Gesicht meines ehemaligen Klassenlehrers. Er w\u00fcrde sicher sehr \u00fcberrascht sein zu h\u00f6ren, dass ich hier Schule gab. L\u00e4chelnd liess ich das kalte Treppengel\u00e4nder los und \u00f6ffnete die T\u00fcr zum Zimmer 305.<\/p>\n<p>4. M\u00e4rz 2001<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich stand in den heiligen Hallen von einst. Ein Jahr war ich nun schon vom Gymnasium weg. Ein Jahr lang hatte ich keine der Treppen hier bestiegen, keinen Gang durchschritten, in keinem Zimmer gesessen. Unser Klassentreffen fand im dritten Stock statt. 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