{"id":552,"date":"2009-07-10T15:59:09","date_gmt":"2009-07-10T13:59:09","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=552"},"modified":"2009-07-10T15:59:09","modified_gmt":"2009-07-10T13:59:09","slug":"die-andere-seite-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/die-andere-seite-ii\/","title":{"rendered":"Die andere Seite II"},"content":{"rendered":"<p>Ich sass im Zug. Draussen war es noch dunkel, meine Uhr bestand darauf, dass es sechs Uhr dreissig sei. Ich war m\u00fcde. Das eint\u00f6nige Rattern der R\u00e4der wirkte beruhigend und so lehnte ich meinen Kopf ans Fenster und starrte hinaus. Alles was ich erkennen konnte, war der Boden neben den Gleisen und nat\u00fcrlich die Spiegelung der B\u00e4nke im Fenster. Ein anderer Fahrgast betrat das Abteil und setzte sich auf die Bank zu meiner Linken. Im Spiegel sah es so aus, als sei sein Geist etwas zu gross f\u00fcr den K\u00f6rper, als schwebe er einige Zentimeter um ihn herum. Ein weiterer Fahrgast setzte sich dem anderen gegen\u00fcber und begann sich l\u00e4chelnd mit ihm zu unterhalten. An der n\u00e4chsten Station standen die beiden auf und verliessen den Waggon. Ich beobachtete sie im Spiegelfenster. Der zweite Reisende liess dem ersten den Vortritt. Ich wendete meinen Kopf um ihn etwas genauer zu betrachten, dich da war niemand! Ich blickte wieder in den Spiegel. Dort stand er und l\u00e4chelte mich traurig an. Dann verschwand er. Ich war verbl\u00fcfft, schob das Ereignis aber auf meine M\u00fcdigkeit. Ich starrte weiter in den Spiegel. Dann kam der Schaffner. Auch er war nur ein Geist, aus den Augenwinkeln sag ich die Leere neben mir. Ich suchte nach meinem Portemonnaie und zog meine Fahrkarte heraus. Dann streckte ich meine Hand zum Gang aus und korrigierte die Richtung mit Hilfe des Spiegelbildes. Eine seltsame Pantomime. Der Schaffner nahm die Fahrkarte l\u00e4chelnd entgegen, knipste sie ab und gab sie mir zur\u00fcck. Ich riss meinen Blick vom Bild im Spiegel und betrachtete das St\u00fcck Papier in meiner Hand. Ein kleines Loch grinste mir entgegen. Als ich den Kopf wieder hob, sass ich im Spiegel. Im Fenster zu meiner Rechten konnte ich auf der leeren Bank meine Mappe erkennen. Der Schaffner stand neben mir und l\u00e4chelte. Ich l\u00e4chelte zur\u00fcck und stand dann auf. Der Zug auf der anderen Seite f\u00fcllte sich langsam mit Menschen. Sie sprachen aufgeregt miteinander, doch hier, wo ihre Geister sichtbar waren, schwiegen sie. Ich lief die Reihen entlang, setzte mich manchmal hin und unterhielt mich mit den Fahrg\u00e4sten. Manchmal sah ich hier auch zwei, die sich wirklich unterhielten, doch im Fenster schwiegen sie sich nur an. Ich beneidete diese Menschen um ihre stumme Zwiesprache. Ich l\u00e4chelte. Ich l\u00e4chelte nun immer. Ich war gl\u00fccklich. Zum ersten Mal in meinem Leben wirklich gl\u00fccklich.<\/p>\n<p><em>Blick- In den letzten Monaten verschwanden auf unerkl\u00e4rliche Weise immer wieder Leute aus den Z\u00fcgen der SBB. Von den Vermissten ist meist nur noch ein Koffer, eine Schulmappe oder ein Mantel zu finden, der im Abteil zur\u00fcckgelassen wurde. Die Polizei vermutet&#8230;<\/em><\/p>\n<p>Ich war wirklich gl\u00fccklich<\/p>\n<p>7. Dezember 1996<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sass im Zug. Draussen war es noch dunkel, meine Uhr bestand darauf, dass es sechs Uhr dreissig sei. Ich war m\u00fcde. Das eint\u00f6nige Rattern der R\u00e4der wirkte beruhigend und so lehnte ich meinen Kopf ans Fenster und starrte hinaus. 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