{"id":558,"date":"2009-07-10T16:00:40","date_gmt":"2009-07-10T14:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=558"},"modified":"2009-07-10T16:00:40","modified_gmt":"2009-07-10T14:00:40","slug":"zugfahrt-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/zugfahrt-i\/","title":{"rendered":"Zugfahrt I"},"content":{"rendered":"<p>Seit eineinhalb Jahren fahre ich t\u00e4glich mit dem Zug zur Schule. Noch nie war mir etwas Seltsames dabei passiert.<\/p>\n<p>Auch jener Tag h\u00e4tte ganz normal werden sollen, denn er begann ganz normal. Ich stand um f\u00fcnf Uhr auf, duschte, trank zwei Tassen Kaffee und verliess eine Stunde sp\u00e4ter mit dem Mofa das Haus. Draussen empfing mich ein sch\u00f6ner Fr\u00fchlingsmorgen, noch war es etwas k\u00fchl, aber auch wunderbar klar. Am Horizont erschien das erste Morgenrot und in den B\u00e4umen zwitscherten die V\u00f6gel in einem hundertstimmigen Chor. Die ersten Sonnenstrahlen fielen auf die H\u00e4userd\u00e4cher, als ich mein Mofa abstellte. Um halb sieben traf der Regionalzug am Bahnhof ein und ich setzte mich wie gew\u00f6hnlich im zweiten Abteil des zweitletzten Waggons auf den Fensterplatz gegen die Fahrtrichtung. So konnte ich n\u00e4mlich den Sonnenaufgang betrachten, einer der wichtigsten Gr\u00fcnde, weshalb ich nie den sp\u00e4teren Schnellzug nehme. An jenem Morgen nickte ich ganz gegen meine Gewohnheit ein. Als ich wieder erwachte, hatte ich den Sonnenaufgang verpasst und befand mich nur noch eine Station von meinem Ziel entfernt. Im Waggon war es sonderbar still, auf der ganzen bisherigen Strecke schienen keine neuen Reisenden eingestiegen zu sein. Nur mir gegen\u00fcber sass ein l\u00e4chelnder Mann. Ich bin nicht sonderlich gut im Sch\u00e4tzen des Alters, doch er musste so um die Dreissig gewesen sein. Er hatte ein schmales Gesicht mit messerscharfen Z\u00fcgen. Seine dezenten Augenbrauen und die lange gerade Nase gaben ihm irgendwie ein&#8230; antikes Aussehen. Seine pechschwarzen Haare waren kurzgeschnitten, und er war vollkommen schwarz gekleidet. Seine Augen bildeten zu alledem einen seltsamen Kontrast. Sie waren von einem intensiven Hellblau und schienen unter den Stirnstr\u00e4hnen hervorzuleuchten. Seine Lippen waren zu einem dauernden L\u00e4cheln verzogen. Unwillk\u00fcrlich musste ich zur\u00fcckl\u00e4cheln. So sassen wir da, ich starrte ihn an, er l\u00e4chelte mir zu, und schliesslich h\u00e4tte ich beinahe meine Station verpasst. Als der Zug stehen blieb, schreckte ich auf und griff eilig nach meiner Tasche. Sch\u00fcchtern qu\u00e4kte ich ein &#8222;Auf Wiedersehen&#8220; hervor und verliess den Waggon. Bevor ich jedoch ganz aus der T\u00fcr trat, blickte ich noch einmal zur\u00fcck. Er hatte sich erhoben und stand im Durchgang. L\u00e4ssig lagen seine H\u00e4nde rechts und links auf den Kopflehnen. L\u00e4chelnd rief er mir nach: &#8222;Auf Wiedersehen!&#8220; Ein eisiger Schauer lief \u00fcber meinen R\u00fccken und ich verliess schnell den Waggon. Als ich mich nochmals umdrehte, war der Zug weg.<\/p>\n<p>In der Schule erfuhr ich dann, dass mein Zug schwer verungl\u00fcckt war. Es hatte trotz der fr\u00fchen Morgenstunde zahlreiche Verletzte und sogar Tote gegeben. Die Bahnstrecke musste f\u00fcr einige Tage gesperrt werden, und so holte mich meine Mutter mit dem Auto ab. Als wir an der Ungl\u00fccksstelle vorbeifuhren, lief mir wieder ein eiskalter Schauer \u00fcber den R\u00fccken. Schliesslich passiert es nicht jeden Tag, dass der Tod einen Menschen pers\u00f6nlich zur Schule bringt. Und ich werde ihn wieder sehen&#8230;<\/p>\n<p>3. M\u00e4rz 1997<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit eineinhalb Jahren fahre ich t\u00e4glich mit dem Zug zur Schule. Noch nie war mir etwas Seltsames dabei passiert. 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