{"id":574,"date":"2009-07-10T16:04:39","date_gmt":"2009-07-10T14:04:39","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=574"},"modified":"2009-07-10T16:04:39","modified_gmt":"2009-07-10T14:04:39","slug":"die-masken-des-liberio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/die-masken-des-liberio\/","title":{"rendered":"Die Masken des Liberio"},"content":{"rendered":"<p>Liberio wurde stumm geboren. Ein seltsames Kind, nie schrie er oder bewegte sich unn\u00f6tig. Nie schlief er, und schien dennoch nie richtig wach zu sein. Seine Eltern suchten viele gelehrte \u00c4rzte auf, doch niemand konnte dem Kinde helfen. So wurde ihm Nahrung eingefl\u00f6sst und die Augen zugedr\u00fcckt, wenn die Nacht anbrach, und Liberio lag lange Zeit in seinem Bette. Doch eines Tages betrat seine Schwester das Zimmer. In ihrer Hand trug sie eine Maske. Das feine weisse Porzellan war kunstvoll mit leuchtenden Farben bemalt, ein breites Lachen untermalend. Die Schwester nun, jung und ohne Scheu, legte die Maske auf das Gesicht des Liberio. Da geschah etwas Seltsames: die Farben der Maske verblassten, sie wurden hell und dann braun, braun wie die Haut des Liberio. Als die Maske nicht mehr zu sehen war, das schlug Liberio seine geschlossenen Augen auf. Er schwang die Beine vom Bett und lachte seine Schwester an. Seine Eltern kamen, angelockt durch das fremde Lachen, und als sie den nun wachen Liberio sahen, \u00fcberkam sie grosse Freude und sie fielen in sein Lachen ein.<\/p>\n<p>Von jenem Tage an lachte Liberio, manchmal laut und manchmal leise, doch immer brachte er andere dazu, es ihm gleichzutun. So machte er die Menschen gl\u00fccklich. Zuerst nur die Leute in seinem Dorf, doch bald verliess er seine Eltern und ging in die Welt, um das Lachen \u00fcberall hinzubringen. Lange Zeit  zog er von Ort zu Ort, bis er eines Tages am Wegesrand ein Glitzern bemerkte. Es war eine Maske aus geschnitztem Obsidian. In seiner glattgeschliffenen schwarzen Oberfl\u00e4che spiegelte sich die Sonne. Ein grosser K\u00fcnstler hatte mit Sorgfalt und viel Geduld die Mimik eines rasenden Menschen in den Stein geschnitzt. Jede Ader war sichtbar, jede Zornesfalte. Liberio hielt das Kunstwerk ehrf\u00fcrchtig in den H\u00e4nden, doch er konnte nicht widerstehen, sich die Maske aufzusetzen. Das geschah etwas Seltsames: das Schwarz der Maske verblasste und wurde braun, braun wie die Haut des Liberio. Als die Maske nicht mehr zu sehen war, da war Liberio w\u00fctend. Seine Wut richtete sich gegen alles und jeden, und er zog durch die Welt, jeden totschlagend, den er traf. Seine Wut kannte keine Grenzen, was immer sch\u00f6n und rein war, wurde von ihm zerst\u00f6rt. So w\u00fctete er lange Zeit, bis er eines Tages vor den \u00dcberresten eines Hauses stand, welches er vor Stunden angez\u00fcndet hatte. Pl\u00f6tzlich fiel ihm ein St\u00fcck Holz auf, das offenbar nicht verbrannt war. Voller Wut st\u00fcrzte er sich auf das Ding, und stellte fest, dass es eine h\u00f6lzerne Maske war. Der Ausdruck des Gesichtes war gar kl\u00e4glich. Von einem inneren Zwang getrieben hielt sich Liberio die Maske vor sein Gesicht. Da geschah etwas Seltsames: die Muster des Holzes verschwammen, und das Braun wurde Heller, wurde braun wie die Haut des Liberio. Als die Maske nicht mehr zu sehen war, f\u00fchlte sich Liberio pl\u00f6tzlich elend. Und er weinte und w\u00e4lzte sich im Staub, und flehte die G\u00f6tter an, seiner elenden Existenz ein Ende zu bereiten.<\/p>\n<p>Manchmal erh\u00f6ren die G\u00f6tter unsere Gebete, und sie schickten den Tod zu Liberio.<\/p>\n<p>Stolz stand dieser vor dem Verzweifelten, seinen knochigen K\u00f6rper unter einem schwarzen Umhang versteckend. Er schaute auf Liberio mit dem Blick, der die Sterblichen verstummen l\u00e4sst. Regungslos lag Liberio auf der Erde. Da b\u00fcckte sich der Tod zu ihm hinab und ergriff die erste Maske. Liberio schrie stumm auf, und die Erde erzitterte, als sein Schrei ihr durch das brausende Herz schoss. Achtlos liess der Tod die h\u00f6lzerne Maske fallen und griff wieder nach Liberio, entriss ihm die zweite Maske. Und die Erde erbebte ein weiteres Mal. Der Obsidian gl\u00e4nzte b\u00f6se in den letzen Strahlen der Sonne. Unter den weiten Gew\u00e4ndern des Todes verbarg sich ein boshaftes L\u00e4cheln, als er sich zum dritten Mal \u00fcber den armen Liberio beugte, um diesem auch die letzte Maske von Gesicht und Seele zu reissen. Diesmal entwich kein Schrei dessen Munde, doch wieder erzitterte die Erde, unter dem Gewicht der Porzellanmaske, als der Tod sie fallen liess. Liberio lag da wie er geboren wurde, stumm und ohne sich zu r\u00fchren. Zum letzten Mal b\u00fcckte sich der Tod und hob Liberio auf, um ihn mitzunehmen, dorthin, wohin er alle nimmt, irgendwann.<\/p>\n<p>Der Masken nahm sich der Wind an. Als w\u00e4ren sie Federn, trug er sie mit sich und verstreute sie auf der Erde, auf dass sie eines Tages ein anderer finden m\u00f6ge, der nicht lebt und nicht tot ist.<\/p>\n<p>Und dies sei das Ende dieser Geschichte.<\/p>\n<p>29. November 1998<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liberio wurde stumm geboren. Ein seltsames Kind, nie schrie er oder bewegte sich unn\u00f6tig. Nie schlief er, und schien dennoch nie richtig wach zu sein. Seine Eltern suchten viele gelehrte \u00c4rzte auf, doch niemand konnte dem Kinde helfen. 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