{"id":614,"date":"2009-07-10T16:15:27","date_gmt":"2009-07-10T14:15:27","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=614"},"modified":"2009-07-10T16:15:27","modified_gmt":"2009-07-10T14:15:27","slug":"ueberwindung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/ueberwindung\/","title":{"rendered":"\u00dcberwindung"},"content":{"rendered":"<p>7.11.2006<\/p>\n<p>\u201eIch kann nicht mehr!\u201c Als ich mich umdrehte, sah ich Andrea auf einem Stein sitzen und schmollen. Himmel, wie kann man nur so verweichlicht sein? \u201eHimmel, wie kann man nur so verweichtlicht sein\u201c, frage ich sie, \u201ewir sind gerade mal zwei Stunden unterwegs.\u201c \u201eIch bin aus der Stadt, ich bin es nicht gew\u00f6hnt, so weit zu laufen!\u201c, kam die trotzige Antwort. \u201eGlaubst du, nur weil ich vom Land komme, sei Wandern mein Hobby? Falls du es noch nicht weisst: Ich hasse Sport. Und diese verdammte Wanderung war schliesslich deine Idee!\u201c<\/p>\n<p>Was nicht ganz richtig war, eigentlich war es meine. Oder meine Erinnerung, um genauer zu sein. Als Kind, mit ungef\u00e4hr neun oder zehn, war ich zusammen mit meiner Klasse auf diesen Berg geschleppt worden. Ich konnte mich schon damals kaum f\u00fcr den langen \u201eSpaziergang\u201c erw\u00e4rmen, wurde jedoch am Ende mehr als reichlich belohnt. Wir waren m\u00fchsam auf den Kroinenberg raufgelaufen, und durften dann mit einer Gondel zur\u00fcck ins Tal schweben. Und dort war sie: Eine Alpwiese mit einer unglaublichen, unendlichen Anzahl an wundervollen Blumen.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich war dieses Feld einfach so \u00fcberw\u00e4ltigend, weil ich zuvor noch nie so etwas gesehen hatte. Vielleicht wirkte die Blumenpracht so unendlich, weil ich noch klein und unerfahren war. Doch ich hatte die Wiese nie vergessen und mir seither jedes Jahr vorgenommen, im Fr\u00fchsommer zum Alpfr\u00fchling auf den Kroinenberg zu laufen und die Gondel ins Tal mit der wundervollen Blumenwiese zu nehmen. Fast zwanzig Jahre lang.<\/p>\n<p>Als wir wieder mal nach einer Sozialpsychologie-Vorlesung mit einem Kaffee in der Mensa sassen, kamen wir pl\u00f6tzlich auf das Thema Blumen. Es war Ende Mai, und draussen hatten sich bereits Krokusse, Schneegl\u00f6ckchen, Osterglocken und Akelei die Klinke in die Hand gegeben.<\/p>\n<p>Beat erz\u00e4hlte uns gerade von seiner Grossmutter, die in irgendeinem Bergkaff wohnte und den ganzen Sommer wie besessen Unkraut in ihren angebeteten und peinlich genau gepflegten Blumenbeeten j\u00e4tete. Offenbar hatte die alte Dame vor einigen Jahren einen genauen Saat- und Bl\u00fchplan ausgearbeitet. Ich wusste gar nicht, dass Blumen pflanzen einen solche Wissenschaft ist. Beat verd\u00e4chtigte seine Oma, eine zwanghafte Pers\u00f6nlichkeit zu sein und freute sich auf die entsprechendne Vorlesungen in zwei Jahren. Anabelle empfahl ihm trocken, schon vorher ein paar einschl\u00e4gige B\u00fccher zu kaufen, schliesslich weiss man nie bei alten Menschen. \u201eHa, meine Oma stirbt sicher nicht in den n\u00e4chsten zwei Jahren. Sie hat letztes Jahr eine Blume gepflanzt, die erst in drei Jahren richtig bl\u00fchen wirdt, und ich denke mal, sie wird eher den eigenen Hund fressen, als sich diese Pracht entgehen zu lassen.\u201c<\/p>\n<p>Beat erz\u00e4hlte also von seiner zwanghaften Blumengrossmutter, und mir fiel die Blumenwiese wieder ein. Andrea schien pl\u00f6tzlich sehr interessiert zu sein. \u201eIhr seid also richtig gewandert?\u201c, fragte sie nach. St\u00e4dter sind manchmal etwas komisch. \u201eNein, wir hatten nat\u00fcrlich kleine, motorenbetriebene Miniroller dabei. Na klar sind wir richtig gewandert! Wie sollen wir sonst diesen Berg raufgekommen sein?\u201c Andrea schien meine zynische Antwort nicht weiter abzuschrecken. \u201eWann k\u00f6nnte die Wiese denn ungef\u00e4hr bl\u00fchen?\u201c \u201eHm, jetzt denke ich mal\u201c, antwortete ich z\u00f6gerlich. Mir schwandte bereit Schlimmes. Und ich wurde nicht entt\u00e4uscht: \u201eWarum wandern wir diese Route nicht n\u00e4chstes Wochenende ab? Ich wollte zwar mit Roland ins Museum, doch wandern w\u00e4re doch viel extravaganter und aufregender.\u201c Ich verriet Andrea nicht, dass eine Menge Leute am Wochenende wandern gehen und das daher nicht sonderlich extravagant sei, stimmte aber zu. Beat und Anabelle wollten zum Gl\u00fcck auch mitkommen.<\/p>\n<p>Als wir uns am Sonntagmorgen am Hauptbahnhof trafen, war ich froh, dass Andrea wenigstens einmal auf mich geh\u00f6rt hatte. Schliesslich hatte ich sie ungef\u00e4hr eine Stunde lange bequatscht, nicht zu viel Zeug in ihrem Rucksack mitzunehmen. Gem\u00e4ss Wanderkarte waren wir ca. 4 Stunden unterwegs (es waren nat\u00fcrlich nur 2 Stunden angegeben, ich rechnete eine grossz\u00fcgige Pufferzeit ein), w\u00fcrden also nicht an Hunger sterben. Heftpflaster, etwas Kleines zu essen und zu trinken, ein Regenschutz, mehr brauchten wir nicht als Ausr\u00fcstung. Meine Bef\u00fcrchtung war ja, dass Andrea im Hollywood-Stil als Wanderin aus dem Bilderbuch auftauchen w\u00fcrde, mit schweren Wanderschuhen, Wollsocken, Lederhosen und einem Karohemd. Ich musste ihr zugutehalten, dass sie sich auf normale Kleidung und feste Schuhe beschr\u00e4nkt hatte.<\/p>\n<p>Andrea irritierte mich grunds\u00e4tzlich, war mir manchmal sogar etwas unheimlich. Als ich sie das erste Mal sah, dachte ich gleich: \u201eOh, Tussi aus dem Bilderbuch.\u201c Sie mochte es, sich sexy und nach dem neuesten Schrei zu kleiden. Sie konnte den neuesten Klatsch \u00fcber Prominente aufz\u00e4hlen, von denen ich nicht mal wusste, dass diese Leute ber\u00fchmt sind. Vor und nach jeder Vorlesung st\u00fcrmte sie aufs Damenklo, um ihr Make-up zu kontrollieren. Als sie mir gestand, dass sie leider nicht wisse, aus welchem Tier die Milch k\u00e4me, war ich schockiert. Um dann wirklich sprachlos zu sein, als sie mir darauf einen Vortrag \u00fcber Tierschutz in unserem Land hielt, und was daran verbessert werden k\u00f6nnte. Ausserdem schleppte sie ihren Freund, einen begeisterten Hip-Hop-Fan regelm\u00e4ssig ins Museum. Ich denke, Roland w\u00e4re lieber mit ihr shoppen gegangen.<\/p>\n<p>Kurz, Andrea war zwar manchmal etwas naiv, doch grunds\u00e4tzlich OK. Also war ich auch nicht zu genervt, als sie schmollend auf ihrem Stein am Wegrand sass und mir aufzuz\u00e4hlen begann, welche ihr bisher unbekannten K\u00f6rperteile alle schmerzten. Ich grinste. \u201eErinnerst du dich an den Homunculus?\u201c, fragte ich sie. Andrea sah mich v\u00f6llig verst\u00e4ndnislos an. \u201e\u00c4hm, ja, was ist mit dem?\u201c \u201eDer sieht doch so komisch aus. Wie ein Mensch mit einem \u00fcbergrossen Kopf und riesigen H\u00e4nden. Die Gr\u00f6sse seiner K\u00f6rperteile zeigt an, wieviele Rezeptoren dort sind. Auf den H\u00e4nden haben wir sehr viele Ber\u00fchrungsrezeptoren, weil wir sie oft brauchen. Wenn ich mich richtig erinnere, sind die F\u00fcsse nicht so gross, die k\u00f6nnen also gar nicht so stark schmerzen, wie du gerade jammerst.\u201c Ich zwinkerte ihr zu und sie versuchte mich mit ihrem Blick zu t\u00f6ten. \u201eHei, es ist nicht mehr weit! Ich sehr die Geb\u00e4ude auf dem Gipfel vom Kroinenberg!\u201c, rief Beat von oben herunter. Wir waren schneller vorangekommen, als ich dachte. Ich hielt Andrea meine Hand hin: \u201eKomm schon S\u00fcsse, es ist nicht mehr weit. Lass uns auf dem Gipfel dieses H\u00fcgels eine Pause machen, danach sind wir schnell bei der Schwebebahn.\u201c Andrea blickte noch einen Moment sehns\u00fcchtig zu Beat rauf, der ca. 200 Meter weiter oben auf uns wartete. Er war gerade dabei, seine Bratwurst auszupacken. Andrea und ich waren in Rekordzeit oben.<\/p>\n<p>\u201eIrgendwie macht Wandern heute nicht mehr soviel Spass wie fr\u00fcher\u201c, murmelte Anabelle in ihre Bratwurst. \u201eWieso meinst du?\u201c, fragte Beat verbl\u00fcfft. \u201eNaja, sieh dir doch an, wo wir unsere W\u00fcrste braten. Heute gibt es alle paar Kilometer eine gemauerte Feuerstelle, an der bereits Holz bereitsteht.\u201c \u201eIch weiss was du meinst\u201c, mischte ich mich kauend ein, \u201efr\u00fcher musste man das Holz noch selber im Wald zusammensuchen. Das hier ist ja schon fast kein Wandern mehr, eher so eine Art Luxusspaziergang.\u201c \u201eAlso von Spaziergang kann ja wohl kaum die Rede sein\u201c, widersprach mir Andrea vehement, und ich konnte mein Lachen gerade noch verstecken, indem ich vorgab, mich an einem St\u00fcck Bratwurst verschluckt zu haben. Beat war da weniger zimperlich und begann ungeniert zu lachen. \u201eIch bin schon erstaunt, dass du Stadtmaus nicht ob der sauberen Luft an einer Sauerstoffvergiftung gestorben bist\u201c, scherzte er, und nun konnte ich mich wirklich nicht mehr zur\u00fcckhalten. \u201eBevor ich Schw\u00e4che vor einem Landei wie dir zeige, sorge ich vorher daf\u00fcr, dass eine Kuh alle Blumen deiner Grossmutter auffrisst\u201c, erwiderte Andrea und grinste ihn frech an.<\/p>\n<p>Wir alberten noch eine Weile herum. Der Aufstieg zum eigentlichen Gipfel des Kroinenberges dauerte nicht mehr lange und eine Ewigkeit. Der stetige Rhythmus, die ungewohnte Bewegung hatte uns in eine Art Trance gelullt. Als wir in der Gondel nach unten schwebten, versuchte ich die Aussicht in mich aufzusaugen, als w\u00fcrde ich nie mehr so eine wundervolle Berglandschaft sehen.<\/p>\n<p>Im Tal wurden wir nicht entt\u00e4uscht. Das Feld war einfach \u00fcberw\u00e4ltigend, und das Blumenmeer schien unendlich zu sein. Wir standen davor, bestaunten die vielen verschiedenen Formen und Farben und waren alle neun Jahre alt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>7.11.2006 \u201eIch kann nicht mehr!\u201c Als ich mich umdrehte, sah ich Andrea auf einem Stein sitzen und schmollen. 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