{"id":616,"date":"2009-07-10T16:15:50","date_gmt":"2009-07-10T14:15:50","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=616"},"modified":"2009-07-10T16:15:50","modified_gmt":"2009-07-10T14:15:50","slug":"der-wald","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/der-wald\/","title":{"rendered":"Der Wald"},"content":{"rendered":"<p>9.11.2007<\/p>\n<p>Ich konnte mir wirklich erkl\u00e4ren, wie ich in diesen Wald geraten war. Ich hatte beschlossen, nach den Vorlesungen des Tages noch etwas shoppen zu gehen. Die Weihnachtszeit war vielleicht nicht gerade die ruhigste, doch ich mochte die \u00fcppigen Dekorationen. Es konnte mir nie genug glitzern und leuchten.<\/p>\n<p>Als ich in die Betrachtung der Schaufenster versunken durch die Strassen schlenderte, tauchte pl\u00f6tzlich ein grosses Objekt vor mir auf. Aus den Augenwinkeln hatte ich es im letzten Moment entdeckt und konnte gerade noch ausweichen. Als ich mich umdrehte um zu sehen, was mir da im Wege stand, war ich verbl\u00fcfft. Keinen Meter von der Fassade entfernt stand ein ausgewachsener, mehrere Meter hohe Baum. Der Strassenbelag um seine Wurzeln war aufgerissen, als w\u00e4re er nur wenige Sekunden zuvor aus dem Boden geschossen. Kopfsch\u00fcttelnd ging ich weiter. Entweder war dies ein Weihnachtskunstwerk, wof\u00fcr die Stadt ber\u00fchmt war. Oder jemand hatte sich einen dummen Scherz erlaubt. Auch wenn ich mir nicht erkl\u00e4ren konnte, wie man so einen grossen Baum mitten in die Stadt bekam. Vielleicht waren ja Asterix und Obelix kurz vorbeigekommen.<\/p>\n<p>Schnell hatte ich mich wieder in den Schaufenstern verloren und bewunderte das pr\u00e4chtige Angebot. So bemerkte ich auch nicht, dass es immer dunkler und leiser um mich herum wurde. Bis ich die letzte Boutique der Strasse erreichte. Pl\u00f6tzlich war Stille um mich herum. Und ich stand mitten in einem Wald. Einem gruseligen Wald, voller gruseliger, hoher B\u00e4ume. Bei Tageslicht h\u00e4tte es mir hier sicher gut gefallen, denn der Boden war nicht wie so oft mit altem Laub bedeckt, sondern bestand aus weichem Gras. Ein leichter Wind blies weiter oben durch das Bl\u00e4tterdach, und hie und da erreichte gespenstisch bleiches Mondlicht den Waldboden.<\/p>\n<p>\u201eToll\u201c, konnte ich nur sarkastisch denken, und mich vor Angst gel\u00e4hmt nicht bewegen. Alleine mitten in einem verlassenen Wald zu sein, das war wohl einer der schlimmsten m\u00f6glichen Albtr\u00e4ume. Ich versuchte, die rasend schnell in mir aufsteigende Panik zu bek\u00e4mpfen. Dunkelheit. Alleine an einem unbekannten Ort. Ich war in der H\u00f6lle gelandet, und in der H\u00f6lle wuchsen wundersch\u00f6ne, grosse B\u00e4ume.<\/p>\n<p>\u201eEs wird sicher kein irrer M\u00f6rder so verr\u00fcckt sein, mitten in der Nacht in diesem verdammten Wald auf ein Opfer zu warten\u201c, versuchte ich mir einzureden. Es waren die gleichen Worte, die wir uns in den Schullagern der Kindheit zufl\u00fcsterten, wenn wir w\u00e4hrend einer Nacht\u00fcbung Angst hatten. Und wie damals half dieses Wissen nun auch nicht, mich in irgendeiner Weise zu beruhigen.<\/p>\n<p>Ich musste da raus. Obwohl mich die Angst bis in die Knochen zu l\u00e4hmen schien, zwang ich meine Beine und meine F\u00fcsse, sich zu bewegen. Vielleicht hatten die auch ein eigenes Bewusstsein entwickelt, mit dem gleichen Ziel wie mein Gehirn: Nur weg hier!<\/p>\n<p>Da ich keine Ahnung von der Flugbahn des Mondes oder der Bestimmung von Himmelsrichtungen mithilfe von Sternen hatte, und die Sterne durch die sp\u00e4rlichen L\u00fccken im Bl\u00e4tterdach sowieso nicht auszumachen waren, drehte ich mich dreimal im Uhrzeigersinn um meine Achse und lief dann einfach los. All zu gross konnte der Wald ja nicht sein. Ich hatte als Kind viel Zeit in den W\u00e4ldern um mein Elternhaus verbracht, und die waren alle nicht sehr ausgedehnt.<\/p>\n<p>Nach einiger Zeit blieb ich im Zentrum einer Mondlichtinsel stehen. Meine Armbanduhr zeigte zwei Uhr morgens. Wie war das nur m\u00f6glich, ich konnte doch erst ungef\u00e4hr eine halbe Stunde unterwegs sein? Als ich meinen Marsch fortsetzte, begann ich meine Schritte zu z\u00e4hlen. Bei 200 blieb ich stehen und pr\u00fcfte wieder die Uhrzeit. 4.05 Uhr.<\/p>\n<p>Menschen, die pl\u00f6tzlich an Orten auftauchen, wo sie nicht sein sollten, und die sich auch nicht erinnern konnte, wie sie dahin gekommen waren. Uhren, die verr\u00fcckt spielten. Augenblicklich fielen mir s\u00e4mtliche Berichte und Filme \u00fcber Entf\u00fchrungen durch Ausserirdische ein, die ich jemals gesehen hatte. Der kalte Schweiss brach mir aus. War das m\u00f6glich? Wenn ich meinen Mantel \u00f6ffnete, w\u00fcrde ich ein T-Shirt tragen, auf dem stand: \u201eI was abducted by Aliens, and all I got was this lousy T-Shirt!\u201c<\/p>\n<p>Mit zittriger Hand griff ich nach meinem Hals, um meinen Schal zu l\u00f6sen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>9.11.2007 Ich konnte mir wirklich erkl\u00e4ren, wie ich in diesen Wald geraten war. Ich hatte beschlossen, nach den Vorlesungen des Tages noch etwas shoppen zu gehen. Die Weihnachtszeit war vielleicht nicht gerade die ruhigste, doch ich mochte die \u00fcppigen Dekorationen. Es konnte mir nie genug glitzern und leuchten. 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