{"id":622,"date":"2009-07-10T16:17:10","date_gmt":"2009-07-10T14:17:10","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=622"},"modified":"2009-07-10T16:17:10","modified_gmt":"2009-07-10T14:17:10","slug":"der-kurs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/der-kurs\/","title":{"rendered":"Der Kurs"},"content":{"rendered":"<p>11.11.2006<\/p>\n<p>\u201eDenkst du, dass du dazu so viel zu erz\u00e4hlen hast?\u201c Beat musterte mich mit einem kritischen Blick.<br \/>\n\u201eHimmel, was denkst du denn von mir? Gut, 45 Minuten sind vielleicht viel Zeit, aber die kriege ich locker voll. Ich kann schliesslich eine Menge \u00fcber Fanfiction erz\u00e4hlen. Was denkst du, wie viele Stunden ich dir schon die Ohren zugequatscht habe damit? Falls ich zu fr\u00fch fertig bin, kann ich immer noch ein paar Empfehlungen abgeben?\u201c<br \/>\n\u201eEmpfehlungen?\u201c, Anabelles Stimme hatte einen unangenehmen, schrillen Unterton. Es war wirklich toll, wie sehr mich meine Freunde zu ermutigen versuchten. \u201eW\u00fcrdet ihr euch bitte daran erinnern, wer mich an diesen ich-bin-bei-Referaten-total-unsicher-darum-lerne-ich-das-hier \u2013Kurs mitgeschleppt hat? ICH habe diesen Kurs ganz sicher nicht n\u00f6tig. Und wenn ich schon einen so langen Vortrag halten soll, dann w\u00e4hle ich nat\u00fcrlich ein Thema, dass mich interessiert.\u201c<br \/>\n\u201eDu mogelst doch! Wenn du f\u00fcrs Studium ein Referat halten musst, kannst du dir das Thema auch nicht immer aussuchen\u201c, warf Anabelle ein.<br \/>\n\u201ePunkt f\u00fcr dich. Aber so was kriege ich trotzdem besser hin als ihr. Ist mir ja schleierhaft, wie ihr durchs Gymnasium gekommen seid.\u201c Mein freches, breites Grinsen bewahrte mich davor, sofort erw\u00fcrgt zu werden.<\/p>\n<p>Vor zwei Monaten war Beat mit einem Flyer angekommen, der Werbung f\u00fcr einen Referat-Kurs machte. Unsichere Studentinnen und Studenten sollten dort gute Tipps bekommen, wie man einen Vortrag h\u00e4lt. Planung, Ablauf, Selbstsicherheit im Sprechen. Anabelle war sofort Feuer und Flamme. Ich konnte mich nicht wirklich daf\u00fcr begeistern. Die Teilnehmerzahl war auf 30 Personen beschr\u00e4nkt. Mit so wenig Leuten wurde ich locker fertig. F\u00fcr mich w\u00e4ren mindestens 100 Zuschauerinnen und Zuschauer interessant gewesen. Vor so einer Menge wurde ich immer sehr nerv\u00f6s, was sich nat\u00fcrlich auf meine Selbstsicherheit und so auch auf meine Ruhe auswirkte. Widerwillig liess ich mich trotzdem \u00fcberreden.<\/p>\n<p>In den kommenden Wochen verbrachte ich meine Samstage jeweils in einem stickigen Seminarraum an der Uni. Die Grundlagen lagen mir sowieso im Blut, trotzdem versuchte ich, aus jeder Stunde etwas mitzunehmen. Nach dem dritten Treffen bekamen wir als Hausaufgabe jeweils ein Thema, zu dem wir einen kurzen Vortrag vorbereiten mussten. Die Redezeit wurde jedes Mal um zehn Minuten erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>N\u00e4chsten Samstag w\u00fcrde ich nun so zu sagen das Gesellenst\u00fcck abliefern m\u00fcssen. Ein so langer Vortrag muss nat\u00fcrlich entsprechend vorbereitet werden, und da wir nicht wirklich viel Zeit daf\u00fcr hatten, konnten wir ein Thema w\u00e4hlen, f\u00fcr das wir uns sowieso schon interessierten. Anabelle hatte \u201eHeilende Steine \u2013 Mythos und Realit\u00e4t\u201c, Beat \u201eMoto Guzzi Motorr\u00e4der \u2013 Von den Anf\u00e4ngen bis zur Gegenwart\u201c gew\u00e4hlt. Ich hatte mich f\u00fcr \u201eFanfiction \u2013 Harry Potter ist mehr als nur ein Zaubersch\u00fcler\u201c entschieden. Insgeheim war ich mir nicht wirklich sicher, wie ich Beats Referat \u00fcberleben sollte.<\/p>\n<p>Die anderen Teilnehmer hatten ebenfalls f\u00fcr mich mehr oder weniger spannende Themen gew\u00e4hlt. Ich freute mich bereits auf \u201eBonsai \u2013 Die Kunst der Baumz\u00e4hmung\u201c, \u201eJapanischer Kampfsport \u2013 Karatekid und Kung Fu-M\u00f6nch\u201c und \u201eDogwispering \u2013 Wenn Hunde sprechen\u201c. F\u00fcr einige Referate versuchte ich mir immer noch eine Ausrede einfallen zu lassen, um nicht teilnehmen zu m\u00fcssen. \u201eJurisprudenz \u2013 Eine wertlose Wissenschaft?\u201c, \u201eFussball \u2013 Von der leeren Aludose zur WM\u201c und \u201eOpel \u2013 Eine deutsche Marke erobert die Welt\u201c konnte mich nicht wirklich \u00fcberzeugen. Kam noch hinzu, dass die Vortragenden totale Schlaftabletten waren, wie ich in den \u00dcbungsstunden zu Gen\u00fcge feststellen konnte. Ich war wirklich versucht, diesen hoffnungslosen Kerlen anzubieten, mich jeweils als sie auszugeben und ihre Vortr\u00e4ge selbst zu halten. In verzweifelnden Situationen muss man zu ungew\u00f6hnlichen Mitteln greifen.<\/p>\n<p>Am Mittwoch schon sassen wir wieder in der Uni zusammen. Beat hatte mich Dienstag Abend v\u00f6llig verzweifelt angerufen, er k\u00e4me mit seinem Vortrag, der PowerPoint-Pr\u00e4sentation, dem Handout und grunds\u00e4tzlich seinem Leben nicht zurecht. Krisensitzung also am Mittwoch. Ich war ganz froh dar\u00fcber, meine PowerPoint-Folien sahen richtig schlecht aus. Anabelle hatte mir am Wochenende am Telefon versichert, das sei nicht so schwierig. Ich hatte darauf den Montag damit verbracht, mich mit Textfeldern rumzuschlagen, die sich nicht b\u00fcndig positionieren liessen, und eine Autokorrektur, die ich trotz halbst\u00fcndiger Suche im Internet nicht abstellen konnte. Dienstags war ich kurz davor, meinen Computer aus dem Fenster zu werfen, da rettete mich Beat.<\/p>\n<p>Gemeinsam \u00fcberarbeiteten wir unsere Vortr\u00e4ge, motzten die Folien auf und \u00fcbten unsere Texte. Ich hatte mich noch nie so gut auf ein Referat vorbereitet. Ich hatte noch nie so tolle PowerPoint-Folien, um meine Worte zu verdeutlichen. Nun konnten wir damit beginnen, nerv\u00f6s zu werden.<\/p>\n<p>Das Klatschen verebbte ziemlich schnell. Immerhin war es aber so laut um die Leute zu wecken, die w\u00e4hrend \u201eFussball \u2013 Von der leeren Aludose zur WM\u201c geschlafen hatten. Wie bef\u00fcrchtet waren diese drei Viertel Stunden unertr\u00e4glich. Nicht nur dass ich Fussball grunds\u00e4tzlich nicht ausstehen konnte, von den PowerPoint-Folien dieses Kerles bekam man auch noch augenblicklich Augenkrebs. Welcher normale Mann kombiniert f\u00fcr einen Vortrag \u00fcber Fussball Rosa und Orange? Dass er als jedes zweite Wort \u201e\u00c4h\u201c oder \u201eHm\u201c sagte, trieb mich fast in den Wahnsinn, bis ich anfing, eine Strichliste zu f\u00fchren. Er kam auf 321 \u201e\u00c4h\u201c und 271 \u201eHm\u201c. Ich musste mich wirklich zwingen, nicht einfach aus dem Fenster zu sehen. Gegen Ende der 45 Minuten wurde ich dann immer unruhiger, schliesslich w\u00fcrde ich nach ihm dran kommen. Hoffentlich waren die Leute schon alle geistig verk\u00fcmmert, bis es soweit war.<\/p>\n<p>Herr Licht erl\u00f6ste mich von meinem Leiden. \u201eAls n\u00e4chstes ist Anna dran. Sie wird uns etwas \u00fcber Fanfiction erz\u00e4hlen und erkl\u00e4ren, warum Harry Potter nicht nur ein Zaubersch\u00fcler ist.\u201c Im Raum erklang wieder Klatschen und ich ging nach vorne. \u201eHallo zusammen. Wie Herr Licht bereits sagte, ist mein Thema \u201eFanfiction \u2013 Harry Potter ist mehr als nur ein Zaubersch\u00fcler\u201c. In den n\u00e4chsten drei Viertel Stunden werde ich euch erkl\u00e4ren, was Fanfiction eigentlich sind, wie sie entstanden, wer sie schreibt, wer sie liest und wo man sie findet. Am Schluss werde ich gerne noch auf Fragen eingehen. Nun, was sind Fanf\u2026\u201c Pl\u00f6tzlich ging das Licht aus.<\/p>\n<p>Das Licht ging aus.<\/p>\n<p>Es war pl\u00f6tzlich stockdunkel.<\/p>\n<p>Wir befanden uns in einem Seminarraum mit grossen Fenstern. Es war Sommer, noch nicht ganz 16 Uhr, und wir sassen im Dunkeln. Als h\u00e4tte jemand eine unglaublich grosse K\u00e4seglocke \u00fcber die Welt gest\u00fclpt. Oder ein Abtropfsieb, denn in der Ferne konnte ich Sterne am Himmel entdecken.<\/p>\n<p>Jemand schrie: \u201eDie Apokalypse! Wir werden alle sterben!\u201c Dann ging das Chaos los.<\/p>\n<p>TBC <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11.11.2006 \u201eDenkst du, dass du dazu so viel zu erz\u00e4hlen hast?\u201c Beat musterte mich mit einem kritischen Blick. \u201eHimmel, was denkst du denn von mir? Gut, 45 Minuten sind vielleicht viel Zeit, aber die kriege ich locker voll. Ich kann schliesslich eine Menge \u00fcber Fanfiction erz\u00e4hlen. 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