{"id":624,"date":"2009-07-10T16:17:58","date_gmt":"2009-07-10T14:17:58","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=624"},"modified":"2009-07-10T16:17:58","modified_gmt":"2009-07-10T14:17:58","slug":"der-kurs-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/der-kurs-teil-2\/","title":{"rendered":"Der Kurs &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>12.11.2006<\/p>\n<p>Jemand anderes stiess einen Schrei aus, und von weiter hinten im Seminarraum konnte ich ein \u201eIch bin blind!\u201c h\u00f6ren. St\u00fchle wurden umgestossen und Tische nach vorne verrutscht, wo nun eingeklemmte Studentinnen zu kreischen begannen. Weil ich vorne stand, konnte ich Herr Licht h\u00f6ren, der die Leute zu beruhigen versuchte: \u201eBitte, meine Damen und Herrn, beruhigt euch! Es bringt gar nicht, wenn jetzt alle in Panik verfallen!\u201c Der schrille Unterton in seiner Stimme strafte seine ruhigen Worte L\u00fcge. Jemand stiess einen Schmerzensschrei aus.<\/p>\n<p>Ich war mir unangenehm bewusst, weit weg von meiner Tasche und Beat und Annabelle zu sein. Ansonsten h\u00e4tte ich versucht, mein Handy als Taschenlampenersatz zu benutzen. Schon rempelten mich die ersten Fliehenden an, so dass ich an die Wand zur\u00fcckwich, um nicht umgerannt zu werden. Langsam n\u00e4herte ich mich darauf meinem Sitzplatz. Irgendjemand schluchzte, und ich fragte: \u201eHei, wer bist du?\u201c \u201eHanna\u201c, kam es erstickt zur\u00fcck. \u201eGanz ruhig Hanna. Es wird sicher bald jemand mit einer Taschenlampe kommen, und dann wird sich alles aufkl\u00e4ren. Am besten bleibst du hier sitzen. Ich komme gleich wieder, ich muss meine Tasche holen.\u201c \u201eBist du das Anna?\u201c kam Beats Stimme aus der Dunkelheit. Ich musste also schon nahe an meinem Platz sein. \u201eJa, ich bins, wo ist Annabelle?\u201c fragte ich zur\u00fcck. \u201eHier, gleich neben mir. Die anderen sind links und rechts aus der Reihe gest\u00fcrmt, darum ist uns nichts passiert. Ich glaub, jemand hat sich den Kn\u00f6chel verletzt beim raus rennen. Warum bist du nicht auch rausgelaufen?\u201c \u201eIch bin auf dem Weg zu meinem Handy.\u201c \u201eDein Handy?\u201c, erklang nun auch Annabelles Stimme, \u201eWen willst du denn jetzt anrufen?\u201c Offenbar hatten die beiden meine Unterhaltung mit Hanna nicht geh\u00f6rt. Ah, Moment, es war ja bl\u00f6d, sie dort sitzen zu lassen. \u201eHanna, ich hab mich umentschieden, komm mit und bleib dich hinter mir. Wir setzen uns zu meinen Freunden und warten dann ab.\u201c Hanna schluchzte noch mal und dann sp\u00fcrte ich sie aufstehen und mit ihrer Hand nach meinem Pulli tasten. Einen Moment musste ich grinsen. Wenn ich mir mit einer Begleitung dein Weg durch eine grosse Menschenmenge k\u00e4mpfen musste, hielt ich mich auch immer am Pulloversaum fest. \u201eIch will niemanden anrufen, aber das Handy kann als schwache Taschenlampe dienen\u201c, beantwortete ich nun auch endlich Annabelles Frage, \u201eIch bin hier noch \u00fcber Hanna gestolpert, wir kommen jetzt zu euch r\u00fcber.\u201c Pl\u00f6tzlich kam mir der ganze Seminarraum, der nicht mehr als zehn mal zehn Meter sein konnte, wie eine grosse dunkle H\u00f6hle vor. \u201eGut, aber passt auf, es liegen wahrscheinlich eine Menge St\u00fchle auf dem Boden rum\u201c, rief Beat. \u201eDu musst nicht so br\u00fcllen,\u201c grinste ich ihn in die Dunkelheit an, \u201ewir sind schon da.\u201c \u201eNa zum Gl\u00fcck. Apropos Handy, ich hab doch eines mit einer Taschenlampe, damit man Fotos in der Nacht machen kann. Moment\u2026\u201c, sprach er und pl\u00f6tzlich war ich von einem Lichtstrahl geblendet. Hanna hinter mir stiess einen \u00fcberraschten Kikser aus. Ich war unendlich froh, hatte schon bef\u00fcrchtet, eine elektromagnetische Bombe h\u00e4tte alle Handys, Taschenlampen und \u00e4hnliches lahm gelegt.<\/p>\n<p>\u201eUha, Beat, nimm das Licht aus meinen Augen, ich sehe sonst nichts mehr!\u201c Beat schaltete die Lampe wieder aus. \u201eGut, wir haben jetzt Licht, was machen wir nun?\u201c Annabelles Frage war durchaus berechtigt. Pl\u00f6tzlich erschall eine Stimme durch den Raum: \u201eAn alle Menschen, die sich noch hier im Geb\u00e4ude befinden, hier spricht der Hausmeister. Bitte bewahren sie Ruhe und begeben Sie sich in die grosse Eingangshalle. Benutzen Sie auf keinen Fall die Aufz\u00fcge, auch wenn diese noch funktionieren sollten. Offenbar sind nicht alle elektrischen Ger\u00e4te ausgefallen. Ich habe gerade einen Anruf von der Polizei erhalten, wir sollen uns besammeln und abwarten. Es besteht kein Grund zur Panik. Wir werden in der grossen Halle ein Radio aufbauen, dass uns mit den aktuellen Informationen von Armee und Zivilschutz versorgt. In ungef\u00e4hr einer halben Stunde werden Helfer der beiden Organisationen kommen und uns weitere Instruktionen geben. Bitte begeben Sie sich also in die grosse Eingangshalle, ben\u00fctzen Sie nicht die Lifte und bewahren Sie Ruhe.\u201c Der Kerl vom Hausdienst wiederholte seine Ansage noch einige Male. Wir schulterten unsere Taschen, und machten uns mit den H\u00e4nden am Pullover vom Vordermann im G\u00e4nsemarsch auf den Weg in die grosse Halle, Beat mit seiner improvisierten Taschenlampe voraus. Als wir im Gang eine Blutspur entdeckten, konnte ich ein Schaudern nicht unterdr\u00fccken. War hier ein irrer Massenm\u00f6rder unterwegs?<\/p>\n<p>Schon von weitem h\u00f6rten wir das Stimmengewirr aus der Eingangshalle. Ich hatte mir noch nie Gedanken dar\u00fcber gemacht, wie viele Menschen in das Geb\u00e4ude passten, und heute war ja eigentlich Samstag, als h\u00e4tte es nicht voll besetzt sein d\u00fcrfen. Doch offensichtlich verbrachten auch andere Leute ihre freie Zeit mit Weiterbildung. Als wir die Menschenmasse erreichten, blendeten uns einige Taschenlampen und Handys. Offenbar waren auch andere auf die gleiche Idee gekommen. Die meisten hatten sich auf dem Boden auf Decken niedergelassen, die wohl die Angestellten aus den Zivilschutzkellern unter dem Geb\u00e4ude organisiert hatten. Obwohl es Sommer war, konnte der Steinboden empfindlich kalt werden. Eine Ecke schien besonders gut beleuchtet zu sein. Offenbar war dort ein provisorisches Krankenlazarett eingerichtet worden. Als ich nachfragte, erkl\u00e4rte mir ein etwas \u00e4lterer Mann, dass sich etliche Studenten bei der kopflosen Flucht verletzt hatten. Das erkl\u00e4rte wohl auch die Blutspur auf dem Gang.<\/p>\n<p>Wie angek\u00fcndigt wurde schon bald ein Radio gebracht. Der Hausmeister gab noch mal ein paar Verhaltensregeln und die neuesten Infos von der Polizei durch. Offenbar konnte noch nicht gekl\u00e4rt werden, wieso der elektrische Strom zwar noch funktionierte, aber keine Gl\u00fchbirnen und Neonr\u00f6hren. Weshalb es draussen mitten am Tag auf einen Schlag stockdunkel geworden war, war ebenfalls immer noch Gegenstand der Ermittlung. Jemand rief w\u00e4hrend er sprach dazwischen, dass man doch versuchen solle, ob die Fernseher noch funktionieren. Offenbar waren diese aber auch von dem omin\u00f6sen Ausfall betroffen. Nachdem der Hausmeister noch mal sein Bedauern ausgedr\u00fcckt hatte, stellte er endlich das Radio an. Das regul\u00e4re Programm war unterbrochen worden, und es gab Berichte, wo was zusammengebrochen war. Aus Sicherheitsgr\u00fcnden wurde der Verkehr unterbrochen, Handys funktionierten nicht, daf\u00fcr konnten sich Helfer im ganzen Land per Festnetzanschluss miteinander verst\u00e4ndigen. Nat\u00fcrlich hatte es viele Verletzte und einige Tote gegeben, vor allem auf den Autobahnen. Ich erschauderte. Das h\u00e4tte mir wirklich nicht passieren m\u00fcssen, pl\u00f6tzlich im Stockdunkeln mit 120 km\/h unterwegs zu sein.<\/p>\n<p>Es brach Unruhe im Saal aus, als bei der Erw\u00e4hnung des Festnetzanschlusses etliche Leute den Hausmeister zu best\u00fcrmen begannen, ob sie nicht ihre Familien und Freunde anrufen d\u00fcrften. Jene, die weiter weg sassen verlangten mehr Ruhe, da sie die weiteren Ansagen im Radio h\u00f6ren wollten. Mitarbeiter vom Hausmeister hasteten an den W\u00e4nden der Halle entlang, um weitere Radios aufzustellen. Hanna neben mir war leise in Tr\u00e4nen ausgebrochen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>12.11.2006 Jemand anderes stiess einen Schrei aus, und von weiter hinten im Seminarraum konnte ich ein \u201eIch bin blind!\u201c h\u00f6ren. St\u00fchle wurden umgestossen und Tische nach vorne verrutscht, wo nun eingeklemmte Studentinnen zu kreischen begannen. 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