{"id":638,"date":"2009-07-10T16:23:09","date_gmt":"2009-07-10T14:23:09","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=638"},"modified":"2009-07-10T16:23:09","modified_gmt":"2009-07-10T14:23:09","slug":"abendstern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/abendstern\/","title":{"rendered":"Abendstern"},"content":{"rendered":"<p>19.11.2006<\/p>\n<p>Mir war nicht ganz klar, wie ich mich dazu hatte \u00fcberreden lassen, doch da war ich: stampfte durch den modrigen Waldboden und atmete einen seltsamen Geruch ein. Der Hund zerrte an seiner Leine. Woran erinnerte mich dieser unangenehme Geruch nur? Ich kannte ihn, er kratzte als alte Erinnerung an meinem Hinterkopf. Was konnte das nur sein? Der Hund blieb stehen und schn\u00fcffelte an einem Baumstumpf. Ich freute mich bereits darauf, den Waldrand zu erreichen. F\u00fcrchterlich m\u00fchsam, mit einem hyperaktiven Hund an der Leine durch den Wald zu laufen.<\/p>\n<p>\u201eAsche! Nasse Asche!\u201c, fiel mir pl\u00f6ztzlich wieder ein, woher ich den Geruch kannte. Lagerfeuer l\u00f6schen mit Wasser, danach roch es so. Ich mochte diesen Gestank nicht. Es kam mir immer vor, als w\u00fcrde er in meiner Nase festkleben.<\/p>\n<p>Endlich erreichten wir den Waldrand. Ich liess den Hund von der Leine, steckte mir die Ohrst\u00f6psel meines iPod in die Ohren und entspannte mich. Bereits mit dem zweiten Schritt war ich irgendwo in einer Fantasiewelt. Der Hund rannte an mir vorbei, liess sich zur\u00fcckfallen, rannte wieder nach vorne. Irgendwann mal hatte ich entdeckt, dass unsere gemeinsamen Spazierg\u00e4nge auf diese Art am entspanntesten waren. Zuvor war ich immer sehr \u00e4ngstlich, rief den Hund sofort zu mir, wenn er meinen empfundenen Sicherheitsabstand \u00fcberschritt. Vielleicht lag es auch daran, dass die Nacht \u00fcber uns aufzog. Ich war immer wieder verbl\u00fcfft, wie schnell es dunkel wurde im Winter. Daher hatte ich dem Hund auch ein M\u00e4ntelchen aus Sicherheitsstoff angezogen. Dieses neonfarbige, reflektierende Material. Dazu ein Leuchthalsband, das jedoch noch nicht eingeschaltet war.<\/p>\n<p>Der erste Nebel erhob sich bereits aus dem Gras, als h\u00e4tte er sich den ganzen Tag in der Erde verborgen gehalten. Ich marschierte an trostlosen Feldern vorbei. Das Korn war schon vor \u00fcber einem Monat eingebraucht worden, und auch den Mais hatten die Bauern geschnitten. Schafe weideten auf einer grossen Grasfl\u00e4che. Der Hund h\u00fcpfte aufgeregt am Kunststoffzaun herum, immer in einem Sicherheitsabstand. Er musste wohl wissen, dass diese orangen Schn\u00fcre mit Strom gelanden sind.<\/p>\n<p>In der Ferne begann eine Kirchenglocke die volle Stunde zu schlagen, und kurz darauf fiel auch eine zweite ein. Zeit, sich auf den R\u00fcckweg zu machen. Als ich mich umdrehte, hielt ich f\u00fcr einen Moment den Atem an: Der Himmel war dunkelblau \u00fcber mir und ging langsam in ein gelb \u00fcber, um schliesslich den Horizont in ein leuchtendes Rosa zu tauchen. B\u00e4ume, Geb\u00e4ude und H\u00fcgel hoben sich schwarz gegen den strahlenden Hintergrund ab. Mir war, als st\u00e4nde ich mitten in einem Zauberland.<\/p>\n<p>Und hoch oben \u00fcber mir stand der Abendstern. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>19.11.2006 Mir war nicht ganz klar, wie ich mich dazu hatte \u00fcberreden lassen, doch da war ich: stampfte durch den modrigen Waldboden und atmete einen seltsamen Geruch ein. Der Hund zerrte an seiner Leine. Woran erinnerte mich dieser unangenehme Geruch nur? Ich kannte ihn, er kratzte als alte Erinnerung an meinem Hinterkopf. 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