{"id":670,"date":"2009-07-10T16:32:01","date_gmt":"2009-07-10T14:32:01","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=670"},"modified":"2009-07-10T16:32:01","modified_gmt":"2009-07-10T14:32:01","slug":"die-richtung-aus-der-der-wind-weht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/die-richtung-aus-der-der-wind-weht\/","title":{"rendered":"Die Richtung, aus der der Wind weht"},"content":{"rendered":"<p>23.11.2006<\/p>\n<p>Verzweifelt versuchte ich, ruhiger zu Atmen. Meine Kehle f\u00fchlte sich wund an, und ich hatte den Geschmack von Blut im Mund. Mein Atem kam stossweise, verzweifelt rang ich nach Luft. \u201eRuhig. Atme ruhig.\u201c<\/p>\n<p>Es war mal wieder einer jener Tage, an denen ich f\u00fcr alles drei Minuten zu sp\u00e4t war. So hatte ich in Rekordzeit zum Bus rennen m\u00fcssen. Und zahlte nun den Preis. Heute Abend w\u00fcrde der Husten anfangen, der jedesmal folgte, wenn ich mich von Null auf 100 so anstrengte. \u201eLeider war keine Zeit f\u00fchr Dehn\u00fcbungen\u201c, dachte ich sarkastisch.<\/p>\n<p>Der Bus \u00fcberquerte die Stadtgrenze und fuhr gem\u00e4chlich \u00fcbers Land. Ich steckte mir Kopfh\u00f6rer in die Ohren und genoss das Ambiente. Draussen herrschte Endzeitstimmung. Der Himmel war bew\u00f6lkt. Alles hatte eine seltsame Klarheit. Das Gras auf den Feldern begann bereits zu verdorren, und die ersten Bl\u00e4tter wurden gelb. Auf den Wiesen weideten K\u00fche und Schafe, und einmal fuhren wir an einem Bauern vorbei, der sein Feld pfl\u00fcgte.<\/p>\n<p>Ich musste wohl eingenickt sein, denn als der Busfahrer die letzte Haltestelle ansagte, schreckte ich hoch. Endlich da.<\/p>\n<p>Ich stieg aus. Die automatische T\u00fcr schloss sich hinter mir. Der Bus gab ein Zischen von sich, und fuhr dann weg. Ich liess die Umgebung auf mich wirken.<\/p>\n<p>Der H\u00fcgel war breit und fiel nur leicht ab. Er f\u00fcgte sich so harmonisch in die Landschaft ein. Ein Wind riss an meinen Haaren, und es roch nach Freiheit. In der Ferne konnte ich eine m\u00e4chtige Eiche sehen, deren \u00c4ste sich unwillig wiegten. \u201eZeit, sich auf den Weg zu machen\u201c, dachte ich mir, und lief los.<\/p>\n<p>Anfangs hatte mich noch Gedanken unterhalten. Doch je l\u00e4nger ich unterwegs war, je gr\u00f6sser die Zahl der Schritte wurde, die ich ging, desto mehr fielen sie von mir ab, wie Bl\u00e4tter von einem Baum im Herbst. Ich sp\u00fcrte pl\u00f6ztlich meinen K\u00f6rper, der mit der ungewohnten Anstrengung und der und schon lange andauernden Bewegung fertig zu werden versuchte. \u201eBin halt ein B\u00fcrogummi\u201c, huschte es mir durch den Kopf. Ich gab mich keinen Illusionen hin: Der Weg war noch weit.<\/p>\n<p>Der Wind kam immer wieder in St\u00f6ssen und zerrte wie ein ungeduldiger Liebhaber an meiner Kleidung und meinem Haar. Er fl\u00fcsterte durch die Bl\u00e4tter der B\u00e4ume, an denen ich ab und zu vorbeikam und schien sich unter Steinen zu verstecken.<\/p>\n<p>Als meine H\u00fcften zu schmerzen begannen, versuchte ich mich mit der Frage abzulenken, warum ich dieses Wetter so genoss. Ob dies vielleicht eine tief in meinen Genen verankerte Erinnerung war? Das Gef\u00fchl, dass die Zeitsteinmenschen hatten, wenn sie von einem Ort zum anderen zogen, oder gar auf der Jagd waren?<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich trieb der Wind einen weissen Plastiksack vor mir her. Ich konnte nicht erkennen, woher er kam. Das feine Material bl\u00e4hte sich auf und wurde dicht \u00fcber den Boden gerissen. Ich schenkte meiner Umgebung wieder mehr Beachtung und versuchte mich zu orientieren. Zum Gl\u00fcck war der Plastiksack aufgetaucht. Ich musste nun meine Richtung \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Vor mir ragte in der Ferne ein Berg auf. Erleichtert mobilisierte ich nochmal meinen K\u00f6rper und ging frisch beschwingt weiter. Das Ziel vor Augen war dieser Marsch um einiges einfacher.<\/p>\n<p>Als ich n\u00e4her kam, konnte ich ihn entdecken. Anfangs war er nur ein kleiner Punkt. Doch ich wusste, wonach ich suchen musste. Langsam wurde der Punkt zu einer Gestalt. Es stand hoch oben, am Rand eines steilen Abhangs, der viele hundert Meter in die Tiefe f\u00fchrte. Bald konnte ich erkennen, dass der Wind auch an ihm riss. Dort oben musste er noch st\u00e4rker sein als hier unten. Sein T-Shirt flatterte wild an seinem K\u00f6rper. Ich nahm die Kopfh\u00f6rer aus den Ohren, es war Zeit.<\/p>\n<p>Er sprang.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>23.11.2006 Verzweifelt versuchte ich, ruhiger zu Atmen. Meine Kehle f\u00fchlte sich wund an, und ich hatte den Geschmack von Blut im Mund. 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