{"id":702,"date":"2009-07-10T16:39:10","date_gmt":"2009-07-10T14:39:10","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.kopfchaos.ch\/?p=702"},"modified":"2009-07-10T16:39:10","modified_gmt":"2009-07-10T14:39:10","slug":"gleichgewicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kopfchaos.ch\/index.php\/2009\/07\/10\/gleichgewicht\/","title":{"rendered":"Gleichgewicht"},"content":{"rendered":"<p>15.12.2006 <\/p>\n<p>\u201eHei Anna, wie geht\u2019s?\u201c fl\u00fcsterte mir St\u00fc ins Ohr und schlug mir mit seiner behandschuhten Hand auf die Schulter, dass ich beinahe meinen Kaffee in Annabelles Gesicht spuckte. \u201eSt\u00fc, du R\u00fcpel!\u201c, r\u00fcgte ich ihn. Er grinste breit und setzte sich neben Annabelle. Umpf fl\u00e4zte sich in den Stuhl neben mir. Fast augenblicklich begann er, mit dem Stuhl zu wippen. Das war eine dumme Angewohnheit von ihm, doch wunderbarerweise war er noch nie umgekippt.<\/p>\n<p>St\u00fc und Umpf waren mit Abstand die seltsamsten Studenten, die unsere Uni zu bieten hatte. Angeblich belegten sie Informatik, doch ich hielt das f\u00fcr ein Ger\u00fccht. St\u00fc war einfach zu paranoid und phobisch, um mit anderen Leuten einen Computer zu teilen. Er hatte seinen Arbeitgeber gebeten, ihm sein Gehalt bar auszuzahlen. So was war heute nat\u00fcrlich aufgrund der Buchhaltung kaum noch m\u00f6glich. Also besass St\u00fc ein Bankkonto, von dem er seinen gesamten Lohn jeweils am gleichen Tag der Auszahlung abhob. Wohlgemerkt, immer an einem anderen Bankomat. Angeblich war er mal zwei Stunden Zug gefahren daf\u00fcr.<\/p>\n<p>St\u00fc verzichtete seiner Anonymit\u00e4t zuliebe auf die Annehmlichkeiten des modernen Lebens und die Verg\u00fcnstigungen durch Rabattkarten. Wenn er mit dem Zug unterwegs war, zahlte er das Ticket immer bar. Seine Rechnungen liefen ebenfalls \u00fcber Poststellen im ganzen Land. St\u00fc trug permanent Handschuhe, aus Angst sich mit Bakterien zu infizieren oder Fingerabdr\u00fccke zu hinterlassen. Er benutzte ausschliesslich Plastikgeschirr in der Mensa, dass er anschliessend nach Hause nahm, um es in seinem Hinterhof zu verbrennen.<\/p>\n<p>Trotzdem konnte er nicht vom Internet lassen. Im Keller des Hauses, dass er von seinen Eltern abbezahlt geerbt hatte, standen mehrere Server, die ihm ein anonymes, spurenloses surfen erm\u00f6glichten. St\u00fc hielt sich fern von Drogen aller Art, ver\u00e4nderte regelm\u00e4ssig sein Aussehen und sprach stehts, als w\u00fcrde er bef\u00fcrchten, belauscht zu werden. Beat vermutete, dass St\u00fc fr\u00fcher f\u00fcr einen Geheimdienst gearbeitet hatte.<\/p>\n<p>Umpf war das komplette Gegenteil: Laut, ehrlich, unbek\u00fcmmert. Mir war es v\u00f6llig unerkl\u00e4rlich, wie die zwei sich so gut verstehen konnten. Beats Theorie dazu war, dass St\u00fc neben Umpf nicht mehr so auffiel. Tats\u00e4chlich vergassen wir manchmal, dass St\u00fc noch da war, wenn Umpf eine lustige Geschichte erz\u00e4hlte und dazu wiehernd am lautesten lachte. Zu der Agententheorie passte auch, dass St\u00fc offenbar ziemlich stark war. Er fasste selten andere Menschen an, was gut war: Mit seinem H\u00e4ndedruck konnte er Steine knacken.<\/p>\n<p>\u201eSt\u00fc, Umpf, sch\u00f6n euch zu sehen. Wie l\u00e4uft es bei euch Informatikern? Noch niemandem ein Wasserkopf gewachsen?\u201c, fragte ich unschuldig, nachdem ich Annabelle meine Serviette gereicht hatte. Umpf lachte schallend los und fiel dann mit dem Stuhl nach hinten um.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15.12.2006 \u201eHei Anna, wie geht\u2019s?\u201c fl\u00fcsterte mir St\u00fc ins Ohr und schlug mir mit seiner behandschuhten Hand auf die Schulter, dass ich beinahe meinen Kaffee in Annabelles Gesicht spuckte. \u201eSt\u00fc, du R\u00fcpel!\u201c, r\u00fcgte ich ihn. Er grinste breit und setzte sich neben Annabelle. Umpf fl\u00e4zte sich in den Stuhl neben mir. 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