Willkommen im Kopfchaos

Auf dieser Website sind Gedichte und Kurzgeschichten zu finden, die ich von 1997 bis heute geschrieben habe.

Die Texte sind in der Regel nicht überarbeitet, da ich zum eigenen Vergnügen schreibe.

Viel Spass beim schmökern.

Nicole

  • Home

01.12.2006

Wir fuhren schweigend. Das Licht vom Höllenschlund am Himmel tauchte die Umgebung in ein gespenstisches Rot. „Als wäre alles in Blut getränkt“, dachte ich still bei mir. Wir kamen erstaunlich schnell voran. Auf der Autobahn musste Annabelle immer wieder verlassenen Wagen ausweichen. Bei manchen waren noch die Scheinwerfer eingestellt, und erleuchteten die verlassene Strasse. Vielleicht waren die Fahrer alle vom Militär oder dem Zivilschutz eingesammelt worden. Oder etwas hatte sie so erschreckt, dass sie fluchtartig ihre Autos stehen gelassen hatten und kopflos davon gestürmt waren.

Einmal musste Annabelle einen Wagen mit ihrem weiterschieben, um an zwei nebeneinander vlerassenen Autos vorbei zu kommen. Der Fahrer hatte zum Glück die Handbremse nicht angezogen, die Fahrertür stand sogar noch offen.

Je weiter wir kamen, desto seltener mussten wir langsam fahren. Nach ungefähr einer Stunde begann es dann: Die Sterne fielen zur Erde.

Sie fielen langsam, so als hätten sie es nicht eilig, und als würde sie die Erdanziehungskraft nicht sonderlich beeindrucken. Sie fielen lautlos und als sie auf dem Boden auftrafen, hüpften sie noch ein paarmal auf und ab, als könnten sie noch gar nicht glauben, wirklich aus dem Himmel verbannt worden zu sein. Wie weisse Perlen lagen sie am Boden und glänzten intensiv. Ich war froh, im Auto zu sitzen, denn ich verspürte keine Lust, diese seltsamen Dinger zu berühren. „Schon komisch“, meinte Beat plötzlich, und vor Schreck hätte ich mich selbst beinahe durch das Dach katapultiert, „die Geister gehen rauf zu diesem roten Licht, und die Sterne kommen herunter. Beide weiss. Als müssten sie ein Gleichgewicht wieder herstellen.“ Ich sah aus dem Fenster und beobachtete, wie Millionen von Sternen auf die Erde fielen wie radioaktiv verseuchter Schnee.

27.11.2006

Liebes Tagebuch

Seit Tagen höre ich immer wieder dasselbe Lied:
Breaking The Habit von Linkin Park

Memories consume
Like opening the wound
I’m picking me apart again
You all assume
I’m safe here in my room
(Unless I try to start again)

I don’t want to be the one
The battles always choose
Cuz inside I realize
That I’m the one confused

I don’t know what’s worth fighting for
Or what I have to scream
I don’t know why I instigate
And say what I don’t mean
I don’t know how I got this way
I know it’s not alright
So I’m breaking the habit…
I’m breaking the habit tonight

Clutching my cure
I tightly lock the door
I try to catch my breath again
I hurt much more
Than anytime before
I had no options left again

I don’t want to be the one
The battles always choose
Cuz inside I realize
That I’m the one confused

I’ll paint it on the walls
Cuz I’m the one at fault
I’ll never fight again
And this is how it ends

Ich weiss auch nicht, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Ich weiss nicht, warum ich schreien möchte und so unglaublich wütend bin. Früher, als ich noch jünger war, dachte ich, es sei einfach die Jugend, die Pubertät, die natürliche Entwicklung. Doch nun sind schon so viele Jahre vergangen, und ich bin immer noch wütend. Unendlich wütend, und ich weiss nicht auf wen, worauf, weshalb…

Ich wünschte, ich könnte Zorn empfinden. Eines Tages habe ich die Bedeutung der zwei Wörter nachgeschlagen. Im Studium haben wir den Unterschied zwischen Angst und Frucht gelernt. Furcht bezieht sich auf etwas Konkretes. Sie ist rational begründbar und angebracht. Die Angst ist diffus. Phobien sind Ängste. Irrational, unerklärbar.

Der Zorn ist wie die Furcht immer auf etwas gerichtet. Normalerweise auf eine Person oder eine Gruppe. Die Wut kann nach allen Seiten explodieren und ist schwerer zu beherrschen. Ein unterdrücken der Wut kann zu ähnlichen Krankheitsbildern wie Stress führen. Es gibt verschiedene Theorien zur Entstehung von Wut. Zum angemessenen Ausdruck oder zur Kanalisation der Wut werden unter anderem Gespräche, kreativer Ausdruck, Sport und Enspannungsmethoden empfohlen.

Ich will keine Schlachten mehr kämpfen, die ich nicht gewinnen kann. Ich möchte so geliebt werden, wie ich wirklich bin. Ich habe genug davon, alleine und verwirrt zu sein. Ich möchte nicht mehr in Angst leben. Ich möchte den Kreis zerbrechen, in dem ich mich drehe, Tag um Tag um Tag, Stunde um Stunde, Minute um Minute.

In meinen Träumen falle ich. Falle tief, immer tiefer, falle in die Dunkelheit. Und sie dringt in mich ein, drückt durch jede Körperöffnung in mich rein. Ich spüre die Schwärze, wie sie wie Teer durch meine Tränenkanäle in meinen Mund kriecht. Wie sie meine Augen blendet und wie meine Ohren taub werden. Sie ströhmt durch meine Blase und meinen Darm, schwimmt mit dem Blut, das mein treues Herz in jeden Körperteil pumpt, nistet sich in jeder Zelle ein. Und dann am Ende, dann, wenn ich kaum mehr atmen kann und mir meine Zeit verrinnt, dann erreicht sie mein Gehirn, und alles ist vorbei.

Und so wird es dann tatsächlich enden.

Anna

27.11.2006

„Du bist ziemlich computersüchtig, wie?“
Ich machte mir nicht die Mühe, aufzublicken. Ich mochte es nicht, bei der Arbeit am Computer gestört zu werden, schon gar nicht mit abfälligen Bermerkungen über PCs, Internet, Server oder allem anderen, was damit zusammen hängt.
„Hallo? Hast du mich gehört? Anna?“
„Hm“, grunzte ich nur. Der Kerl soll endlich verschwinden.
„Wieso hängst du ständig an deiner Kiste? Das ist doch nicht normal? Bist du so pervers oder einsam?“
Nun blickte ich doch auf und versuchte, den Kerl mit meinem Blick zu töten.
„Zu deiner Information“, stiess ich eisig hervor, „ich arbeite gerade an einem Projekt für mein Studium. Also lass mich gefälligst in Ruhe!“
„Ups. Sorry, ich wollte dich nicht beleidigen.“
„Das habst du aber. Also geh weg!“ Ich starrte konzentriert in den Bildschirm und hoffte, er würde nun endlich verschwinden. Doch das Schicksal meinte es an diesem Tag nicht gut mit mir.
„Gehörst du etwa zu den Leuten, die den Computer verehren?“
Ich stöhnte innerlich auf. Ein religiöser Computergegner war genau das, was mir heute noch gefehlt hatte.
„Genau“, antwortete ich ihm deshalb. Er stutzte wohl einen Moment.
„Und wieso das?“
„Weil mir UNIX auf meine Frage, wer ich bin, eine klare Antwort geben kann. Kann das dein Gott auch?“

Der Kerl sprach mich nie mehr an.

26.11.2006

„Annabelle?“. Als ich mich suchend umdrehte, kam Annabelle mit unseren Taschen auf uns zu. „Ich weiss nicht wie es euch geht, aber ich will hier weg. Das ist kein sehr sicherer Ort, falls ein Erdbeben stattfindet, oder Meteoriten runterkommen.“ „Sollten wir dann nicht lieber einen Luftschutzkeller aufsuchen?“, warf ich fragend ein. „Oder eine Kirche?“, ergänzte Beat. Ich sah ihn strafend an. „Wir wollen jetzt nicht melodramatisch werden, mein Lieber“, tadelte ich ihn. „Na du als Atheistin hast es gut, du wirst ja eh nix davon mitkriegen, aber ich werde bald gerichtet werden!“, erwiderte Beat. „Hier wird niemand gerichtet! Zumindest nicht, wenn ich es verhindern kann“, mischte sich Annabelle wieder ein und drückte uns unsere Taschen in die Hände. Mir war zwar nicht klar, was die uns nützen sollten, doch ich wollte ihr nicht widersprechen. Sie hatte ein gefährliches Blitzen in den Augen. „Was schlägst du vor, wo wir hingehen sollen?“, fragte ich sie. „Ich bin heute mit dem Auto hier und hab es im Parkhaus da vorne abgestellt. Mein Gefühl sagt mir, wir sollten aufs Land fahren.“ Ich nickte nur und legte der knienden Hanna meine Hand auf die Schulter. Sie zuckte zusammen, blickte dann zu mir auf. „Komm Hanna, wir müssen weg von hier“, erklärte ich ihr, und zog sie auf die Füsse. Wie in Trance liess sie sich von mir leiten. „Wieso nimmst du sie mit?“, zischte mir Beat zu. „Sie kennt offenbar die Bibel genau. Kann nicht schaden, so jemanden dabei zu haben“, erwiderte ich.

Als Annabelle zu den Automaten eilte, um das Ticket zu zahlen, musste ich lachen. „Bist du sicher, dass die überhaupt funktionieren? Oder die Schranken?“, fragte ich sie. „Du hast Recht“, stimmte sie mir zu. Wortlos erklommen wir die Treppen in die dritte Parkebene und setzten uns in ihr Auto. In den Nachrichten hatten wir ja gehört, dass Fahrzeuge, die nicht auf Strom angewiesen waren, offenbar noch funktionierten.

Als wir uns der Schranke näherten, trat Annabelle härter aufs Gas. Wie in einem Abenteuerfilm rasten wir durch sie durch, und das dünne Holz zersprang in alle Richtungen. Beat hatte neben Annabelle Platz genommen, und ich musste mir hinten Hannas gemurmelte Gebete anhören. Zum Glück konnte ich kaum etwas verstehen. Sie hätte mich sonst vom Denken abgelenkt. Als wir das Parkhaus verliessen, konnten wir Zeichen am Himmel entdecken. Ich beugte mich vor, um sie besser sehen zu können.

„Was ist das?“, fragte Beat erstaunt. „Das sind Engelszeichen“, antwortete ich. „Engelszeichen? Machst du Witze? Woran erkennst du das?“ Seine Stimme hatte schon wieder einen unangenehmen Unterton. Ich hoffte, dass er nicht durchdrehen würde. „Die Zeichen sehen ein wenig wie Runen aus, haben aber an den Enden aller Striche einen kleinen Kreis. Ich hab sie das erste Mal in einem Film gesehen, „God’s Army“ heisst der. Später sah ich sie auch in einem Buch über Engel.“ „Du kennst dich mit Engel aus?“, hauchte Hanna. „Auskennen kann man das nicht nennen. Ich weiss ein wenig über sie, aber nur Bruchstücke. Oh du meine Güte!“ „Was? Was ist?“ Beats Stimme war nun seine Panik deutlich anzuhören. „Das sind die Zeichen der Erzengel! Die werden doch jetzt wohl nicht die Erzengel auf uns loslassen? Ist das überhaupt so geplant? Hanna?“, fragend wandte ich mich ihr zu. Pflichtbewusst unterbrach sie ihr Gebet und begann zu rezitieren:

„Danach sah ich vier Engel stehen an den vier Ecken der Erde, die hielten die vier Winde der Erde fest, damit kein Wind über die Erde blase noch über das Meer noch über irgendeinen Baum. Und ich sah einen andern Engel aufsteigen vom Aufgang der Sonne her, der hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief mit großer Stimme zu den vier Engeln, denen Macht gegeben war, der Erde und dem Meer Schaden zu tun: Tut der Erde und dem Meer und den Bäumen keinen Schaden, bis wir versiegeln die Knechte unseres Gottes an ihren Stirnen.
Und ich hörte die Zahl derer, die versiegelt wurden: hundertvierundvierzigtausend, die versiegelt waren aus allen Stämmen Israels.“

Ich war verwirrt. Offenbar wurde gerade die Ankunft der Erzengel angekündigt, doch von denen war nicht die Rede in diesem Text. Andererseits hatte sich auch der erste Teil dieser seltsamen Apokalypse nicht sehr genau ans Drehbuch gehalten. Ob hier auch andere Glaubensrichtungen einflossen? „Was haben die vor mit uns, Anna. Wieso schickt Gott uns seine mächtigsten Engel?“, fragte Beat flehentlich. Woher sollte ich das bloss wissen? Ich beschloss, ihn mit etwas Engels-Fachwissen abzulenken.

„Keine Angst, das sind nicht die mächtigsten Engel. Die Erzengel sind nur die bekanntesten. Die Engel sind in neun Chöre aufgeteilt, die aus drei Triaden bestehen. Die Erzengel gehören mit den gewöhnlichen Engeln und den Fürstentümern zur untersten Triade. Zur Mittleren gehören die Herrschaften, Mächte und Gewalten. Frag mich nicht, wieso die so heissen. Die oberste Triade bilden die Throne, die Cherubim und die Seraphim. Falls wirklich Engel erscheinen, haben wir es wahrscheinlich mit solchen aus der untersten Triade zu tun. Die Seraphim sind zum Beispiel die ganze Zeit damit beschäftigt, um den Thron Gottes zu kreisen und ein heiliges Loblied zu singen. Insofern macht es Sinn, dass dort oben Erzengelzeichen stehen.“ „Erkennst du welche davon?“ „Buh, es ist schon ziemlich lange her, dass ich mir den Film angesehen habe, und in meinem Buch sind die Zeichen nicht abgebildet. Wenn ich mich richtig erinnere, ist das komische da oben rechts…“, ich versuchte, darauf zu zeigen, „… das Zeichen von Michael. Wenn ich mich richtig erinnere, bedeutet sein Name „Wer ist wie Gott“, und er war nach Jesus und Luzifer der drittliebste Engel Gottes.“ „Jesus und Luzifer waren Engel?“ Beat sah mich schockiert an. „Das über Jesus hatte ich in diesem Buch gelesen, kann ich also nicht beschwören, aber zu Luzifer sag ich nur: Beat, wie hast dus in dieses Studium geschafft? Das gehört nun wirklich zur Allgemeinbildung.“ Er schien sich meinen Tadel zu Herzen zu nehmen, also fuhr ich fort: „Das Zeichen dort drüben könnte „Gabriel“ darstellen. Was mich etwas überrascht. Sie war es, die Maria die Geburt Jesu ankündigte.“ „Sie?“ „Ja, gemäss manchen Theorien ist Gabriel ein weiblicher Engel. Und nein, ich weiss nicht mehr, wieso man darauf gekommen ist. Wenn wir das hier überleben, geb ich dir mal mein Buch. Weiter, das da unten sieht nach Uriel aus. Schlecht für uns. Uriel ist der Engel, der das Paradies mit seinem Flammenschwert bewacht, und gilt auch als der Engel mit den schärfsten Augen. Das Zeichen links davon ist wahrscheinlich „Metatron“.“ „Metatron? Wie der Engel aus dem Film „Dogma“?“ Ich rollte mit den Augen. Manche Leute hatten ihre Bildung offensichtlich aus dem Fernsehn. „Ja, genau der. Die anderen Zeichen kenne ich nicht. Also wenn ihr mich fragt, wenn diese Kerle tatsächlich auftauchen, ist die Kacke hier auf Erden wirklich am dampfen.“

Schweigen fuhren wir weiter, offenem Land entgegen.

30.11.2006

„Niemand wird kommen, um dich zu retten Süsse, das ist dir doch klar, oder?“ Ich starrte ihn verdutzt an. Er hatte es tatsächlich gewagt, mich „Süsse“ zu nennen, als wären wir ein Paar oder so vertrau, dass er das Recht hatte, mir Ratschläge zu geben. Ich kämpfte gegen das dringende Bedürfnis an, ihm meinen Wein ins Gesicht zu schütten. Stattdessen schlang ich meine Finger enger um den dünnen Stil des Glases und nahm einen weiteren Schluck. Als ich die Flüssigkeit in meinem Mund spürte, war ich erstaunt, nicht alles verschüttet zu haben. Das innere Zittern schien sich noch nicht äusserlich manifestiert zu haben.

„Denkst du, das weiss ich nicht?“, baffte ich ihn an. Wie konnte er es nur wagen? Er blieb ruhig. „Dass du es weisst ist mir schon klar, aber fühlst du es auch so?“ Ich begann interessiert das Muster der Tischplatte zu betrachten und Stossgebete gegen den Himmel zu schicken. Beherrschung, ich flehte um Beherrschung. „Carsten, bist du neuerdings unter die Psychoanalytiker gegangen? Was soll dieser Mist mit „fühlst du es auch so“? Hälst du mich für bescheuert? Denkst du, ich warte auf den Ritter in schwarzer Rüstung, der auf seinem Ross vorbeigaloppiert und mich aus meinem Leben befreit? Nein, ich fühle es nicht so, aber ich weiss es, und das ist alles, was zählt!“

Draussen schlug eine Kirchenglocke viermal.

27.11.2006

„Sie ist eine richtige Maneaterin, sag ich euch!“, zischte Andrea uns böse zu. Gerade ging ihre ärgste Rivalin an unserem Tisch vorbei. „Eine Männerfresserin?“, fragte ich verwundert. „Menschen-Fresserin! Das wird mit a, nicht mit e geschrieben“, belehrte mich Andrea. Ups. Wie dumm von mir. „Ach so“, murmelte ich, und schlürfte weiter meinen Kaffee.

27.11.2006

„Wusstest du, dass man mit nur einer Niere überleben kann? Wenn man also bei einem Unfall eine verliert, braucht man nicht unbedingt eine Spenderniere.“
Ich starrte einen Moment Cora an, dann in meine Spaghetti, schliesslich entschied ich, dass der Verlust eines Organes nicht mein bevorzugtes Thema war, während ich Spaghetti mit Tomatensauce und Artischocken ass.
„Nein, wusste ich nicht. Muss man da nicht zur Dialyse? Oder reicht eine Niere für die ganze Körperentgiftung?“
„Wenn ich also beide Nieren verlieren würde, dann könntest du mir eine spenden, und wir könnten beide weiterleben. Würdest du mir eine spenden?“
Ich sah meine beste Freundin an und fragte mich, ob sie den Verstand verloren hatte. Offenbar hatten die neuen Schmerzmittel gegen den verkrampften Muskel in ihrem Rücken Nebenwirkungen, von denen ich noch nichts wusste. Andererseits war das durchaus eine gute Frage.
„Naja, wir sind nicht verwandt, also ist die Wahrscheinlichkeit, dass du meine Niere verträgst relativ gering. Aber wenn ich eine spenden würde, dann dir“, antwortete ich diplomatisch.
„Gut“, erwiderte Cora und widmete sich wieder der Vernichtung ihrer Spaghetti mit Carbonara-Sauce.
Ich sah sie noch einen Moment an und wusste, dass ich die Wahrheit gesagt hatte. Mochten alle Götter, der Himmel, das Schicksal und wer auch immer die Finger in unserem Lebensverlauf hatte, verhüten, dass sie wirklich eines Tages meine Niere brauchen würde.

27.11.2006

Der Mann in den Schatten lehnte gegen einen Baum, die dunklen Haare fielen ihm ins Gesicht. Nur seine pechschwarzen Augen glänzten in den letzten Strahlen der Sonne, die sich mühsam durch den Nebel kämpften.

„Du musst müde sein“, sprach ich ihn an, nicht sicher, ob ich besser hätte die Flucht ergreifen sollen. Doch wo wäre ich schon sicher? Selbst am helligen Tag gab es Schatten, und wenn sie sich nur unter meinen Schuhsohlen versteckten. Der Mann nickte nur.

„Was hast du aufgegeben in deinem Leben?“

„Die Gnade, geliebt zu werden.“

26.11.2006

“Hallo Emanuel”, sprach ich ihn an. Das war sicher nicht die einfallreichste Einleitung, aber verdammt, es ging auch nicht darum, einen Nobelpreis in Rhetorik zu gewinnen. „Hei Anna. Wie geht’s?“ Toll, ich war einfach der Oberverlierer. Völlig ungeeignet für solche Gespräche. Mir fiel nicht mal ein, mich nach seinem Befinden zu erkundigen. „Danke, gut. Du, ich wollte dich was fragen.“ Nun war ich wirklich kurz davor, auf den Tisch zu kotzen. Das würde sicher total viel Eindruck machen. Einen schlechten natürlich. Tolle Geschichte für meine Enkel: „Tja meine Lieben, euer Opa und ich, wir sind uns näher gekommen, nachdem ich mich an der Uni über ihn übergeben habe. So war das damals. Ja ja, die guten alten Zeiten.”

Einen Moment war ich irritiert, schon so weit zu denken, dann fiel mir wieder ein, dass ich im Jetzt und Hier war und ihn fragen musste. Emanuel sah mich bereits wartend an. Okay, tief Luft holen: „Hast du am Freitag schon was vor?“ “Ähm, ich muss am Vormittag arbeiten, und am Nachmittag ist ja das Proseminar…” Na super, er hatte offenbar keine Lust. Kein Mensch, beantwortet eine so offensichtliche Frage, die garantiert nicht auf seine Tagespläne, sondern auf den Abend abzielte, so bescheuert. „…warum?“ Oh. Er hat gefragt, warum… „Naja, am Freitag ist ja die Psychoparty, und ich hab mich gefragt, ob du Lust hast, mit mir da hin zu gehen – falls du nicht schon eine Begleitung hast?“ Falls ja, würde ich sie finden und töten müssen. Nachdem ich mich endlich getraut hatte, ihn zu fragen, musste er einfach mit mir gehen. Dahin meine ich natürlich.

„Das ist eine gute Idee! Ich hatte letztes Jahr ein total schlechtes Gewissen, dass ich wegen dieser lächerlichen Sache nicht zusagen konnte. Jetzt haben wir ja nochmal eine Chance. Ich freu mich, wann treffen wir uns wo?“ „Die letzte Vorlesung am Freitag ist ja um 19 Uhr fertig. Da lohnt es sich für mich nicht, nochmal nach Hause zu fahren. Ich warte also hier und bin ab dann verfügbar.“ „Wie wäre es dann mit Abendessen? Ich könnte uns was kochen. Magst du Pizza?“ „Ich liebe Pizza! Soll ich was mitbringen? Eine Flasche Wein?“ „Das wäre perfekt. Dann also Abendessen und Psychoparty am Freitag.“ Ich sah ihn strahlend an. „Super! Ok, wir sehen uns ja noch, ich muss nun in die Mensa, Annabelle und Beat wollen nochmal das Kovariationsprinzip durchgehen. Bis später.“ „Ja, bis später.“ Emanuel erwiederte mein Strahlen.

Auf dem Weg zur Mensa begann ich zu befürchten, dass meine Gesichtsmuskulatur bis Freitag vollständig gelähmt wäre. Als ich bei Annabelle und Beat ankam, reiche ein Blick: „Er hat ja gesagt!“, stellte Annabelle mit einem begeisterten Tonfall fest. „Hat er! Ja, hat er wirklich! Oh du meine Güte, ich kann es einfach nicht glauben, er hat ja gesagt! Und mich erst noch zum Abendessen bei sich eingeladen! Ich glaub ich sterbe!“ „Kein guter Zeitpunkt, das solltest du auf Samstag verschieben“, kommentierte Beat grinsend meinen kleinen Freudesausbruch. „Gute Idee. Meine Oma hatte doch Recht“, stiess ich atemlos hervor. „Womit denn?“, wollte Annabelle wissen. „Meine Oma sagte immer: „Gut Ding will Weile haben. Obwohl ich ein Jahr für eine verdammt lange Zeit halte. Aber ich will mich nicht beklagen. Abendessen!“ Das Leben ist wundervoll!