Willkommen im Kopfchaos

Auf dieser Website sind Gedichte und Kurzgeschichten zu finden, die ich von 1997 bis heute geschrieben habe.

Die Texte sind in der Regel nicht überarbeitet, da ich zum eigenen Vergnügen schreibe.

Viel Spass beim schmökern.

Nicole

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20.11.2006

„Anna, kennst du dich mit der neuen deutschen Rechtschreibung aus?“, fragte mich Beat. Er schien aufgebracht zu sein. „Hmhm“, gab ich von mir, weil sich gerade ein riesiger Bissen von diesem köstlichen Bananen-Schokoladen-Muffin vor mir in meinem Mund befand. Ich war in einer Zwickmühle. Einerseits wollte ich Beats Frage so schnell wie möglich beantworten, andererseits wollte ich diesen köstlichen Bissen Bananen-Schokoladen-Muffin in meinem Mund geniessen. Verzweifelt schüttelte ich den Kopf und zeigte mit dem Finger auf Annabelle. Wie unfein.

„Annabelle?“, sprach Beat sie an. „Hm?“, grummelte sie ihre Antwort zurück. Über Kopf konnte ich erkennen, dass sie wieder mal einen blutigen Kriegsbericht in der Zeitung las. Da würde ich mich natürlich auch nicht gerne stören lassen…

„Kennst du dich aus mit der neuen deutschen Rechtschreibung?“, hackte Beat nach. „Nicht wirklich. Was hast du denn für ein Problem?“

„Also, soweit ich weiss, soll man Wörter zusammenschreiben. Aber sieh dir das hier mal an!“, grob hielt er Annabelle ein Blatt unter die Nase. Ich reckte den Hals, um auch etwas sehen zu können. Beat drehte das Papier, und das stand es:

Glaschromregale

„Leute, das kann man so doch einfach nicht lesen“, rief Beat aufgebraucht aus, „Ich hab sogar im ersten Moment “Gulaschregal” gelesen!“

Meine nächste Frage war dann, wozu man Glaschromregale benötigt, wer sich sowas kauft und ob man sie essen kann. So gut wie mein köstlicher Bananen-Schokoladen-Muffin konnten sie allerdings auf keinen Fall sein.

20.11.2006

„Kommen wir nun zum Kovariations- und Konfigurationsprinzip von Kelley.“
Ich schraubte zum wiederholten Male meinen Kugelschreiber auf, legte alle Einzelteile vor mir auf die schmale Tischplatte und setzte alles wieder zusammen. „Sie werden vielleicht im ersten Moment etwas erschrecken ob der Theorie.“ Einmal hatte ich einen Kugelschreiber vollständig auseinandergeschraubt, und konnte ihn anschliessend nicht mehr zusammensetzen. Zum Glück hatte ich zu Hause noch ein identisches Exemplar, mit dessen Hilfe ich die Einzelteile wieder zu einem kompletten Kugelschreiber zusammen fügen konnte. „Ich versichere Ihnen, diese beiden Prinzipien wenden wir tagtäglich an.“ Ich wusste nicht mal, wie die korrekte Bezeichnung all dieser Teile lautete. Die Kugelschreibermine konnte ich noch benennen, vielleicht noch die Feder, aber der Rest? „Beim Kovariationsprinzip benötigen wir jeweils drei Informationen.“ Vielleicht sollte ich später mal im Internet recherchieren. Irgendwie schein mir das witzig zu sein, wenn ich all die DIN-Ausdrücke für diese Teile wüsste. Was waren nochmal die drei Informationsquellen? Konsens und Distinktheit fielen mir immer sofort ein, nur mit der korrekten Bezeichnung für die dritte Quelle hatte ich jedesmal Mühe. „Nämlich Konsens, Distinktheit und Konsistenz.“ Ah, Konsistenz wars. Ja klar. Ich wusste, es hatte was mit dem Verhalten über die Zeit zu tun, und das Wort fing mit K an, doch auf Konsistenz wäre ich nun wirklich nicht gekommen. Wie hiess Kelley eigentlich zum Vornamen? Schon schräg, da lernt man eine Theorie, weiss aber nicht mal den Vornamen der Person. Dann stellt man sich so einen alten Psychologen à la Freud vor, und der richtige Erfinder ist eigentlich eine Frau. Aber Kelley war sicher ein Mann. „Ich habe hier eine Folie mit einem einfachen Beispiel.“ Bob stösst Dick. Irgendwie obszön. Will nicht wissen, was die zwei ausserhalb des Hörsaals machen. Kugelschreiber aufschrauben. Noch zwei Minuten.

20.11.2006

Liebes Tagebuch

Heute war ein guter Tag. Er hat sich nicht sonderlich von dem Tag gestern unterschieden, und morgen wird wohl ein ähnlicher Tag werden. Ich lebe noch. Und falls morgen tatsächlich wie heute sein wird –was zu erwarten ist- dann werde ich auch morgen Abend leben. Bis dann also.

Deine Anna

19.11.2006

Ich war vielleicht kein taktisches Genie, doch mit genug Zeit war auch ich fähig, einen guten Plan auszutüfteln. Meine Pläne mochten vielleicht für niemanden ausser mich Sinn machen, doch es waren gute Pläne.

„Da ist ein roter Strich oben auf dem Platz über unserem Hörsaal“, informierte mich Annabelle.
„Hm“, machte ich nur.
„Der Strich wurde durch die ganze Länge des Platzes gemalt, genau in der Mitte.“
„Hm.“
„Sogar das Kunstwerk im Zentrum des Platzes wurde mit diesem Strich bemalt.“
„Hm.“
„So als wäre es gar nicht da, als dürfte der Strich nicht unterbrochen werden.“
„Hm.“
„Das Kunstwerk ist ein Vermögen wert.“
„Hm.“
„Es wurde von einem berühmten Künstler gestaltet und der Uni geschenkt.“
„Hm.“
„Zum Teufel, Anna, warum hast du das gemacht?“

Meine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.

19.11.2006

„Leute, ich brauche dringend einen Mann! Ich bin so spitz, ich könnte den ganzen Tag fi*cken!“

Meine Eröffnung hatte sich nur schon deshalb gelohnt, weil Beat mich geschockt anstarrte und ein Student („Eindeutig Wirtschaftsinformatiker“, dachte ich bei mir) am Nebentisch seinen Kaffee über die Tischplatte ausspuckte.

Nur Annabelle las ungerührt in ihrer Zeitung weiter und trank Kaffee. Als sie die Tasse abstellte, fragte sie abwesend: „Bald Zeit für deine Menstruation?“ Beat stand ruckartig auf und entschuldigte sich mit einem gemurmelten „Muss mal aufs Klo.“ Ich grinste ihn beim rausgehen breit an. PMS ist was Feines.

20.11.2006

Liebes Tagebuch

Ich habe heute angefangen, einen Quilt zu nähen. In den Toiletten an der Uni hatte vor einiger Zeit jemand eine Postkarte mit seinem Geheimnis aufgehängt.

„Ich habe Angst davor, wie die Entscheidungen, die ich heute treffe den Rest meines Lebens beeinflussen.“

Seither hatte sich das ausgebreitet. Ich hatte auch eine Karte aufgehängt. Auf meiner stand:

„Mein Leben wäre eigentlich OK. Doch ich finde es unerträglich öde. Tag, für Tag, für Tag…“

Heute nun hing eine Karte in dem Klo, das ich gewählt hatte:

„Wenn ich sterben will, nähe ich stattdessen.“

Der Quilt wird schön.

Ich lebe.

Deine Anna

20.11.2006

Ich hatte mir in den Finger geschnitten. Und zwar so richtig. Mit dem Brotmesser abgeruscht und die halbe Fingerspitze durchtrennt. Mein Bauch fühlte sich an, als läge irgendwo ein grosser Stein darin. Musste die Übelkeit sein, die durch den Schock unterdrückt wurde.

Das Adrenalin rauschte mir in den Ohren. Ich beobachtete, wie mein Blut über den Brotlaib rann. Dickflüssiges Blut. Ich hatte es mir nicht so dunkel vorgestellt. „Viskosität“, fiel mir unwillkürlich ein. Das Mass für die Zählflüssigkeit einer Flüssigkeit. „Viskosität… Viskosität… Viskosität…“ Das Wort hallte wie ein Echo durch meinen Kopf. „Viskosität… Viskosität… Viskosität…“

Ich hatte also eine blutende Wunde. Und mein Herz, der Verräter, pumpte fleissig mein Lebenselexier zu dieser Öffnung raus. Natürlich meinte es mein Körper gut. Mehr Blut = schnellere Heilung. Zumindest hatte ich das mal irgendwo so gelesen. Oder gehört. Oder im Fernsehen gesehen. Aber hier war die Heilung nicht so schnell möglich.

„Viskosität… Viskosität… Viskosität…“ Später fragte ich mich manchmal, ob mir nicht wegen der Ähnlichkeit der Wörter „Sanität“ hätte einfallen sollen. Das wäre gut gewesen. Denn so fand mich meine Mutter ungefähr eine halbe Stunde später.

Ich war froh, dass sie gekommen war. Meine Füsse begannen weh zu tun, und der Finger fing an zu pochen. Das Brot hatte bereits einiges von meinem Blut aufgesaugt, ich konnte zusehen, wie es in der scheinbar festen Kruste versickerte. Meine Mutter stiess einen Schrei aus und stürzte auf mich zu. Ich drehte mühsam den Kopf, was eine wirklich dumme Idee war. Es war ein wirklich unangenehmes Gefühl, wie ein lebloser Körper in sich zusammen zu sacken.

Meine Mutter war eine ausgebildete Samariterin. Daher legte sie meine Füsse hoch und ging Verbandszeug holen. „Füsse hochlagern, wie dumm“, dachte ich benommen. Mein Herz würde nun auch noch das Blut aus den Beinen aus dem Finger pumpen können.

Mir war fürchterlich kalt, und langsam kroch mir nun auch die Übelkeit den Hals hinauf. „Weisser Elefant“, schoss es mir durch den Kopf. „Weisser Elefant… Weisser Elefant… Weisser Elefant…“

Der Krankenwagen kam eine halbe Stunde später. Meine Mutter hatte in der Zwischenzeit den Finger mit einem Druckverband versehen und irgendwas mit mir gemacht. Ehrlich gesagt konnte ich mich im Nachhinein nicht mehr so genau daran erinnern. Ich döste und dachte an weisse Elefanten.

Seit jenem Tag kaufte ich nur noch fertig geschnittenen Toast.

20.11.2006

„Ich muss meine Matratze umdrehen.“ „…also ist das Kovariations-….“, Annabelle blickte von ihren Papieren auf.
„Kann es sein, dass du mir gerade nicht zugehört hast?“, fragte sie mit einem gefährlichen Blitzen in den Augen.
„Dann mach das doch“, fiel ihr Beat ungerührt ins Wort.
„Du also auch nicht?“ Das Blitzen wurde langsam mörderisch. Ich versuchte es möglichst ungerührt zu übersehen.
„Geht nicht. Das Ding wiegt eine gefühlte Tonne und ist riesig. Ich weiss echt nicht, was ich damals gekifft habe, als ich mir so ein grosses Bett liefern liess.“
„Du kiffst doch gar nicht?“
„Hört mir hier eigentlich irgendjemand noch zu?“
„Eben nicht, darum ist die ganze Sache noch viel bedenklicher.“
„Wofür war denn dieses grosse Bett gedacht?“
„Kovariationsprinzip Leute, wir sind noch nicht fertig!“
„Das wüsstest du wohl gerne, hm?“, grinste ich Beat an.
„Ja klar.“
„Tja, ich hatte mal die Hoffnung, einen netten jungen Kerl kennen zu lernen, der mir am Sonntagmorgen das Frühstück ans Bett bringt, wo wir dann den restlichen Tag verbringen.“
„Und?“
„Und Kovariationsprinzip?“
„Und weil es leider nicht dazu gekommen ist, sind meine zwei Katzen die einzigen, die mich am Sonntagmorgen begrüssen und den Tag mit mir im Bett verbringen. Mein Leben ist soooo traurig…“, ich verdrehte die Augen und seufzte dramatisch.
„Ja, ist es, wir werden nämlich den zweiten Anlauf auch nicht schaffen, wenn ihr euch nicht auf den Stoff konzentriert“, fuhr Annabelle dazwischen.
„Ich leiste dir sonst gerne Gesellschaft an deinen einsamen Sonntagen“, neckte mich Beat.
„Uah, ich gebs auf!“

19.11.2006

Meine Crew hatte sich bereits durch die Tür in den senkrecht abfallenden Schacht dahinter geschmissen. Ich musste mich beeilen, denn gleich würde sich die Geheimöffnung automatisch wieder schliessen. Im Gegensatz zu meinen Mitkämpferinnen und Mitkämpfer (ich nahm zumindest an, dass beide Geschlechter vertreten waren), liess ich mich nach vorne fallen, statt mich für den Fall umzudrehen. Was wohl keine gute Landeposition sein würde. „Vielleicht sollte ich mich drehen“, überlegte ich mir, entschied mich jedoch dagegen, alls ich die anderen weiter unten erkennen konnte. Sie hatten sich gedreht und hatten jetzt die typische Pose von Fallschirmspringern eingenommen. Ich hoffte inständig, dass uns unten eine weiche Matratze empfangen würde.

Ich stand mit meinen Mitheldinnen und Mithelden vor der riesigen Matratze. Irgendwie hatten es unsere Gegner geschafft, in unser Geheimversteck einzudringen. Oder hatten wir einen geheimen Ausgang aus dem Gebäude benutzt? Die Bösewichte waren alle in dunkle Overalls gehüllt und bedrohten uns mit ihren Gewehren. Eine Frau trat zwischen ihnen hervor. „Aber, aber, was haben wir denn hier?“, fragte sie gespielt überrascht. Wir sassen in der Falle!

Neben mir bewegte sich plötzlich einer aus dem Team. Ein grosser roter Kerl, der mich vage an einen Superhelden aus einem Trickfilm erinnerte. Überdimensionaler Oberkörper, ultraschmale Hüfte, Gesichtsmaske. Er holte mit seiner Faust aus und fegte die feindliche Armee hinweg. Ich verlor keine Sekunde und rannte durch die Gasse zwischen den zerstreuten Feinden. Verzweifelt begann ich mit meinen Armen zu schlagen.

Als der Wecker läutete, wusste ich einen Moment nicht, wo ich mich befand. Dann warf ich frustriert die Decke zur Seite. Wieder mal einer meiner seltenen Superheldinnen-Träume, und ich war nicht mal richtig zum fliegen gekommen!

19.11.2006

Wie konnte es nur so weit kommen? Ich lag in meinem Bett und mochte keinen Finger rühren. Mitten am Tag lag ich einfach nur da und möchte mich nicht bewegen. Wenn ich ehrlich sein sollte, war mir sogar das atmen zu anstrengend. Also lag ich da, lauschte dem Rauschen des Blutes in meinem Ohr und starrte die Zimmerdecke an. Mein Körper drückte unangenehm in die harte Matratze. Die Bettdecke über mir war viel zu schwer und gab viel zu viel Wärme ab. Irgendwo tickte eine Uhr. „Moment, wieso tickt da eine Uhr? Ich besitze gar keine Uhr, die tickt. Die einzige tickende Uhr in meiner Wohnung steht im Badezimmer, und das ist viel zu weit weg, um sie bis hierher zu hören.“ Unwillkürlich begann ich die Zimmerdecke böse anzustarren. Was viel zu anstrengend war, weswegen sich meine Stirn gleich wieder glättete. Dafür begannen meine Gedanken zu kreisen. Was konnte das für ein Ticken sein? Woher kam es? Was wollte es mir sagen?

Plötzlich bewegte sich meine Hand wie von selbst zum Handy auf meinem Nachttisch. Meine Hand nahm es und führte es vor meine Augen. Es war Zeit auf zu stehen. Aha. Daher kam dieses Ticken. Meine innere Uhr. Und pünktlich um 13 Uhr begann mein innerer Wecker zu läuten. Ich stand auf und fuhr zur Uni.