Auf hoher See

09.01.2007

Das Meer lag ruhig da. Sanfte Wellen kräuselten ab und zu die weiss schimmernde Oberfläche, und das Sonnenlicht brach sich in ihnen. „Wie ein riesiger, glitzernder Diamant“, ging es mir durch den Kopf. Immer wieder musste ich die Augen schliessen, weil diese Helligkeit so stechend war. Bis zum Horizont erstreckte sich diese weisse Wüste, in alle Himmelsrichtungen dehnte sie sich aus.

Es war bereits der fünfte Tag auf der „Flying Goat“. Am vierten Tag hatte mein Magen den Kampf gegen die See endlich aufgegeben, und ich konnte wieder feste Nahrung zu mir nehmen. Ich war sehr erleichtert darüber, denn bereits nach dem ersten Bissen fühlte ich mich schon deutlich besser. Die Mannschaft ging von meiner Kotzerei unbeeindruckt ihren Aufgaben nach, die beschränkt waren, solange wir uns mitten in der Passage befangen. Die Navigatorin überprüfte von Zeit zu Zeit anhand des Sonnen-, Mond- oder Sternenstandes den Kurs und nahm kleinere Korrekturen daran vor.

Als ich den Frieden an Bord endlich geniessen konnte, erwachte auch wieder meine Neugier und Aufmerksamkeit. Nina, die Navigatorin, erzählte mir, dass in diesen Gewässern normale Kompasse nicht funktionierten. Trotz moderner Technik war es bisher niemandem gelungen, eine Erklärung dafür zu finden. Es gab Gerüchte von einem gewaltigen Magnetberg unter der Wasseroberfläche, bisher hatte aber noch niemand diese Theorie bestätigen können. So waren die Seeleute, welche die „leere Passage“ durchqueren mussten, gezwungen, sich auf die alte Kunst des Navigierens mittels der Himmelsgestirne zu verlassen. „Falls da unten wirklich ein grosser Berg ist, besteht er ganz sicher nur aus gekenterten Schiffen. Die Küste ist gefährlich, und nicht jeder Navigator ist heute noch mit den Gestirnen vertraut“, fügte Nina am Ende hinzu, um dann noch mal den Sonnenstand zu überprüfen.

„Ausserdem kann hier das Wetter schnell umschlagen“, fuhr sie dann fort, „aber keine Angst. Hier ziehen zwar oft heftige Stürme auf, doch in den nächsten Tagen wird es ruhig bleiben.“ Ich blickte auf das Meer, auf die gemächlichen Wellen und den blauen Himmel darüber.

Ich verbrachte meine Tage damit, der Mannschaft etwas zur Hand zu gehen, auch wenn es für mich in dem eingespielten Team wenig zu tun gab. Dreimal pro Tag zauberte Sandro der Koch eine Mahlzeit, die jeden 5-Sternekoch zur Ehre gereichte. Den Rest der Zeit wurde gefischt, kleinere Reparaturarbeiten vorgenommen oder Karten gespielt. Abends sprachen wir dem Rum zu und sagen alte Piratenlieder. Und der Klabautermann tanzte für uns in den Masten der „Flying Goat“.

Nach drei weiteren Tagen entdeckte ich die Möwen am Horizont. Wir hatten also die Landzunge erreicht. „Der Bart des alten Mannes ist in Sicht!“, brüllte Kilian aus dem Ausguck. „Noch zwei Tage, wenn das Wetter hält“, murmelte Nina, die bei Kilians Ankündigung neben mir an die Reling getreten war. Noch zwei Tage also.

Der Sturm fand uns in der Nacht vor der berechneten Ankunft in Port Hachven. „Bald ziehen Wolken auf. Du solltest nichts mehr essen heute. Bei einem Sturm ist es für eine Landratte nicht ratsam, über der Reling zu hängen“, informierte mich Kapitän Rudolf. Ich stand auf dem Vorderdeck und versuchte die Wolken zu entdecken, von denen er gesprochen hat. Eine sanfte Brise fuhr mir durchs Haar und brachte den Geruch des Festlandes mit sich. Wir würden noch einen halben Tag unterwegs sein, bis uns die ersten Möwen erreichen konnten, um uns zu unserem Ziel zu eskortieren. Ein Tag noch, dann waren wir da. Ein Tag, und dazwischen ein Sturm.