Aufwertung

9.11.2006

„Hei Anna, ich hab da mal eine Frage zum Konfigurationsprinzip.“ Andrea setzte sich neben mich. Ich stellte meinen Kaffee seufzend hin und wendete mich ihr mit fragendem Blick zu. „Also, es gibt ja das Aufwertungs- und das Abwertungsprinzip. Wenn ich am alten Arbeitsplatz sexuell belästigt werde, am neuen Arbeitsplatz aber mehr Geld und mehr Urlaub bekomme, dann werden diese drei für die Kündigung sprechenden Argumente alle abgewertet. Wenn ich belästigt werde, am neuen Arbeitsplatz aber weniger Geld und weniger Urlaub bekomme, wird der Kündigungsgrund „Sexuelle Belästigung“ aufgewertet. Aber wie kann man denn da jetzt Voraussagen darüber machen, ob ich wirklich kündige oder nicht?“ Ich musste grinsen. Vor ungefähr einem Jahr hatte ich mir diese Frage auch gestellt. Heute schien mir die Antwort völlig logisch und offensichtlich.

„Weil das eine Attributionstheorie ist. Die Ursachenzuschreibung findet immer erst statt, nachdem das Ereignis bereits eingetreten ist. Ob eine Aufwertung oder eine Abwertung stattgefunden hat, kann man erst im Nachhinein sagen. Voraussagen über das Verhalten kann man nur mit attributionalen Theorien machen. Und ja, die spinnen die Psychologen, die zwei Theorien so ähnlich zu benennen.

Falls diese Vorlesung dieses Jahr auch gehalten wird, kommen attributionale Theorien dann zum Beispiel in Zusammenhang mit dem proaktiven Verhalten.“ Als mich Andrea bei dem Wort fragend ansah, grinste ich nur. Ich hatte ihr schon am zweiten Tag eine Online-Enzyklopädie ans Herz gelegt und wusste genau, wonach sie an diesem Abend suchen würde. „Da werden wir dann lernen, dass zum Beispiel viele Zuschauer bei einem Unfall sich gegenseitig am Eingreifen hindern.“ „Ja, weil sich alle drum streiten, wer helfen darf. Da gab es schon riesige Schlägereien!“, warf Beat ein. „Quatsch! Du bist ein Spinner, glaub ihm kein Wort Andrea. Nein, das Problem wäre dann die sogenannte Verantwortungsdiffusion. Jeder denkt, der andere greift ein, fühlt sich also nicht wirklich verpflichtet, selbst zu helfen. Es gibt noch einige andere hemmenden Mechanismen, aber wie gesagt, das kommt alles noch.“

„Verantwortungsdiffusion“, murmelte Andrea mit gedankenverlorenem Blick vor sich hin. „Dieses Studium ist so cool, man lernt so viele interessante Wörter. Die muss ich gleich heute Abend meinem Freund erzählen. Obwohl, er findet eh schon, dass ich viel zu klug werde… Danke, und bis nachher!“ Ich rollte mit den Augen und trank weiter.